Jüdische Bürger in Höxter

Die Familien Kleeberg in Boffzen und Amelunxen

Den auch unter Juden nicht seltenen Namen Kleeberg findet man in der Umgebung Höxters etwa in Warburg, Beverungen, Borgentreich, Hofgeismar, Albaxen, Bösingfeld und anderen Orten, und über eine Verwandtschaft kann man höchstens spekulieren. Spätestens zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist auch in Boffzen eine Familie Kleeberg verzeichnet, die bis ins Dritte Reich hier lebte und deren Nachkommen sich unter anderem auch in Amelunxen ansiedelten. Auf diese in Boffzen und Amelunxen wohnenden Familien muss sich die folgende Darstellung im Wesentlichen beschränken.

Nur aus den Vatersnamen der Söhne lässt sich als Vorfahr ein Cohen Chajim erschließen. Während bei seinen Söhnen Mordechai (Marcus) (* 1793), Simon (* 1794) und Jehuda gen. Levi (* 1801) nur das Geburtsdatum gesichert ist, blieb der Sohn Abraham Kleeberg (1799–1856) als Schlachter in Boffzen, wo er mit seinen nur namentlich bekannten drei Frauen acht Kinder hatte, von denen aber mindestens vier jung starben. Die Tochter Henriette (Edel) (* 1843) heiratete nach Castrop, und der Sohn Nathan (1840–1914) lebte verheiratet in Osnabrück.

Der Grabstein für Nathan Kleeberg in Osnabrück
Der Grabstein für Nathan Kleeberg in Osnabrück
Todesanzeige für Nathans Bruder Moses Dillenberg, Huxaria, 27.7.1916
Todesanzeige für Nathans Bruder Moses Dillenberg, Huxaria, 27.7.1916

Abrahams Sohn Moses Kleeberg (1829–1916) blieb in Boffzen und setzte das Geschäft des Vaters fort. Aus seiner ersten Ehe mit Gelle Goldschmidt (* 1833) ging nur ein offenbar früh verstorbener Sohn hervor. Dagegen hinterließen die sieben Kinder aus den beiden folgenden Ehen eine breite Nachkommenschaft. Während die in der zweiten Ehe mit Hannchen Rothgießer (1823–1872) geborene Tochter Friedrike (Rika) (* 1862) den Viehhändler Salomon Wollberg (* 1836) in Börry (Emmertal) heiratete, wurde der Sohn David Kleeberg (1864–1942) zum Begründer des in Amelunxen und später auch in Vörden lebenden Zweigs der Familie Kleeberg (s.u.).

Mit seiner dritten Frau Julie Heinemann (1839–1918) aus Cappel hatte Moses Kleeberg fünf Kinder, von denen ein Sohn anscheinend jung starb. Die drei Töchter lebten später in anderen Orten. Helene (1875–1932) war mit Robert Seligmann (* 1871) in Wallensen verheiratet und kehrte nach seinem Tod nach Boffzen zurück. Lisette (1879–1943) lebte in erster Ehe mit dem in Neviges geborenen Häute-, Fell- und Därmehändler Josef Sassen (1879–1917) in Erkelenz, der im Ersten Weltkrieg fiel, und war dort danach mit Emil Metzger (1877–1940) aus Schwetzingen verheiratet. Das Ehepaar floh im Dritten Reich nach Amsterdam, wo ihr Mann 1940 den Freitod wählte, während Lisette am 14.1.1943 zur Ermordung nach Auschwitz deportiert wurde. Ihre in Wuppertal mit Abraham Goldschmidt (* 1883) verheiratete Schwester Pina (* 1882) starb offenbar vor dem Holocaust.

Hermann Kleeberg und seine Familie

Moses’ Sohn Hermann Kleeberg (* 1873) aus der dritten Ehe übernahm die Metzgerei in Boffzen. Er heiratete die in Westheim (Marsberg) geborene Frieda Weissenklee (* 1871) und bekam mit ihr fünf Kinder, von denen eine Tochter als Kleinkind starb. Drei der Kinder konnten sich im Dritten Reich rechtzeitig ins Exil retten. Dagegen wurden die Eltern und der Sohn Erich Opfer des Holocaust.

