Jüdische Bürger in Höxter

Schutzbrief für den Juden Leone vom 1.4.1384.
Schutzbrief für den Juden Leone vom 1.4.1384.

Zur Geschichte der Juden in Höxter –
chronologischer Überblick

Die Geschichte der Juden in Höxter reicht bis ins Mittelalter zurück. Eine zusammenfassende Darstellung dieser 600 Jahre und des wechselvollen Schicksals der Höxteraner Juden von der anfänglichen Duldung über die allmähliche Gleichstellung im 19. Jahrhunderts bis hin zur Vernichtung in den Konzentrationslagern der Nazis steht noch aus. Die Jacob Pins Gesellschaft hat sich zum Ziel gesetzt, an diese Gruppe der Bevölkerung zu erinnern und mehr Licht in ihre Geschichte und ihr Leben in der Stadt und den umliegenden Dörfern zu bringen.

Vom Mittelalter bis zur Emanzipation
im Königreich Westfalen 1808

1. 4. 1384 Ein Geleitbrief für „Leone den Juden, Ester seine rechte Frau und ihre Kinder“ bezeugt erstmals die Anwesenheit von Juden in Höxter. Es bleibt jedoch vorerst bei vereinzelten Erwähnungen

Mitte 16. Jh – 1808 In der Judengasse bildet sich eine kleine jüdische Gemeinde, die bis ins 19. Jahrhundert etwa 20–50 Mitglieder umfasst. Sie verfügt über eine Synagoge mit Thora-Schule, eine Mikwe (rituelles Tauchbad) und einen Friedhof im Grefenhagen, der bis zur Mitte des 19. Jahrhundert genutzt wird (heute: freie Grasfläche mit Erinnerungsstele an der Straße Hinter der Mauer). Die Juden sind nur geduldet und haben kein Bürgerrecht. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt vorwiegend im Handel.

Die allmähliche Anerkennung als
gleichberechtigte Bürger (1808–1871)

Dekret über die Annahme von Familiennamen vom 31.3.1808.

1808  Das Königreich Westfalen des Königs Jérôme bringt den Juden zum ersten Mal die Gleichstellung mit allen anderen Bürgern („Judenemanzipation“). Dazu gehört auch die Annahme bürgerlicher Namen. So wird z. B. aus Reuben ben Schmisohn jetzt Ruben Samson Hochfeld. An der Rosenstraße wird eine Steinkammer als Synagoge eingerichtet, die 1812 vom Landesrabbiner Abraham Sutro feierlich eingeweiht wird.

nach 1815  Nach dem Zusammenbruch des Königreichs Westfalen verlieren die Juden einen Teil ihrer Rechte, jedoch bleibt die Judenemanzipation in den Grundzügen bestehen.

Das Gebäude der Synagoge und der Schule auf einem Luftbild von 1923.

1834  Wegen der kontinuierlichen Vergrößerung der jüdischen Gemeinde errichtet die jüdische Gemeinde in der Nagelschmiedstraße 8 ein Fachwerkgebäude als Synagoge mit Lehrerwohnung und Schulraum, wo seitdem regelmäßiger Unterricht stattfindet, neben Thora-Unterricht auch als Elementar-Unterricht.

1839  Da der alte jüdische Friedhof am Grefenhagen vollständig belegt ist, erwirbt die jüdische Gemeinde ein Grundstück an der Gartenstraße, wo von 1839 bis 1941 die Verstorbenen bestattet werden.

1847ff  Durch das „Gesetz über die Verhältnisse der Juden im Königreich Preußen“ erhalten die Juden eine dauerhafte Anerkennung als Staatsbürger. Allerdings bleibt ihnen weiterhin der Zugang zu manchen öffentlichen Ämtern und Berufen untersagt. Die jüdischen Gemeinden haben einen Selbstverwaltungsstatus in Kultusfragen und sind als öffentlich-rechtliche Körperschaften unter der Aufsicht der Regierung anerkannt. Sie regeln ihre internen Angelegenheiten durch Statute. Die Schule wird 1854 als Elementarschule (Grundschule) institutionalisiert.

