Jüdische Bürger in Höxter

Opfer der Shoah aus den Dörfern

40 Juden wurden 1941/42 aus heute nach Höxter eingemeindeten Dörfern in die Ghettos und Konzentrationslager des Dritten Reiches deportiert, nur zwei von ihnen überlebten. Die folgenden Kurzbiografien, geordnet nach dem Wohnort, erinnern an diese Opfer des Dritten Reiches.

Albaxen

Der Grabstein für David Schlesinger auf dem Jüdischen Friedhof in Höxter
Der Grabstein für David Schlesinger auf dem Jüdischen Friedhof in Höxter

Schlesinger, David, * 20.11.1880 in Albaxen, Sohn von Israel Schlesinger und Julie (Gitel), geb. Silberberg aus Madfeld.
Als zweites Kind der Familie geboren, führte er nach dem Tod der Eltern (1915 bzw. 1922) mit seiner Schwester Minna das Gemischtwarengeschäft der Eltern bis 1938 fort, in dem auch Textilien und Haushaltsbedarf angeboten wurden. Als Sanitäter des Weltkriegs versorgte er den Notdienst für einfache ärztliche Hilfe im Dorf und führte in seinem „Drogenschrank“ auch Arzneimittel. Nach Aussagen von Zeitzeugen bestand „ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen ihm und dem Dorf“ und man konnte bei ihm auch anschreiben lassen. In der Pogromnacht 1938 wurde er nachts aus dem Bett geholt und mit einem offenen Kübelwagen nach Höxter transportiert. Blutüberströmt und bewusstlos kam er am Rathaus in Höxter an, dessen Keller als Gefängnis diente. Dem bereits inhaftierten jüdischen Arzt Dr. Richard Frankenberg gelang noch Schlesingers Verlegung ins Krankenhaus, wo er am folgenden Morgen starb. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Höxter beerdigt. In einem Prozesse nach dem Krieg konnte die Todesursache nicht beweisbar geklärt werden, obwohl es Indizien gab, dass die SA-Leute Schlesinger vom fahrenden Wagen geworfen hatten. Bestraft wurde nur der ehemalige NSDAP-Ortsgruppenleiter wegen schwerer Freiheitsberaubung. Die Strafe wurde jedoch wegen der vorausgegangenen Internierungs- und Untersuchungshaft als verbüßt angesehen.

Erinnerungen eines Zeitzeugen aus Albaxen, <i>Neue Westfälische,</i> 9.11.1988
Erinnerungen eines Zeitzeugen aus Albaxen, Neue Westfälische, 9.11.1988

Schlesinger, Minna, * 5.8.1889 in Albaxen, Tochter von Israel Schlesinger und Julie (Gitel), geb. Silberberg aus Madfeld.
Zusammen mit ihrem Bruder David führte sie nach dem Tod de Eltern (1915 bzw. 1922) das elterliche Kolonialwaren- und Manufakturgeschäft weiter. Nach dem Tod ihres Bruders in der Pogromnacht vom 9./10.1938 und der „Arisierung“ des Geschäfts war auch ihre Existenzgrundlage vernichtet. 1940 wurde sie vom Amtsbürgermeister als „arbeitsfähig“ gemeldet, allerdings ist unbekannt, wo sie „eingesetzt“ wurde. Im März 1942 wurde sie von der Gestapo im Rahmen der „Endlösung“ zum „Arbeitseinsatz im Osten“ abgeholt. Letztes Lebenszeichen war eine Karte aus dem Warschauer Ghetto. Sie wurde 1952 für tot erklärt. Das Wohnhaus mit Scheune und ca. drei Morgen Land waren in das Eigentum des Deutschen Reiches übergegangen.

Fürstenau

Klassenfoto der Quinta 1913 mit Albert Bachmann (nicht identifiziert)
Klassenfoto der Quinta 1913 mit Albert Bachmann (nicht identifiziert)

Bachmann, Albert, * 7.11.1899 in Fürstenau, Sohn von Moses Bachmann und dessen erster Ehefrau Sara (Salchen) geb. Dillenberg (aus Ovenhausen).
Er besuchte nach der Volksschule von 1911-1915 das Gymnasium in Höxter und trat dann in den Viehhandel seines Vaters, Fürstenau Nr. 61, ein, den er später mit seinem Bruder Hermann weiterführte. Am 1.4.1932 heiratete er die aus Fritzlar gebürtige Sidonia geb. Mansbach. Die Ehe blieb kinderlos. Nach 1933 ging das Viehhandelsgeschäft zurück, aber die Existenz blieb noch gesichert, da „arische“ Konkurrenten fehlten und zudem schlechter zahlten. Ende September 1938 wurde den Brüdern jedoch der Viehhandel verboten, und nach der Pogromnacht wurde Albert bis zum 19.12.1938 im KZ Buchenwald inhaftiert. Das Ehepaar wurde am 13.12.1941 nach Riga und von dort (wohl im Juni 1944) nach Stutthof verbracht. Albert Bachmann wurde am 12.12.1944 in Königsberg ermordet. Seine Frau kam wenige Monate später in Stutthof um.

Bachmann, Berta, geb. Silberberg, * 9.11.1903 in Lichtenau, Tochter von Louis Silberberg und Julie geb. Eichengrün.
Sie heiratete am 14.9.1929 den Viehhändler Siegfried Bachmann, Fürstenau Nr. 101, und hatte mit ihm die Tochter Inge, die nach dem Ausschluss der Juden aus den öffentlichen Schulen die Israelitische Gartenbauschule in Hannover-Ahlem besuchte. Die Familie wurde am 13.12.1941 nach Riga deportiert und dort nach dem Krieg für tot erklärt.

Bachmann, Emma, geb. Fischel, * 12.12.1877 in Rimbeck.
Sie heiratete anscheinend spät den Viehhändler Meier Bachmann und lebte mit ihm in Fürstenau Nr. 61. Die Ehe blieb kinderlos. Zusammen wurde das Ehepaar am 31.7.1942 nach Theresienstadt und von dort am 23.9.1942 zur Ermordung nach Treblinka deportiert.

