Jüdische Bürger in Höxter

Der jüdische Friedhof in Lüchtringen 2011 nach seiner Wiederherrichtung
Der jüdische Friedhof in Lüchtringen 2011 nach seiner Wiederherrichtung

Juden in Lüchtringen

Erste Hinweise auf Juden in Lüchtringen findet man bereits Anfang des 17. Jahrhunderts. Schon 1649 erklärt der Jude Simon, mit einem Schutzbrief zunächst „uff der Tonnenburg“ und dann 12 Jahre in Lüchtringen gewohnt zu haben. Ein weiterer Beleg stammt aus dem Jahr 1657. Etwa ab der Mitte des 18. Jahrhunderts nehmen die Informationen zu. Eigentlich handelt es sich in den nächsten knapp 150 Jahren (von kurzzeitigen Zuzügen abgesehen) nur um eine Familie und ihre Nachkommen. Um 1760/65 wird ein Mordechai (Steinberg) verzeichnet, verheiratet mit Gelle geb. Michael, dessen Nachkommen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts in Lüchtringen lebten. Durch Einheirat kamen die Namen Judenberg (später umbenannt in Gudenberg), Westfeld und Hochfeld hinzu, während der Name Steinberg allmählich verschwand. An Berufen sind nur zwei Metzger bekannt.

Bis 1822 gehörten die Lüchtringer Juden der jüdischen Gemeinde Höxter an. In diesem Jahr jedoch, so klagte die Synagogengemeinde Höxter 1845, seien die Juden aus Lüchtringen unter Hinweis auf ihre Absicht, eine eigene Synagoge zu errichten, aus der Höxteraner Gemeinde ausgetreten, hätten keine Abgaben mehr entrichtet und auch einen eigenen Betraum eingerichtet. Dieser wurde aber offensichtlich kaum 20 Jahre lang von 1822 bis um 1840 genutzt. Danach gingen die Lüchtringer Juden wieder regelmäßig in die Höxteraner Synagoge. Aufgrund des preußischen Gesetzes „die Verhältnisse der Juden betreffend“ aus dem Jahre 1847 wurden die Synagogengemeinden neu abgegrenzt, und seit 1853 gehörte Lüchtringen (ebenso wie Stahle) zur Synagogengemeinde Albaxen.

Zu dieser Zeit wohnten in Lüchtringen vier jüdische Familien mit 12 Personen und 1854 bei der konstituierenden Wahl der Synagogengemeinde wurde Wolf Westfeld in den Vorstand gewählt. In den folgenden Jahrzehnten ging die Zahl der jüdischen Bürger wegen des Abzugs in die Kreisstadt oder in die größeren Städte zurück. Zwischen 1848 und 1860 gab es maximal drei schulpflichtige Kinder. 1869 werden zwei Familien verzeichnet, und bei den Vorstandswahlen 1874 waren noch drei Juden wahlberechtigt. Ende des 19. Jahrhunderts lebten noch zwei Familien mit dem Namen Gudenberg in Lüchtringen.

Im Januar 1905 stellte der in Albaxen wohnende Israel Schlesinger als Vorsteher der Synagogengemeinde wegen der immer geringeren Zahl von Juden den Antrag, die Gemeinde aufzulösen. Zu diesem Zeitpunkt lebten in Lüchtringen nur noch Simon Gudenberg sowie die Witwe Julia seines Bruders Heinemann Gudenberg, die dann aber zur Tochter nach Aschaffenburg zog. Der Antrag wurde abgelehnt, jedoch schlief die Synagogengemeinde offensichtlich in der Folgezeit ein.

Der jüdische Friedhof in Lüchtringen

Grabstein für Samson Hochfeld (1808-1854), einziger erhaltener Grabstein auf dem Friedhof in Lüchtringen
Grabstein für Samson Hochfeld (1808-1854), einziger erhaltener Grabstein auf dem Friedhof in Lüchtringen

Erhalten blieb der ehemalige jüdische Friedhof am Callenberge (Adresse: Niemeiersberg). Er liegt am Alten Postweg, oberhalb der Bahnlinie, und gehört heute zur Gemarkung Holzminden. Typisch ist die Ortsrandlage des Friedhofes. Heute steht er unter der Verwaltung des Landesverbandes der jüdischen Kultusgemeinde.