Hermann Kleeberg und seine Frau Frieda, geb. Weißenklee mit Enkelin Ruth; dahinter: Tochter Ruth verh. Kolb, Sohn Erich Kleeberg mit Frau Maria, Tochter Irmgard mit Mann Max Koesters, Sohn Walter
Hermann Kleeberg und seine Frau Frieda, geb. Weißenklee mit Enkelin Ruth; dahinter: Tochter Ruth verh. Kolb, Sohn Erich Kleeberg mit Frau Maria, Tochter Irmgard mit Mann Max Koesters, Sohn Walter

Die Familie Kleeberg war recht begütert. Hermann Kleeberg war nach seiner freiwilligen Verpflichtung zum Militär als „Zwölfender“ nach Boffzen zurückgekehrt. Er hatte das Haus an der Oberen Dorfstraße gekauft und betrieb dort die Metzgerei mit dem Viehhandel. Er war Mitbegründer des MTV Boffzen. Die Kleebergs genossen hohes Ansehen und waren beliebt, von ihrer sprichwörtlichen Hilfsbereitschaft sprach man noch später. Die Lebensverhältnisse waren gutbürgerlich, und im Haus herrschte ein preußischer Ton.

Bis ins Dritte Reich führte Hermann Kleeberg mi dem jüngeren Sohn Walter die Metzgerei weitgehend ungehindert fort. Von März bis Mai 1938 wurden jedoch beide in einer Willküraktion der Nazis vor Ort wegen angeblicher Steuerhinterziehung und Schwarzschlachterei im Gefängnis in Holzminden inhaftiert. Einem Rechtsanwalt gelang es zwar, die Vorwürfe zu entkräften, aber nur um den Preis der Enteignung wurden Vater und Sohn nach einigen Monaten wieder entlassen.

In der Pogromnacht des 9./10. November 1938 folgte wenig später die nächste Verhaftung. Hermann und Walter Kleeberg wurden nach ihrer Festsetzung im Rathaus in Höxter in das Konzentrationslager Buchenwald eingeliefert und erlebten dort die Mißhandlungen, Demütigungen, Schwerstarbeit im Steinbruch in ihrer ganzen Härte. Während der Sohn Walter erst nach fünf Monaten entlassen wurde, konnte sein Vater Hermann vor Weihnachten nach Boffzen zurückkehren, unter anderem dank dem Einsatz seines anderen Sohns Erich.

1940 in Hannover: Hermann und Frieda Kleeberg (rechts), der Sohn Erich und seine Frau Maria (links) und deren Tochter Ruth (vorn)
1940 in Hannover: Hermann und Frieda Kleeberg (rechts), der Sohn Erich und seine Frau Maria (links) und deren Tochter Ruth (vorn)

Während der Sohn Walter nur für kurze Zeit nach Boffzen zurückkam und schließlich die Möglichkeit zur Flucht ins Exil fand, blieben Hermann und Frieda Kleeberg zunächst noch in Boffzen, wo sie jetzt in ihrem zwangsenteigneten Haus in einem kleinen Raum unter dem Dach wohnten, den sie kaum noch verließen. Im Oktober 1939 zogen sie nach Hannover und lebten noch für eine Zeit bei dem älteren Sohn Erich und seiner Familie in deren enger Wohnung, bis sie nach einigen Monaten im Judenlager in der Ohestraße schließlich in die Gewächshäuser der ehemaligen Israelitischen Gartenbauschule in Ahlem gepfercht und dann am 15. Dez. 1941 nach Riga deportiert wurden. Dort sind sie verschollen.

Der Sohn Erich Kleeberg und seine Familie

Erich Kleeberg 1913 in der Quinta am KWG
Erich Kleeberg 1913 in der Quinta am KWG

Der ältere Sohn Erich (1902–1945) besuchte nach der Volksschule in Boffzen von 1912 bis 1915 das Gymnasium in Höxter und wechselte dann auf die Jakobsonschule in Seesen, wo er die Mittlere Reife erwarb. Eigentlich hätte er als Ältester die väterliche Metzgerei übernehmen sollen. Er fiel jedoch beim Anblick von Blut regelmäßig in Ohnmacht, so dass sein Bruder Walter in die Metzgerei eintrat.

