Jüdische Bürger in Höxter

Rückkehr der 55er aus dem Manöver, 1912Rückkehr der 55er aus dem Manöver, 1912Kaiserliche Soldaten am Gasthaus <i>Strullenkrug</i> vor dem Ersten Weltkrieg

Höxteraner Juden im Ersten Weltkrieg

Jahrhundertelang waren die Juden von allen staatsbürgerlichen Rechten ausgeschlossen und hatten damit auch keinen Zugang zum Militär. Erst in den Befreiungskriegen erlangten sie erstmals als Soldaten eine gewisse Gleichstellung. So waren die Höxteraner Juden Hochfeld, Witgenstein und Böhme schon 1814 gern bereit, ihren Anteil zur Ausrüstung eines freiwilligen Jägerkorps beizutragen (Huxaria, 9.1.1915).

Zuweisung des in Höxter geborenen Louis Frankenberg zum Landsturm am 30.6.1897
Zuweisung des in Höxter geborenen Louis Frankenberg zum Landsturm am 30.6.1897

Es dauerte jedoch noch bis ins Kaiserreich, bis die Juden einen weitgehend uneingeschränkten Zugang zu allen staatlichen Ämtern und militärischen Rängen erhielten. Damit galt auch für sie die allgemeine zwei- bis dreijährige Wehrpflicht, die die Höxteraner Juden oft bei dem hier stationierten Infanterie-Regiment 55 ableisteten, bevor sie nach Ihrer Entlassung dem Landsturm zugewiesen wurden.

Wehrpflichtige mit höherem Schulabschluss (Obersekundareife) dienten zumeist als „Einjährig-Freiwillige“, die nach freiwilliger Meldung ihren Wehrdienst in einem Truppenteil ihrer Wahl als Präsenzdienst ableisteten, sich selbst einkleiden und beköstigen und nach der Grundausbildung Offizier der Reserve werden konnten. Auch viele Absolventen des König Wilhelm Gymnasiums aus vermögenderen Höxteraner Familien nahmen diese Möglichkeit in Anspruch, so z.B. die Söhne Ernst, Hans und Paul aus der Zementfabrikantenfamilie Eichwald oder der spätere Höxteraner Arzt Dr. Richard Frankenberg, der seinen Dienst 1906/07 beim I. Inf.-Reg. „König“ in München ableistete.

Höxteraner Juden in den Kriegen des 19. Jahrhunderts

Fragment des 1944 zerschlagenen Grabsteins für Josef Rosenstern
Fragment des 1944 zerschlagenen Grabsteins für Josef Rosenstern
Todesanzeige für Josef Rosenstern, Berliner Tageblatt 5.2.1914
Todesanzeige für Josef Rosenstern, Berliner Tageblatt 5.2.1914

Schon in den preußischen Kriege des 19. Jahrhunderts dienten Höxteraner Juden an der Front. Noch heute vermerkt der auf dem Friedhof in Höxter erhaltene Grabstein des aus Fürstenau stammenden und später in Höxter lebenden Josef Rosenstern mit Stolz seine Teilnahme an den drei „Feldzügen“ des deutsch-dänischen Krieges 1864, des preußisch-österreichischen Krieges 1866 und des deutsch-französischen Krieges 1870/71, und seine Todesanzeige rühmt ihn wegen der Teilnahme am Sturm auf die Düppeler Schanzen im deutsch-dänischen Krieg als Träger des „Düppelkreuzes“.

Huxaria, 18.9.1925
Huxaria, 18.9.1925
Huxaria, 16.9.1925
Huxaria, 16.9.1925

Weitere Kriegsteilnehmer waren 1866 der Fürstenauer Israel Desenberg sowie 1870/71 die zu der Zeit noch in Ovenhausen wohnenden Nathan und Joseph Dillenberg, und selbstverständlich begleitete der Kriegerverein ihre Beerdigung. Ebenso auch bei dem Höxteraner Levi Katz, über den seine Enkelin Irmgard Horn berichtet: „Er diente im Krieg unter Bismarck 1870-1871, er hatte viele Orden, Grossmutter hatte ein Kissen, und ich weiss noch dass 2 Eiserne Kreuze darauf waren, er war bei den Friedensverhandlungen. Es wurde mir erzählt dass die ganze Stadt Anteil an seiner Beerdigung nahm.“ (Brief von April 2008)

Allgemeine Zeitung des  Judentums, 31.8.1900
Allgemeine Zeitung des Judentums, 31.8.1900

Der später nach seiner Ausbombung 1943 nach Lüchtringen evakuierte Jacob Cohn meldete sich im August 1900 sogar freiwillig zum Expeditionskorps gegen den sog. „Boxeraufstand“ in China, mit dem das deutsche Kaiserreich seine kolonialen Ansprüche im fernen Osten demonstrierte.