Bis 1828 hatten die Lüchtringer Juden ihre Toten auf dem (alten) jüdischen Friedhof in Höxter bestattet. 1827 wurde dann in Lüchtringen ein eigener jüdischer Friedhof angelegt, der anscheinend bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts benutzt wurde und auf dem vermutlich 16 Verstorbene bestattet wurden. Heute ist dort nur noch ein Grabstein zu sehen. Er trägt den Namen des 1854 verstorbenen Samson Hochfeld, der ebenfalls in die Familie Steinberg eingeheiratet hatte. Bis etwa 1971 sollen es noch fünf Grabsteine gewesen sein, die heute nicht mehr auffindbar sind.

Jüdischer Friedhof in Lüchtringen – Belegungsliste
Jüdischer Friedhof in Lüchtringen – Belegungsliste

Erstaunlich ist überhaupt, dass er noch erhalten ist. Denn das Amtsgericht Höxter stellte im Jahre 1939 fest, dass es seit längerer Zeit keine jüdische Gemeinde Lüchtringen mehr gebe und die letzte Beerdigung mindestens 25 Jahre zurückliege. Der Landrat wandte sich an den Regierungspräsidenten, um zu erwägen, die „herrenlosen Grundstücke“, die sich „in einem verwahrlosten Zustand befinden“, an das Land Preußen zu übertragen und das Gelände „nach den erforderlichen Umbrucharbeiten evtl. als Gartenland“ zu verwenden. Als Wert für den Friedhof wurden vom Katasteramt Höxter 120 RM angesetzt. 1940 erwarb dann die politische Gemeinde die Fläche gegen 200 RM an die Regierungshauptkasse in Minden. Zu der in Aussicht genommenen Umwandlung in Gartenland kam es glücklicherweise nicht.

Seit einem Grundstückstausch zwischen den Städten Höxter und Holzminden im Rahmen der Gebietsreform 1971 liegt der Friedhof heute auf niedersächsischen Gebiet. Im Sommer 2008 wurde der letzte erhaltene Grabstein gesäubert und restauriert. Von frevelhafte Händen wurde er Anfang November 2008 brutal zerschlagen. Die Restaurierung des Friedhofs wurde jedoch fortgesetzt und 2011 abgeschlossen.

Schicksale jüdischer Familien

In Lüchtringen lebten zwar seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts keine Juden mehr, jedoch wurden vier dort geborene und inzwischen an anderen Orten lebende Angehörige der Familie Gudenberg zu Opfern des rassistischen Verfolgung, ebenso wie die wegen ihrer Ausbombung in Essen nach Lüchtringen gezogene Familie Cohn. Eine ausführliche Darstellung der Familie Judenberg/Gudenberg finden Sie hier.

Familie Gudenberg (ursprünglich Judenberg)


Helene Haas, geb. Gudenberg, * 18.08.1879 in Lüchtringen als Tochter von Heinemann Gudenberg und Sophie, geb. Deller war in Kirn (Bad Kreuznach) als Haas (Leo?) verheiratet und lebte und später anscheinend in Aschaffenburg. Von dort wurde sie 1942 deportiert und gilt als verschollen. Ihre beiden Kinder konnten anscheinend rechtzeitig ins Ausland fliehen.
Ihre Schwester Julie Marx, geb. Gudenberg, am 09.10.1881 in Lüchtringen geboren, heiratete den aus Reichenbach stammenden Siegfried Marx (* 1879) und lebte mit ihm in Aschaffenburg. Im Dritten Reich floh das Ehepaar nach Amsterdam. Während ihre beiden Kinder dem Holocaust durch die Emigration entkommen konnten, wurden Julie Marx und ihr Mann nach Besetzung der Niederlande am 2.3.1943 über das holländische Lager Westerbork nach Sobibor deportiert, und dort am 5.3.1943 ermordet.
Die dritte Schwester Friederike (Rieke, Frieda) Reifenberg, geb. Gudenberg, am 22.04.1884 in Lüchtringen geboren, war mit dem aus Unna stammenden Nathan Reifenberg (* 1875) verheiratet. Das Ehepaar wohnte später in Marienburg (Westpreußen). Während Friedrike am 17.3.1943 nach Theresienstadt und dann am 12.10.1944 zur Ermordung nach Auschwitz deportiert wurde, starb Nathan am 17.5.1944 in Theresienstadt.
Ihre Cousine Hedwig Levi, geb. Gudenberg, Tochter von Simon Gudenberg und seiner Frau Franzisca, geb. Rose, wurde am 21.11.1883 in Lüchtringen geboren. Sie lebte mit ihrem in Erfurt geborenen Mann Felix Meyer Levi (* 1877) in seinem Geburtsort. Felix Levi wurde nach der Pogromnach in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert und dort am 21.11.1938 ermordet. Seine Frau Hedwig wurde am 10.5.1942 ind das Ghetto Bełźyce deportiert und ist verschollen.

