Jüdische Bürger in Höxter

Das Gebäude der Synagoge. Im linken Teil die Lehrerwohnung und der Schulraum. Der Synagogenteil (rechts) ist heute nur noch zu einem Drittel erhalten. (Modell, angefertigt von Schülern der Hauptschule Höxter, angeleitet von Franz Auth).
Das Gebäude der Synagoge. Im linken Teil die Lehrerwohnung und der Schulraum. Der Synagogenteil (rechts) ist heute nur noch zu einem Drittel erhalten. (Modell, angefertigt von Schülern der Hauptschule Höxter, angeleitet von Franz Auth).

Synagogen und Beträume

Erste Hinweise auf eine Synagoge oder einen Gebetsraum in unmittelbarer Nähe der Judengasse gibt es bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts (Rabe, Anm. 458). 1629 wird ein Rabbiner genannt, und eine Quelle von 1639 verweist auf einen ansässigen Rabbiner. Von der Existenz eines Gebetsraumes, einer Synagoge im Hause des Gottschalck, berichtet eine Akte zum Jahre 1661 (SH A XI,3), wo ihre (vorübergehende) Schließung angeordnet und vom Rat der Einspruch dagegen abgelehnt wird. Insgesamt bleiben die bisher bekannten frühen Informationen spärlich.

Das ändert sich im 19. Jahrhundert. Zunächst bis 1808 versammelte man sich noch in einem gemieteten Raum bei dem Gemeindemitglied Joel Meyer Blumenfeld, Westerbachstraße 27. Die Zunahme der Anzahl der Juden in Höxter nach ihrer Emanzipation im Königreich Westfalen ab 1808 führte jedoch dazu, dass schließlich eine eigene Synagoge errichtet werden konnte. Zunächst mietete man in der Rosenstraße eine Steinkammer an, die als Synagoge eingerichtet und am 4. Dez. 1812 vom Landesrabbiner Abraham Sutro feierlich eingeweiht wurde.
Offensichtlich reichte dieser Raum jedoch schon bald nicht mehr aus. Das zunehmende Selbstbewusstsein und die höhere Finanzkraft der Juden sind sicher weitere Gründe, weshalb 1823 ein Verein zum Bau einer eigenen Synagoge ins Leben gerufen wurde. Die Kosten für den Bau sollten auf freiwilliger Basis aufgebracht werden. So konnte dann 1834 in der Nagelschmiedstraße 8 (damals noch Faulebachstraße) ein Fachwerkgebäude bezogen werden, das rechts die Synagoge mit Empore für die Frauen enthielt und in dessen linken Teil eine Lehrerwohnung und ein Schulraum eingerichtet wurden. 1843 wurde dort zusätzlich ein Frauenbad eingerichtet.

Die Synagoge auf einem Luftbild von 1927
Die Synagoge auf einem Luftbild von 1927.

Diese Synagoge blieb der jüdischen Gemeinde in Höxter über 100 Jahre als ihr Gotteshaus erhalten und erlitt dann in der Pogromnacht 1938 schwere Verwüstungen. Einige SA-Männer stürmten gegen Morgen die Synagoge. Da die Mieter im Gebäude – sie bewohnten die ehemalige Lehrerwohnung – den anrückenden SA-Männern nicht schnell genug die Haustür öffneten, drangen diese durch die inzwischen zerstörten Fenster ein. Im Inneren verwüsteten sie die gesamte Einrichtung, warfen Gebetsrollen und sonstige Kultgegenstände auf die Straße, rissen Leuchter von der Wand, zertrümmerten den Thoraschrein, beschädigten das Geländer der Frauenempore sowie viele Bänke und Stühle. Zahlreiches Mobiliar aus dem ehemaligen Schulraum wurde von der Galerie in den Synagogenraum geworfen. Anschließend sollte die Synagoge in Brand gesteckt werden, was jedoch Nachbarn verhindern konnten, da durch die enge Wohnbebauung zahlreiche Wohnhäuser gefährdet gewesen wären. Einige Gegenstände aus der Synagoge, so etwa zwei größere Kandelaber, wurden ins Rathaus gebracht. Zahlreiches Schriftgut, Bücher und Gebetbücher wurden auf dem Marktplatz verbrannt.

Da die Synagoge nicht mehr nutzbar war, bat Paul Netheim, Vorsitzender der Synagogengemeinde Höxter, den Regierungspräsidenten um die Erlaubnis, „unser Synagogengebäude, welches auch als Wohnhaus gebraucht wurde, verkaufen zu dürfen. Gleichzeitig bitten wir höfl., auch den untergeordneten Stellen die Anweisung zu geben, uns bei dem Verkauf des Grundstückes keine Schwierigkeiten zu machen.“
Die Absicht eines Nachbarn, ein Kohlenhändlers, das Fachwerkhaus zu erwerben, wurde zunächst abgelehnt. In das „Judenhaus“ wurden im Frühjahr 1942 mehrere ältere Juden eingewiesen, und nach deren Deportation wurde das Gebäude als Wohnungen vermietet.

© STA Detmold.

Bereits am Tag der letzten Deportation forderte eine höxtersche Hausfrau die Wohnung für sich und ihre Familie. 1945 wurde der rechte Teil des Gebäudes mit der ehemaligen Synagoge durch Kriegseinwirkungen schwer beschädigt. Der Nachbar kaufte die Ruine und ließ 1947 wegen Baufälligkeit den größten Teil des ehemaligen Synagogenteils abgereißen.
Während die ehemalige Lehrerwohnung durchgehend vermietet war, stand der Rest des Synagogenteils jahrzehntelang leer und wurde nur gelegentlich als Abstellraum genutzt. Aus den im Hof liegenden Balken wurde später der Rahmen des heutigen Altarkreuzes der Nicolai-Kirche gefertigt.
Bis in die 1990er Jahre hinein waren noch ein Teile des Synagogenraums und der Frauenempore zu erkennen. 1996/97 wurde dieser Restteil der Synagoge zusammen mit dem ehemaligen Schulteil zu Wohnraum umgebaut.

Außenanblick der Ruine der Synagoge mit der Lehrerwohnung (Westfalen Zeitung, 15.9.1951) und Blick in den Überrest des Innenraums mit dem Oval der Empore. Die Treppe links stammt aus der Nachkriegszeit. (Joachim Temme, 1989)
Außenanblick der Ruine der Synagoge mit der Lehrerwohnung (Westfalen Zeitung, 15.9.1951) und Blick in den Überrest des Innenraums mit dem Oval der Empore. Die Treppe links stammt aus der Nachkriegszeit. (Joachim Temme, 1989)

Die wenigen erhaltenen Gegenstände, zerfallende Bücher, Schriften und Reste der Ausstattung, die beim Umbau entdeckt wurden, sind inzwischen als Überreste einer Geniza identifiziert worden und werden im Forum Jacob Pins gezeigt. Erhalten blieben ebenfalls zwei der schmuckvollen Fensterflügel, von denen einer im Forum Jacob Pins zu sehen ist. Eine Gedenktafel an der Mauer zur Nagelschmiedstraße erinnert heute an die ehemalige Synagoge.

Fritz Ostkämper, 24.02.2016
e-mail: ostkaemper@jacob-pins.de