Erich Kleeberg absolvierte in Kassel eine Bankausbildung und lernte dort 1921 seine spätere Frau Maria Beck (1901–1978) kennen, eine Nichtjüdin. Die Eltern Kleeberg lehnten jedoch die Heirat mit der Nichtjüdin strikt ab. Maria Beck begleitete ihren späteren Mann nach Hannover und übernahm eine Stelle als Gouvernante, während Erich Kleeberg in das jüdische Kaufhaus Lindemann eintrat und als „möblierter Herr“ wohnte. Er brachte es zum Abteilungsleiter für Teppiche, Dekorationsstoffe usw. Erst zehn Jahren später heiratete die beiden 1931, und Maria Beck trat zum Judentum über. Trotzdem dauerte es bis nach der Geburt der Tochter Ruth (* 1933), bis die Eltern Kleeberg zu einer Versöhnung bereit waren.

Schon bald nach Beginn des Dritten Reiches wurde der Besitzer des Kaufhauses Paul Lindemann aus seiner Position gedrängt und das Geschäft arisiert. Erich Kleeberg verlor seine Arbeit, da er als Jude nicht mehr in einem nichtjüdischen Betrieb arbeiten durfte. Zwei Jahre lang hielt er seine Familie mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser, bis er 1936 bei einer jüdischen Stiftung eine Stelle als Hausmeister antreten und dort mit der Familie eine Wohnung beziehen konnte.

Als Partner in einer „Mischehe“ blieb Erich Kleeberg in der Pogromnacht 1938 von der Verschleppung in ein Konzentrationslager verschont, so dass er sich auch für eine vorzeitige Entlassung seines Vaters aus Buchenwald einsetzen konnte. Für eine begrenzte Zeit konnte er mit seiner Frau und der kleinen Tochter Ruth noch in der Wohnung bleiben. 1941 musste die Familie jedoch zunächst ins Sammellager Ohestraße und dann in ein „Judenhaus“ in der Herschelstraße ziehen.

Erich Kleeberg, etwa 1939
Erich Kleeberg, etwa 1939

In der Nacht des 9. Okt. 1943 wurde das Haus ausgebombt, und die Familie lief durch die brennende Stadt nach Ahlem. Dort fand sie in einem kleinen Zimmer eines „Judenhauses“ auf dem Gelände der ehemaligen Israelitischen Gartenbauschule eine Bleibe. Wiederholt wurde Maria Kleeberg von der Gestapo aufgefordert, sich von ihrem jüdischen Mann scheiden zu lassen. Sie weigerte sich jedoch; denn sie wusste, das hätte das Todesurteil für ihn bedeutet, und so blieb ihm die Deportation vorerst noch erspart.

Gegen Kriegsende mussten jedoch auch die nichtjüdisch verheirateten Juden den Weg in die Konzentrationslager antreten. Erich Kleeberg wurde zunächst am 27. Nov. 1944 wegen angeblichen Diebstahls einiger Haferkörner für neun Wochen im Polizeigefängnis Ahlem inhaftiert und dann am 5. Febr. 1945 in das KZ Neuengamme verbracht. Am 8. April 1945 pferchte die SS mehr als 2000 entkräftete Häftlinge in Waggons, um sie ins KZ Bergen-Belsen zu bringen. Nach tagelanger Irrfahrt kamen die völlig entkräfteten Häftlinge im bereits überfüllten Kriegs­gefangenenlager Sandbostel an. Dort starb Erich Kleeberg laut Gedenkbuch am 10. Apr. 1945 an Typhus, tatsächlich aber wohl nach Kriegsende am 10. Mai. (zu Erich Kleeberg siehe unter anderem hier)

Nach Kriegsende blieben Maria Kleeberg und ihre Tochter Ruth noch für zehn Jahre in Ahlem, wo die Ernährungslage besser war als in Hannover. In der Umgebung lernte Ruth Kleeberg (* 1933) ihren späteren Mann kennen, und nach der Heirat 1953 wohnten sie zusammen mit der Mutter weiter in dem ehemaligen „Judenhaus“, bis sie zwei Jahre später in ein Eigenheim ziehen konnten, wohin sie ihre noch in Ahlem zurückgebliebene Mutter nach einigen Jahren nachholten.