Hermann Bachmann muss sich wegen der Schlachtung einer Ziege rechtfertigen, 10.2.1941
Hermann Bachmann muss sich wegen der Schlachtung einer Ziege rechtfertigen, 10.2.1941

Bachmann, Hermann, * 25.11.1901 in Fürstenau, Sohn von Moses Bachmann und dessen erster Ehefrau Sara (Salchen) geb. Dillenberg (aus Ovenhausen).
Er trat nach der Schulzeit in den Viehhandel des Vaters, Fürstenau Nr. 61, ein und führte ihn später zusammen mit seinem Bruder Albert weiter. Er blieb unverheiratet. Nach 1933 ging das Viehhandelsgeschäft zurück, aber die Existenz blieb noch gesichert, da „arische“ Konkurrenten fehlten und zudem schlechter zahlten. Ende September 1938 wurde den Brüdern jedoch der Viehhandel verboten. Am 13.12.1941 wurde Hermann Bachmann nach Riga deportiert und im September 1943 in Auschwitz ermordet.

Inge Bachmann (rechts) mit Kläre und Helmut Löwenstein
Inge Bachmann (rechts) mit Kläre und Helmut Löwenstein

Bachmann, Inge, * 22.11.1929 in Fürstenau, Tochter von Siegfried Bachmann und Berta geb. Silberberg, Fürstenau Nr. 101.
Sie besuchte zunächst die Schule in Fürstenau, wurde aber nach der Pogromnacht wie alle jüdischen Kinder aus dem öffentlichen Schulwesen verwiesen und war deshalb zwei Jahre lang Schülerin der Israelitischen Gartenbauschule in Hannover-Ahlem. Ende November 1941 musste sie nach Fürstenau zurückkehren und wurde am 13.12.1941 mit ihren Eltern in das Ghetto Riga deportiert. Dort verlieren sich ihre Spuren.

Das Haus von Meier Bachmann (links)
Das Haus von Meier Bachmann (links)

Bachmann, Meier, * 1.4.1864 in Fürstenau, Sohn von Nathan Bachmann und dessen zweiter Frau Eva geb. Löwenstein (aus Frohnhausen).
Er führte mit seinem Vater und später mit seinen Neffen Albert und Hermann den Viehhandel der Familie, Fürstenau Nr. 61, fort. Anscheinend spät heiratete er seine Frau Emma Fischel aus Rimbeck. Am 31.7.1942 wurde das Ehepaar zunächst nach Theresienstadt und von dort am 23.9.1942 zur Ermordung nach Treblinka deportiert.

Moritz Bachmann um 1937
Moritz Bachmann um 1937

Bachmann, Moritz, * 9.3.1895 in Fürstenau, Sohn von Alex Bachmann und Emma geb. Kohlenstein (aus Fürstenau).
Er war ledig und führte zusammen mit seinem Bruder Siegfried den väterlichen Viehhandel, Fürstenau Nr. 101, fort. Die Familie war wohlhabend und verfügte über rund 7 Hektar Grundbesitz. Das Geschäft ging im Dritten Reich allmählich zurück, bot jedoch bis in die zweite Hälfte der 1930er Jahre eine Existenzgrundlage, da „arische“ Konkurrenten fehlten und die jüdischen Viehhändler besser zahlten. Zum 30.9.1938 mussten die Brüder ihre Legitimationskarten als Handlungsreisende abgeben und wurden nach der Pogromnacht 1938 bis zum 12.12.1938 im KZ Buchenwald inhaftiert. Zusammen mit dem Bruder und dessen Familie wurde Moritz Bachmann am 13.12.1941 nach Riga deportiert und nach dem Krieg für tot erklärt.

Häftlings-Personal-Karte für Sidonia Bachmann in Stutthof
Häftlings-Personal-Karte für Sidonia Bachmann in Stutthof

Bachmann, Sidonia, geb. Mansbach, * 23.9.1899 in Fritzlar, Tochter von Ascher Mansbach und Emma geb. Marx.
Sie heiratete am 1.4.1932 den Viehhändler Albert Bachmann in Fürstenau. Die Ehe blieb kinderlos. Zusammen mit ihrem Mann wurde sie am 13.12.1941 nach Riga deportiert, von wo beide (wohl im Juni 1944) nach Stutthof verbracht wurden. Dort kam Sidonie im April 1945 um, nachdem ihr Mann schon im Dezember 1944 gestorben war.

Siegfried und Moritz Bachmann verlieren zum 30.9.1938 ihre Legitimationskarten als Viehhändler
Siegfried und Moritz Bachmann verlieren zum 30.9.1938 ihre Legitimationskarten als Viehhändler

Bachmann, Siegfried, * 8.8.1892 in Fürstenau, Sohn von Alex Bachmann und Emma geb. Kohlenstein (aus Fürstenau).
Er trat nach der Schulzeit in den Viehhandel seines Vaters, Fürstenau Nr. 101, ein und führte ihn später zusammen mit seinem Bruder Moritz fort. Am 14.4.1929 heiratete er die aus Lichtenau stammende Berta geb. Silberberg, mit der er die 1929 geborene Tochter Inge hatte. Die Familie war wohlhabend und verfügte über rund 7 Hektar Grundbesitz. Das Geschäft ging im Dritten Reich allmählich zurück, bot aber bis in die zweite Hälfte der 1930er Jahre eine Existenzgrundlage, da „arische“ Konkurrenten fehlten und die jüdischen Viehhändler besser zahlten. Zum 30.9.1938 mussten aber die Brüder ihre Legitimationskarten als Handlungsreisende abgeben. Siegfried wurde beim Novemberprogrom 1938 durch einen Stich ins Gesäß verletzt und dann bis mit seinem Bruder zum 12.12.1938 im KZ Buchenwald inhaftiert. Die ganze Familie wurde am 13.12.1941 nach Riga deportiert und dort für tot erklärt.

Böhm, Karoline (Lina), geb. Kirchheimer, * 5.4.1873 in Nieheim, Tochter von Aron Kirchheimer und Mina geb. Grünewald (aus Fürstenau).
Sie war zunächst mit einem Böhm (Vorname unbekannt) verheiratet und kam nach der Scheidung in den 1920er Jahren nach Fürstenau, woher auch ihre Stiefmutter Jettchen Kirchheimer geb. Bachmann stammte. Hier führte sie wegen der Krankheit der Hausfrau Regine und auch nach ihrem Tode (1932) den Haushalt der Familie Judenberg, Fürstenau Nr. 76. Zusammen mit den Familienmitgliedern wurde sie am 31.7.1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 29.12.1944 umkam.