Juden in Höxter im Kaiserreich
und in der Weimerer Republik (1871–1933)

2. Hälfte des 19. Jh.  Mit der vollständigen Anerkennung der Juden als gleichberechtigte Bürger nach der Reichsgründung 1871 gewinnen die Juden größeres Selbstbewusstsein und werden auch allgemein akzeptiert. Die Anzahl der Juden in Höxter verdoppelt sich vor allem durch Zuzug aus den Dörfern von 1857 bis 1885 von gut 100 auf über 200. Das spiegelt sich vor allem in der Zunahme jüdischer Geschäfte in Höxter in den Jahren 1860 bis 1900.

Westerbachstr. um 1885
Jüdische Geschäfte an der Westerbachstr. (um 1885); links: Kaufhaus Löwenstein, hinten: Modegeschäft Rose, rechts: Leinenhandlung Fränkel; später kamen hinzu: Metzgerei Himmelstern, Kleidungsgeschäft Netheim.
Katz & Rose am Gänsemarkt (vor 1910).
Manufakturwarengeschäft Katz & Rose am Gänsemarkt (vor 1910).

Mit der juristischen Gleichstellung der Juden einher geht ihre zunehmende Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Sie sind in den Höxteraner Schützen-, Gesangs- und Turnvereinen aktiv, arbeiten als Lehrer an der Baugewerkschule, sind Schöffen oder Geschworene bei Gericht.

Liedertafel
Michael Hochfeld (sitzend Mitte), Mitbegründer und Dirigent des Männdergesangsvereins „Liedertafel“ (um 1890).

Das zunehmende Selbstbewusstsein der Juden spiegelt sich in der Gründung eigener Vereine, so des Israelitischen Frauenverein, der sich vor allem der Hilfe der Frauen bei den rituellen Pflichten, aber auch bei materiellen Problemen widmet, eines jüdischen Wohltätigkeitsverein v. a. zur Unterstützung seiner Mitglieder, einer Armenunterstützungskasse für Bettler und Landstreicher, eines kreisweiten Literatur-Vereins, der jüdische Literaten und Gelehrte zu Vorträgen einlädt.

1870/71  Als „gute Deutsche“ ziehen die Juden als Soldaten in den deutsch-französischen Krieg und werden danach Mitglieder im Kriegerverein.

Juden als Kriegsteilnehmer: Josef Rosenstern, Nathan Dillenberg.
Anzeige des Auswanderungsagenten Joseph Hochfeld (1898).

2. Hälfte des 19. Jh.  Die allgemeine Bewegung der Auswanderer nach Amerika erfasst auch die Juden. Oft handelt es sich um die Söhne oder Töchter, manchmal aber auch um ganze Familien, die dort auf bessere Lebensbedingungen als im kaiserlichen Deutschland hoffen.

Die (heute nicht mehr existierende) Gedenktafel des Gymnasiums trägt die Namen neun gefallenener ehemaliger jüdischer Schüler.

1914-1918 In den Ersten Weltkrieg ziehen auch die Höxteraner Juden für „Kaiser und Reich“ und fallen „auf dem Feld der Ehre“, so Paul Eichwald, Hermann Ransenberg und Emil Emanuel. Die Familien Dillenberg verlieren gleich drei Söhne. Das Eiserne Kreuz erhalten unter anderem Dr. Leo Pins, Dr. Richard Frankenberg, Ernst und Heinrich Löwenstein, Iwan Dillenberg.

Anzeigen 1920er
Anzeigen aus den 1920er Jahren.

1918 – 1933  Die Jahre der Weimarer Republik sind auch für die Höxteraner Juden eine Zeit der Sicherheit. Die Anzahl der jüdischen Bürger in der Stadt stabilisiert sich bei 70-80, die als Kaufleute vor allem mit Bekleidungsgeschäften, aber auch als Metzger, Viehhändler oder durch den Handel mit Baumaterialien und Getreide ihr Einkommen sichern.

