

Nur noch wenige Spuren erinnern heute daran, dass in Höxter in der Stummrigestr. 45/47 einmal die beiden Familien Dillenberg lebten, die hier gut 60 Jahre lang ihren Viehhandel betrieben. Selbst auf dem jüdischen Friedhof, wo es bis zu seiner Zerstörung 1944 noch sieben Grabstellen sowie sowie drei Gedenktafeln für im Ersten Weltkrieg gefallene Söhne gab, ist heute nur noch ein Grabstein erhalten.
Die Viehhändler-Familie Dillenberg wird bereits im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts in Ovenhausen verzeichnet und lebte und arbeitete dort bis zu ihrer Deportation 1942. Nachkommen lebten später auch in Fürstenau und Höxter. Zwei Brüder aus der Familie, Joseph und Nathan Dillenberg, zogen vor 1880 nach Höxter, wo sie in der Stummrigestraße 47 und 49 ebenfalls im Viehhandel tätig waren und rund um die Stadt über größere Weideflächen verfügten. Die beiden Brüder waren in der Stadt nicht sehr geachtet. Sie hatten sich zwar nie etwas zuschulden kommen lassen, jedoch herrschte gegenüber allen Viehhändlern, denen Betrug und Wucher nachgesagt wurde, eine Art Vorurteil. Der Vieh- und Pferdehandel aber lag in ländlichen Gebieten wie Höxter aus historischen Gründen zumeist in den Händen von Juden, die erst im Laufe des 19. Jahrhunderts nach und nach die Niederlassungs- und Gewerbefreiheit erhalten hatten. Vor allem amüsierte man sich in der Stadt aber darüber, dass zwischen den Brüdern Dillenberg offenbar immer ein gespanntes Verhältnis herrschte. Davon erzählt eine unter älteren Einwohnern noch bekannte Anekdote.
Dann waren da die Gebrüder Dillenberg auf der Stummrigestraße, Nathan und Joseph, die in Erzfeindschaft miteinander lebten, die beiden Brüder. Beim Versöhnungsfest [Laubhüttenfest] kam Joseph zu Nathan, schellte an und rief dann auf Platt: „Nathan, wir wollen uns wieder vertragen.“ Gut, und zwei Tage später, dann ging Nathan rüber, schellte und rief: „Es bleibt alles beim Alten.“ Dann war das Jahr wieder Spinnefeindschaft. (Zeitzeuge Heinrich Alsweh)
Joseph Dillenberg heiratete 1880 Johanna Bachmann aus Fürstenau, während sein Bruder Nathan mit Selma Heinemann aus Reker verheiratet war. Von Nathan ist bekannt, dass er im deutsch-französischen Krieg Soldat war und in den folgenden Jahrzehnten auch dem Kriegerverein und dem Bund ehemaliger 55er angehörte, wie unter anderem die Anzeigen zu seinem Tod 1925 belegen.
Die Brüder hatten zusammen 19 Kinder, Joseph zehn und Nathan neun. Sieben von ihnen kamen tot zur Welt oder starben als Kleinkinder.
Emmy (*1884), Tochter von Joseph Dillenberg, heiratete den Viehhändler Michael Kupfer aus Schmalnau (Fulda). Sie starb jedoch bereits 1923 wenige Monate nach der Heirat und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Höxter begraben. Über das Schicksal ihres Mannes ist nichts bekannt.
Das Schicksal der übrigen elf Kinder ist symptomatisch für das Schicksal der Höxteraner Juden und der Juden in Deutschland.
Als Soldaten für das Vaterland, „für Kaiser und Reich“ in den Krieg gezogen, fielen drei Söhne der beiden Familien als Soldaten der Infanterieregimenter 55 und 56 in Nordfrankreich, und für sie gab es Gedenktafeln auf dem jüdischen Friedhof in Höxter.

Max Dillenberg, geb. 1889, Sohn von Nathan, der am KWG seine Mittlere Reife abgelegt und danach bei bei der Deutschen Bank in Berlin gearbeitet hatte, brachte es bis zum Unteroffizier. Er fiel schon im Nov. 1914 bei Souchez.
Als zweiter fiel Walter Dillenberg, geb. 1891, Sohn von Joseph, im Jan. 1916 bei Richebourg l’Avone.
Noch in den letzten Kriegstagen fiel bei Moreuil Anfang Nov. 1918 als dritter Iwan Dillenberg, geb. 1884, Sohn von Nathan, ehemaliger Schüler des KWG. Von ihm ist bekannt, dass er im Krieg mit dem Eisernen Kreuz II. und I. Klasse ausgezeichnet wurde.

Auf die übrigen acht Kinder von Joseph und Nathan aber wartete ein noch schlimmeres Schicksal, denn sie erlebten die fürchterlichen Exzesse des Dritten Reiches, denen nur ein Sohn und einer Tochter der beiden Familien durch die Flucht in Exil entkamen.
Ulla Julie Dillenberg, geb. 1882, älteste Tochter von Nathan, lebte im Elternhaus. Weitere Informationen über ihr Leben sind nicht bekannt. Sie wurde im Dez. 1941 mit den anderen Familienangehörigen nach Riga deportiert und kam dort um.
Ihre Schwester Martha Dillenberg, geb. 1891, heiratete den aus Westpreußen stammenden Albert Bukofzer. Das Ehepaar lebte zunächst in Nürnberg, wo die Tochter Irmgard geboren wurde. Als die Lage in Nürnberg, der Stadt der Reichsparteitage, immer schwieriger wurde, zog das Ehepaar im Febr. 1935 nach Höxter, wo die Verfolgungen jedoch ebenfalls immer mehr zunahmen. Sicher wurde auch Albert Bukofzer nach der Pogromnacht des 9. Nov. 1938 mit den anderen männlichen Höxteraner Juden für mehrere Wochen in das KZ Buchenwald verbracht. Um ihre Tochter Irmgard zumindest im Alltag sicher zu wissen, schickten die Eltern sie 1939 zur Israelitischen Gartenbauschule nach Hannover-Ahlem, bis diese geschlossen und in eine Sammelstelle für die Deportation der Hannoveraner Juden umgewandelt wurde. Die ganze Familie wurde mit den anderen Familienmitgliedern im Dez. 1941 von Höxter nach Riga deportiert, wo Ehemann und Tochter offensichtlich umkamen, während Mutter Martha 1944 noch nach Stutthof verschleppt wurde. Danach verliert sich auch ihre Spur.