Familie Cohn-Schauer

Jacob Cohn mit seiner Frau Sofia (l.) und den Töchtern Hildegard und Hedwig
Jacob Cohn mit seiner Frau Sofia (l.) und den Töchtern Hildegard und Hedwig

Während des 2. Weltkrieges wohnte für eineinhalb Jahre eine in Essen ausgebombte Familie in Lüchtringen. Der in Neumark (Westpreußen) geborene Vater Jakob Cohn (* 19.10.1878) war ein nicht praktizierender und eher sozialdemokratisch orientierter Jude. Er hatte 1907 die evangelische Sophia, geb. Kröner (* 1877 in Hüthum, Kreis Rees) geheiratet, und auch die vier Kinder wurden evangelisch erzogen. Während zwei der Kinder inzwischen an anderne Orten lebten, wurde die jüngste Tochter Hedwig (* 1920) 1942 in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert und ermordet.
Dagegen zog die älteste, als Schauer verheiratete Tochter Hildegard (* 1908) mit ihrer einjährigen Tochter Heidi (* 1942) nach der Ausbombung der Familie in Essen 1943 mit ihren Eltern nach Lüchtringen. Über das Schicksal der Familie berichtet Ernst Würzburger:

Ernst Würzburger in Ober-Weser-Zeitung 23, 11.6.1994, vgl. OWZ 27, 10.7.1999
Ernst Würzburger in Ober-Weser-Zeitung 23, 11.6.1994, vgl. OWZ 27, 10.7.1999

Nach dem Krieg wohnte Hildegard Schauer mit ihrer kleinen Tochter Hilde und ihrer Mutter Sophia Cohn in Höxter. Sie heiratete den kommunistischen Parteisekretär Johann Meier und wurde selbst politisch aktiv. So sammelte sie unter anderem zahlreiche Informationen über die politisch, religiös und aus anderen Gründen Verfolgten des Nazi-Regimes. Nach dem KPD-Verbot schickte sie die Tochter Heidi Ende der 1950er Jahre in die DDR und folgte ihr bald darauf.
Ihre Mutter Sophia Cohn wurde nach ihrem Tod auf eigenen Wunsch am 10.12.1959 auf dem jüdischen Friedhof in Höxter begraben. Da sie keine Jüdin war, erhielt ihr Grab keinen Grabstein, ist aber noch heute durch die steinerne Grabumrandung erkennbar.
Weitere Informationen finden sich in dem nachfolgenden Bericht Hilde Meiers sowie in den Erinnerungen von Heidi Zeidler, geb. Schauer, die 1943 als Einjährige mit Mutter und Großeltern nach Lüchtringen evakuiert wurde.

Bericht der Tochter Hilde Schauer geb. Cohn (später Meier) von 1945/46
Bericht der Tochter Hilde Schauer geb. Cohn (später Meier) von 1945/46

Sinti und Roma als Opfer rassistischer Verfolgung

Wagner, Adolf Karl, geb. 17. Juni 1919 in Lüchtringen, Sohn des Musikers Friedrich (später Josef) Wagner (Minden) und seiner Frau Katharina geb. Stein.
Er wurde während des Aufenthalts seiner zu den Sinti und Roma gehörenden Eltern in Lüchtringen in der Gaststätte Sievers geboren. Wegen des häufigen Ortswechsels der Sinti und Roma fehlen über sein Leben jegliche weiteren Informationen. Möglicherweise war er ein Verwandter des in Höxter geborenen Anton Wagner. Als „Zigeuner“ wurde er im März 1943 nach Auschwitz deportiert, wo die Ärzte (Eugen Haagen) ihn in medizinischen Experimenten mit Fleckfieber infizierten. Adolf Wagner überlebte zunächst und wurde am 12. Nov. 1943 in das KZ Natzweiler verbracht. Von dort wurde er sechs Wochen später am Heiligabend 1943 wieder nach Auschwitz zurücktransportiert, wo er am 23. Jan. 1944 ermordet wurde.

  • Würzburger, Ernst: Die jüdischen Friedhöfe in Stahle und Lüchtringen. In: OWZ 35, 31.8.1988
  • Würzburger, Ernst: Die ehemalige Synagogengemeinde Albaxen. In: Höxter-Corvey, HVV, Nr. 11, November 1990, S. 5-15
  • Informationen von Heidi Zeidler (Frankfurt/Oder)
  • Zusatzinformationen zu Adolf Wagner von Raphael Toledano, Straßburg, 14.3.2011
Fritz Ostkämper, 11.12.2017
e-mail: ostkaemper@jacob-pins.de