Der „friedliche Terror“ im Dritten Reich (1933–1937)

1933  Mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler beginnt die Ausgrenzung und Verfolgung der Juden.

1.4.1933  Beim Boykott gegen die Juden postieren sich SA-Männer vor den jüdischen Geschäften, bringen Plakate mit den Aufschriften „Kauft nicht bei Juden“ und „Der Jude ist unser Unglück“ an, hindern Kunden beim Eintritt, beschimpfen und fotografieren sie und werden zum Teil handgreiflich. In den Läden notieren sie die Namen von Kunden, die an einem der folgenden Tage im „Felsenkeller“ öffentlich verlesen werden.

Geschäftsaufgabe
Im August 1934 schließt das Geschäft Lipper.

ab 1933-1936  Die Verfolgung der Juden wird durch eine Fülle von Gesetzen und Verordnungen immer mehr verschärft. Sie werden in den Stürmerkästen diffamiert, Patienten werden am Betreten der Praxis von Dr. Frankenberg gehindert. Der Kaufmann Ernst Löwenstein wird wegen angeblicher Unterstützung der KPD in „Schutzhaft“ genommen, aber nach einer eidesstattlichen Erklärung fast aller seiner „arischen“ Angestellten und einer ärztlichen Bescheinigung wieder entlassen. Die Juden sind gezwungen, sich immer mehr aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen, die ersten geben ihre Geschäfte auf.

Vor allem Juden der jüngeren Generation emigrieren schon recht bald, so Rudy Pins in die USA, Grete Netheim nach Australien, Jacob Pins nach Palästina, Albert Dillenberg und die Familie Hermann nach Südamerika, Julius Dillenberg in die Niederlande, von wo er aber 1943 deportiert und ermordet wird.

Andere dagegen hoffen, dass der „braune Spuk“ bald vergehen wird, warten vergeblich auf das Affidavit, eine Zuzugsgenehmigung ins Ausland und eine entsprechende Einladung, oder sie verfügen nicht über die notwendigen finanziellen Mittel. Dr. Richard Frankenberg antwortet auf die Frage seines Schwagers, ob er sich nicht eine arische Großmutter wünsche: „Für so’n bisschen irdischen Vorteil werfe ich doch nicht meine Herkunft über den Haufen.“ Denn er ist sich sicher: „Hier in Höxter tut man mir doch nichts.“

nach 1936  Nach dem Ende der Olympischen Spiele nehmen die Repressionen gegen die Juden wieder zu. Das reicht von kleineren Nadelstichen bis hin zu brutaler Misshandlung. Die Juden müssen öffentliche Beschimpfungen, Demütigungen und Drohungen über sich ergehen lassen und wagen kaum mehr, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen. Schikanen und Misshandlungen häufen sich.

1937 Lewertoff
Abraham Lewertoff muss eine Geldstrafe zahlen, weil er zeitweise aus Höxter verzogen ist.

„Als der Kaufmann Paul Netheim […] eines Abends in der Nähe des Judenfriedhofs seinen täglichen Abendspaziergang unternahm, wurde er von mehreren Männern plötzlich überwältigt und derart verprügelt, daß er Verletzungen an Kopf und Armen davontrug und sich einige Zeit in stationäre Behandlung begeben mußte. Das Geschehen verbreitete sich sehr rasch in der Stadt. Um ihr rohes Verhalten zu rechtfertigen, klagten die betreffenden Männer den Juden Netheim völlig zu Unrecht an, er habe sich lediglich in der Absicht, arische Frauen zu überfallen und sich an ihnen zu vergehen, in der Nähe des Friedhofs aufgehalten. Nach diesem Zwischenfall ließen sich nur noch selten Juden auf den Hauptstraßen blicken.“ (Zeitzeuge Herr Walther)