Bestrafung Hermann Dillenberg (10 RM) wegen Nicht-Tragens des Judensterns, 18.10.1941; seine Frau Rosa erhielt dieselbe Strafe
Bestrafung Hermann Dillenberg (10 RM) wegen Nicht-Tragens des Judensterns, 18.10.1941; seine Frau Rosa erhielt dieselbe Strafe

Dillenberg, Hermann, * 20.1.1884 in Ovenhausen, Sohn von Meyer Dillenberg und Hannchen geb. Bierhoff (aus Borgentreich).
Nach dem Schulbesuch trat er zunächst in den elterlichen Viehhandel in Ovenhausen ein. Am 24.3.1914 heiratete er die Fürstenauerin Rosa geb. Löwenstein, mit der er die Söhne Ernst (* 1915) und Albert (* 1920) hatte. Aus dem 1. Weltkrieg kehrte er verwundet zurück. In den 1920er Jahren verzog die Familie nach Fürstenau Nr. 87b, wo sie in den folgenden Jahren vom Handel vor allem mit Schafen, Ziegen und Kälbern lebte. Wegen (angeblichen) Verstoßes gegen die Gewerbeordnung wurde Hermann Dillenberg im Sept. 1938 der Viehhandel untersagt. Er wurde nach der Pogromnacht mit seinen Söhnen in Buchenwald inhaftiert und kehrte am 27.11.1938 nach Fürstenau zurück. Am 13.12.1941 wurde das Ehepaar nach Riga deportiert, wo beide verschollen sind. Während der aus Fürstenau verzogene Sohn Ernst mit seiner Familie im Holocaust ermordet wurde, war der Sohn Albert rechtzeitig nach England emigriert.

Dillenberg, Rosa, geb. Löwenstein, * 29.3.1882 in Fürstenau, Tochter von Gerson Löwenstein und Klara geb. Desenberg (aus Frohnhausen od. Fürstenau).
Sie heiratete am 24.3.1914 den aus Ovenhausen stammenden Hermann Dillenberg und lebte mit ihm in Fürstenau Nr. 87b. Aus der Ehe gingen die Kinder Ernst (* 1915) und Albert (* 1920) hervor. Am 13.12.1941 wurde das Ehepaar nach Riga deportiert und ist verschollen. Während der Sohn Ernst mit seiner Familie im Holocaust ermordet wurde, war der Sohn Albert rechtzeitig nach England emigriert.

Meldekarte für Berta Jacobi mit Eintrag der Todeserklärung, gleich lautend für ihren Mann Emanuel
Meldekarte für Berta Jacobi mit Eintrag der Todeserklärung, gleich lautend für ihren Mann Emanuel

Jacobi, Berta, geb. Löwenstein, * 19.4.1884 in Löwendorf, Tochter von Gerson Löwenstein und Clara Desenberg.
Sie heiratete am 2.2.1922 Emanuel Jacobi aus Fürstenau. Die Ehe blieb kinderlos. Das Ehepaar betrieb in Fürstenau Nr. 57 ein Kolonial- und Kurzwarengeschäft, das 1938 aufgegeben werden musste. Zusammen wurden sie am 13.12.1941 wurde sie nach Riga deportiert und sind dort verschollen.

Jacobi, Emanuel, * 31.3.1870 in Fürstenau, Sohn von Jacob Jacobi und dessen 2. Ehefrau Elise, geb. Lipper (aus Fürstenau).
Spät heiratete er am 2.2.1922 die in Löwendorf geborene Berta geb. Löwenstein. Die Ehe blieb kinderlos. Das Ehepaar betrieb in Fürstenau ein Kolonial- und Kurzwarengeschäft, das sie 1938 aufgeben mussten. Zusammen wurden sie am 13.12.1941 nach Riga deportiert und sind dort verschollen.

Markus Judenberg um 1937
Markus Judenberg um 1937

Judenberg, Markus, * 2.7.1859 in Fürstenau, Sohn von Meyer Judenberg und Rica geb. Kohn (aus Bergheim).
Die wohlhabende Familie Judenberg betrieb in Fürstenau Nr. 76 einen Kolonial- und Gemischtwarenhandel. Sicherlich auch deshalb wurde Markus Judenberg unter anderem im Mai 1914 in den Synagogenvorstand gewählt. Am 2.12.1885 heiratete er die aus Fürstenau stammende Regine geb. Bachmann (* 1847). Das Ehepaar lebte kinderlos, da ein Sohn (Moritz, * 1887) und eine Tochter (Rosa, * 1888) schon als Kinder starben. Deshalb nahm die Familie die Nichte Carla, jüngstes Kind von Markus’ Bruder Jacob, als Pflegetochter auf, die später den aus Herne stammenden Max Pins heiratete. Wegen der Krankheit der Ehefrau Rica (gest. 1932) war zumindest seit den 1920er Jahren die Haushälterin Karoline Böhm angestellt. 1936 übernahm die Pflegetochter Carla das Geschäft, bis es 1938 geschlossen werden musste. Markus Judenberg wurde am 31.7.1942 nach Theresienstadt deportiert. Der 83-Jährige weigerte sich dabei, das Pferdefuhrwerk, das ihn nach Höxter bringen sollte, im Ort zu besteigen. Er wollte seine Heimat zu Fuß verlassen und stieg erst außerhalb von Fürstenau auf das Fahrzeug. Von Theresienstadt wurde er am 23.9.1942 zur Ermordung nach Treblinka verbracht.

Bernhardine Löwenstein auf der Zugangsliste nach Stutthof, 1.10.1944
Bernhardine Löwenstein auf der Zugangsliste nach Stutthof, 1.10.1944

Löwenstein, Bernhardine, geb. Weitzenkorn, * 15.2.1900 in Obermarsberg, Tochter von Jacob Weitzenkorn und Hulda geb. Rosenthal.
Sie heiratete am 29.10.1926 den in Fürstenau Nr. 14 lebenden Viehhändler David Löwenstein und hatte mit ihm die Kinder Kläre (* 1927) und Helmut (* 1931), die nach dem Auschluss der jüdischen Kinder aus den öffentlichen Schulen die Israelitische Gartenbauschule in Hannover-Ahlem besuchten. Bernhardine Löwenstein wurde mit Mann und Kindern am 13.12.1941 nach Riga deportiert, von wo die Familie 1943 in das Lager Kaiserwald verbracht wurde. Während ihr erkrankter Mann nach Riga zurückgeschickt und dann in Treblinka(?) ermordet wurde, wurde Bernhardine mit Sohn und Tochter Ende September 1944 nach Stutthof verschleppt. Bernhardine und Kläre Löwenstein kamen dort. Der Sohn Helmut überlebte den Todesmarsch nach Westen.