Die Höxteraner Juden im Ersten Weltkrieg an der Heimatfront

Huxaria, 14.10.1914 und öfter
Huxaria, 14.10.1914 und öfter

Mit der Kriegserklärung an Russland am 1.8.1914, dem Ultimatum an Belgien am 2.8. und der Kriegserklärung an Frankreich am 3.8. begann auch für Höxter der Erste Weltkrieg, bereitwillig unterstützt durch rege Aktivitäten in der Stadt, an denen sich auch die Juden nach Kräften beteiligten. So bedankte sich der orthodoxe Jude Abraham (Adolf) Lewertoff nicht nur ausdrücklich für die Glückwünsche zur Silberhochzeit „am Siegestage von Metz“ (18.8.1870) im deutsch-französischen Krieg, sondern sammelte nach dem russischen Einmarsch mit wiederholten Anzeigen auf eigene Kosten Kleidung für die Menschen in Ostpreußen und verschickte sie nach dort.

Huxaria, 17.10.1914
Huxaria, 17.10.1914

Schon bald gründete sich in Höxter eine „Freiwillige Kriegshilfe“ mit einer Geschäftsstelle im Laden des jüdischen Kaufmann Emil Rose am Gänsemarkt, wo die „Liebesgaben für unser Bataillon und für Söhne unserer Stadt bei anderen Truppenteilen“ gesammelt wurden. Mitglied des geschäftsführenden Ausschusses war der ebenfalls jüdische Kaufmann Josef Löwenstein.

Die Sanitätskolonne vom Roten Kreuz 1922; sitzend, 3. v. l.: Dr. Richard Frankenberg
Die Sanitätskolonne vom Roten Kreuz 1922; sitzend, 3. v. l.: Dr. Richard Frankenberg
Huxaria, 14.10.1914
Huxaria, 14.10.1914

Reichliche Unterstützung erhielt auch das Rote Kreuz, wo die Juden z.B. bei der ersten Sammlung bis zum 29.8.1914 trotz ihres Bevölkerungsanteils von nur 1,6 % über 8 % der Gesamtsumme von 4224,91 Mk. aufbrachten. Nach wenigen Wochen wurde am 10.10.1914 die Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz gegründet. Zum stellvertretender Kolonnenarzt wurde der jüdische Arzt Dr. Richard Frankenberg gewählt.

Huxaria, 24.6.1915
Huxaria, 24.6.1915

Als die Goldvorräte des Reiches für die Bezahlung von Importen mit Fortgang des Krieges schmolzen, wurden die Bürger unter dem Motto „Gold gab ich für Eisen“ zur Abgabe von Goldgeld und zum Umtausch goldener und silberner Wertgegegenstände aufgefordert, eine Kampagne, die unter dem Titel „Vaterlandsdank“ immer mehr verstärkt wurde. Auch Kinder und Jugendliche wurden zum Sammeln angehalten. Die Zeitungen nennen 1915 unter anderem die jüdischen Schüler Siegfried Rose, Regina Himmelstern und Julius Frank. Sammelstelle war neben dem Rathaus wiederum der Laden des jüdischen Kaufmanns Emil Rose am Gänsemarkt.

Huxaria, 15.2.1916
Huxaria, 15.2.1916
Huxaria, 5.10.1915
Huxaria, 5.10.1915

Auch in die Kriegswirtschaft waren die Juden einbezogen und in die Bewirtschaftung und Verteilung der immer knapperen Güter. Siegmund Rosenberg übernahm im Kreis den Ankauf der Speisekartoffeln für das Reich und hatte die Genehmigung zum Verkauf von Saatkartoffeln, während Siegmund Katz z.B. zuständig war für die Verteilung von Saatgetreide, Kleie, Maisschrot, Wiesenheu und anderen Futter- und Düngemitteln.

Höxteraner Juden an der Front des Ersten Weltkriegs

„Ich bin als Deutscher ins Feld gezogen, um mein bedrängtes Vaterland zu schützen. Aber auch als Jude, um die volle Gleichberechtigung meiner Glaubensbrüder zu erstreiten.“ Mit diesen eindringlichen Worten fasste der 1915 gefallene jüdische Fliegerleutnant Josef Zürndorf aus Rexingen in seinem Testament seine Haltung und seine Hoffnung zusammen, mit der er 1914 in den Krieg zog. Viele Juden aus Höxter wurden sicher von ähnlichen Motiven bewegt, als sie sich zu Beginn des Ersten Weltkriegs „zu den Fahnen“ meldeten, um „für das Vaterland“ zu kämpfen.