Ruth Gröne, geb. Kleeberg
Ruth Gröne, geb. Kleeberg

Ebenso wie ihre 1978 verstorbene Mutter macht Ruth Kleeberg, jetzt Gröne, nie ein Hehl aus ihrer jüdischen Herkunft, und ihr ist es unter anderem durch ihre regelmäßigen Besuche zu verdanken, dass die ehemaligen jüdischen Einwohner in Boffzen nicht vergessen sind und dass an der Gemeindeverwaltung ein Gedenkmal für ihre Großeltern Hermann und Frieda errichtet wurde. Ebenso engagiert sie sich in Hannover für die Aufarbeitung des Schicksals der ehemaligen jüdischen Einwohner, und für ihre Erinnerungsarbeit mit jungen Zuhörern in den Gedenkstätten in Hannover-Ahlem, Neuengamme und Sandbostel wurde sie 2013 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Der Sohn Walter Kleeberg und sein Schicksal

Walter Kleeberg 1918/19 an der Jacobson-Schule in Seesen
Walter Kleeberg 1918/19 an der Jacobson-Schule in Seesen

Hermann Kleebergs Sohn jüngerer Sohn Walter (1905–1990[?]) besuchte ebenso wie sein Bruder Erich nach der Volksschule in Boffzen die Jacobson-Schule in Seesen. Er ging mit der Mittleren Reife ab und wurde Metzger im Geschäft seines Vaters. 1927/28 wird er sogar als jüngster Schlachtermeister der Umgebung genannt. In den 1930er Jahren heiratete er die aus Laer stammende Martha Heimbach (* 1907). Aus der Ehe gingen jedoch keine Kinder hervor, denn 1938 wurde Walter Kleeberg mit seinem Vater wegen angeblicher Steuerhinterziehung und Schwarzschlachterei für einige Monate in Holzminden inhaftiert, bis Vater und Sohn um den Preis der Enteignung wieder entlassen wurden. Um der Arbeitslosigkeit zu entgehen, ging Walter Kleeberg zum Straßenbau.

Jedoch schon in der Pogromnacht des 9./10. Nov. 1938 wurde Walter Kleeberg mit seinem Vater erneut verhaftet und nach der Festsetzung im Höxteraner Rathaus bis zum 12.4.1939 nach Buchenwald deportiert. Nach seiner Entlassung kehrte er nach Boffzen zurück, wusste jedoch, dass seines Bleibens nicht länger war. Gewarnt von Freunden ging nach Münster und erhielt dort ein Telegramm auf Hebräisch. Über Aachen, wo ihn die SS kurzzeitig festhielt, gelangte er nach Calais und von dort nach Dover. Vergeblich versuchte er von England aus, seine Frau Martha nachzuholen, die nach Walters Emigration zu ihren Eltern nach Laer zurückgekehrt war. Sie wurde am 13.12.1941 nach Riga deportiert und gilt als verschollen.

Walter Clay (Kleeberg) 1988 in Boffzen (Foto: Neue Westfälische)
Walter Clay (Kleeberg) 1988 in Boffzen (Foto: Neue Westfälische)

Nach Kriegsbeginn wurde Walter Kleeberg als enemy alien für mehr als ein Jahr im Kitchener camp in Kent interniert und fand danach in Pinner in der Nähe von London als Walter Clay eine neue Existenz. Er arbeitete in seinem erlernten Beruf und heiratete ein zweites Mal. Ein Sohn und eine Tochter gingen aus der Ehe mit der in Polen geborenen Rosalie Lotrovski (1917–1978) hervor. Zweimal besuchte er sein Heimatdorf Boffzen in aller Stille, und erst 1988 erfuhr die Gemeinde von seinem dritten Besuch, bei dem er sich in das Gästebuch eintrug und eine Glasschale mit dem Wappen von Boffzen erhielt. Er starb 1990 in Pinner.

Die Töchter Irmgard und Ruth Kleeberg

Todesanzeige in Aufbau, 6.7.1991
Todesanzeige in Aufbau, 6.7.1991

Über Hermann und Frieda Kleebergs Töchter Irmgard (1904–1991) und Ruth (1913–2006) liegen weniger detaillierte Informationen vor. Beide verließen Boffzen mit ihrer Heirat. Irmgard heiratete den Metzger Max Kösters (1894–1963) in Gildehaus und hatte mit ihm die Tochter Lieselotte (Lilo) (1935–2011). Zusammen emigrierten zunächst nach Holland und konnten 1939 nach England übersetzen. Von dort gelang es ihnen 1940 mit Zwischenstation in Canada in die USA zu emigrieren, wo Max Koesters in Brookline bei Boston in Massachusets wieder in seinem Beruf als Metzger arbeitete, während die Tochter Lilo, seit etwa 1957 mit dem Versicherungsagenten Malcolm M. Snyder verheiratet, ihr Geld als Sekretärin verdiente. Sie starb gut 20 Jahre nach ihrem Mann 2011 als Witwe in West Hartford, überlebt von Tochter und Enkeln.