David und Bernhardine Löwenstein
David und Bernhardine Löwenstein

Löwenstein, David, * 25.11.1887 in Fürstenau, Sohn von Gerson Löwenstein und Clara geb. Desenberg (aus Löwendorf od. Frohnhausen).
Er heiratete am 29.10.1926 Bernardine geb. Weitzenkorn, aus Obermarsberg und lebte mit ihr in Fürstenau Nr. 14, wo er den Viehhandel des Vaters weiterführte. Das Ehepaar hatte die Kinder Kläre (* 1927) und Helmut (* 1931). Als den Juden 1938 die Gewerbescheine entzogen wurden, nahm die Familie jüdische Feriengäste im Haus auf. Nach der Pogromnacht 1938 wurde David Löwenstein wie die anderen männlichen Juden in das KZ Buchenwald verbracht, von wo er am 12.12.1938 nach Fürstenau zurückkehrte. Die Familie wurde am 13.12.1941 nach Riga deportiert und dann ins Lager Kaiserwald verschleppt. Wenig später erkrankte David Löwenstein, musste nach Riga zurückkehren und wurde dann in Treblinka(?) ermordet. Seine Frau und die Tochter Kläre kamen nach ihrer Verschleppung nach Stutthof dort um. Nur der mit einem Todesmarsch nach Westen geschickte Sohn Helmut überlebte.

Harry Lowenstein 2012
Harry Lowenstein 2012

Der Sohn Helmut Löwenstein (später Harry Lowenstein), * 26.5.1931 in Fürstenau geboren, ist einer der beiden Fürstenauer Juden, die die KZs überlebt haben. Nach dem Ausschluss der jüdischen Kinder aus öffentlichen Schulen war er wie seine Schwester Kläre Schüler der Israelitischen Gartenbauschule in Berlin-Ahlem. Mit seiner Familie wurde er am 13.12.1941 nach Riga deportiert, wo der Vater umkam. Mit Mutter und Schwester wurde er 1944 in das KZ Stutthof verschleppt, wo beide verschollen sind, während Helmut Löwenstein auf den Todesmarsch nach Westen geschickt wurde. Am 9./10.3.1945 wurde er bei Lanz (Kr. Lauenburg) von der Roten Armee befreit und erreichte nach einem Marsch über Berlin und Thüringen Fürstenau. Nach einigen Wochen bei der Familie Kleinstraß in Bredenborn lebte er dann für etwa ein Jahr bei der Familie, die das Haus seiner Eltern in Fürstenau, Nr. 14 erworben hatte. Auf einer noch vorhandenen Empfangsbescheinigung bestätigte er im März 1946 dem damaligen Ortsdiener, dass er ein Packet erhalten habe, „welches mir von Amerika zugesandt wurde“. In einem Kinderheim in Hamburg-Blankenese vervollständigte er seine Schulbildung und wanderte 1949 über Frankreich in die USA aus, wo er später mit seiner 2017 gestorbenen Frau Carol in Kissimmee (Florida) ein Bekleidungsgeschäft für Westernkleidung betrieb. Die drei Kinder tragen nach Harrys Eltern und Schwester die Namen Klara, Bernardine und David. – Im Juni 2018 besuchte Harry Lowenstein seinen Geburtsort mit seinen Töchtern und seinem Schwiegersohn.

Kläre Löwenstein mit etwa drei Jahren
Kläre Löwenstein mit etwa drei Jahren

Löwenstein, Kläre, * 4.12.1927 in Fürstenau, Tochter von David Löwenstein und Bernardine, geb. Weitzenkorn (aus Obermarsberg).
Ebenso wie ihr Bruder Helmut besuchte sie nach dem Auschluss der jüdischen Kinder aus den öffentlichen Schulen bis zum Herbst 1941 die Israelitische Gartenbauschule in Hannover-Ahlem. Zusammen mit Eltern und Bruder wurde sie am 13.12.1941 von Fürstenau Nr. 14 nach Riga deportiertund dort später mit der Familie in das Lager Kaiserwald verschleppt und dann Ende September 1944 mit Mutter und Bruder nach Stutthof verbracht. Dort verlieren sich ihre Spuren.

Todesanzeige für Max Pins und seine Mutter, Aufbau 21.12.1945
Todesanzeige für Max Pins und seine Mutter, Aufbau 21.12.1945

Pins, Max, * 14.8.1900 in Herne, Sohn von Joseph Pins und Henriette geb. Baum.
Er wurde Schlachter und arbeitete als Kopfschlächter im städtischen Schlachthof in Herne. 1936 heiratete er Carla Judenberg, die Pflegetochter von Markus und Regine Judenberg, und ab Nov. 1936 lebten die beiden zusammen in Fürstenau, wo Carla den Lebensmittel- und Gemischtwarenladen ihrer Pflegeeltern, Fürstenau Nr. 76, übernahm, aus dem sie den Lebensunterhalt der Familie bestritt, bis der Laden 1938 geschlossen werden musste. In der Pogromnacht war Max Pins auf Besuch bei seinen Verwandten in Herne, wurde dort verhaftet und bis zum 29.12.1938 im KZ Sachsenhausen interniert. Kurz vor Kriegsbeginn beantragte er für sich und seine Frau Pässe zur Auswanderung, da er im Besitz einer Einreiseerlaubnis zur Aufnahme im Durchgangslager Richborough (England) war. Doch wegen des Kriegsbeginns waren auch mehrfach wiederholte Anträge erfolglos. Am 13.12.1941 wurde er mit seiner Frau nach Riga deportiert, wo im Januar 1942 auch Max’ Mutter Henriette und seine Schwester Erna aus Herne ankamen. Zusammen wurden sie Ende 1943 für etwa ein Jahr dem Armeebekleidungslager Mühlgraben zugewiesen, bis sie dann im Herbst 1944 zum Arbeitseinsatz nach Liebau abkommandiert wurden. Dort wurde Max Pins am 22.12.1944 von einer sowjetischen Fliegerbombe getötet.