Vermerk über den Kriegsfreiwilligen Dr. Max Netheim im Archiv des KWG
Vermerk über den Kriegsfreiwilligen Dr. Max Netheim im Archiv des KWG

Nach der Kriegserklärung an Frankreich begann am 3./4.8. der Einmarsch in Belgien, und schon am 3.8. fuhr frühmorgens der erste Zug mit Soldaten aus Höxter an die Front, wo sie ab dem 20.8. in Belgien und dann in Frankreich zum Einsatz kamen. Welche Juden aus Höxter schon mit diesem Zug in den Krieg zogen, ist nicht bekannt. Aus dem Kriegstagebuch des Höxteraners Karl Schöning, der detailliert über die Einziehung der Soldaten und den Vormarsch nach Belgien und Frankreich berichtet, erfährt man jedoch zum Beispiel, dass schon am 30.8. einer der Dillenberg-Söhne aus Ovenhausen bei Charleroi in Frankreich verwundet wurde.

Aus einem Schreiben des KWG, 28.4.1922
Aus einem Schreiben des KWG, 28.4.1922

Zogen viele Soldaten zunächst mit der Hoffnung auf baldige Heimkehr in den Krieg, so erwies sich diese Hoffnung spätestens seit der Erstarrung der Front in den flandrischen Schützengräben als trügerisch, und auch die Juden wurden mit ganzen Schulklassen des Gymnasiums mit dem vorzeitig ausgestellten „Kriegsabitur“ an die Front geschickt.

Mangels entsprechender Verzeichnisse lässt sich die Gesamtanzahl der im Ersten Weltkrieg eingesetzten Soldaten aus Höxter nicht ermitteln. Dasselbe gilt auch für die Juden aus der Stadt. Aus den Verlustlisten der gefallenen, verwundeten und vermissten Soldaten sowie anderen Quellen kann man jedoch entnehmen, dass mindestens 45 in Höxter und den heute eingemeindeten Dörfern lebende oder hier geborene Juden als Soldaten an der Front dienten. Tatsächlich dürfte ihre Anzahl noch höher liegen.

Die sicher oft auch in den jüdischen Familien in Höxter aufbewahrten Briefe, Fotos und Aufzeichnung aus der Kriegszeit wurden im Dritten Reich vernichtet, und so ist man hinsichtlich der einzelnen Schicksale im Krieg zumeist auf Meldungen und Todesanzeigen in den Zeitungen sowie andere verstreute Quellen angewiesen.

Huxaria, 1.4.1905
Huxaria, 1.4.1905

Wie andere Höxteraner wurden viele der Juden dem hier stationierten Infanterie-Regiment 55 zugeteilt und dienten vor allem an der Westfront in Nordfrankreich. Die Huxaria druckte am 1.4.1915 den Brief einer Gruppe von Soldaten des Regiments ab, einen „echt deutschen Gruß“, mitunterzeichnet von dem Höxteraner Walter Dillenberg und am Ende versehen mit dem Spruch „Feste druff!“, einer Forderung des Kronprinzen Wilhelm. Einen weiteren Gruß schickte die Gruppe am 25.9.1915 aus Ostende an die Zeitung.

Eisernes Kreuz für Heinrich Löwenstein, Huxaria, 11.7.1916
Eisernes Kreuz für Heinrich Löwenstein, Huxaria, 11.7.1916

Aus den Zeitungen und anderen Quellen erfährt man auch, dass zahlreiche Höxteraner Juden ebenso wie ihre christlichen Mitbürger mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurden, so z.B. Iwan Dillenberg, Dr. Ernst Eichwald, Dr. Richard Frankenberg, Hermann Kaufmann, Benno Lipper, die Brüder Heinrich und Ernst Löwenstein, Dr. Leo Pins und andere.

Stadt- und Dorfzeitung, 18.5.1918
Stadt- und Dorfzeitung, 18.5.1918
Vermerk im Archiv des KWG
Vermerk im Archiv des KWG

Über die Grausamkeit des Krieges und das Leben und Sterben der Höxteraner Soldaten an der Front erfährt man aus den Zeitungen nur wenig. Sie drucken zwar regelmäßig Auszüge aus den offiziellen Verlustlisten, und es gibt auch große beschönigende Artikel über die Kriegshandlungen und das Frontgeschehen, aber nur selten erfährt man Genaueres über das Schicksal der Einzelnen, wenn nicht andere Quellen hinzukommen.

