Jüdische Bürger in Höxter

Klassenfoto der Quarta 1891 mit fünf jüdischen Schülern: Emil Emanuel, Robert Weißenstein, Paul Eichwald, Sigismund Katz, Max Eppstein (hervorgehoben, v.l.n.r.)
Klassenfoto der Quarta 1891 mit fünf jüdischen Schülern: Emil Emanuel, Robert Weißenstein, Paul Eichwald, Sigismund Katz, Max Eppstein (hervorgehoben, v.l.n.r.)

Jüdische Schüler am König-Wilhelm-Gymnasium

Die folgende Darstellung entstand 1992 für die Festschrift zum 125-jährigen Bestehens des KWG. Die Zahlen über die Schicksale der ehemaligen jüdischen Schüler wurden nach dem aktuellen Kenntnisstand korrigiert. Einzelschicksale und Lebensbilder sind durch Verweise ergänzt.

Einzelschicksale und Lebensbilder

Alex Bernstein – unermüdlicher Chronist der Juden in Höxter
Die Viehhändlerfamilie Dillenberg
Die Zementfabrikanten Eichwald und ihre Familie
Die Familie Fränkel – jüdische Bildungsbürger aus Höxter
Dr. Richard Frankenberg – ein jüdischer Bürger Höxters
Der Augenarzt Dr. Richard Hessberg
Der jüdische Gelehrte Dr. Samson Hochfeld
Albert Hochheimer: Romanautor und Reiseschriftsteller aus Steinheim
Erich Kleeberg
Dr. Josef Kleinstrass: Bredenborn – Hamm – Zamosc
Ein ehemaliger Schüler des KWG im „Wilden Westen“ – Ernst Kohlberg
Die Kaufmannsfamilie Löwenstein
Dr. Leo Markes
Alfred Michaelis – Jurist und Literat
Familie Neuberg, Pferdehändler und Metzger
Die Kaufmannsfamilie Netheim
Alfred Rosenberg – ermordet im KZ Majdanek
Louis Levi Rosenthal – Zahnarzt und Chronist der Zeit
Familie Neuberg, Pferdehändler und Metzger
Der Literaturhistoriker und Altphilologe Dr. Max Rubensohn
Ausgewanderte und exilierte jüdische Schüler des KWG

Jüdische Schüler im Kaiserreich und in der Weimarer Republik

Das 1867 als evangelische Anstalt gegründete heutige König-Wilhelm-Gymnasium war von Anfang an für die Juden in Höxter eine willkommene Möglichkeit, ihren Kindern eine höhere Ausbildung zukommen zu lassen, als sie die bis Anfang des 20. Jahrhunderts existierende Jüdische (Grund-)Schule und die weiterführenden Volksschulen boten. Schon unter den ersten 76 Schülern, mit denen Ostern 1867 der Unterricht am gerade eröffneten Progymnasium aufgenommen wurde, waren acht „Israeliten“, wie es in den Schulakten heißt. Und als Ostern 1875 die ersten Schüler am KWG ihr Abitur ablegten, war unter den drei Abiturienten gleich auch ein Jude, Alexander Himmelstern aus Beverungen, später Professor für Deutsch (also Gymnasiallehrer) in Baden.

