Jüdische Bürger in Höxter

Die Familie Löwendorf aus Löwendorf

Die Ursprünge der Familie Löwendorf liegen in Bayern (vermutlich Brennberg-Frankenberg). Der Ahnherr Salomon Samuel heiratete nach der Familienüberlieferung eine Frau aus einer angesehenen Paderborner Familie und lebte mit ihr zuächst in Bayern, wo die drei älteren Söhne Nathan, Wolf Salomon und Salomon, geboren wurden. Um 1760 entschloss er sich zum Umzug in das kleine Dorf Löwendorf, und hier wurden der vierte Sohn Bendix Salomon (Schlome) geboren. Über Töchter ist nichts bekannt.

Während der dritte Sohn Salomon (1760–1825) hier 1808 nach seinem Geburtsort den bürgerlichen Namen Frankenberg annahm und damit die in der Umgebung weit verbreitete Familie Frankenberg begründete, entschieden sich die drei anderen Söhne nach ihrem jetzigen Wohnort für den Namen Löwendorf. Der älteste Sohn Nathan (* 1757 – um 1827) und der jüngste Sohn Bendix Salomon (Schlome) (* 1769) blieben anscheinend unverheiratet, und so wurde Salomon Samuels Sohn Wolf Salomon Löwendorf (* 1758) zum Stammvater der Familie Löwendorf.

Dieser Wolf Salomon hatte mit seiner aus Haselig bei Fürth stammenden Frau Pess Josua (* 1779) außer sechs Töchtern, von denen nur Namen, Geburts- und einzelne Todesdaten gesichert sind, die Söhne Nathan und Salomon, die in Löwendorf und im nahen Vörden ihre Familien gründeten. Wolf Salomon Löwendorf war vermutlich Lumpensammler, denn auch die beiden Söhne verdienten den Familienunterhalt in den folgenden Jahrzehnten in der Umgebung mit dem Sammeln der damals für die Herstellung von Papier unerlässlichen Lumpen (Hadern).

Der Familienzweig von Nathan Löwendorf (1801–1860)

Das Haus Löwendorf in Löwendorf (2012)
Das Haus Löwendorf in Löwendorf (2012)
Die Familie Nathan Löwendorf in Löwendorf, 1857
Die Familie Nathan Löwendorf in Löwendorf, 1857

Wolf Salomons Sohn Nathan Löwendorf (1801–1860) blieb als Lumpensammler in Löwendorf. Die Geschäfte gingen wohl recht gut, so dass er nach Berichten ein Haus in Vörden kaufen konnte, um es in Löwendorf neu zu errichten, das – restauriert und umgestaltet – in seinem Grundbestand noch heute erhalten ist.

Nathan Löwendorf war verheiratet mit der aus Kemnade stammenden Fanny Kriesheim/Kriegsheim (✡ 1843) und nach ihrem Tod 1844 in zweiter Ehe mit der in Echte geborene Dorette Frankenstein (1808–1874). Mit seinen beiden Frauen hatte er neun Kinder. Jedoch sind bei sechs von ihnen nur die Namen, Geburts- und zum Teil auch die Todesdaten bekannt. Die Tochter Bertha/Betti (* 1829) wanderte 1852 nach Baltimore in die USA aus. Über die Familien und Nachkommen der Tochter Rosalie/Rosa („Röschen“) und des Sohns Wolf gibt es weitere Informationen.

Die Grabsteine für Nathan Löwendorf und seine Frauen Fanny und Dorette auf dem jüdischen Friedhof in Löwendorff
Die Grabsteine für Nathan Löwendorf und seine Frauen Fanny und Dorette auf dem jüdischen Friedhof in Löwendorff
Der Grabstein von Rosalie Stein geb. Löwendorf in Brakel
Der Grabstein von Rosalie Stein geb. Löwendorf in Brakel

Nathans Tochter Rosalie/Rosa (1846–1911) heiratete 1868 den Kaufmann Hartwig Stein (1839–1904) und lebte mit ihm in Brakel. Das Ehepaar hatte zehn Kinder, von denen mindestens drei schon als Kinder starben und andere Brakel verließen. Nur der mit Sophie Nathan verheiratete Sohn Wilhelm (1880–1930) scheint dauerhaft als Metzger in Brakel geblieben zu sein. Er wurde ebenso wie seine Mutter auf dem jüdischen Friedhof in Brakel begraben.

