Forum Jacob Pins

Riga, Zaun

Auf den Spuren der Höxteraner Juden in Riga

Studienfahrt vom 3. bis 8. September 2019

Es war bereits die 9. Studienfahrt, die die Jacob Pins Gesellschaft zur Geschichte der Juden durchführte. Reiseziele bisher waren Worms – Mainz – Speyer, Berlin, Erfurt, Köln, Frankfurt, Mechelen – Brüssel – Antwerpen (Belgien), Straßburg (Frankreich) und Nürnberg. Immer waren das Interesse und die Teilnehmerzahlen groß, die Wartelisten lang. In diesem Jahr war es eine besondere Fahrt: die Anreise mit dem Flugzeug, die Kooperation mit dem IBB (Institut für Bildung und Begegnung) in Dortmund, ein Reiseleiter vor Ort.

41 Juden aus Höxter, Fürstenau und Ovenhausen wurden am 13. Dezember 1941 über die Sammelstelle Bielefeld in das Ghetto der lettischen Hauptstadt Riga deportiert. Es waren Menschen wie die 72-jährige Berta Himmelstern, die gemeinsam mit ihrer Tochter Regina Simson, deren Ehemann Siegfried Simson und den 4 Kindern Ruth (8 J.), Werner (7 J.), Henriette (5 J.) und Günter (4 J.), alle wohnhaft Westerbachstraße 12 in Höxter, die Fahrt in den Tod antrat. Ida und Dr. Leo Pins, die Eltern von Jacob Pins, der Arzt Dr. Richard Frankenberg und seine Frau Anna gehörten ebenfalls zu denen, die wenige Tage vorher einen schriftlichen Deportationsbescheid erhalten hatten. Aus Fürstenau waren der Viehhändler David Löwenstein, seine Frau Bernhardine und die beiden Kinder Kläre (14 J.) und Helmut (10 J.) mit in dem Zug, der die Juden am 10. Dezember vom Bahnhof in der Corveyer Allee nach Bielefeld in ein Sammellager brachte.

Sich ihrer zu erinnern, die fern von ihrem Zuhause in Massengräbern verscharrt wurden, deren Grab kein Verwandter oder Nachbar jemals besuchen konnte, war das Anliegen der 27-köpfigen Reisegruppe aus Höxter, die sich für die 9. Studienfahrt „auf jüdischen Spuren“ nach Riga angemeldet hatten.

Granitstelen und Gedenkmal an der Mordstätte im Wald von Rumbula
Granitstelen und Gedenkmal an der Mordstätte im Wald von Rumbula

Zum historischen Hintergrund: Nachdem Stalins Truppen 1940/41 Lettland besetzt hatten – etwa 50.000 Letten, Esten und Litauer wurden als politische Häftlinge nach Sibirien deportiert –, folgten ihnen nach kurzen Kampfhandlungen Ende Juni 1941 die Soldaten der deutschen Wehrmacht als Besatzer. Noch im Juli 1941 wurden etwa 30.000 lettische Juden in ein umzäuntes Ghetto im Stadtteil „Moskauer Vorstadt“ zusammengetrieben und in zwei Aktionen Ende November / Anfang Dezember im Wald von Rumbula von Wehrmachtssoldaten und ihren lettischen Helfern unter dem Kommando des SS- und Polizeiführers Friedrich Jeckeln erschossen. Dann begannen die Transporte deutscher Juden nach Riga, insgesamt etwa 25.000 wurden in das „Reichsjudenghetto“ Riga verschleppt. Von ihnen haben etwa 1100 überlebt.

Zunächst gab es das übliche touristische Programm für die Reisegruppe aus Höxter: Informationen zur Geschichte Lettlands, einen Stadtrundgang zu den Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt Riga, später einen Besuch des Badeortes Jurmala mit seinen vielen Holzhäusern an der Ostsee.

Besuche im jüdischen Gemeindehaus und in der Jugendstil-Synagoge in der Altstadt
Besuche im jüdischen Gemeindehaus und in der Jugendstil-Synagoge in der Altstadt

Im Zentrum der Reise aber standen Besuche des Ghetto-Museums, der jüdischen Gemeinde, der Gedenkstätten Bikernieki, des KZ Kaiserwald, der Massengräber im Wald von Rumbula, des Bahnhofs Skirotava, der Jugendstil-Synagoge in der Altstadt. Ein Gang durch die Straßen des ehemaligen Ghettos einschließlich der Vilanu iela, der Bielefelder Straße, rundete dieses Erinnerungsprogramm ab.

Der Bahnhof von Skirotava und ein Waggon, mit dem deutsche und österreichische Juden nach Riga deportiert wurden
Der Bahnhof von Skirotava und ein Waggon, mit dem deutsche und österreichische Juden nach Riga deportiert wurden

Der Bahnhof von Skirotava, einige Kilometer von Riga entfernt, war das Deportationsziel der rund 1.000 Juden aus dem Raum Bielefeld, die am 16. Dezember 1941 bei eisigem Winterwetter dort eintrafen. Den Alten und Kindern wurde empfohlen, auf einem LKW zum Ghetto zu fahren, das Gepäck sollte ebenfalls dorthin transportiert werden – weder Menschen noch Koffer kamen jemals dort an.

Im Ghetto wurden den ankommenden Juden des Transports aus Bielefeld die Wohnungen der kurz zuvor im Wald von Rumbula ermordeten lettischen Juden zugewiesen. Dr. Frankenberg und seine Frau sowie Dr. Leo Pins und seine Frau Ida Pins bezogen mit zwei anderen Familien im selben Haus eine Wohnung. Die vierköpfige Familie David Löwenstein aus Fürstenau wohnte mit seinen Schwestern Rosa und Berta sowie ihren Ehemännern Hermann Dillenberg und Emanuel Jacobi zusammen. Für kurze Zeit kam auch die verwitwete Schwester Golda Löwenhardt aus Dortmund dazu, bis diese auf einen Transport geschickt und auf dem Weg mit LKW-Abgasen ermordet wurde.