„Und das Schlimme war, daß sie ihn [Dr. Frankenberg] in der Corveyer Allee so geschlagen und bei Dr. Dahms über den Zaun geworfen haben. Und da habe er gerufen: »Oh Änne, Änne [seine Frau], die schlagen mich tot!« Eine Zeugin hat mir berichtet: »Da kam Dr. Frankenberg heraus und draußen warteten zwei Gestalten und sagten: ›Wo kommst Du her Du Judenschwein?‹ Da hat er gesagt: ›Ich bin Dr. Frankenberg; ich bin wohl Jude, aber kein Schwein.‹ Darauf haben die zwei gleich zugeschlagen und wollten wissen, was er in der Hand halte und was er dort zu suchen habe. ›Ich habe mir das von meinen Marken ersparte Fleisch hier ein bißchen räuchern lassen.‹ Und darauf hätten sie ihn wieder geschlagen und schließlich über den Zaun geschmissen, und da hätte er geschrien: ›Oh Änne, Änne, die schlagen mich tot!‹« (Zeitzeugin E. B.)

Einschüchterung eines Patienten von Dr. Frankenberg.

Nicht alle Höxteraner unterwerfen sich ohne Weiteres den Nazis und nehmen an der Diskriminierung teil. Eine Höxteraner Buchhändlerfamilie verkehrt weiterhin mit Dr. Frankenberg und wird dafür mit einem Bokott belegt wird. Erst mehr als nach vier Wochen und nach einer Spende des Buchhändlers an das Winterhilfswerk wird der Boykott aufgehoben. Und es gibt weitere Beispiele, dass Nichtjuden im Kaufhaus Löwenstein einkaufen oder die Familie Kaufmann in der letzten Phase auch mit Essen und Kleidung versorgen.

Vom Novemberpogrom („Kristallnacht“)
bis zur Deportation (1938–1942)

9.11.1938 In der „Kristallnacht“ stürmen SA-Trupps die Geschäfte und Wohnungen der Juden, plündern, schlagen Scheiben ein und werfen Teile der Einrichtung auf die Straße. Die Praxis des Arztes Dr. Frankenberg mit wertvollen Apparaturen und Geräten wird zerstört. Die Juden werden auf die Straße getrieben, zum Teil im Nachthemd. Die Männer werden inhaftiert und für mehrere Wochen in das KZ Buchenwald verbracht.

„Man war ja allgemein nachher überrascht und auch große Teile der armen Bevölkerung erbost, dass man diesem Mann [Ernst Löwenstein] so übel mitgespielt hat und ihn in dieser sogenannten Kristallnacht in Unterhose aus seinem Schlafzimmer herausgeholt hat und dann in der Neuen Straße bei dem damaligen Polizisten Leffhalm – dort war das Gefängnis – eingesperrt hatte. Und die Anlieger dieser Straße dann geschimpft haben: »So’ne Unverschämtheit! So’ne Gemeinheit!«, und dass dann von denen da laut wurde: »Wenn ihr gleich nicht die Schnauze haltet, werdet ihr mit eingesperrt!« Das war die Reaktion.“ (Zeitzeuge Heinrich Alsweh)

Der Albaxer Jude David Schlesinger kommt bei dem Pogrom ums Leben. Angeblich sei er beim Transport nach Höxter aus dem Wagen gesprungen, jedoch ist die Bevölkerung sicher, dass er aus dem Wagen gestoßen wurde.

In der Synagoge werfen die SA-Männer Gebetsrollen und Kultgegenstände auf die Straße, reißen Leuchter von der Wand, zertrümmern den Thoraschrein, verwüsten die gesamte Einrichtung. Bücher und Schriftgut werden auf dem Marktplatz verbrannt. Nur durch Hinweis auf die Gefährdung der anliegenden Wohnhäuser können Nachbarn ein Anzünden der Synagoge verhindern.