Die Zahl der Juden am KWG ist schwankend und spiegelt nur begrenzt den Bevölkerungsanteil der Juden in der Stadt Höxter wider. Auffällig sind vielmehr vor allem die Abweichungen. Der Anteil der jüdischen Schüler an der Gesamtschülerzahl liegt bis zum Ende der 20er Jahre meistens ganz erheblich über dem Bevölkerungsanteil der Juden in der Stadt. Man hat fast den Eindruck, als hätten die jüdischen Familien so gut wie alle ihre (männlichen) Kinder zumindest für einige Jahre zum KWG geschickt. Die jüdischen Bürger wollten also ihrem Nachwuchs eine besonders gute Schulbildung angedeihen lassen, und sie hatten auch die Mittel dazu, denn sie gehörten im Allgemeinen zum eher vermögenderen Handelsbürgertum der Stadt, und die Berufsbezeichnungen der jüdischen Gymnasiasteneltern lauten in der Regel: Kaufmann, Handelsmann, Kornhändler u. ä. Dazu kommen eher vereinzelt Angehörige anderer Berufe wie Uhrmacher, Lehrer an der Baugewerkschule, Gastwirt, Tierarzt, Zahnarzt usw.
Die Tatsache, dass die Zahl der Juden am KWG im Schnitt höher war als der Anteil der Juden an der Bevölkerung der Stadt Höxter, lässt auf eine hohe Akzeptanz des Gymnasiums bei den Juden schließen. Hinzu kommt, dass viele Schüler des KWG nicht nur aus den Gemeinden des Kreises Höxter kamen, sondern auch von weit darüber hinaus. Das reicht bis nach Hessen, ins Ruhrgebiet oder gar bis nach Berlin. Während für die evangelischen Schüler unter anderem das Alumnat an der Bachstraße auf dem heutigen Gelände des Konrad-Beckhaus-Heims zur Verfügung stand, wohnten die auswärtigen jüdischen Schüler im Allgemeinen bei verwandten jüdischen Familien oder hatten Zimmer in der Stadt.

Jüdische Schüler am KWG von 1867 - 1933

Die Zahlen über den Anteil der jüdischen Schüler an der Schülerzahl des KWG bieten im einzelnen ein uneinheitliches Bild. Ein Überblick zeigt aber, dass bis zur Mitte der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts durchschnittlich knapp 10 % der Schüler „Israeliten“ waren. Am Höhepunkt 1890 stammten gar 13,6 % der Gymnasiasten aus jüdischen Familien.
In den folgenden 20 Jahren bis in den 1. Weltkrieg hinein lag ihr Anteil im Durchschnitt bei annähernd 6 % und sank danach allmählich, aber kontinuierlich auf 1 bis 1,5 % zu Beginn der 30er Jahre.
Die Ursachen für diesen Rückgang sind nicht am KWG zu suchen, sondern hängen zusammen mit der Abwanderung vieler Juden in die großen Städte, wo sie bessere Existenzbedingungen vorfanden. Außerdem muss man die allgemeine große Auswanderungsbewegung in die USA gegen Ende des vorigen Jahrhunderts in Rechnung stellen, die auch die Juden ergreift. Nachweislich haben mindestens fünfzehn ehemalige jüdische Schüler des KWG in diesem Zeitraum Deutschland verlassen, in vielen Fällen wohl zusammen mit der Familie, zwei weitere nach dem 1. Weltkrieg. Auf dem Hintergrund dieser Abwanderungsbewegung aus Höxter ist auch zu erklären, dass die an die Synagoge angebaute Jüdische Schule an der Nagelschmiedstraße, die bis dahin von den meisten jüdischen Kindern als „Grundschule“ besucht wurde, bald nach der Jahrhundertwende ihre Pforten schließen musste.
Trotzdem bleibt bis zum Beginn des „3. Reiches“ der Anteil der Juden am KWG höher als ihr Bevölkerungsanteil in der Stadt. Insgesamt kamen von den rund 3400 Schülern, die in den Jahren zwischen 1867 und 1933 von ihren Eltern am KWG und der zugehörigen Vorschule angemeldet wurden, 163, also annähernd 5 %, aus jüdischen Familien. Und regelmäßig schickten die Höxteraner Juden, die selbst am KWG die Schulbank gedrückt hatten, ihre Söhne auch wieder dorthin, einige sogar, wenn sie selbst nicht mehr in Höxter wohnten oder nur dort zum Gymnasium gegangen waren.