Aufbau, 15.4.1977
Aufbau, 15.4.1977

Auch Irmgards jüngerer Schwester Ruth (1913–2006) gelang die Flucht ins Exil. Sie war zuvor anscheinend in einem Haushalt angestellt und ging im März 1938 in die USA, heiratete dort 1942 ihren aus Wien stammenden Mann Alfred Kolb und lebte dann ebenso wie ihre Schwester Irmgard in Brookline bei Boston, wo das Ehepaar zwei Kinder bekam. Nach ihrem Mann starb sie dort 2006.

Die Familie David Kleeberg in Amelunxen

David Kleeberg, Amelunxen
David Kleeberg, Amelunxen

Hermann Kleeberg älterer Halbbruder David (1864–1942) aus der zweiten Ehe des Vaters Moses mit Hannchen Rothgießer zog nach seiner Heirat mit der Amelunxer Pferdehändlerstochter Sara Frankenberg (1866–1936) ebenfalls nach Amelunxen, wo er als Schlachter bis ins Dritte Reich eine koschere Metzgerei betrieb. Vermutlich hätte der älteste Sohn Albert (* 1890) die Metzgerei übernehmen sollen. Er starb jedoch 1933. Von den anderen fünf Kindern entkamen nur ein Sohn und mehrere Enkel dem Holocaust, dem auch David Kleeberg zum Opfer fiel, während seine Frau vorher starb.

Der umgestürzte Grabstein von Sara Kleeberg in Amelunxen
Der umgestürzte Grabstein von Sara Kleeberg in Amelunxen

Im Haus befand sich ein kleiner Gebetsraum, nachdem die Synagoge im Dorf um 1910 abgebrannt war. Mit den Juden aus Amelunxen versammelten sich dort auch die Juden aus Ottbergen und Erkeln an Sabbat- und Feiertagen zum Gottesdienst, um sich den Weg nach Beverungen zu ersparen. Wie sich Davids Sohn Siegfried erinnerte, lebten die jüdischen Familien bis zum Dritten Reich im besten Einvernehmen mit ihren Mitbürgern, die auch bei Beerdigungen den Trauerzug begleiteten.

Während des Dritten Reichs kehrten mehrere Kinder, die sich in andere Orte verheiratet hatten, ins Elternhaus zurück und wurden von Amelunxen aus deportiert, ebenso wie ihr Vater 77-jähriger Vater David, der am 31.7.1942 nach Theresienstadt deportiert wurde und dort nach wenigen Tagen am 4.8.1942 umkam.

Die Tochter Johanna Driesel gen. Emma Rothenberg geb Kleeberg und ihre Familie

David Kleebergs älteste Tochter Johanna Driesel gen. Emma (* 1892) heiratete 1920 den Arholzer Paul Wilhelm Rothenberg (* 1889) und hatte mit ihm die Kinder Walter (* 1921) und Margot (* 1928). Unter dem Druck der zunehmend schwierigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse zogen sie im Dritten Reich in Emmas Elternhaus nach Amelunxen. Wilhelm Rothenberg arbeitete in der Papierfabrik in Godelheim, während der Sohn Walter als Landwirtschaftsgehilfe die Familie unterstützte. Die Familie wollte 1939 nach Argentinien auswandern, wozu es aus nicht geklärten Gründen jedoch nicht kam. So wurde die ganze Familie am 31. März 1942 aus Amelunxen nach Warschau deportiert. Dort verlieren sich ihre Spuren.