Gedenkblatt (Muster) und Bestätigung über die Überreichung an die Angehörigen des gefallenen Max Dillenberg durch den jüdischen Lehrer Isaak Weinberg
Gedenkblatt (Muster) und Bestätigung über die Überreichung an die Angehörigen des gefallenen Max Dillenberg durch den jüdischen Lehrer Isaak Weinberg

Da die Gefallenen auf Friedhöfen nahe der Front bestattet wurden, oft anonym und in Massengräbern, blieb den Eltern kein Ort der Trauer, und so ließen etwa die Familien Dillenberg auf dem jüdischen Friedhof in Höxter drei heute nicht mehr erhaltene Gedenksteine für ihre gefallenen Söhne verlegen. Als „bleibende Erinnerung“ erhielten die Eltern außerdem ein „Gedenkblatt“ mit dem Schriftzug des Kaisers.

Die genaue Anzahl der Kriegsteilnehmer aus Höxter und der Juden unter ihnen ist nicht bekannt. Die Quellen zeigen aber, dass der Anteil der jüdischen Soldaten, der Gefallenen und Verwundeten auch in Höxter mindestens ebenso hoch oder sogar höher war als ihr Anteil in der Bevölkerung. Lag der Bevölkerungsanteil der Juden in Höxter vor dem Ersten Weltkrieg (1910) bei etwa 1,6 %, so verzeichneten die heute nicht mehr existierenden Gedenktafeln am Ehrenmal unter den Namen der 226 gefallenen Höxteranern auch 6 Juden, also 2,7 %. Ähnlich unter den ehemaligen Schülern des KWG, wo der Anteil der Juden im 19. Jahrhundert überproportional hoch war. Dort waren unter den 159 gefallenen Schülern sogar 7 Juden (4,4 %).

Jüdische Kriegsopfer aus Höxter

Dillenberg, Abraham, * 17.9.1887 in Ovenhausen, Viehhänder. Als Gefreiter im Inf.-Reg. 55, 12. Komp., beim Angriff australischer Verbände am 4.7.1918 bei Le Hamel (Nordfrkr.) verwundet und am selben Tag gestorben.
Dillenberg, Iwan, * 26.1.1884 in Höxter. Nach Gymnasialbesuch Kaufmann. Als Gefreiter im Inf.-Reg. 56, 8. Komp. (EK I und II) nach schwerer Verwundung am 11.4.1918 am folgenden Tag auf dem Wagenhalteplatz in Moreuil (Nordfrankr.) gestorben.
Dillenberg, Max, * 23.6.1889 in Höxter. Nach der einjährig-freiwilliger Reife am KWG Bankkaufmann bei der Deutschen Bank in Berlin. Als Res.-Uffz. im Inf.-Reg. 55, 2. Komp. bei den Kämpfen um die Höhe Lorette am 4.11.1914 bei Souchez (Nordfrankr.) gefallen.
Dillenberg, Walter, * 2.11.1892 in Höxter. Viehhändler. Am 11.1.1916 in Richebourg-L’Avoué gefallen und auf dem Soldatenfriedhof in Illies (Nordfrankr.) begraben.
Eichwald, Paul, Dr., * 18.10.1879 in Höxter. Nach Abitur am KWG und Medizinstudium Arzt in Hannover. Als Assistenzarzt der Landwehr im Res.-Inf.-Reg. 74 am 6.6.1916 bei Verdun gefallen und auf dem Soldatenfriedhof Azannes II begraben.
Emanuel, Emil, * 25.11.1879 in Höxter. Nach Abitur am KWG Bauingenieur. Später Baumeister in Bochum, seit 1909 Regierungsbaumeister. Am 10.11.1914 in der Ypern-Schlacht als Offz.-Stellv. im Res.-Inf.-Reg. 6, 6. Komp., bei Poelkapelle gefallen und auf dem Soldatenfriedhof in Menen (Belgien) begraben.
Katz, Salli/Sally, * 11.8.1888 in Ovenhausen. Am 21.8.1916 als Soldat des Inf.-Reg. 69, 2. Komp., in Frankreich vermisst, gefallen.
Ransenberg, Hermann, * 9.6.1888 in Höxter. Nach Gymnasialbesuch Übergang ins „praktische Leben“. Am 30.3.1917 als Gefreiter im Res.-Inf.-Reg. 256, 10. Komp. leicht verwundet, am 10.8.1917 im Susitatal in Rumänien gefallen.
Schlesinger, Sally, * 25.6.1885 in Albaxen. Kaufmann. Nach schwerer Verwundung am 15.11.1915 wieder an der Front. Am 4.6.1917 als Soldat des 4. Grd.-Reg., 4. Komp., gefallen.