Die Stellung der jüdischen Schüler im Kaiserreich

Wie schon die Zahlen zeigen, fühlten sich die Juden am KWG gleichberechtigt aufgenommen, und auch ein latenter Antisemitismus wird in den Schulakten kaum spürbar. Jedenfalls prägt der Gegensatz zwischen Protestanten und Katholiken in der Gründungszeit des KWG, während des Kaiserreiches und auch noch in den 1920er Jahren das Schulleben und die öffentliche Diskussion weitaus stärker als etwaige antisemitische Äußerungen oder Vorfälle. Und wenn die Schule etwa 1909 den Wunsch zurückweisen muss, auch bei jüdischen Schülern die Religionsnote mit ins Zeugnis aufzunehmen, so liegt das einfach daran, dass der Religionsunterricht für die Juden nicht von der Schule erteilt wird und deshalb nicht benotet werden kann.
Sicher hat es gelegentlich auch am KWG antisemitische Ansätze gegeben. So wirft 1909 Naphtali Fränkel, der damalige Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Höxter, dem KWG vor, jüdische Schüler würden am KWG zurückgesetzt und der dortige Spiel- und Turnverein wolle sie nicht aufnehmen. Es hat sich hier aber wohl om Wesentlichen um einzelne Schüleräußerungen gehandelt, denn der seit 1906 amtierende Direktor Hartmann betont in seinem Antwortbrief, „dass es hier von Anfang an mein Bestreben gewesen ist, confessionelle Gegensätze auszugleichen und Streitigkeiten zu verhindern. Daher würde ich einen Verein, der in seinen Statuten oder in der Praxis Andersgläubige principiell ausschliesst, auflösen.“

Soweit aus den Unterlagen erkennbar, wird dieser Anspruch auch in der Praxis eingelöst. Kleine Beispiele dafür sind z. B., dass regelmäßig bei Kaisergeburtstagen Juden ohne Unterschied zu ihren christlichen Mitschülern dazu ausersehen sind, vaterländische Gedichte zu deklamieren, dass z. B. der später vor den Nazis emigrierte Walter Fränkel ausgewählt wird, bei der Einweihung des Denkmals für Hoffmann von Fallersleben eines von dessen Gedichten zu rezitieren, und ihm auch bei Kaisergeburtstagen mehrfach eine solche Aufgabe zufällt usw. Beispiele dieser Art sind vielfältig.

Auch im alltäglichen Leben der Schule verhielten sich die Juden nicht anders und wurden auch nicht anders behandelt als ihre nicht-jüdischen Mitschüler. Auch sie „klauten“ bei den Nachbarn Äpfel und ließen sich bei solchen Dumme-Jungen-Streichen ertappen, auch sie versuchten ihr Portemonnaie mit kleinen Tricks aufzubessern, und auch sie mussten ihre Strafe im „Karzer“ absitzen, wenn sie gegen die „Schulzucht“ verstoßen hatten.

Besonders deutlich wird die tatsächlich gleiche Stellung der Juden in dieser Zeit vielleicht am Beispiel der Einweihung des neuen Schulgebäudes in der Bismarckstraße im Jahre 1912, zu der die ehemaligen Schüler, selbstverständlich auch die Juden, als Ehrengäste geladen sind. Natürlich kommen sie, oder sie spenden zumindest für die Schule wie alle anderen. Dr. Samson Hochfeld , inzwischen Rabbiner an der Fasanen Synagoge in Berlin, der dort schon den Kaiser empfangen hat, gibt die für die Zeit beachtliche Summe von 20 Mark, Dr. Richard Frankenberg – er hat gerade erst in Höxter seine Praxis aufgemacht – steuert 5 Mark bei, ebenso Max Netheim, zu der Zeit Referendar der Jurisprudenz, und ebenso viele andere. Und bei der Festveranstaltung ist mehr als ein Dutzend ehemaliger jüdischer Schüler vertreten, von denen mindestens vier später in den KZs der Nazis umgebracht wurden: Richard Frankenberg, Sigismund Katz, Heinrich Löwenstein und Paul Netheim, während mindestens zwei weitere vor den Nazis ins Exil gehen mussten: Hans Eichwald und Max Netheim.