Wilhelm Rothenberg, seine Frau Johanna Driesel (Emma) geb. Kleeberg und die Kinder Walter und Margot
Wilhelm Rothenberg, seine Frau Johanna Driesel (Emma) geb. Kleeberg und die Kinder Walter und Margot

Der Sohn Wilhelm Kleeberg und seine Familie

Willi Kleeberg mit seiner Frau Johanna und den Kindern Albert und Edith 1933
Willi Kleeberg mit seiner Frau Johanna und den Kindern Albert und Edith 1933

David Kleebergs Sohn Willi/Willy (* 1894) heiratete die in Vörden geborene Johanna Israelsohn (1898–1938). Er zog ebenfalls nach Vörden, wo er mit seiner Frau ein Manufacturwarengeschäft betrieb. 1922 und 1925 wurden die Kinder Albert und Edith geboren. Seine Frau Johanna starb 1938 bei der Geburt der Tochter Channa (* 1938).

Johanna Kleeberg geb. Israelsohn
Johanna Kleeberg geb. Israelsohn

In der Pogromnacht des 9./10. November 1938 wurde Willi Kleeberg verhaftet, nach Höxter transportiert und dann für vier Wochen nach Buchenwald verbracht, während die kleine Tochter Channa sicher von der Familie in Amelunxen aufgenommen wurde. Bald danach zog auch ihr Vater nach Amelunxen und heiratete 1940 seine aus Ottrau gebürtige zweite Frau Jenny Plaut verw. Wolff (* 1898).

Wilhelm (Willi) Kleeberg, seine Tochter Channa und seine zweite Frau Jenny geb. Plaut
Wilhelm (Willi) Kleeberg, seine Tochter Channa und seine zweite Frau Jenny geb. Plaut

Zu dieser Zeit hatte Willi Kleeberg seine beiden älteren Kinder Albert und Edith bereits 1939 mit Kindertransporten ins sichere Ausland geschickt. Von Juli 1940 bis März 1942 arbeitete er in der Holzfabrik Vogt & Dr. Bering in Beverungen, bis er mit seiner erst dreijährigen Tochter Channa, seiner zweiten Frau Jenny und anderen Angehörigen am 31. März 1942 nach Warschau deportiert wurde, wo sich die Spuren der Familie verlieren.

Die Tochter Edith (1925–2013) wurde von ihrem Vater 1939 mit einem Kindertransport nach Palästina zu einer dorthin emigrierten Schwester ihrer Mutter geschickt.

Edith Kleeberg mit ihrem Bruder Albert (1929)
Edith Kleeberg mit ihrem Bruder Albert (1929)

Dort begegnete sie John Wilson, einem Flieger der englischen Armee aus Schottland, der sie bei Kriegsende nach England holte. Um 1945 heirateten die beiden in London und zogen in ein kleines Dorf bei Aberdeen in Schottland, woher ihr Mann stammte und wo ihre drei Kinder geboren wurden. In den folgenden Jahrzehnten kam Edith mehrfach zu Besuchen nach Vörden und hielt den Kontakt auch durch Briefe aufrecht. Sie wurde nach ihrem Tod in Aberdeen mit Fotos ihrer Eltern und ihrer Geschwister Albert und Channa begraben, die sie im Alter immer wieder betrachtete.

Passbild Albert Kleebergs (1939)
Passbild Albert Kleebergs (1939)

Der Lebenslauf ihres Bruders Albert Kleeberg (1922–2001) ist noch deutlich verwickelter. 1936 schickten die Eltern ihn in ein jüdisches Lehrlingsheim nach Berlin, bevor er 1939 mit einem Kindertransport nach Leeds/England gelangte. Spätestens dort schloss er sich der kommunistischen Freien Deutschen Jugend (FDJ) an und wurde nach Kriegsbeginn als „feindlicher Ausländer“ auf der Isle of Man interniert, 1940 nach Australien geschickt und dort als australischer Soldat rekrutiert.

Albert Kleeberg 1942 als australischer Soldat
Albert Kleeberg 1942 als australischer Soldat