Antisemitismus während des Krieges

„Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche! Zum Zeichen dessen, dass Sie fest entschlossen sind, ohne Parteiunterschied, ohne Stammesunterschied, ohne Konfessionsunterschied durchzuhalten mit mir durch dick und dünn, durch Not und Tod, fordere ich die Vorstände der Parteien auf, vorzutreten und mir das in die Hand zu geloben.“

Aufruf an die deutschen Juden

Mit diesen Worten appellierte Kaiser Wilhelm II. bei Kriegsbeginn am 4.8.1914 in einer Thronrede an die nationalistische Kriegsbegeisterung breiter Bevölkerungskreise. Viele Deutsche folgten dem Aufruf des Kaisers, und auch viele Juden sahen den Krieg als Chance, ihren Patriotismus zu beweisen. Über 10.000 von ihnen meldeten sich im Ersten Weltkrieg freiwillig zum Dienst an die Front wie etwa die Höxteraner Heinrich Löwenstein, Dr. Ernst Eichwald und Dr. Max Netheim.

Antisemitische Propaganda war zwar seit Kriegsbeginn verboten, jedoch agitierten antisemitische Organisationen wie der Reichshammerbund, der Alldeutsche Verband und der Bund der Landwirte zunächst im Hintergrund und bald auch in der Öffentlichkeit gegen „jüdische Zersetzung“ und „jüdische Flaumacherei“ und unterstellten den Juden, sich „unter allen möglichen Vorwänden“ vor dem Dienst an der Front zu drücken und im und mit dem Krieg als „Kriegsgewinnler“ Geschäfte zu machen.

Durch Pamphlete, anonyme Beschwerden, böswillige Gerüchte, parlamentarische Anfragen usw. erreichten sie schließlich, dass im Herbst 1916 per Erlass eine Zählung angeordnet wurde, um den Anteil der Juden an den Soldaten an der Front, an den Zurückgestellten usw. zur ermitteln – ein Schlag ins Gesicht aller patriotischen Juden. Die Ergebnisse wurden bis zum Ende des Krieges geheim gehalten, was die Ressentiments gegen jüdische Kriegsteilnehmer erheblich verstärkte.

Flugblatt des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten von 1920
Flugblatt des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten von 1920

Spätere Auswertungen ergaben jedoch, dass Juden ihrem Bevölkerungsanteil gemäß an der Front eingesetzt waren, mit Tapferkeitsmedaillen ausgezeichnet wurden und im Krieg fielen. Bei den Freiwilligen lag ihr Anteil sogar über dem Durchschnitt. 13,25 Millionen Deutsche leisteten im Ersten Weltkrieg Kriegsdienst, 2 Mio. (15 %) fielen. Ebenso hoch war auch der Blutzoll unter den 78.000 Juden, von denen 12.000 im Kampf fielen.

Ob und wie sich der durch die „Judenzählung“ beförderte Antisemitismus auch in Höxter auswirkte, ist bisher nicht bekannt. Jedoch entstand so in Deutschland eine Bruchlinie, die nicht mehr zu kitten war und später auch in Höxter spürbar wurde. Mit der Judenzählung war der Antisemitismus staatlich legitimiert worden.

Rückkehr aus dem Krieg

Geschlagen, ausgehungert und traumatisiert kehrten die Soldaten 1918/19 nach Höxter zurück. Die Zeit war unruhig, und so beteiligten sich auch die jüdischen Kriegsteilnehmer wie Paul Netheim, Julius Dillenberg und andere 1919 an den regelmäßigen Patrouillen zur Verhinderung von Plünderungen und Übergriffen. Für alle ging es um die Rückkehr in das normale Leben, sei es dass sie wie Benno Lipper, Hermann Kaufmann oder Willi Uhlmann in das elterliche Geschäft eintraten oder wie Ernst Löwenstein und Albert Dillenberg erst einmal ihr Abitur nachholten.

Ebenso integrierten sie sich wieder in das gesellschaftliche und politische Leben ihrer Stadt oder ihres Dorfes. David Schlesinger versah die Erste Hilfe in Albaxen, Max Dillenberg half in Ovenhausen nicht nur den Schützen mit Pferden aus, sondern unterstützte seine Mitbürger auch schon mal bei der Vorfinanzierung von Operationen. Dr. Richard Frankenberg, erster jüdischer Stadtverordneter in Höxter, engagierte er sich immer wieder für die Verbesserung der Lage der Armen und vor allem der Kinder, für die er mit seinem in Alkmaar lebenden Bruder Louis regelmäßige Verschickungen nach Holland organisierte.