Wolf Löwendorf und seine Nachkommen

Nathans Sohn Wolf Löwendorf (1827–1892) heiratete 1858 die aus Amelunxen stammende Betty Holstein (1824–1911) und ging mit ihr von Löwendorf nach Vörden, wo er sicher in den Lumpenhandel seines Onkels Salomon (s.u.) eintrat. Das Ehepaar hatte fünf Kinder, von denen eine Tochter aber nach einem Tag starb.

Über Wolf Löwendorfs jüngste Tochter Jettchen (* 1863) ist nur bekannt, dass sie 1896 den in Verden geborenen Emil Baumgarten (* 1866) heiratete und mit ihm zunächst in Gütersloh lebte. Weitere Informationen, z.B. auch über mögliche Nachkommen fehlen.

Wolf Löwendorfs Tochter Fanny und ihre Kinder

Wolf Löwendorfs Tochter Fanny (* 1857) heiratete 1887 in dessen zweiter Ehe den Ovenhäuser Kaufmann Levy Uhlmann (1849–1927), und zu einem aus der ersten Ehe stammenden Sohn, der mit 14 Jahren starb, wurden vier Kinder in Ovenhausen geboren, von denen zwei später mit ihren Cousinen, zwei Töchtern von Fannys Bruder Nathan, verheiratet waren. [1]

Wilhelm (Willy) Uhlmann (1892–1964) heiratete seine Cousine Erna Löwendorf (1898–1993) und lebte mit ihr in Bielefeld. Die beiden entgingen der Deportation und wanderten 1936 in die USA aus, wo der Sohn Leonard (1939–2011) geboren wurde.

Norbert, Lene und Ilse Uhlmann
Norbert, Lene und Ilse Uhlmann

Fannys Löwendorfs ältester Sohn Norbert Uhlmann (* 1890) führte das Haushaltswarengeschäft der Familie in Ovenhausen weiter. Er hatte mit seiner Cousine Helene Löwendorf (* 1900) keine Kinder, und so adoptierten sie 1932 die 1931 in Paderborn geborene Ilse geb. Berghausen. Zusammen wurden sie am 13.12.1941 nach Riga deportiert und von dort im August 1944 zusammen nach Auschwitz verschleppt und ermordet.

Die Familie Gustav Uhlmann mit Frau Johanna und Sohn Walter um 1930 in Nentershausen
Die Familie Gustav Uhlmann mit Frau Johanna und Sohn Walter um 1930 in Nentershausen

Mit demselben Transport wurde auch Norberts in Höxter lebender Bruder Gustav Uhlmann (1894–1953) mit seiner aus Nentershausen stammenden Frau Johanna Katz (1895–1944) und dem Sohn Walter (* 1927) nach Riga deportiert. Bis zum Spätsommer 1944 konnte der Vater seine Familie als Angehöriger der jüdischen Lagerpolizei in Riga beschützen. Er wurde jedoch 1944 nach Libau abgeordnet, so dass seine Frau und sein Sohn nach Stutthof verbracht wurden, wo beide nach wenigen Wochen umkamen. Er selbst wurde über die Ostsee nach Fuhlsbüttel transportiert, musste von dort einen viertägigen Marsch nach Kiel-Hassee machen und gelangte schließlich durch Verhandlungen des Roten Kreuzes in die Freiheit nach Schweden, von wo er nach dem Krieg in die USA auswanderte.

Grete Uhlmann 1931
Grete Uhlmann 1931

Auch Grete Uhlmann (* 1897), die einzige Tochter Fannys, wurde ein Opfer des Holocaust. Sie lebte in Düsseldorf, besuchte aber regelmäßig ihre Familie in Ovenhausen und nahm dort an dörflichen Festen teil. Ihre berufliche Tätigkeit ist nicht bekannt. Vermutlich nutzte sie ihre Kontakte in Düsseldorf auch, um ihrem Bruder Kinder als Feriengäste zu vermitteln. Sie wurde am 10.11.1941 in das Ghetto ins Minsk deportiert und ist verschollen.