Nach dem Krieg ging er für kürzere Zeit nach Herne und dann nach Hamburg, bevor er um 1950 in die DDR zog. Dort arbeitete er zunächst in seinem erlernten Beruf als Schlosser und dann auch Vorsitzender des FDGB in einer Werkzeugmaschinenfabrik in Berlin-Weissensee. Ab Mitte der 1950er Jahre wurde er im Kulturministerium Abt. Kulturelle Beziehungen zu Asien tätig und begleitete in dieser Funktion 1959 eine Kulturdelegation der DDR nach Indien, Burma, Indonesien. Danach quittierte er den Dienst im Ministerium und arbeitete wieder als Schlosser in einem Betrieb für Pressluftwerkzeuge in Pankow, wo er später Sicherheitsinspektor und schließlich Kaderleiter wurde. 1980 ging er in Rente, und zusammen mit seiner Lebensgefährtin Hedwig Wüsten geb. Wagner (1919–2006), einer Überlebenden des Holocaust, widmete er sich der Aufarbeitung der Werke ihres Schwagers, des expressionistischen Künstlers und Schriftstellers Johannes Wüsten (1896–1943), der in der Haft im Nazi-Gefängnis Brandenburg-Görden gestorben war. Schwer erkrankt starb Albert Kleeberg 2001 in einem Pflegeheim in Berlin-Kaulsdorf. (siehe auch seinen Nachlass im Jüdischen Museum Berlin)

Johanna Kleeberg
Johanna Kleeberg

Die Tochter Johanna Kleeberg

Weshalb die Familie Kleeberg nach der Tochter Johanna Driesel (gen. Emma) auch ihre 1899 geborene Tochter Johanna nannte, ist nicht bekannt. Diese blieb unverheiratet im Elternhaus, und über sie gibt es keine weiteren Informationen. Zusammen mit den Familien ihrer Geschwister wurde sie am 31. März 1942 nach Warschau deportiert und ist ebenfalls verschollen.

Der Sohn Siegfried Kleeberg und seine Familie

Nur David Kleebergs Sohn Siegfried (1903–2000) entging mit seiner Familie der Deportation durch die Flucht ins Exil. Nach drei Jahren Volksschule besuchte er eine Realschule in Wolfenbüttel und erwarb dort die Mitlere Reife. 1926 heiratete er Henny Weinberg (1901–1965), eine Tochter des Höxteraner Predigers Isaak Weinberg, und ging zuächst nach Höxter, wo die Tochter Eva (1928–2013) geboren wurde. 1929 zog die Familie nach Beverungen, und Siegfried Kleeberg übernahm dort den Samen- und Landhandel des jüdischen Kaufmanns Udewald, den er bis ins Dritte Reich betrieb. 1935 und 1936 ging der Umsatz jedoch um jeweils 25% zurück, so dass er 1937 das Geschäft verkaufte.

Einbürgerung Siegfried Kleebergs in den USA (1944)
Einbürgerung Siegfried Kleebergs in den USA (1944)

Darauf entschloss sich die Familie 1938 zur Auswanderung in die USA, wo Siegfried Kleeberg in Cleveland ein Drogeriegeschäft eröffnete, in dem er noch lange als Geschäftsführer tätig war. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er die ebenfalls verwitwete Julia Blum geb. Dreifus (1907–1995), während die Tochter Eva mit dem aus Hamburg stammenden Hans Falck (* 1923) verheiratet war und mit ihm die Tochter Deborah (* 1953) hatte, die mit ihrem Sohn Benjamin Rifkin noch heute in Cleveland lebt.

Der Sohn Hermann Kleeberg

Einwohnermeldekarte für Hermann Kleeberg in Höxter
Einwohnermeldekarte für Hermann Kleeberg in Höxter

David Kleeberg jüngster Sohn Hermann (1906–1942), der vermutlich als Metzger das Geschäft seines Vaters hätte übernehmen sollen, galt in Amelunxen als „Tunichtgut“, spätestens seit er wegen Viehdiebstahls verurteilt worden war. Mit seiner aus Büren stammenen Frau Käthe Schönewald (* 1904) zog er 1931 nach Höxter. Die Ehe wurde jedoch 1934 geschieden, und 1936 ging Hermann Kleeberg zunächst nach Amelunxen und dann nach Wuppertal, wo er mit Hedwig Trummel gesch. Hüssels einen unehelichen Sohn hatte. 1937 befand sich Hermann Kleeberg dann nach mehrfachen vorangehenden Verurteilungen in der Strafanstalt Freiendiez und wurde 1938 wegen angeblicher Rassenschande als „gefährlicher Gewohnheitsverbrecher“ zu acht Jahren Zuchthaus, Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte usw. verurteilt. 1942 wurde er nach Auschwitz deportiert und dort am 15.12.1942 ermordet. Sein unehelicher Sohn und dessen Mutter blieben offenbar verschont.