Einbürgerung von Carla Pins in den USA, 1951
Einbürgerung von Carla Pins in den USA, 1951

Seine Frau Carla (Karla) geb. Judenberg, * 3.11.1903 in Holzminden, war das jüngste Kind von Jacob Judenberg und dessen zweiter Frau Therese Blank. Jacobs in Fürstenau wohnender Bruder Markus Judenberg und seine Frau Regine geb. Bachmann waren kinderlos (ihre beiden eigenen Kinder starben jung), und so nahm Markus nach dem Tode seiner Frau (1932) seine Nichte Carla 1933 als Pflegetochter auf. 1936 heiratete sie den Metzger Max Pins aus Herne, der ebenfalls nach Fürstenau zog, wo Carla den Lebensmittel- und Gemischtwarenladen ihres Pflegevaters weiterführte. Am 13.12.1941 wurde sie mit ihrem Mann nach Riga deportiert, wohin im Januar 1942 auch Max’ Schwester Erna und seine Mutter Henriette verschleppt wurden. Zusammen wurde die Familie im November 1943 für etwa ein Jahr dem Armeebekleidungslager Mühlgraben zugewiesen, bis sie Ende Sept. 1944 zum Be- und Entladen von Schiffen nach Libau abkommandiert wurden. Dort wurde Max Pins am 22.12.1944 in Anwesenheit seiner Frau durch eine Fliegerbombe getötet. Carla und Erna Pins wurden im Febr. 1945 per Schiff in das Hamburger Konzentrationslager Fuhlsbüttel verbracht. Von dort mussten die Insassen Anfang April 1945 einen viertägigen Fußmarsch in das 86 km entfernte „Arbeitserziehungslager“ Hassee bei Kiel antreten. Henriette Pins wurde dort mit einer Spritze ermordet, während Carla und Erna Pins von dort am 1.5.1945 mit 168 anderen Juden nach Verhandlungen zwischen Himmler und Vertretern des Jüdischen Weltkongresses nach Schweden gelangte. Sie wanderten in die USA aus, wo Carla ab 1953 als Levin und dann ab 1966 als Reichenthal verheiratet war. Sie starb am 24.3.1975 in Dade/Florida.

Lüchtringen

Stolpersteine für Jakob Cohn und seine Tochter Hedwig in Essen
Stolpersteine für Jakob Cohn und seine Tochter Hedwig in Essen

Cohn, Jakob, * 19.10.1878 in Neumark (Westpreußen), Sohn des Pferdehändlers Markus Cohn und der Helena Jacob.
Nach seiner Lehre als Schuhmacher wurde er mit 19 Jahres zum Militär eingezogen und meldete sich dann 1901 freiwillig für den Feldzug nach China, wo er mehrere Auszeichnungen erhielt. Nach der Rückkehr nach Deutschland eröffnete er in Düsseldorf eine Schuhmacherei und heiratete 1907 die aus Hüthum (Krs. Rees) stammende Nichtjüdin Sophia Kröner, mit der er vier Kinder bekam. Im Ersten Weltkrieg erhielt er fünf Auszeichnungen und wurde schwer verwundet. Bis 1931 setzte er seine Schuhmacherei in Essen fort und arbeitete danach als Maschinenmeister in leitender Stellung. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Familie 1943 in Essen ausgebombt, und Jakob Cohn wurde mit seiner Frau, der Tochter Hilde und deren einjähriger Tochter Heidi nach Lüchtringen evakuiert. Nach einem Streit mit der Vermieterin wurde Jakob Cohn von dieser wegen angeblichen Hörens von Feindsendern denunziert, im Bielefelder Polizeigefängnis inhaftiert und dann in das Arbeitserziehungslager Lahde verbracht, wo er am 19.7.1944 zu Tode kam. Die Tochter Hilde (* 1908) wurde wegen Hochverrat, Spionage und Abhören feindlicher Sender bis zur Befreiung in das Frauenarbeitslager Elben überführt. Sie überlebte, während ihre im Herbst 1942 deportierte Hedwig (* 1920) in Ravensbrück ermordet wurde.

Ottbergen

Brief Beate Kugelmanns an ihre Nichte Ruth Netheim mit einem Gruß ihres Sohns Erich, 27.2.1938
Brief Beate Kugelmanns an ihre Nichte Ruth Netheim mit einem Gruß ihres Sohns Erich, 27.2.1938

Kugelmann, Beate (Beatha) gen. Atchen, geb. Netheim, * 30.10.1875 in Ottbergen, Tochter von Levi Netheim und Lina geb. Victor (aus Driburg).
Sie heiratete 1900 den aus Wagenfeld stammenden Kaufmann Gustav Kugelmann (* 1872) und lebte mit ihm in Bremen, Münster und dann ab 1914 in Bielefeld. Das Ehepaar hatte drei Söhne: Erich (* 1910), Hans Günther (* 1914) und Ludwig (* 1916). Der Ehemann Gustav starb 1934, und 1935/36 emigrierten die beiden jüngeren Söhne Hans Günther und Ludwig nach Palästina, während ihre Mutter Beate 1937 mit dem Sohn Erich zu ihrer Schwester Paula nach Ottbergen, Nethestraße 4, zog. Erich nahm 1938 an einem Lager der Hachschara in Bamberg teil, wurde nach der Pogromnacht in Dachau inhaftiert und emigrierte 1939 nach Schweden. Im März 1940 mussten Paula, Beate und der bis dahin in Norden lebende Bruder Julius mit seiner Frau Anna zu der Verwandten Ida Netheim-Marchand in Ottbergen, Brakeler Str. 8, ziehen. Während die vier (jüngeren) Familienangehörigen am 10.7.1942 nach Auschwitz deportiert wurden, wurde Beate Kugelmann am 31.7.1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 26.12.1942 umkam.

Anna Netheim mit den Kindern im mittleren Fenster, in der Haustür der Ehemann Julius
Anna Netheim mit den Kindern im mittleren Fenster, in der Haustür der Ehemann Julius

Netheim, Anna, geb. Levy, * 20.4.1883 in Norden, Tochter von Abraham Levy, Hauptlehrer der jüdischen Schule und Prediger in der Synagoge, und Helene geb. Stern (aus Ziegenhain).
Sie heiratete 1912 den aus Ottbergen nach Norden zugezogenen Getreidehändler Julius Netheim, mit dem sie die Töchter Lotte (* 1913) und Ruth (* 1919) hatte. Lotte ging 1936 ins Exil nach Südafrika und Ruth emigrierte 1936 nach Palästina. Als Ostfriesland vor dem Einmarsch in die Niederlande im Frühjahr 1940 von allen Juden geräumt werden musste, zog das Ehepaar gezwungenermaßen zu Julius’ Schwester Paula nach Ottbergen, Nethestr. 4, und gleich danach zu der Verwandten Ida Netheim-Marchand in die Brakeler Str. 8. Gemeinsam mit der Schwägerin Paula und Ida Netheim-Marchand wurde Anna Netheim mit ihrem Mann am 8.7.1942 nach Bielefeld dann am 11.7.1842 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Julius Netheim (2. v. rechts) 1926 mit dem Vorstand der Synagogengemeinde vor der Synagoge in Norden
Julius Netheim (2. v. rechts) 1926 mit dem Vorstand der Synagogengemeinde vor der Synagoge in Norden

