
Auf dem Höxteraner Friedhof erinnern noch mehrere Grabsteine an die Familie Netheim, die in ihrem Geschäft von vor 1880 bis ins Dritte Reich hinein in der Westerbachstraße 14 / Ecke Rosenstraße 2 neben Konfektionswaren auch Wäsche und Stoffe anbot, aber auch Schafwolle gegen Kleider- und Anzugstoffe austauschte. Angehörige der Familie lebten mehr als 160 Jahre lang (spätestens seit 1777) in Ottbergen, wo sie 1808 nach dem Flüsschen Nethe den Namen annahmen. Die letzten der Ottberger Familienmitglieder wurden 1942 von dort in die KZs des Dritten Reiches deportiert.
Ein Nachkomme, der Kaufmann Salomon Netheim zog vor 1880 mit seiner Frau Henriette (Jettchen), geb. Goldstein, nach Höxter, wo er ein Bekleidungsgeschäft eröffnete.

Nach dem Tod des Vaters 1900 übernahmen die Söhne Philipp, verheiratet mit Rosalie, geb. Albert aus Aachen, und Levy, verheiratet mit Helene, geb. Grünewald aus Borgholz, das Geschäft. Beide starben jedoch recht jung (1913 und 1919), und so wurde das unter dem Namen Salomon Netheim weitergeführte Geschäft von Levys Witwe Helene übernommen.

Ihre älteste Tochter Else Netheim (* 1885) heiratete 1911 den Viehhändler Simon Eduard Meyer aus Barge (Oldenburg), mit dem sie in Delmenhorst lebte. Weitere Informationen fehlen. Die zweite Tochter Grete Netheim (* 1886) ging im Dritten Reich bereits 1934 frühzeitig ins Exil nach Australien, wohin zwei Brüder ihres Vaters ausgewandert waren (vermutlich bereits im 19. Jahrhundert). Erwin Netheim (* 1890), jüngster Sohn der Familie, besuchte das KWG, verstarb aber schon mit 14 Jahren.

Der andere Sohn Paul Netheim (*1888) dagegen führte das elterliche Geschäft in Höxter fort. Er besuchte nach der Jüdischen Schule bis zur Einjährig-freiwilligen Reife das KWG und trat dann als Geschäftsführer in das Geschäft ein. Im Ersten Weltkrieg wurde er als Soldat an der Front gezogen wurde, wo er als Fahrer eingesetzt war.

Nach der Rückkehr aus dem Krieg trat Paul Netheim als Geschäftsführer in das elterliche Geschäft ein, in dem weiterhin vor allem Manufakturwaren und Konfektionskleidung angeboten wurden. Davon zeugen zahlreiche Zeitungsanzeigen.

1928 heiratete er die aus Ovenhausen stammende Sophie Katz. Die Ehe blieb jedoch kinderlos. 1929 wurde Paul Netheim erstmals zu einem der Vorsteher der Jüdischen Gemeinde gewählt.

Bis in die 1930er Jahre hinein hatte das Geschäft eine sichere Geschäftsgrundlage in der Stadt, aber schon kurz nach Beginn des Dritten Reiches bot die Familie 1933 ihre Häuser zum Verkauf an. Vielleicht hoffte Paul Netheim, wie seine Schwester Grete zu den beiden Brüder seines Vaters nach Australien zu emigrieren. Er führte das Geschäft jedoch weiter, obwohl die Fenster schon bald mit Kalkfarbe beschmiert wurden.
Beim Pogrom 1938 wurde Paul Netheim mit den anderen männlichen Juden im Rathaus inhaftiert und für einige Wochen ins KZ Buchenwald transportiert. Nach dieser Zeit konnten sich die Juden kaum noch auf der Straße zeigen.
Obwohl Paul Netheim, der inzwischen den zusätzlichen Namen „Israel“ hatte annehmen müssen, selbst schweren Misshandlungen ausgesetzt war, ließ er sich wiederum zum Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde wählen, die jetzt den Status einer religiösen Kultusgemeinschaft verloren hatte und zum einfachen Verein degradiert worden war.
Als der Kaufmann Paul Netheim, wohnhaft in Höxter, Rosenstr. 2, eines Abends in der Nähe des Judenfriedhofs seinen täglichen Abendspaziergang unternahm, wurde er von mehreren Männern plötzlich überwältigt und derart verprügelt, daß er Verletzungen an Kopf und Armen davontrug und sich einige Zeit in stationäre Behandlung begeben mußte. Das Geschehen verbreitete sich sehr rasch in der Stadt. Um ihr rohes Verhalten zu rechtfertigen, klagten die betreffenden Männer den Juden Netheim völllg zu Unrecht an, er habe sich lediglich in der Absicht, ,arische‘ Frauen zu überfallen und sich an ihnen zu vergehen, in der Nähe des Friedhofs aufgehalten. Nach diesem Zwischenfall ließen sich nur noch selten Juden auf den Hauptstraßen blicken. (Annegret Köring, S. 27)