Löwenstein Arisierung
„Arisierung“ des Kaufhauses Löwenstein Anfang 1939.

1938/39  Nach der Pogromnacht bleiben alle jüdischen Läden in Höxter endgültig geschlossen und die Juden geben auch die letzten von ihnen betriebenen Geschäfte auf. Die Arisierung gilt auch für die Häuser. Die Juden werden nach und nach in wenigen Häusern („Judenhäusern“) zusammengepfercht.

Anfang 1939  Nach Genehmigung durch den Regierungspräsidenten kauft ein benachbarter Landwirt und Kohlenhändler das Fachwerkgebäude der Synagoge.

1939–1941  Die arbeitslos gewordenen Juden müssen sich für anfallende Beschäftigungen bereit stellen. Dr. Frankenberg wird als Straßenkehrer gesehen und bleibt für die medizinische Versorgung der Juden im Kreis Höxter zuständig. Dr. Pins, Ernst Löwenstein und Gustav Uhlmann müssen in einer Lederpappenfabrik in Godelheim arbeiteten. Ernst Löwenstein arbeitet zeitweise auch bei einem Höxteraner Bauern, um sich auf eine noch erhoffte Auswanderung vorzubereiten.

„Den [Ernst] Löwenstein habe ich nachher noch mal wiedergesehen. Da war er bei Bauer M. und wollte Landwirtschaft lernen und wollte umschulen und wollte in Amerika ’ne Farm aufmachen. Und da komme ich dahin, ob ich Kartoffeln kriege, und ich bekam auch die Kartoffeln, und ein Pole [Fremdarbeiter] musste mir die hochtragen, das Zentner aus dem Keller. Da saß der [Pole] mit dem Löwenstein an einem Tisch, und früher saß ich mit ihm [Löwenstein] an einem Damasttisch und musste ihm immer jeden Tag was erzählen [als kostenlos verköstigtes armes Kind], das hatte er immer so gern. Und jetzt saß er an so einem Runzeltisch mit Rillen drin und einem Schinkenklumpen und trocken Brot. Haben sie aber nicht angerührt, die beiden, wie ich da war. Die sind aufgestanden und sind an die Häckselmaschine gegangen und haben Viehfutter gedreht. Sie waren ja in solchen Geschichten alles [immer] vorsichtig.“ (Zeitzeugin Rosa Huppermann)

Einigen gelingt noch 1939/40 die Flucht. Otto Hochheimer emigriert nch Südamerika, die Familien Israelsohn und Kaufmann nach England. Den meisten aber fehlt das „Affidavit“, die Zusage eines anderen Landes sie aufzunehmen, oder das Geld zur Zahlung der sog. „Reichsfluchtsteuer“ für die Genehmigung zur Ausreise.

letzter Vorstand Nov. 1939
Paul Netheim, Dr. Richard Frankenberg, Dr. Leo Pins – letzte Vorsteher der jüdischen Gemeinde (Nov. 1939).

November 1939  Die Juden verlieren den Status als Religionsgemeinschaft und haben nur noch den Status von Vereinen. Auf Antrag des letzten Vorstands (Paul „Israel“ Netheim, Dr. Leo „Israel“ Pins, Dr. Richard „Israel“ Frankenberg) wird die Jüdische Gemeinde am 12.12.1939 als „Jüdische Kultusvereinigung“ in das Vereinsregister eingetragen.

20.10.1941  Als letzte wird Lina Katz, geb. Schönfeld, auf dem jüdischen Friedhof in Höxter zu Grabe getragen.

Kyffhäusersaal Bielefeld
Nach dem Abtransport aus Höxter werden die Juden im Kyffhäusersaal in Bielefeld zusammengepfercht.