Netheim, Julius Louis, * 20.5.1883 in Ottbergen, Sohn von Levi Netheim und Lina, geb. Victor (aus Driburg).
Er verließ Ottbergen und ging nach Norden (Ostfriesland), wo er zunächst bei dem dortigen Getreidehändler Samson angestellt war. 1912 heiratete er Anna Levy, Tochter de Hauptlehrer der jüdischen Schule und Prediger in der Synagoge, mit der er die Töchter Lotte (* 1913) und Ruth (* 1919) hatte. Er machte sich selbständig und war danach in Norden als wohlhabender Großhändler für Getreide, Futter- und Düngemittel bekannt. Nach 1933 wurde das Geschäft arisiert. Die Tochter Lotte ging 1936 ins Exil nach Südafrika, und die Tochter Ruth emigrierte im selben Jahr nach Palästina. 1938 musste die Familie das Haus verkaufen und wohnte in der Folgezeit zur Miete in Norden. Nach der Pogromnacht wurde Julius Netheim für mehrere Wochen nach Sachsenhausen verbracht, und im März 1940 musste das Ehepaar zu Julius Schwester Paula nach Ottbergen, Nethestr. 4, und gleich danach zu der Verwandten Ida Netheim-Marchand, Brakeler Str. 8, ziehen, weil Ostfriesland vor dem Einmarsch der Nazi-Truppen in Holland von Juden gesäubert wurde. Am 8.7.1942 wurden das Ehepaar mit der Schwester und der Verwandten aus Ottbergen nach Bielefeld transportiert und von dort am 11.7.1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Netheim, Paula, * 11.5.1881 in Ottbergen, Tochter von Levi Netheim und Lina, geb. Victor (aus Driburg).
Sie blieb unverheiratet und führte in Ottbergen in der Nethestraße 4 ein Kolonialwarengeschäft, bis sie es nach der Pogromnacht 1938 schließen und das Haus verkaufen musste. Nachdem 1937 bereits ihre verwitwete Schwester Beate Kugelmann und für einige Zeit auch deren Sohn Erich mit in das Haus eingezogen waren, nahm Paula im März 1940 auch ihren aus Norden vertriebenen Bruder Julius mit seiner Frau Anna im Haus auf. Aber bereits gleich darauf mussten sie zusammen zu der Verwandten Ida Netheim-Marchand, Brakeler Str. 8, ziehen. Vor der Deportation verschenkte Paula Netheim einen großen Teil ihres Hausrats an die Nachbarn. Am 8.7.1942 wurde sie zusammen mit Bruder Schwägerin und der Verandten Ida Netheim-Marchand am 11.7.1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Stolperstein für Ida Netheim-Marchand
Stolperstein für Ida Netheim-Marchand

Netheim-Marchand, Ida (gen. Schönbach), * 15.3.1881 in Schermbeck, Tochter von David Marchand und Julie geb. Schönbach. Sie wurde am 18.2.1931 von der aus Ottbergen stammenden Tante Dina Schönbach, geb. Netheim, Witwe des Viehhändlers Abraham Schönbach aus Schermbeck, an Kindes Statt angenommen, nachdem sie schon 1923 als Alleinerbin des Vermögens von 5 Mio RM [Inflationsgeld!] eingesetzt worden war. Seit der Adoption führte sie den Namen Netheim-Marchand.
Ida Netheim-Marchand blieb ledig und betrieb nach dem Tod ihrer Adoptiveltern deren Gastwirtschaft in Ottbergen, Brakeler Straße 8 allein weiter. Dazu verkaufte sie durch eine Klappe auch Flaschenbier außer Haus. Wegen der Gesetze der Nazis gegen die Beschäftigung „arischer“ Hausangestellte musste sie 1936 eine Angestellte entlassen. Ende 1938 musste sie die Gastwirtschaft aufgeben, konnte aber in dem Haus wohnen bleiben, wo im April 1940 auch ihre Verwandten Beate, Paula, Julius und Anna Netheim mit einziehen mussten. Am 8.7.1942 wurden sie gemeinsam nach Bielefeld und von dort am 11.7.1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet. – Die Möbel aus dem Haus wurden im Saal einer örtlichen Gaststätte versteigert. Im Dezember 1942 meldete die Gemeinde Ottbergen Interesse am „früheren jüdischen Vermögen“ der Ida „Sara“ Netheim-Marchand an, um es für gemeinnützige Zwecke zu nutzen. Ihr Haus ging in die Verfügung des „Großdeutschen Reichs“ über.

Opfer der Shoah aus Ovenhausen

Dillenberg, Karoline (Lina), * 2.5.1873 in Ovenhausen, Tochter des Viehhändlers Meyer Dillenberg und der Johanna (Hannchen) geb. Bierhoff (aus Borgentreich).
Sie blieb ledig, lebte zurückgezogen und führte zusammen mit ihrer Stiefschwester Julie nach dem Tod des Vaters und der Erblindung der Mutter (gest. 1940) den Haushalt ihres ledigen Bruders Max in der Hauptstraße 28 in Ovenhausen. In einem kleinen Laden verkauften sie Flaschenbier und eingelegte Heringe. Zwei Wochen nach dem Tod Julies wurde Lina am 31.3.1942 mit ihrem Bruder Max nach Warschau deportiert und gilt als verschollen.