Die heute nicht mehr vorhandene Gedenktafel am KWG (1923) und das Ehrenmal der Stadt Höxter (1926), dessen bronzene Namenstafeln im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen wurden
Die heute nicht mehr vorhandene Gedenktafel am KWG (1923) und das Ehrenmal der Stadt Höxter (1926), dessen bronzene Namenstafeln im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen wurden

1923 übernahm die Stadt Höxter eine Patenschaft für den Soldatenfriedhof in Illies (Nordfrkr.), auf dem zahlreiche Gefallene des Inf.-Reg. 55 begraben sind. Auch in der Heimat gedachte man der Opfer des Krieges, der Christen ebenso wie der Juden, die gleichberechtigt auf den Gedenktafeln genannt wurden, und der Bund jüdischer Frontsoldaten nahm 1926 in Höxter an der Einweihung des Ehrenmals teil. Viele der ursprünglichen Namenstafeln sind heute verschwunden oder wurden nach 1945 erneuert und erinnern noch heute an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Juden aus Höxter und den heute eingemeindeten Dörfern.

Die Namen der jüdischen Kriegsopfer Sally Schlesinger und Abraham Dillenberg auf den Gedenkmälern in Albaxen und Ovenhausen
Die Namen der jüdischen Kriegsopfer Sally Schlesinger und Abraham Dillenberg auf den Gedenkmälern in Albaxen und Ovenhausen

Das weitere Schicksal der jüdischen Kriegsteilnehmer aus Höxter

Den überlebenden jüdischen Soldaten des Ersten Weltkriegs blieben nur wenige Jahre, in denen sie sich in Höxter und anderen Orten eine Existenz aufbauen konnten. Der Ovenhäuser Max Stamm (* 29.10.1898) starb am 16.2.1924. Der im Krieg verwundete Benno Lipper, am 29.6.1881 in Fürstenau geboren, zog 1925 von Höxter nach Braunschweig und kam dort um 1929 bei einem Unfall auf dem Bahnhof ums Leben. Der von Albaxen nach Essen verzogene Ludwig/Louis Schlesinger (* 17.4.1882) starb dort vermutlich am 1.9.1931. Emil Frankenberg, am 4.5.1874 in Höxter geboren, der trotz seines Alters noch gedient hatte, entging der Deportation nur durch seinen Tod am 20.10.1940 in Hamburg.

Stadt- und Dorfzeitung, 24.6.1920
Stadt- und Dorfzeitung, 24.6.1920

Die übrigen wurden nach 1933 Opfer der rassistischen Judenverfolgung der Nazis, denn schon 1920 erschien auch in Höxter erstmals in einer Zeitungsanzeige das Hakenkreuz. Mindestens elf der ehemaligen jüdischen Kriegsteilnehmer aus Höxter konnten sich rechtzeitig ins Exil retten. Mindestens zwanzig aber wurden in die Ghettos und Konzentrations- und Vernichtungslager des Dritten Reiches deportiert, die nur einer von ihnen überlebte.