Paul Netheim nahm diese Aufgabe ernst, wie die Tatsache bezeugt, dass er sein Haus in dieser Zeit den Höxteraner Juden als geheimen Versammlungs- und Gebetsort zur Verfügung stellte, da die Synagoge nach ihrer Zerstörung beim Pogrom 1938 und wegen der Gefahr für die Besucher durch das Versammlungsverbots nicht mehr benutzt werden konnte.
Trotz des Versammlungsverbotes trafen sich die Juden des öfteren heimlich im Hause ihres Glaubensbruders Netheim. Dort feierten sie ihren Sabbat und verrichteten ihre Gebete, da eine Zusammenkunft in der Synagoge zu riskant geworden war. (Annegret Köring, S. 41)
In seiner Funktion als Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde musste Paul Netheim die Verhandlungen führen, als ein Teil des Friedhofs verkauft werden musste und als die Synagoge in die Hand eines Nachbarn überging. Er musste erleben, wie auch das Wohnhaus seiner Familie 1939 arisiert wurde und er selbst mit seiner Frau zur Familie Kaufmann in die Markststraße ziehen musste. Und er musste mitansehen, wie seine jüdischen Mitbürger nacheinander aus Höxter in die Konzentrationslager des Dritten Reiches deportiert wurden.
Mit der letzten Gruppe der fast ausschließlich älteren Höxteraner Juden wurde Paul Netheim im Aug. 1942 zusammen mit seiner Frau Sophie nach Theresienstadt deportiert, von wo Gustav Uhlmann, der einzige Höxteraner Überlebende der KZs, im Sommer 1944 eine letzte Nachricht über ihn und seine Frau erhielt. Im Okt. 1944 wurden Paul Netheim und seine Frau Sophie zusammen zur Vernichtung nach Auschwitz verbracht und dort ermordet.

Sein Vetter Max Netheim und dessen Schweste Emmy, Kinder des ebenfalls nach Höxter gezogenen Philipp Netheim, erlebten die Verfolgungen der Juden im Dritten Reich. Es gelang ihnen aber rechtzeitig, dem Schicksal der Deportation und Ermordung durch die Flucht in Ausland zu entkommen.
Emmy Netheim (* 1886) heiratete den Beverunger Kaufmann Karl Griesbach. Dieser wurde Anfang März 1933 wegen seiner ihm aus einigen Ortschaften des Kreises Holzminden vorgeworfenen Bankgeschäfte gewaltsam ins Beverunger Rathaus gezerrt und im dortigen Sitzungssaal „körperlich gezüchtigt“. Er musste jedoch am nächsten Abend wieder entlassen wurde, da gegen die Vorwürfe offenbar unberechtigt waren. Diese Erfahrung mit der Judenverfolgung des Dritten Reiches veranlasste die Familie aber, mit ihren beiden Kindern Ilse und Günter im Sept. 1935 ins Exil nach Palästina zu fliehen, wo heute noch Nachkommen leben.