„Geldkarte“ von Max Dillenberg im KZ Buchenwald, 1938
„Geldkarte“ von Max Dillenberg im KZ Buchenwald, 1938

Dillenberg, Max, * 14.6.1890 in Ovenhausen, Sohn des Viehhändlers Meyer Dillenberg und der Johanna (Hannchen) geb. Bierhoff (aus Borgentreich).
Er war das jüngste Sohn der neun Kinder der Familie besuchte. Nach der Volksschule in Ovenhausen besuchte er von 1901-1910 bis zum Einjährig-Freiwilligen das Gymnasium in Höxter und wurde dann Viehhändler. Zusammen mit seinen Brüdern Abraham und Hermann führte er nach dem Tod des Vaters (1910) dessen Viehhandel in der Hauptstraße 28 weiter. Im Ersten Weltkrieg wurden die drei Brüder eingezogen. Abraham fiel 1918, Max und Hermann wurden verwundet. Letzterer heiratete dann nach Fürstenau, und der unverheiratete Max führte den Viehhandel bis in Dritte Reich allein weiter. Er war ein erfolgreicher Geschäftsmann mit Kontakten bis nach Dortmund. Außerdem verlieh er Geld, was ihm offensichtlich in Ovenhausen auch einige Ressentiments einbrachte. Zugleich erfreute er sich aber großer Anerkennung, weil er in Notfällen seine Pferde für einige Tage zur Verfügung stellte, statt sie in den Handel zu bringen, oder beim Schützenfest den berittenen Offizieren auf diese Weise aushalf, wo er deshalb ein gern gesehener Gast war und wie auch sonst im Gasthaus durchaus auch Schweinefleisch aß. Bei Sammlungen spendete er reichlich, half mit der Vorfinanzierung von Operationen und war auch sonst zur Hilfe bereit, so z.B. bei einem Brand im Dorf 1935. Trotzdem wurden ihm schon Ende September 1935 die Fensterscheiben eingeworfen, was in der Bevölkerung auf deutliche Ablehnung stieß und sogar zum Ausschluss des Verdächtigen aus der NSDAP führte. Nach der Pogromnacht 1938 wurde er bis Weihnachten im KZ Buchenwald inhaftiert. Am 31.3.1942 wurde er zusammen mit seiner Schwester Karoline nach Warschau deportiert und ist 1943 in Auschwitz verschollen.

Isaak (eigentlich Isaack), Manfred, * 8.2.1932 in Ovenhausen, Sohn des im Wandergewerbe tätigen Bruno Isaack und der Paula geb. Stamm.
Er lebte zunächst mit seinen Eltern und nach ihrer Scheidung mit der Mutter im Haus der Familie in Ovenhausen, Heiligenberg 11. Wegen der prekären Verhältnisse der Familie stellte die Mutter 1934 einen Antrag auf Unterstützung an die Gemeinde, der aber abschlägig beschieden wurde. Später (vermutlich nach Pogromnacht) war er Zögling im jüdischen Waisenhaus „Wilhelmspflege“ in Esslingen, um dort nach der Verweisung der jüdischen Kinder aus den öffentlichen Schulen seine Schulpflicht zu erfüllen. Im August 1939 wurde das Heim jedoch geschlossen, und Manfred kehrte offenbar nach Ovenhausen zurück. Von dort wurde er am 31.3.1942 mit seiner Mutter und anderen Familienangehörigen nach Warschau deportiert, wo sich seine Spuren verlieren.

Isaack, Paula, geb. Stamm, * 8.1.1901 in Ovenhausen, Tochter des Altwarenhändlers Bernhard Stamm und der Sara geb. Eichholz (aus Ovenhausen).
Sie heiratete am 2.11.1930 den in Essen-Stelle geborenen Bruno Isaack (* 1901), der anscheinend dem Wandergewerbe nachging, und hatte mit ihm den Sohn Manfred (* 1932). Die Ehe war nur von kurzer Dauer, und Bruno Isaak zog bereits 1934 nach Wollenberg. 1937 wurde die Ehe geschieden. Paula Isaak blieb im Elternhaus in Ovenhausen, Heiligenberg 11, während der Sohn Manfred 1938/39 etwa ein Jahr im jüdischen Waisenhaus „Wilhelmspflege“ in Esslingen im Waisenhaus verbrachte. Paula Isaack wurde am 31.3.1942 mit ihrem Sohn und anderen Familieangehörigen nach Warschau deportiert und ist verschollen. – Der nach Steele zurückgekehrte geschiedene Ehemann Bruno Isaack wurde am 22.4.1942 nach Izbica deportiert. Stolpersteine in Essen-Steele erinnern an ihn und seine Familie.

Das Haus der Familie Stamm um 1941. Die Fenster sind zur Unterbringung von Kriegsgefangenen vergittert. © LWL
Das Haus der Familie Stamm um 1941. Die Fenster sind zur Unterbringung von Kriegsgefangenen vergittert. © LWL

Stamm, Bernhard, * 2.3.1866 in Adorf, Sohn des Acker- und Handelsmanns Markus Stamm und der Pauline geb. Löwenstern (aus Meineringhausen).
Am 12.2.1893 heiratete er Sara geb. Eichholz aus Ovenhausen und hatte dort mit ihr sechs Kinder, von denen drei jedoch jung starben. Nur der Sohn Siegfried (1896–1974) entging dem Holocaust durch die Emigration nach Philadelphia (1938). Bernhard Stamm führte als Lumpen- und Eisensammler mit einem kleinen Pferd und Wagen eine ärmliche und wenig angesehene Existenz. Außerdem schächtete er Ziegen und handelte mit Fellen. Dazu kam ein kleiner Kolonialwarenladen im Haus am Heiligenberg 11. Nach dem Tod seiner Frau (1922) führte wohl die Tochter Ella den Haushalt der Familie. Zum 1.10.1938 wurde Stamm die Gewerbekarte entzogen, er sollte aber weiter Beiträge an die Industrie- und Handelskammer zahlen. Gegen diese Ungerechtigkeit protestierte sogar ein ehemaliger „arischer“ Höxteraner Geschäftspartner aus Höxter. Nach der Deportation seiner Familienangehörigen am 31.3.1942 zog Bernhard Stamm für wenige Monate zu Markus Judenberg nach Fürstenau und wurde mit ihm am 31.7.1942 nach Theresienstadt deportiert. Dort kam er am 24.3.1943 um.

Stamm, Ella, * 4.6.1895 in Ovenhausen, Tochter des Altwarenhändlers Bernhard Stamm und der Sara geb. Eichholz (aus Ovenhausen).
Sie war ledig und führte wohl nach dem Tod der Mutter (1922) den Haushalt der Familie am Heiligenberg 11. Ebenso wie ihre Schwester Paula galt sie als „leichtes Mädchen“ und bekam 1927 und 1934 die nicht-ehelichen Söhne Julius und Willi. Der jüngere Sohn Willi lebte in verschiedenen Kinderheimen im Frankfurter Raum, wurde von dort 1942 nach Theresienstadt deportiert und dann 1944 zur Ermordung nach Auschwitz verbracht, während Julius einen großen Teil seiner Kindheit im Jüdische Waisenhaus in Paderborn verbrachte, bis er dann nach seiner Erfüllung der Schulpflicht nach Ovenhausen zurückkehrte. Zusammen mit ihm wurde Ella Stamm am 31.3.1942 nach Warschau deportiert, wo beide verschollen sind.