Wie gleichberechtigt sich die Juden fühlen und verhalten, zeigt der 1. Weltkrieg. Es ist für die ehemaligen jüdischen Schüler des KWG selbstverständlich, dass sie – zum Teil freiwillig – als Soldat „ins Feld ziehen“, um für „Kaiser und Reich“ zu kämpfen, wie man damals sagte, dass sie mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet werden, dass sie ihr Leben „auf dem Feld der Ehre“ lassen. Am traurigsten ist vielleicht das Schicksal der Angehörigen der Familie Dillenberg. Von den sechs Trägern dieses Namens, die das KWG besucht haben, fallen zwei im 1. Weltkrieg; drei sterben in den KZs der Nazis; nur einer kann sich retten, indem er nach Südamerika ins Exil geht.

Insgesamt sind unter den rund 160 gefallenen ehemaligen Schülern und Lehrer des KWG acht Juden, deren auch auf der 1923 im KWG an der Bismarckstraße eingeweihten Gedenktafel gedacht wird.

Die Juden am KWG in der Weimarer Republik

Auch nach 1919 änderte sich diese Situation vorerst nicht. Zwar tauchte bereits im Sommer 1920 zum ersten Mal das Hakenkreuz in Höxter in der Zeitung auf, als der antisemitische „Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund“ aus Holzminden zu einem Vortrag über „Die Judenfrage“ im Hotel „Reichspost“ einlud. Aber es gelang den Höxteraner Juden, diese Veranstaltung zu verhindern.

In diesem Zusammenhang ist auch die im Juli 1920 einberufene Protestkundgebung der Juden im Brückfeld zu sehen, in deren Gefolge auch Schüler des KWG antisemitischer Äußerungen beschuldigt werden. Die Schule kann diese Vorwürfe entkräften, und der jüdische Schüler, der die Anschuldigung erhoben hatte, sieht sich veranlasst, sie zurückzunehmen. Immerhin aber ist zu erkennen, dass der latente Antisemitismus, vor dem die jüdischen Schüler Angst haben, wohl auch vor dem KWG nicht haltmacht.
Dafür gibt es verschiedene nicht repräsentative, aber bezeichnende Beispiele. 1922 etwa rächt sich ein Schüler für das unfaire Verhalten eines jüdischen Mitschülers, indem er ihm einen antisemitischen Wahlaufruf mit den handschriftlichen Zusätzen „Du Hund!“, „Itzig!“, „Haut die Juden tot!“ zusteckt. 1929 wird ein großes Hakenkreuz auf das Foto eines jüdischen Schülers geschmiert. Sicher hat es noch weitere Vorkommnisse ähnlicher Art gegeben, ebenso sicher sind sie aber vor 1933 nicht prägend für das Schulleben.

Die Schule steht solchen Diffamierungen nicht untätig gegenüber, und sie ahndet sie in ihrem Rahmen; aber sie rügt nur das individuelle Fehlverhalten, die ,bewußte Kränkung eines Mitschülers‘, die „unanständige Gesinnung“. Es wird durchaus betont, solche Verhaltensweisen seien geeignet, „das friedliche Nebeneinanderleben der verschiedenartigen Volksgenossen in der Schule zu stören“, aber die konservative und nationale Grundorientierung der Schule verhindert eine systematische Bekämpfung rassistischen Gedankenguts.