Wolf Löwendorfs Sohn Dietrich und seine Kinder

Wolf Löwendorfs älterer Sohn Dietrich (Jedidja) (1859–1943) wohnte mit seiner Frau Berta/Bertha Eisenstein (1867–1938) in Winnigstedt. Er besaß in Mattierzoll die Firma Lämmerhirt, eine Großhandlung für Getreide, Futter- und Düngemittel sowie aus dem Erbe seiner Frau eine Zuckerrübensaftfabrik. Für die sogenannte „Judenvermögensabgabe“ nach der Pogromnacht 1938 wurde sein Vermögen auf 285.000 RM festgesetzt. Als er jedoch sein Geschäft verkaufen wollte, um nach Palästina auszuwandern, verhinderte der Landrat in Wolfenbüttel den Verkauf, da damit „Vermögenswerte widerrechtlich der Devisenbewirtschaftung entzogen” würden. Zugunsten seines Sohns verzichtete Dietrich Löwendorf auf die mögliche Ausreise nach Palästina. Als der Verkauf 1942 genehmigt wurde, war es zu spät.

Dietrich Löwendorf, seine Frau Bertha, die Tochter Paula und der Sohn Wilhelm
Dietrich Löwendorf, seine Frau Bertha, die Tochter Paula und der Sohn Wilhelm
Stolpersteine für Dietrich Löwendorf und die emigrierten Kinder Walter und Paula in Winnigstedt
Stolpersteine für Dietrich Löwendorf und die emigrierten Kinder Walter und Paula in Winnigstedt

Dietrich Löwendorfs mit dem Bankierssohn John Levy verheiratete Tochter Paula (* 1896) war mit ihrem Mann und den beiden Kindern bereits 1934 nach Palästina ausgewandert, und Anfang 1938 ging auch der Sohn Walter (1892–1962), bei dem der Vater nach dem Tod seiner Frau in Braunschweig gelebt hatte, mit seiner Frau Mathilde Neuberg (* 1896) und den Kindern Peter (* 1921) und Gabriele (* 1923) nach Palästina. Dietrich Löwendorf musste dagegen in ein „Judenhaus“ ziehen und wurde am 16.3.1943 nach Theresienstadt deportiert. Dort kam er am 30.4.1943 um.

Wolf Löwendorfs Sohn Nathan und seine Kinder

Das Wohn- und Geschäftshaus Bacharach in Vörden (um 1920); links das alte Fachwerkhaus Löwendorf/Bacharach, in dessen Obergeschoss sich der Betraum der Vördener Juden befand
Das Wohn- und Geschäftshaus Bacharach in Vörden (um 1920); links das alte Fachwerkhaus Löwendorf/Bacharach, in dessen Obergeschoss sich der Betraum der Vördener Juden befand
Nathan Löwendorfs erste Frau Sara Abt
Nathan Löwendorfs erste Frau Sara Abt

Wolf Löwendorfs jüngerer Sohn Nathan (1861–1920) führte das Geschäft seines Vaters in Vörden weiter. 1896 heiratete er Sara Abt (1866–1910) aus Bebra und 1913 in zweiter Ehe die aus Dortmund stammende Sara Stern (1858–1935). Sechs Kinder gingen aus der ersten Ehe hervor, von denen ein Sohn als Kleinkind starb.

Die Töchter Helene (* 1900) und Erna (1898–1993) heiraten ihre Cousins Norbert (* 1890) und Willy Uhlmann (1892–1964), zwei Söhne von Fanny Löwendorf, verh. Uhlmann. Das Schicksal dieser Familien ist bereits oben berichtet worden.

Die in Detmold mit Max Flatow (* 1914) verheiratete Alma Löwendorf (* 1906) wurde am 31.3.1942 mit ihrem Mann und dessen Eltern nach Warschau deportiert. Ihre Schwester Frieda Löwendorf (1896–1944) heiratete 1929 den aus Seligenstadt stammenden Heinrich Bacharach (* 1889) und übernahm mit ihm das elterliche Kolonialwarengeschäft in Vörden. Die Ehe blieb kinderlos. Sie wurden am 13.12.1941 nach Riga deportiert. Von Frieda Bacharach ist bekannt, dass sie am 15.4.1944 in Riga-Kaiserwald ermordet wurde.