Stamm, Julius, * 7.4.1927 in Paderborn, nicht-ehelicher Sohn von Ella Stamm.
Sein Vater war ein Katholik aus Ovenhausen, dem er nach Aussagen von Zeitzeugen wie aus dem Gesicht geschnitten war. Mit sieben Jahren kam Julius im Mai 1934 in das Jüdische Waisenhaus in Paderborn und kehrte nach der Ableistung seiner Schulpflicht im August 1941 nach Ovenhausen zurück, wo er auf einem abgelegenen Hof untergebracht wurde. Er lebte dort in der Familie, hütete die Kühe und besuchte manchmal auch die Messe. Über Datum und Ort seiner Deportation bestehen Unklarheiten. Als „Halbjude“ soll er noch bis Febr. 1943 auf dem Hof geblieben sein, ein Widerspruch zum Deportationsdatum der Familie und der Mutter nach Warschau am 31.3.1942. Er wurde nach dem Krieg für tot erklärt.

Karteikarte über die Inhaftierung Max Stamms in Buchenwald
Karteikarte über die Inhaftierung Max Stamms in Buchenwald

Stamm, Max, * 27.1.1894 in Ovenhausen, Sohn des Altwarenhändlers Bernhard Stamm und der Sara geb. Eichholz (aus Ovenhausen).
Dieser älteste und im Dorf nach Erzählungen von Dorfbewohner wegen seiner Naivität häufig verspottete Sohn der Familie unterstützte seinen alternden Vater in dem ärmlichem Lumpen- und Eisenhandel der Familie am Heiligenberg 11. Dazu kamen das Schächten von Ziegen und der Handel mit Fellen. Nach der Pogromnacht 1938 wurde er für elf Wochen Buchenwald inhaftiert und konnte erst am 27.1.1939 nach Ovenhausen zurückkehren. Er wurde am 13.12.1941 nach Riga deportiert und nach dem Krieg für tot erklärt.

Ilse Uhlmann, die den Judenstern mit dem Zopf verdeckt, 1941 © STA DT
Ilse Uhlmann, die den Judenstern mit dem Zopf verdeckt, 1941 © STA DT

Uhlmann, Ilse Ruth, * 30.11.1931 in Paderborn, Adoptivtochter von Norbert Uhlmann und Lene geb. Löwendorf.
Sie wurde als uneheliche Tochter von Gertrud Berghausen aus Herford geboren und 1932 im Alter von vier Monaten von den kinderlosen Norbert und Helene Uhlmann, Ovenhausen, Hauptstr. 31, adoptiert. Sie besuchte zunächst die örtliche Volksschule und hatte unter den Ovenhausener Mädchen eine ganze Reihe von Freundinnen, die die Uhlmanns auch deshalb gern besuchten, weil es dort mehr Spielzeug gab als im eigenen Haus. Nach dem Novemberpogrom musste Ilse die Schule in Ovenhausen verlassen und besuchte von Mai 1939 bis Ende November 1941 zur Ableistung ihrer Schulpflicht die jüdische Schule in Detmold, wo sie bei der Familie Flatow wohnte und nur am Wochenende nach Hause kam. Am 13.12.1941 wurde Ilse mit ihren Eltern nach Riga deportiert und von dort Mitte 1944 nach Auschwitz verschleppt, wo sie ermordet wurde.

Lene Uhlmann 1931 © LWL
Lene Uhlmann 1931 © LWL

Uhlmann, Helene (Lene), geb. Löwendorf, * 2.10.1900 in Vörden, Tochter von Nathan Löwendorf und Sara, geb. Abt (aus Dortmund).
Sie heiratete am 11.9.1922 ihren Vetter Norbert Uhlmann und führte in Ovenhausen in der Hauptstraße 31 mit ihrem Mann ein Gemischtwarengeschäft, bei dem die Kunden z.B. bei Familienfeiern auch Geschirr ausleihen konnten. Das Ehepaar bekam keine eigenen Kinder und adoptierte deshalb 1932 die vier Monate alte Tochter Ilse. Am 13.12.1941 wurde die ganze Familie nach Riga deportiert und von dort Mitte 1944 nach Auschwitz verschleppt, wo alle ermordet wurden.

Norbert Uhlmann 1931 © LWL
Norbert Uhlmann 1931 © LWL

Uhlmann, Norbert, * 1.6.1890 in Ovenhausen, Sohn des Gemischtwarenkaufmanns Levy Uhlmann und dessen zweiter Frau Fanny geb. Löwendorf (aus Vörden).
Er übernahm in Ovenhausen, Hauptstraße 31, den Gemischtwarenhandel seines Vaters. Nach der Heirat mit seiner Cousine Helene geb. Löwendorf aus Vörden am 11.9.1922 kümmerte sich diese vor allem um das Geschäft, während Norbert Uhlmann als Hausschlachter und mit dem Schächten von Ziegen zusätzlich zum Familieneinkommen beitrug. Das Ziegenfleisch verkaufte er bei Fahrten über Land, zunächst mit einem Pferdewagen und dann mit einem kleinen Lieferwagen. Außerdem nahm die Familie Kinder als Feriengäste im Haus auf. Da das Ehepaar keine eigenen Kinder hatte, adoptierte es 1932 die Tochter Ilse und verwöhnte sie nach Kräften. Über Norbert Uhlmann heißt es, dass er im Dorf allgemein beliebt war. So habe er bei einem Brand 1935 tatkräftig mitgeholfen und sich dabei vor Anstrengung eine Krankheit zugezogen. 1938 musste die Familie das Geschäft aufgeben, und Norbert Uhlmann betrieb nur noch den Handel mit Ziegen und Fellen. Nach der Pogromnacht 1938 wurde er nach Buchenwald verbracht, von wo er 19.12.1938 entlassen wurde. Danach musste er in der Papierfabrik in Godelheim arbeiten. Am 13.12.1941 wurde er mit seiner Familie nach deportiert und von dort Mitte 1944 nach Auschwitz verschleppt, wo er ermordet wurde. – Sein nach Höxter verzogener Bruder Gustav überlebte die Shoah und ging 1945 zu seinem 1936 in die USA emigrierten Bruder Willi.

Fritz Ostkämper, 7.10.2019
e-mail: ostkaemper@jacob-pins.de