Jüdische Bürger in Höxter

„Stolpersteine“ erinnern an Höxteraner Juden

Am 10. Mai 2005 wurden die ersten Stolpersteine für die aus der Stadt Höxter deportierten Juden in der Stadt verlegt. Darüber berichtet der folgende Artikel. Berichte über die Verlegung der weiteren Stolpersteine finden Sie über die folgenden Links:
Stolpersteine – Die Namen kehren zurück
„Stolpersteine“ – Dem Verlust ein Gesicht geben
Alle Stolpersteine sind jetzt verlegt

„Ein Denkmal von unten“, das sind für den Künstler Gunter Demnig die Gedenksteine, die er bereits in vielen Städten Deutschlands vor den früheren Häusern der deportierten und ermordeten Juden verlegt hat. Auch in den Höxteraner Bürgersteigen erinnern diese „Stolpersteine“ jetzt daran, dass hier allenthalben in der Stadt jüdische Mitbürger lebten, bis sie durch die faschistische Judenverfolgung der Nazis in die KZs verschleppt und dort grausam umgebracht wurden.

Die ersten dieser „Stolpersteine“ in Höxter wurden im Mai 2005 in der Corveyer Allee 5 vor dem Haus des beliebten Arztes Dr. Richard Frankenberg und seiner Frau Änne verlegt (auch er einer der 163 ehemaligen jüdischen Schüler des KWG). Aus Brasilien war zu diesem Anlass der Großneffe Louis Frankenberg mit seiner Frau Helena und seinem in Paris lebenden Sohn Roberto angereist. Louis Frankenberg wurde selbst als 7-jähriger aus Holland in das KZ Theresienstadt deportiert. Er hatte das Glück, im Austausch gegen verwundete deutsche Soldaten in die Schweiz zu gelangen und die Shoah zu überleben.

Fast seinen ganzen engeren Familienkreis verlor er durch den Naziterror gegen die Juden, aber mehrfach bereits ist er nach Höxter gekommen, wo seine Vorfahren über 150 Jahre gelebt hatten. Umso dankbarer ist er jetzt, dass seit kurzem in der Stummrigestraße 49 auch an seine vier von den Nazis ermordeten Großtanten Lina, Eugenie, Olga und Margareteerinnert wird.

Initiiert wurde die Aktion „Stolpersteine in Höxter“ von dem Tierarztehepaar Karl-Heinz und Susanne Kraft, die das Projekt vorantrieben, so dass der Gunter Demnig im August dieses Jahres weitere 21 Stolpersteine für die aus Höxter deportierten Juden in den Bürgersteig einlassen konnte, alle finanziert durch Spenden Höxteraner Bürger. Manche Namen werden alten Höxteranern noch in Erinnerung sein: die Viehhändler-Familie Dillenberg in der Stummrigestraße 47, das Kleidungsgeschäft Kaufmann-Blankenberg, Marktstraße 27, der Pferdehändler Frank (Bismarckstraße), der mit seiner Frau später in der Marktstraße 15 wohnte, das Photographische Atelier Ahron, Stummrigestraße 4.

Die Verlegung der Stolpersteine für den Tierarzt Dr. Leo Pins und seine Frau Ida geb. Lipper, die in der Marktstraße 12 das Bekleidungsgeschäft ihrer Eltern weitergeführt hatte, war für Elsa Pins, die Witwe des Ende 2005 verstorbenen Künstlers Jacob Pins (auch er ein ehemaliger Schüler des KWG), der Anlass, zusammen mit der Pins-Cousine Margot und einer Münchener Freundin aus Israel nach Höxter zu kommen.

Während die Eltern Pins ihre Söhne Rudolf (Rudi) und Jacob Otto (beide ehemalige KWG-Schüler) noch rechtzeitig vor dem Holocaust nach Palästina bzw. in die USA retten konnten, wurden sie selbst im Dezember 1941 nach Riga deportiert und dort im Juni 1944 ermordet. „Gott sei Dank bleibt so die Erinnerung an sie gewahrt“, bedankte Elsa Pins sich vor den Stolpersteinen.

Insgesamt 46 Juden wurden aus Höxter in die KZs der Nazis deportiert, nur einer von ihnen, Gustav Uhlmann, überlebte den Holocaust, während seine Frau und sein Sohn umkamen. 23 „Stolpersteine“ sind bisher in der Stummrigestraße, der Marktstraße und der Corveyer Allee verlegt.

Aber auch in den anderen Straßen Höxters werden bald Messingplatten in den Bürgersteigen an die ehemaligen jüdischen Mitbürger erinnern. Denn am 9. Februar 2007 (voraussichtlich) wird Gunter Demnig wieder nach Höxter kommen und mit seinen Stolpersteinen das Gedächtnis wach halten: an das Kaufhaus Löwenstein in der Westerbachstraße, an Paul Netheim, der mit Frau und Mutter in der Charlottenstraße wohnte und sein Kleidungsgeschäft an der Westerbachstraße / Ecke Rosenstraße hatte, an den Landhandel der Rosenbergs in der Corveyer Allee 2, an die 7-köpfige Metzgersfamilie Himmelstern-Simson am Gänsemarkt, an den ehemaligen Metzger und späteren Buchhalter Ransenberg mit seiner Tochter in der Albaxerstraße.

Jeder Stein fordert auf zum Gedenken oder, wie der Künstler Demnig sagt: „Wenn du die Inschrift auf dem Stein lesen willst, musst du eine kleine Verbeugung machen. Dann verbeugst du dich vor dem Opfer.“

Fritz Ostkämper in: OMNIBUS, Dez. 2006