Im Dritten Reich ermordete jüdische Kriegsteilnehmer aus Höxter

Bachmann, Albert, * 7.11.1899 in Fürstenau. Nach Kriegsteilnahme Viehhändler in Fürstenau. Nach der Pogromnacht bis zum 19.12.1838 in Buchenwald inhaftiert. Am 13.12.1941 mit seiner Frau nach Riga deportiert. Am 12.12.1944 in Stutthof ermordet.
Bachmann, Hermann, * 25.11.1901 in Fürstenau. Nach Kriegsteilnahme Viehhändler in Fürstenau. Nach der Pogromnacht bis zum 8.12.1938 Inhaftierung in Buchenwald. Am 13.12.1941 nach Riga deportiert. Im Sept. 1943 in Auschwitz ermordet.
Bachmann, Moritz, * 9.3.1895 in Fürstenau. Nach Kriegsteilnahme Viehhändler in Fürstenau. Nach der Pogromnacht bis zum 12.12.1838 Inhaftierung in Buchenwald. Am 13.12.1941 nach Riga deportiert. Verschollen.
Bachmann, Siegfried, * 8.8.1892 in Fürstenau. Nach Kriegsteilnahme Viehhändler in Fürstenau. In der Pogromnacht mit einem Dolch ins Gesäß gestochen, bis zum 12.12.1938 in Buchenwald inhaftiert. Am 13.12.1941 mit Frau und Tochter nach Riga deportiert. Verschollen.
Dillenberg, Hermann, * 20.1.1884 in Ovenhausen. Am 11.1.1916 verwundet. Viehhändler in Ovenhausen, dann in Fürstenau. Nach der Pogromnacht bis zum 27.11.1938 in Buchenwald inhaftiert. 1941 nach Riga deportiert. Verschollen.
Dillenberg, Julius, * 12.11.1881 in Höxter. Am 8.10.1915 leicht verwundet. Viehhändler. Floh 1937 mit seiner Frau in die Niederlande. Von dort am 21.4.1943 nach Theresienstadt deportiert. Am 21.10.1944 in Auschwitz ermordet.
Dillenberg, Max, * 14.6.1890 in Ovenhausen. Im Krieg verwundet. Erfolgreicher Viehhändler in Ovenhausen. Nach der Pogromnacht bis zum 23.12.1938 in Buchenwald inhaftiert. Am 31.3.1942 nach Warschau deportiert. 1943 in Auschwitz ermordet.
Dillenberg, Richard, * 30.3.1892 in Höxter. Am 10.10.1917 in Gefangenschaft geraten. Viehhändler. Nach der Pogromnacht bis 8.12.1938 in Buchenwald inhaftiert. Am 13.12.1941 nach Riga deportiert. Verschollen.
Eichwald, Fritz, * 27.6.1888 in Höxter. Am 20.8.1914 verwundet. Später in Berlin. 1939 Fluchtversuch mit Schiff Saint Louis 1939 nach Kuba. Nach Verweigerung der Landung Rückkehr nach Frankreich. Am 6.11.1942 über das französische Lager Drancy nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Frankenberg, Richard, Dr., * 8.10.1883 in Höxter. Träger des Eisernen Kreuzes. Mitbegründer des Roten Kreuzes in Höxter. Hoch angesehener Arzt. Nach der Pogromnacht bis zum 2.12.1938 in Buchenwald inhaftiert. Am 13.12.1941 mit seiner Frau nach Riga deportiert. Am 29.7.1944 ermordet.
Frohsinn, Leopold, * 4.7.1884 in Höxter. Am 12.6.1918 leicht verwundet. Lehrer in Essen und Moers. 1939 zwangsweiser Ruhestand. Umzug nach Schildesche. Am 31.3.1942 mit Familie nach Warschau deportiert. In Auschwitz ermordet.
Jacobi, Emanuel, * 31.3.1870 in Fürstenau. Nach Kriegsteilnahme wieder Gemischtwarenkaufmann in Fürstenau. Am 13.12.1941 mit seiner Frau nach Riga deportiert. Verschollen.
Jacobi, Israel, * 25.6.1879 in Fürstenau. Fellhändler in Adelebsen. Am 8.10.1915 schwer verwundet, Kriegsinvalide. Am 24.7.1942 mit seiner Frau über Hannover-Ahlem nach Theresienstadt deportiert und am 11.7.1944 ermordet.
Löwenstein, Ernst, * 5.8.1900 in Höxter. Träger des Eisernen Kreuzes. Übernahme des elterlichen Kaufhauses in Höxter. Wegen seines sozialen Engagements beliebt. Nach der Pogromnacht bis zum 12.1.1939 in Buchenwald inhaftiert. Am 31.3.1942 mit Frau und 3-jährigem Sohn nach Warschau deportiert. Verschollen.
Löwenstein, Heinrich, * 18.11.1891 in Höxter. Kriegsfreiwilliger, Art.-Wachtmstr., EK I. Übernahme des Beverunger Zweiggeschäfts der Familie. Nach der Pogromnacnt bis 12.12.1938 in Buchenwald inhaftiert. An 31.3.1942 mit Frau und dreijähriger Tochter nach Warschau. Verschollen.
Löwenstein, Joseph, * 13.1.1890 in Fürstenau. Am 17.4.1915 leicht verwundet. Kaufmann in Schüttorf. In der Pogromnacht öffentlich verprügelt, bis zum 11.12.1941 in Sachsenhausen inhaftiert. Am 13.12.1941 mit Frau und zwei Kindern nach Riga deportiert. Verschollen.
Netheim, Paul, * 4.8.1888 in Höxter. Im Krieg als Fahrer eingesetzt. Textilkaufmann. Nach der Pogromnacht in Buchenwald inhaftiert. Letzter Vorsteher der Juden in Höxter. Am 31.7.1942 mit seiner Frau nach Theresienstadt, am 9.10.1944 nach Auschwitz deportiert. Ermordet.
Pins, Leo, Dr., * 20.1.1884 in Dülmen. Tierarzt in Höxter, wo seine Frau ein Wäschegeschäft führte. Als Veterinäroffizier an der Ost- und der Westfront mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Nach der Pogromnacht bis zum 2.12.1938 in Buchenwald inhaftiert. Am 13.12.1941 mit seiner Frau nach Riga deportiert und im Juli 1944 ermordet.
Schlesinger, David, * 20.11.1880 in Albaxen. Als Sanitäter an der Front. Danach Fortführung des elterlichen Geschäfts. In der Pogromnacht 1938 bei der Abholung nach Höxter ermordet.
Uhlmann, Gustav, * 27.3.1894 in Ovenhausen. Im Krieg schwer verwundet. Träger des Eisernen Kreuzes. Geschäftsführer im Kaufhaus Löwenstein in Höxter. Nach der Pogromnacht bis zum 27.11.1928 in Buchenwald inhaftiert. Am 13.12.1941 mit Frau und Sohn nach Riga deportiert. Er überlebte, und emigrierte in die USA. Im Sept. 1958 gestorben.