13.12.1941  Zusammen mit Juden aus den Dörfern und aus ganz Ostwestfalen wird die erste Gruppe von 20 Höxteraner Juden in das Ghetto Riga deportiert, wo viele in Nebenlagern arbeiten müssen. Siegfried Simson wird bereits Anfang 1942 wegen Brothandels erschossen. Andere kommen in den folgenden zwei Jahren um. Die meisten übrigen werden im Juli 1944 bei Heranrücken der Front erschossen. Neben einzelnen anderen wird die Familie Uhlmann nach Stutthof verbracht, weil Gustav Uhlmann Mitglied der Lagerpolizei ist. Seine Frau und sein Sohn sterben in Stutthof. Gustav Uhlmann aus Höxter, Carla Pins und Helmut Löwenstein aus Fürstenau sind die einzigen Überlebenden der mehr als 85 deportierten Juden aus dem Gebiet der heutigen Stadt Höxter.

31.3.1942  Die zweite Gruppe von fünf Höxteraner Juden wird in das Warschauer Ghetto deportiert. Sie sind seitdem verschollen.

11.7.1942 Als dritte Gruppe werden vier Jüdinnen aus der Stadt und weitere Juden aus den Dörfern nach Auschwitz deportiert und ermordet, die für den folgenden Transport nach Theresienstadt noch zu jung waren.

31.7.1942  Nach der vierten Deportation der noch verbliebenen meist älteren 17 Juden nach Theresienstadt gibt es in Höxter keine Juden mehr. Ein Teil kommt bereits nach kurzer Zeit um. Die übrigen werden zur Vernichtung nach Treblinka und Auschwitz verbracht. Keiner überlebt. Für die Juden aus den Dörfern gilt dasselbe.

Friedhof, Gedenkmal 1950ca
Blick auf den Friedhof mit dem 1947/48 aus weniger zerstörten Grabsteinen zusammengefügten Gedenkmal.

Sommer/Herbst 1944  Auf Befehl des Höxteraner Garnisonskommandanten wird der jüdische Friedhof an der Gartenstraße vollkommen zerstört, alle Grabsteine zerschlagen.

Synagoge zerstört
Die zerstörte Synagoge im Jahr 1951.

nach 1945  Der durch Kriegseinwirkungen beschädigte rechte Teil des Gebäudes der Synagoge wird 1947 wegen Baufälligkeit weitgehend abgerissen. Die ehemalige Lehrerwohnung wird vermietet. Gegen die Nutzung der Reste des Synagogenteils als Lagerraum verwehrt sich 1948 die zuständige Jüdische Gemeinde Warburg. Um 1995 wird der ehemalige Teil der Synagoge zu Wohnungen umgebaut. Seit 1988 erinnert eine Bronzetafel daran, dass sich hier einmal die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Höxter befand.

Das Ehrenmals aus zerstörten Grabsteinen auf dem jüdischen Friedhof.

1947/48  Gegen die Absicht der Stadt Höxter, auf dem Friedhof alle Grabsteine und Trümmer ohne Inschrift wegzuschaffen, verwahrt sich die jüdische Gemeinde Warburg. Auf Anregung von Martha Mannsbach, geb. Davids, aus Beverungen ordnet der Bürgermeister an, aus den zerstörten Grabsteinen ein Ehrenmal zu errichten. Aus den Trümmern der Grabsteine entstehen zwei Gedenkmale. Das eine hat die Form eines Sarkophags; das zweite, ein halbkreisförmiges Ehrenmal, wird am 19. September 1948 eingeweiht und trägt auf der Stirnseite zwei Gedenktafeln mit den Namen der Opfer des Holocaust aus Höxter.

Stolpersteine für die Familie Simson-Himmelstern, Westerbachstr. 12.

1973/1988/2007  Nur sehr zögerlich beginnt man auch in Höxter sich der ehemals hier wohnenden jüdischen Mitbürger zu erinnern. 1973 wird eine Straße nach dem beliebten Arzt Dr. Richard Frankenberg benannt. 50 Jahre nach der Pogromnacht wird 1988 erstmals das Schicksal der Höxteraner Juden in einer Ausstellung dokumentiert. Seit 2007 erinnern „Stolpersteine“ in den Straßen der Stadt an alle aus Höxter deportierten Juden. Das Forum Jacob Pins im Adelshof an der Westerbachstraße hält heute ihre Erinnerung wach.