Am gravierendsten ist wohl ein Vorfall aus dem Jahr 1929. Da wirft ein jüdischer Schüler dem Studienrat Ummen vor, er habe im Sport „aus konfessionellen Gründen“ die Note „mangelhaft“ erhalten. Als dem Schüler für diese Diffamierung die Androhung der Verweisung ausgesprochen wird, zieht er seinen Vorwurf zurück. Von heute erscheint es eher so, als habe der Schüler mit seinen Behauptungen für sich ein willkommenes Argument gesucht, eine schlechte Note zu relativieren; denn über denselben Lehrer berichtet der ehemalige Schüler Jacob (Otto) Pins, Ummen sei im Unterricht scharf und deutlich gegen den Antisemitismus zu Felde gezogen. Immerhin aber zeigt der Vorfall, wie sich die Situation der Juden allmählich anspannte, wie der Antisemitismus der einen Seite auf der anderen Seite die Angst davor erzeugte; kurz, wie sich das „3. Reich“ vorbereitete.

Vielleicht trugen Vorfälle wie die geschilderten zusätzlich dazu bei, das der Anteil der Juden an der Schülerzahl des KWG in den Jahren der „Weimarer Republik“ überproportional abnahm und schließlich nicht mehr höher war als der Anteil der Juden in der Stadt Höxter. Insgesamt bleibt jedoch festzuhalten – soweit man aus den Akten erkennen kann – dass der Antisemitismus am KWG keine breite Wirkung entfalten konnte, wenn auch die Schule darauf eher halbherzig reagierte und kaum Mittel fand, der Gefahr wirksam entgegenzutreten.

Verfolgung, Ermordung, Exil in den Jahren des „3. Reichs“

Als Hitler am 30. Januar 1933 von Hindenburg zum Reichskanzler berufen wurde, besuchten noch drei jüdische Schüler das KWG. Ihre Situation änderte sich bald, denn die Rassengesetze griffen schnell. Wie sie sich im einzelnen am KWG auswirkten, ist nicht festzustellen; die Tatsache aber, dass alle drei schon bald die Schule verließen, spricht für sich. Günter Griesbach ging zum 1.8.1933, Jacob (Otto) Pins verließ die Schule am 8.9.1933, und mit dem Abgang von Rudolf Pins am 1.11.1934 war das KWG „judenfrei“, wie damals einer der gängigen Euphemismen lautete.

Jedoch ist damit die Geschichte der jüdischen Schüler des KWG nicht beendet. Die Verfolgung beginnt, und sie endet für viele mit dem Exil oder dem Holocaust.
163 Juden haben das KWG zwischen 1867 und 1933 besucht. Von diesen sind mindestens 25 vor 1933 ausgewandert (v. a. nach Amerika); mindestens 8 sind im ersten Weltkrieg gefallen; mindestens 43 verstarben vor der Zeit der Deportationen des „3. Reiches“; bei 12 ehemaligen Schüler liegen noch keine hinreichenden Informationen vor. Die meisten von ihnen sind sicher bereits vor 1933 verstorben, konnten aber bisher nicht ermittelt werden, da die Standesamtsregister erst 1873 angelegt wurden.

Das Schicksal der jüdischen Schüler des KWG

Das Schicksal der jüdischen Schüler des KWG

Gleich im Jahr 1933 begann die erste Welle der Emigration . Es waren vor allem Angehörige der jungen Generation, die nach Südamerika, aber auch bereits nach Palästina flüchteten. Nach einer gewissen Ruhepause um 1936, als die Nazis ihre Beziehungen zum Ausland zu konsolidieren suchten (Olympiade in Berlin), folgte 1938/39 eine neue Fluchtwelle, die v.a. in die USA, aber auch auf die Philippinen, nach Südafrika, England, Holland, Schweden etc. führte. Die letzte belegte Auswanderung gelang noch im September 1940. Es war jetzt vor allem die Generation der 30- bis 50-Jährigen, die das Exil als letzten Ausweg sah. Insgesamt haben in den Jahren 1933–1940 mindestens 45 ehemalige jüdische Schüler des KWG Deutschland verlassen, in der Hoffnung ihr Leben zu retten. Drei von ihnen wurden aber aus dem Ausland in die Vernichtungslager deportiert und ermordet.