Ihr Bruder Max Netheim (* 1889) ging nach dem Besuch der Jüdischen Schule zum KWG und legte hier 1907 das Abitur ab. Danach absolvierte in München ein Jurastudium, das er 1912 in Erlangen mit der Promotion beendete. Seine juristische Referendarzeit leistete er in Altona ab.

Im Ersten Weltkrieg meldete er sich als Kriegsfreiwilliger, um dem Kaiserreich an der Front zu dienen. Nach der Rückkehr aus dem Krieg ließ er sich als Rechtsanwalt und Notar in Osnabrück nieder und eröffnete hier eine florierende Praxis. 1922 heiratete er die aus Vöhl (Bezirk Kassel) stammende Hilde Kaiser. 1923 und 1927 wurden die Kinder Marianne und Eva Helene geboren.

Nach der Rückkehr aus dem Krieg ließ er sich als Rechtsanwalt und Notar in Osnabrück nieder und eröffnete hier eine florierende Praxis. 1922 heiratete er die aus Vöhl (Bezirk Kassel) stammende Hilde Kaiser. 1923 und 1927 wurden die Kinder Marianne und Eva Helene geboren.
Schon kurz nach Beginn des Dritten Reiches wurden die Folgen spürbar, so als der Tochter Marianne als „Nichtarierin“ im Mai 1933 der Besuch des Osnabrücker Städtischen Oberlyzeums verwehrt werden sollte. Anscheinend konnte Marianne nach entsprechenden Verhandlungen schließlich doch das Oberlyzeum besuchen, da ihr Vater Kriegsteilnehmer war.
Trotz oder vielleicht auch wegen solcher Ereignisse trat Max Netheim, der bereits Vorsitzender der zionistischen Ortsgruppe Osnabrück und ein entschiedener Gegner der „Liberalen“ war, 1933 dem Vorstand der jüdischen Gemeinde Osnabrück bei.
Jedoch stellte das Dritte Reich seine wirtschaftliche Existenz zunehmend in Frage. Bereits im März/April 1933 wurde den jüdischen Anwälten die Zulassung bei Gericht entzogen, wovon Max Netheim allerdings zunächst als Kriegsteilnehmer wohl noch nicht betroffen war. Im Mai 1933 wurde mit Unterstützung des NS-Blattes Stürmer eine Diffamierungskampagne gegen ihn angezettelt.
Ab 1935 durften Juden nicht mehr als Notare tätig sein, und auch ihm wurde das Notariat entzogen. Am 30.11.1938 folgte schließlich das ausnahmslose Berufsverbot für jüdische Anwälte, und ihnen blieb nur die Möglichkeit, als sogenannte „Konsulenten“ für die Juden tätig zu sein.
Wie sich die wirtschaftliche Lage für Max Netheim immer mehr verschlimmerte, verdeutlicht 1936 ein Briefwechsel mit der Stadt Höxter, die von ihm die Anlegung einer Aschengrube an dem Geschäftshaus der Familie in der Westerbachstr. 14 forderte, das ihm als Erbe zugefallen war.

Sicher trug auch die Pogromnacht des November 1938 dazu bei, dass Max Netheim sich noch rechtzeitig zur Flucht aus Nazi-Deutschland entschied. Über ein Flüchtlingslager in Rotterdam floh er mit seiner Familie mit offiziellem Datum vom Januar 1939 in die USA, nachdem er zunächst in einem Flüchtlingslager bei Rotterdam interniert war.
Wie der Höxteraner Schulfreund Dr. Walter Fränkel, ebenfalls Jude, der über Manila in die USA gelangt war, 1962 berichtet, nahm Max Netheim (vermutlich aus sprachlichen Gründen) seine Anwaltstätigkeit nicht wieder auf, sondern betrieb im Staat New York eine Hühnerfarm. Er starb 1949 60-jährig in New Jersey, seine zehn Jahre jüngere Frau Hilde 1994 in New York.

Fritz Ostkämper, 17.12.2009
e-mail: ostkaemper@jacob-pins.de