Einzeldarstellungen

Zu verschiedenen Phasen der Existenz jüdischen Lebens in Höxter liegen (z.T. ältere) genauere Einzeldarstellungen vor:

Vom Mittelalter bis zum Beginn der Gleichstellung 1808

  • Johannes Heiduschka: Die Juden in Höxter bis zu ihrer Gleichstellung 1808.
    In: Jahrbuch 1984. Kreis Höxter. Holzminden 1984, S. 233–244.
  • Jörg Deventer: Das Abseits als sicherer Ort? Jüdische Minderheit und christliche Gesellschaft im Alten Reich am Beispiel der Fürstabtei Corvey (1550–1807). Paderborn, Schöningh 1996.
  • Holger Raabe: Die jüdische Bevölkerung Höxters [1550–1650]. In: H. R.: O’ tempora, o’ mores – Eine Stadt in Krieg und Frieden. Höxter am Vorabend und während des Dreißigjährigen Krieges (1550-1650). Holzminden 1998, S. 83–89.
  • Zur Lage der Juden im 17. Jahrhundert siehe auch Wilhelm Raabes Erzählung „Höxter und Corvey“. Im 18. Jahrhundert spielt Annette von Droste-Hülshoffs Novelle „Die Judenbuche“.

Vom Beginn der Gleichstellung 1808 bis zum Ende der Weimarer Republik

  • Ernst Würzburger: Juden in Höxter. Von der Gleichstellung im Königreich Westphalen bis zum Holocaust. Höxter 1998, v. a. S. 3-21 [weitestgehend identisch mit dem gleichnamigen Heft in der Schriftenreihe „Villa Huxori“, Nr. 4, März 1993].
  • Ernst Würzburger: Höxter: Verdrängte Geschichte. Zur Geschichte des Nationalsozialismus einer ostwestfälischen Kreisstadt. Holzminden: Mitzkat 2014, v.a. S. 173-180. [aktualisierte Neuausgabe]
  • Rikwa Stübig: Höxters Weg in den Nationalsozialismus. Lokale Traditionen und politisches Verhalten in einer westfälischen Kleinstadt. Hildesheim, 1992 [verstreute Informationen, dazu eine kurze Zusammenfassung über Juden in Höxter, S. 138-142].

Verfolgung und Ermordung im 3. Reich

  • Ernst Würzburger: Juden in Höxter. Von der Gleichstellung im Königreich Westphalen bis zum Holocaust. Höxter 1998, v. a. S. 21–40 [weitestgehend identisch mit dem gleichnamigen Heft in der Schriftenreihe „Villa Huxori“, Nr. 4, März 1993].
  • Ernst Würzburger: Höxter: Verdrängte Geschichte. Zur Geschichte des Nationalsozialismus einer ostwestfälischen Kreisstadt. Holzminden: Mitzkat 2014, v.a. S. 181-224 [aktualisierte Neuausgabe].
  • Ernst Würzburger: Höxter unterm Hakenkreuz. Ein alternativer Stadtrundgang. Auf den Spuren des Nationalsozialismus und jüdischen Lebens in Höxter. Höxter 1988.
  • Annegret Köring: Das Schicksal der jüdischen Gemeinde Höxter in der Zeit des Dritten Reiches. Paderborn 1976 [maschinenschriftlich, unveröffentlichte Staatsarbeit].

Jüdische Familien in Höxter
Höxteraner Opfer von Shoah und Verfolgung

Hinweise auf weitere Veröffentlichungen zu Einzelthemen erscheinen auf den entsprechenden Seiten der Homepage.

Fritz Ostkämper, 10.11.2015
e-mail: ostkaemper@jacob-pins.de