Wer 1940 noch in Deutschland geblieben war, hatte kaum eine Chance, den Holocaust zu entkommen. Zumindest ist bisher kein jüdischer Schüler des KWG bekannt geworden, der die Vernichtungslager überlebt hat. Die ersten wurden im Dezember 1941 in das Ghetto Riga verschleppt, nachdem dort zuvor 34 000 lettische Juden ermordet worden waren. Im März 1942, folgte die nächste Gruppe Richtung „Osten“, wie es meistens pauschal heißt. Und nach den Deportationen vom Sommer und Herbst 1942 waren fast alle jüdischen Schüler des KWG, sofern sie noch in Deutschland gelebt hatten, in den KZs verschwunden.

Während die Generation der etwa unter 65-Jährigen vor allem in den „Osten“ deportiert wurde, um dort in den Vernichtungslagern zu arbeiten und zu sterben, kamen die Älteren vorzugsweise in das Vorzeigelager und „Altersghetto“ Theresienstadt, wo kein besseres Schicksal auf sie wartete. Die meisten starben bereits nach wenigen Monaten oder wurden weiter in die Vernichtungslager Treblinka oder Auschwitz deportiert

Jedes einzelne Schicksal bedürfte einer genaueren Darstellung. Stellvertretend seien hier nur drei besondere Beispiele genannt.
Max Eppstein (*1879) aus der gleichnamigen Höxteraner Kaufmannsfamilie wurde im September 1940 im Rahmen der „Aktion T 4“ aus der Heil- und Pflegeanstalt Wunstorf in die Pflegeanstalt Buch bei Berlin und von dort weiter in die „Euthanasie“-Anstalt Brandenburg gebracht, wo er 1940 oder 1941 in der Gaskammer ermordet wurde.

Der aus Boffzen stammende Metzgerssohn Erich Kleeberg (*1902) war vom KWG aus zunächst auf die jüdische Schule nach Seesen gegangen. Er hätte danach eigentlich den väterlichen Betrieb übernehmen sollen, fiel jedoch beim Anblick von Blut regelmäßig in Ohnmacht. Er machte deshalb in Kassel eine Bankausbildung und lernte dort seine spätere Frau, eine Nichtjüdin, kennen. Die beiden gingen nach Hannover, lebten dort aber getrennt, da die Eltern Kleeberg eine Ehe mit einer Nichtjüdin strikt ablehnten. Erst nach 10 Jahren setzten sie sich schließlich über den Widerstand der Eltern hinweg und heirateten 1931, aber es dauerte danach noch lange, bis es zur Versöhnung kam. Da Erich Kleeberg in „Mischehe“ mit einer „Arierin“ lebte, blieb er von den Deportationen der Jahre 1941/42 verschont, aber Anfang 1945 wurde auch er aus seiner Familie gerissen und ins KZ gebracht. Auf den „Todesmärschen“ der letzten Kriegstage, mit denen die Insassen der KZs vor den vorrückenden Truppen der Alliierten verlegt wurden, kam er im April 1945 bei Sandbostel um.

Der Handelsmann Julius Dillenberg (*1881), der in der Stummrigestraße den Viehhandel seiner Familie fortführte, ging im Juli 1937 nach Amsterdam ins Exil und hoffte so dem Naziterror zu entkommen. Nach der Besetzung Hollands wurde er von dort deportiert und in Auschwitz umgebracht.

Insgesamt sind nach den bisher vorliegenden Informationen mindestens 32 jüdische Schüler des KWG in den Lagern der Nazis gestorben, drei von ihnen noch nach ihrer Flucht ins Exil. Und es ist zu befürchten, dass die Zahl der Opfer des Holocaust noch höher liegt.

Fritz Ostkämper 1992/2014
e-mail: ostkaemper@jacob-pins.de