„Bielefelder Straße“: So nannten die Juden des Bielefelder Transports „ihre“ Straße – heute wieder „Vilanu iela“; rechts: Gedenkmal auf dem alten jüdischen Friedhof
„Bielefelder Straße“: So nannten die Juden des Bielefelder Transports „ihre“ Straße – heute wieder „Vilanu iela“; rechts: Gedenkmal auf dem alten jüdischen Friedhof

Über die Zustände im Ghetto schreibt der Überlebende Gustav Uhlmann am 29.10.1945 aus dem Flüchtlingslager Holsbybrunn in Schweden an Laura Sander, eine Cousine von Ida Pins: „Die ersten 14 Tage haben wir keine Verpflegung bekommen und mußten davon leben, was wir in den Wohnungen vorgefunden haben. Es sind gleich viele gestorben: Frau Himmelstern, Bukofzer, das Kind von Bukofzer…. Simson ist erschossen worden. Im Ghetto mußten alle arbeiten. Dr. Pins hat bei der Reichsbahn gearbeitet und Frau Pins in der Kleiderkammer. 1943 sind dieselben bei der Reichsbahn bei Riga kaserniert worden und 1944 im Juli mit einer Aktion wie auch mein Bruder [Norbert aus Ovenhausen] mit Frau fortgekommen. Leider dahin wo kein Wiederkehren möglich ist. Auch Dr. Frankenberg und Frau Regine [Simson] mit 4 Kindern…“

Im Ghetto-Museum entdecken die Höxteraner Besucher auf einer langen Gedenkmauer mit den Namen von 25.000 europäischen Juden auch die der aus Höxter deportierten
Im Ghetto-Museum entdecken die Höxteraner Besucher auf einer langen Gedenkmauer mit den Namen von 25.000 europäischen Juden auch die der aus Höxter deportierten

1943 befahl Reichsführer-SS Himmler die Auflösung der Ghettos im Baltikum. Die Bewohner wurden in Konzentrationslager verlegt oder direkt ermordet. Im Rigaer Villenvorort Kaiserwald entstand das gleichnamige Konzentrationslager, in das die noch arbeitsfähigen Männer und Frauen gebracht wurden, darunter auch aus Fürstenau Helmut Löwenstein, sein Vater, seine Mutter Bernhardine und Schwester Kläre. Der Vater erkrankte schwer und starb bald darauf, Mutter und Schwester „krepierten“ nach einer weiteren Verlegung 1944 im KZ Stutthof bei Danzig. Helmut Löwenstein überlebte, der 14-Jährige kehrte nach Fürstenau zurück. Er lebt heute in Florida und besuchte im vergangenen Jahr mit seinen Töchtern Höxter und Fürstenau.

Verlesung der Namen der Opfer aus Höxter an der Gedenkstätte im Wald von Bikierniki
Verlesung der Namen der Opfer aus Höxter an der Gedenkstätte im Wald von Bikierniki

Emotionaler Höhepunkt war für alle Teilnehmer der Fahrt der Besuch der Gedenkstätte Bikernieki bei Riga. 5000 Steine, aus Granit gehauen, erinnern an die etwa 20.000 Juden, 10.000 russischen Kriegsgefangenen und 5.000 Widerstandskämpfer, die im idyllischen Kiefernwald von der SS und ihren lettischen Hilfskräften erschossen und in 50 Massengräbern verscharrt wurden. Auch Dr. Frankenberg und ebenso wohl das Ehepaar Pins sind dort ermordet worden. 2001 wurde die Gedenkstätte auf Initiative des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge und des Riga-Komitees eingeweiht. Das Riga-Komitee ist ein Zusammenschluss von mittlerweile 60 Städten in Deutschland und Österreich (Wien), aus denen Juden nach Riga deportiert wurden.

Nach jüdischem Brauch: Kieselsteine für die Opfer aus Höxter – ihre Gräber sind unbekannt
Nach jüdischem Brauch: Kieselsteine für die Opfer aus Höxter – ihre Gräber sind unbekannt

Die Höxteraner Besucher fanden im Stelenlabyrinth die Granitplatte mit der Inschrift „Bielefeld“. Fritz Ostkämper, der seit Jahrzehnten die Biografien der Höxteraner Juden erforscht, berichtete über ihr Schicksal – von der Ankunft am Bahnhof Skirotava, den Verhältnissen im Ghetto bis zum elenden Tod. Bärbel Werzmirzowsky verlas die 41 Namen der am 13. Dezember 1941 nach Riga Deportierten. Da Besucher jüdischer Friedhöfe nicht Blumen, sondern kleine Steine auf den Gräbern ablegen, hatten die Teilnehmer der Fahrt Weserkieselsteine, beschriftet mit den Namen der ermordeten Juden aus Höxter, Fürstenau und Ovenhausen mitgebracht. Es war ein würdiges und sehr bewegendes Gedenken an die Menschen, die „gute Bürger waren, die niemand etwas getan hatten und die sterben mussten, nur weil sie Juden waren“ (Zitat Elsa Pins).

Bärbel Werzmirzowsky

In der Gedenkstätte Bikernieki: Granitquader mit Hiobzitat, daneben Fritz Ostkämper, Vorsitzender der Jacob Pins Gesellschaft.
In der Gedenkstätte Bikernieki: Granitquader mit Hiobzitat, daneben Fritz Ostkämper, Vorsitzender der Jacob Pins Gesellschaft.

Ebenfalls Lesenswert: „Endstation Riga“ - Reisebericht von Lutz Havemann