Der Familienzweig von Salomon Löwendorf (1804–1861)

Salomon Löwendorf (1804–1861) ist der zweite Sohn Wolf Salomon Löwendorfs über dessen Kinder und Nachkommen zahlreiche Informationen bekannt sind. Wie sein Vater war er Lumpensammler und lebte mit seiner in Vörden geborenen Frau Veilchen Israelsohn (1811–1865) in deren Heimatort Vörden, wo er sicher in das Geschäft ihrer Eltern eintrat. Im Obergeschoss des Hauses befand sich außerdem der Betraum der kleinen jüdischen Gemeinde. Die beiden hatten sechs Kinder, von denen aber vier als Kinder oder junge Leute starben. Vor allem der älteste Sohn Benjamin, aber auch sein Bruder Nathan haben deutliche Spuren hinterlassen.

Benjamin Löwendorf und seine Nachkommen

Das Wohn- und Geschäftshaus Benjamin Löwendorfs in Steinheim (markiert)
Das Wohn- und Geschäftshaus Benjamin Löwendorfs in Steinheim (markiert)

Benjamin Löwendorf (1838–1920) heiratete 1865 die in Albaxen geborene Edel (Etkal, Adelheid) Schlesinger (1839–1890) und lebte mit ihr zunächst in Vörden, wo die neun Kinder geboren wurden, von denen zwei als Kleinkinder starben. Um 1880 zog die Familie nach Steinheim, und Benjamin Löwendorf betrieb hier in der Marktstraße im Stadtzentrum ein Altwarengeschäft mit einem Schwerpunkt auf (gusseisernen) Ofentüren. Außerdem fungierte er für die Steinheimer Juden als Schlächter.

Benjamin Löwendorf mit drei Töchtern vor dem Haus in Steinheim (um 1905)
Benjamin Löwendorf mit drei Töchtern vor dem Haus in Steinheim (um 1905)

Die Kinder wurden streng erzogen. So ließ Benjamin Löwendorf seinem Sohn Salomon z.B. nur 15$ der 25$, die ihm ein amerikanischer Geschäftsfreund aus Akron, Ohio, geschickt hatte, der Salomon als Lehrling annehmen wollte. Denn 25$ schienen dem Vater jedoch zu viel, und er behielt des Rest. Und als Salomon Löwendorf 1909 mit seiner Frau und seinem Sohn Chester aus Amerika zu einem Besuch nach Steinheim kam, drohte er dem noch nicht siebenjährigen Chester mit der Peitsche, als er ihn mit seinen Eltern Englisch sprechen hörte.

Salomon Löwendorf (1866–1950), der einzige Sohn Benjamins, ging also 1883 als 17-Jähriger auf die Reise nach Amerika und machte zunächst in Akron eine Lehre. 1894 kehrte er erstmals zu einem Besuch nach Steinheim zurück. Vielleicht wurden hier auch Verbindungen zu der Familie Desenberg in Löwendorf geknüpft, deren Tochter Fanny schon 1868 in die USA ausgewandert war und sich dort mit Henry Stern verheiratet hatte.

Sol Lowendorf mit Angestellten und Nachbarn vor dem Geschäft in Niles Anfang des 20. Jahrhunderts
Sol Lowendorf mit Angestellten und Nachbarn vor dem Geschäft in Niles Anfang des 20. Jahrhunderts

Um 1900 zog Salomon Löwendorf, jetzt Sol(omon) Lowendorf, von Akron nach Niles und eröffnete dort ein Kurzwarengeschäft, das er 1907 in ein Herrenbekleidungsgeschäft umwandelte und immer weiter ausbaute. 1901 heiratete er die bereits in Amerika geborene geborene Clara Stern (1875–1973), eine Tochter der oben genannten Fanny geb. Desenberg, und im folgenden Jahr wurde der einzige Sohn Chester geboren.

Sol Lowendorf mit seiner Frau Clara und dem Sohn Chester (um 1915)
Sol Lowendorf mit seiner Frau Clara und dem Sohn Chester (um 1915)
Henry Lowendorf mit seiner Frau Susan 2011 am Grab seiner Urgroßmutter Edel in Steinheim
Henry Lowendorf mit seiner Frau Susan 2011 am Grab seiner Urgroßmutter Edel in Steinheim

Eine Darstellung des Lebens des Chirurgen Dr. Chester Lowendorf (1902–1980), seiner Frau Bess Malkoff (1909–2003) und ihrer drei Kinder Maxine (* 1940), Henry (* 1942) und Lisa (*1950) würde den vorliegenden Rahmen sprengen, aus einer Erinnerungsschrift zu seinem 100. Geburtstag [2] geht jedoch hervor, dass er mit seiner Familie 1959 Europa besuchte und auf der Reise nach Deutschland auch nach Löwendorf, Vörden und Steinheim kam, wo seine Vorfahren gelebt hatten, ein Besuch, den Chesters Sohn Henry Lowendorf mit seiner Frau 2011 wiederholte.