Die zweite Familie Kleeberg in Boffzen

Noch eine zweite Familie Kleeberg ist in Boffzen verzeichnet, deren mögliche Verwandtschaft mit der ersten allerdings bisher nicht geklärt ist. Belegt ist jedoch, dass der in Bösingfeld geborene David Kleeberg (1835–1910) bei Verwandtenbesuchen in Boffzen die hier geborene Minna Lebenbaum (1841–1919) kennen lernte und nach der Heirat 1872 als Viehhändler ebenfalls hierher zog. (Zur Familie Kleeberg in Bösingfeld siehe hier)

Der Sohn Isidor Kleeberg

Suchanzeige der Tochter Paula nach ihrem Vater Isidor Kleeberg, Aufbau 17.5.1946
Suchanzeige der Tochter Paula nach ihrem Vater Isidor Kleeberg, Aufbau 17.5.1946

Das Ehepaar hatte fünf Kinder, von denen mindestens ein Sohn früh starb. Der älteste Sohn Isidor (1874–1942) lebte mit seiner ersten Frau Selma Gumpertz (✡ 1927) in Marsberg und zog dann mit seiner zweiten Frau Rebekka Neuhaus (1880–1942) 1934/35 nach Offenburg. Letztere beging nach der Ankündigung der Deportation Selbstmord. Ihr in der Pogromnacht 1938 für vier Wochen in Dachau inhaftierter Mann Mann Isidor wurde am 22. Aug. 1942 nach Theresienstadt deportiert und starb dort am 24. Nov. 1942. Die beiden in der ersten Ehe geborene Töchter Else und Paula retteten sich ins Exil. Der Sohn Hans Sally überlebte das Dritte Reich in der Umgebung von Marsberg. (Weitere Informationen über Isidor Kleeberg siehe hier)

Der Sohn Sally Kleeberg und seine Familie

Den Sohn Sally/i (Sahli) Kleeberg (* 1876) schickte der Vater David nach der Vorschule am KWG 1888 auf das Gymnasium. Wegen eines Augenleidens musste er jedoch bereits 1890 abgehen. Er wurde Kaufmann. 1903 heirate er die aus Grebenau stammende Cilla Stein (* 1878) und betrieb (zunächst mit deren Vater Aron Stein) in Lauterbach ein Geschäft für Kleidungsstoffe und Raumausstattungsmaterialien. Dort wurde auch 1912 der Sohn Walter geboren.

Als agiler und erfolgreicher Geschäftsmann konnte Salli Kleeberg sich nach wenigen Jahren 1920 ein neues Wohn- und Geschäftshaus errichten lassen und gewann mit seiner Bildung und seinem gesellschaftlichen Auftreten schnell das Ansehen der Lauterbacher Fabrikanten und Geschäftsleute und wurde Mitglied im Handelsverein. Salli Kleeberg war ein sehr agiler und erfolgreicher Geschäftsmann. Mit seinem Personenwagen tätigte er noch nach 1933 seine Einkäufe in Frankfurt. Bereits vor der Kristallnacht verkaufte er seinen Warenbestand, ging mit Frau und Sohn 1938 nach Palästina in Exil und eröffnete dort eine Hühnerfarm.

Der Sohn Albert Kleeberg

Huxaria, 8.10.1914
Huxaria, 8.10.1914

Albert Kleeberg (1882–1914), der jüngste Sohn von David und Minna Kleeberg, wurde Viehhändler und Schlachter. Er gehörte der Schützengemeinschaft Boffzen an, wo er 1912 wegen seiner Schießleistungen Großer König wurde. Er fiel im Ersten Weltkrieg schon am 23. Aug. 1914 in Charleroi (Nordfrankreich), und sein Name ist noch heute auf der Gedenktafel in Boffzen verzeichnet.

Mit seiner Frau Paula Bachrach (vielleicht * 1883 in Brilon) hatte er die Kinder Kurt (* 1910) und Johanna (* 1914), über deren Schicksal keine genaueren Informationen vorliegen. Sie entgingen der Deportation durch die rechtzeitige Auswanderung nach Palästina, vermutlich mit ihrer Mutter.

Fritz Ostkämper, 22.2.2017
e-mail: ostkaemper@jacob-pins.de