Ins Exil geflohene jüdische Kriegsteilnehmer aus Höxter

Bachmann, Norbert, * 8.4.1877 in Höxter. Altwarenhändler. Am 8.8.1916 leicht verwundet. Folgte 1935 mit seiner Frau den emigrierten Söhnen in die USA. Am 16.11.1950 in New York gestorben.
Dillenberg, Albert, * 1.3.1898 in Höxter. Im Nov. 1916 mit seiner Klasse einberufen. 1918 Kriegsabitur. Nicht abgeschlossenes Jurastudium. Ab 1933 Viehhändler in Höxter. Am 11.1.1936 nach Südamerika ausgewandert.
Eichwald, Ernst, Dr., * 24.9.1878 in Höxter. Chemiestudium. Bei Kriegsbeginn Rückkehr nach Deutschland. Leutnant der Reserve an der Ostfront (EK I und II). Chemiker bei der Degussa. Nach der Pogromnacht 1939 Flucht nach England. Dort 1970 gestorben.
Eichwald, Hans, * 21.12.1882 in Höxter. Jurastudium. Gefreiter im Automobilkorps eines Korpskommandanten. Kaufmann in Bremen und Hannover. 30.9.1938 Flucht in die USA. Kaufmann in New York. Dort am 1.7.1967 gestorben.
Fränkel, Walter, Dr., * 22.3.1882 in Höxter. Arzt. Bataillonsarzt im „Karpathenkorps“ (EK I und II). Urologe in Berlin. 1939 Flucht mit seiner Frau auf die Philippinen, wo diese 1945 von den Japanern ermordet wurde. Nach dem Krieg in den USA. Im März 1967 in Newark gestorben.
Hochfeld, Alex, * 26.1.1876 in Höxter. Kaufmann in Hamburg. Geriet im Juli 1916 in Gefangenschaft. Im September 1940 Flucht mit seiner Frau nach Tientsin (China), 1950 in die USA. Am 27.3.1951 in San Francisco gestorben.
Hochfeld, Julius, * 4.3.1880 in Höxter. Maschinenbauer. Jahrelang Schiffsingenieur zur See, im Krieg in der Kriegsmarine. Büromöbelfabrik in Hamburg. Am 9.12.1938 Emigration mit seiner Frau in die USA. Am 1.3.1959 in New York gestorben.
Kaufmann, Hermann, * 24. 9.1897 in Alsdorf. Träger des Eisernen Kreuzes. Schuhgeschäft in Höxter. 8.8.1939 Emigration nach England, Rückkehr nach Höxter. Nach der Pogromnacht bis zum 29.11.1938 in Buchenwald inhaftiert. 1940 Emigration über England in die USA. Frau und Tochter folgten 1941. Im März 1981 in Florida gestorben.
Netheim, Max, Dr., * 5.4.1889 in Höxter. Jurist. Kriegsfreiwiliger. Anwalt in Osnabrück. Anfang 1939 Emigration mit der Familie in die USA. Eröffnung einer Hühnerfarm. Am 28.5.1949 in New Jersey gestorben.
Schlesinger, Carl, * 25.5.1879 in Albaxen. Bank-Prokurist in Hildesheim. Als Vizefeldwebel am 31.10.1914 und 26.8.1915 leicht verwundet. 1940 Flucht mit Frau und Sohn über Japan in die USA. Am 2.2.1942 in Seattle gestorben.
Uhlmann, Willi, * 20.9.1892 in Ovenhausen. Am 30.1.1917 leicht verwundet. Später in Bielefeld. Am 12.12.1936 Auswanderung mit der Familie in die USA. Im Juli 1969 in Garland (Arkansas) gestorben.

Fritz Ostkämper, 30.10.2019
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