Besuch in Löwendorf: Ortsvorsteher Antonius Schulte, Frau Henze, heutige Besitzerin des Hauses Löwendorf, Stuart Patz und seine Frau, Dorfchronistin Annegret Potthast
Besuch in Löwendorf: Ortsvorsteher Antonius Schulte, Frau Henze, heutige Besitzerin des Hauses Löwendorf, Stuart Patz und seine Frau, Dorfchronistin Annegret Potthast

Elf Jahre nach ihrem Bruder Salomon ging auch seine jüngere Schwester Sophie Löwendorf (1878–1941) mit ihrem dorthin zurückkehrenden Bruder in die USA. Sie heiratete den ebenfalls in Deutschland geborenen Joseph Patz (1878–1954) und lebte mit ihm in Pittsburgh, wo die drei Kinder Milton (1899–1962), Esther (1906-2001) und Sidney (1911–1970) geboren wurden. Auch diese Familie erinnert sich an die Herkunft aus Ostwestfalen, und so besuchte der Sophies Enkel Stuart Patz (* 1943) mit seiner Frau 2011 auf einer Reise auch die Häuser und Gräber der Familie Löwendorf in Löwendorf, Vörden und Steinheim.

Die anderen Töchter Benjamin Löwendorfs blieben vorläufig in Deutschland, wo drei von ihnen im Dritten Reich Opfer des Holocaust wurden. Die Schwestern Fanny (* 1868) und Elise (* 1872) lebten unverheiratet in Steinheim und verdienten ihren Lebensunterhalt nach dem Tod der Eltern mit Handarbeiten. Sie bemühten sich vergeblich um eine Ausreise nach Amerika und wurden am 31.7.1942 zusammen nach Theresienstadt deportiert und dann am 23.9.1942 zur Ermordung nach Treblinka verschleppt.

Ihre Schwester Jenny (1870–1943) blieb nach dem Tod ihres Mannes, des Kaufmann Josef Rosenthal, in Hamm, von wo sie am 29.7.1942 nach Theresienstadt und dann am 20.1.1943 ebenfalls nach Treblinka verbracht und dort ermordet wurde. Das Schicksal ihrer als Meer verheirateten Tochter Edith ist im Gegensatz zu dem des Sohns Leo nicht bekannt.

Dieser Leo Rosenthal (1908–1938) war Buchhändler. Er gehörte der KPD an und reiste 1935 im Auftrag des ZK nach Moskau, wohin ihm seine 1931 geheiratete Frau Margarithe Franck (1911–1983) 1937 mit der Tochter Ruth (* 1933) folgte. Im selben Jahr wurde die Tochter Dolores (* 1937) geboren. Leo Rosenthal, der in Moskau als Korrektor in einer Druckerei arbeitete, wurde am 23.3.1938 wegen angeblicher Spionage verhaftet und nach einem Prozess am 16.8.1938 erschossen. Er wurde erst 1960 rehabilitiert. Seine Frau, der man mit ihren Töchtern die Ausweisung nach Nazi-Deutschland androhte, arbeitete 1941 in einem Sanatorium in Osch (Kirgisien). 1946 kehrte sie nach Deutschland zurück, wo sie dann der SED angehörte und als Dolmetscherin arbeitete, zuletzt im DDR-Ministerium des Innern.

Sol Lowendorf mit seinen Schwestern Lena, Sophie und Rosa in den USA
Sol Lowendorf mit seinen Schwestern Lena, Sophie und Rosa in den USA

Während also drei Töchter Benjamin Löwendorfs in den Lagern des Dritten Reiches ermordet wurden, konnten ihre beiden anderen noch in Deutschland lebenden Schwestern mit der Hilfe ihres Bruders Salomon im Dritten Reich in die USA emigrieren. Seine Schwester Lena/Lina (* 1879) war in Hamm als Günther verheiratet. Als Witwe folgte sie ihren bereits zuvor emigrierten Kindern William (* ca. 1915) und Elisa (* ca. 1917) Ende 1937 in die USA. Im folgenden Jahr 1938 konnte auch die in Hildesheim lebende Schwester Rosa (* 1867), deren Mann Julius Blumenthal ebenfalls gestorben war, mit der Tochter Erna (* ca. 1900) und dem Schwiegersohn Max Weinmann (* ca. 1890) in die USA emigrieren, wohin der Sohn Walter (* 1901) 1936 vorangegangen war. Sie wohnten dort 1940 in Pittsburgh, ebenso wie Rosas Schwestern Lena und Sophie.

Nathan Löwendorf und seine Nachkommen

Die Quellenlage zu Benjamin Löwendorfs jüngstem Bruder Nathan (* 1849) ist schwierig, und die wohl bei dessen Kindern veränderte Schreibung des Namens Löwendorff sorgt für Verwirrung. Jedoch kann man wohl davon ausgehen, dass es sich bei einem später in Dortmund verzeichnete Nathan Löwendorf tatsächlich um den jüngeren Sohn Salomon Löwendorfs handelt. Denn ein Gedenkblatt in Yad Vashem verzeichnet als Vater der Tochter Hedwig einen Nathan Löwendorf, und auch die Bezeichnung von Nathans Sohn Norbert als “cousin” in den Erinnerungen über den in Amerika lebenden Chester Lowendorf lässt die Zuordnung recht sicher erscheinen. Auch ist in den Dortmunder Adressbüchern ein Metzger Nathan Löwendorf verzeichnet.

Max Löwendorff
Max Löwendorff

Der älteste Sohn Max Löwendorff (* 1886) war mit Gertrud Helene Wolff (* 1891) aus Hagen verheiratet und lebte mit ihr als Lederhändler in Dortmund, von wo die beiden später nach Köln umzogen. Von dort wurde das Ehepaar am 22.4.1941 gemeinsam mit Max’ als Nerreter verheirateter und vermutlich verwitweter Schwester Hedwig (1891–1943) in das Ghetto Lodz deportiert und dort in der Kreuzstr. 7, Wohnung 5, eingepfercht. Hedwig Nerreter wurde am 31.1.1943 ermordet wurde, Ort und Datum des Todes von Max und Gertrud Löwendorff sind unbekannt.

Auch ihre Tochter Doris Löwendorff (1924–1944) fiel dem Holocaust zum Opfer. Die Eltern schickten sie 1939 zwar zu einer bereits vorher dorthin emigrierten Schwester Gertrud Löwendorffs in die Niederlande nach Amersfoort; sie wurde jedoch über das Lager Westerbork am 3.3.1944 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Ihr jüngerer Bruder Werner Bruno (* 1927) überlebte im Versteck in den Niederlanden. Er ging nach dem Krieg nach England, wo er den Namen Bruce Werner Lowe annahm und 1951 eingebürgert wurde. Dort heiratete er seine Frau Sonia Lesser und hatte mit ihr zwei Söhne. Nachkommen leben heute in Manchester und Jerusalem.

Einbürgerung Norbert Löwendorffs in Amsterdam, 1951
Einbürgerung Norbert Löwendorffs in Amsterdam, 1951

Siegfried (* 1888) und Norbert Löwendorff (1911–1969), die beiden anderen Söhne Nathan Löwendorffs, überlebten die Deportation und gingen nach ihrer Rückkehr aus dem Konzentrationslager in die Niederlande, wohin sie wohl bereits vor dem Krieg emigriert waren. Von Norbert ist belegt, dass er 1951 in Amsterdam eingebürgert wurde. Er heiratete Cornelia (Kay) de Haaff (1913–1997), deren erster Mann Martijn Ivo Spitz in Auschwitz ermordet wurde und die selbst dort medizinischen Experimenten unterzogen wurde. Der in den USA lebende ”cousin“ Chester Lowendorf besuchte die beiden in den 1950er Jahren in Holland, und 1961 kam es zu einem Gegenbesuch in den USA.

[1] Zur Familie Uhlmann siehe die entsprechenden Beiträge in: Stefan Baumeier / Heinrich Stiewe (Hgg.): Die vergessenen Nachbarn. Juden auf dem Lande im östlichen Westfalen. Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte, 2006
[2] Memories of Chester Stern Lowendorf. On the 100th Anniversary of His Birth. [Privatdruck] 2002.

Fritz Ostkämper, 2.7.2017
e-mail: ostkaemper@jacob-pins.de