Der Bruder Richard Dillenberg, geb. 1892, besuchte nach der Bürgerschule Höxter von 1901 bis 1906 das KWG. Danach trat er zunächst als „Handelsgehilfe“ in den Viehhandel des Vaters ein. Er blieb unverheiratet. Nach dem Tod des Vaters 1925 führte er den elterlichen Viehhandel bis ins Dritte Reich weiter, jedoch wurde es den Juden nach und nach verwehrt, das Vieh auszutreiben, so dass er dafür Jungen aus der Stadt anheuerte. Einfache Konflikte wegen der Zahlung von Rechnungen führten zu gerichtlichen Klagen, und das NS-Volksblatt rief aus diesem Anlass auf: „Meide die Juden, wo du kannst. Der Jude ist und bleibt ein Volksverräter!“ Mehrfach wurden auch die Fenster und Häuser mit Kalkfarbe und rassistischen Sprüchen beschmiert, so dass sich sogar die zunächst noch nichtjüdischen Dienstmädchen beschwerten. In der Pogromnacht am 9. Nov. 1938 warfen die SA-Horden die Fenster ein. Richard selbst wurde im Keller des Rathauses eingesperrt. Eine Zeitzeugin berichtet:
Da wohnten wir in der Weser-Kaserne. Und da haben sie die Juden von drüben rausgeholt, und die Polizei hat draußen und die SA haben auch aufgepaßt, dass wir nicht hinter der Scheibe lugten. Aber wir haben doch ganz vorsichtig die Gardinen an die Seite gemacht, und was wir dann mitkriegen konnten, war: Da war nämlich bei dem Juden – die kriegten ja kein Dienstmädchen mehr – da war ein jüdischer Haushelfer mit drin, der hatte ’nen Buckel, und eine Schwester hatte ’nen Buckel, und da haben sie feste draufgehauen, die haben sie mißhandelt. (Zeitzeugin Rosa Huppermann)
Mit den anderen Höxteraner Juden wurde Richard Dillenberg vermutlich für einige Zeit nach Buchenwald verbracht. Im Dez. 1941 wurde er mit den anderen Familienangehörigen nach Riga deportiert, wo er umkam.
Henny Dillenberg, geb. 1894, die jüngste Tochter von Nathan, blieb offensichtlich im elterlichen Haus. Weitere Lebensumstände sind nicht bekannt. Sie wurde 1941 mit den Geschwistern und den anderen Angehörigen nach Riga deportiert, wo sie umkam.

Julius Dillenberg, geb. 1881, ältester Sohn von Joseph, der nach vier Jahren am KWG in den Viehhandel der Familie eingetreten war, übernahm die Geschäfte 1916 nach dem Tod seines Vaters und führte sie trotz der immer weiter zunehmenden Verfolgung im Dritten Reich zunächst weiter. Jedoch wurden die Bedingungen wie bei seinem Vetter Richard im Nachbarhaus immer schwieriger.
So entschlossen sich Julius und seine Frau Hertha, geb. Weinberg, die keine Kinder hatten, im Juli 1937 nach Holland zu fliehen, wo sie in Amsterdam bei Verwandten seiner Frau unterkamen. Jedoch war die Sicherheit nicht von Dauer. Im April 1943 wurden beide nach Theresienstadt deportiert. Seine 20 Jahre jüngere Frau Hertha galt vermutlich noch als „arbeitsfähig“ galt und konnte deshalb offenbar weiterhin in Theresienstadt bleiben. Sie überlebte und kehrte nach dem Krieg nach Amsterdam zurück, wo sie eine neue Ehe einging,. Ihr Mann Julius dagegen wurde im April 1943 weiter nach Auschwitz deportiert und dort im Okt. 1944 ermordet.

Seine Schwester Sophie Dillenberg, geb. 1888, heiratete den in Castrop-Rauxel lebenden Viehhändler Siegfried Blumenthal, mit dem sie anscheinend fünf Kinder hatte, von denen aber ein Mädchen mit zwei Jahren verstarb. 1938 flohen sie wie der Bruder Julius ins Exil nach Amsterdam in die scheinbare Sicherheit des Auslands. Jedoch entkamen auch sie nicht der Verfolgung. Die beiden älteren Söhne wurden bereits im Sept. 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Im Juli 1943 wurden dann auch die Eltern mit den den beiden jüngeren Söhnen über das holländische Lager Westerbork nach Sobibor deportiert und dort ermordet.
Käthe Dillenberg, geb. 1896, die jüngste Tochter Josephs, lebte zunächst im Elternhaus und heiratete dann ein Mitglied der Familie Kupfer, möglicherweise Michael Kupfer, den Mann ihrer 1923 verstorbenen Schwester Emmy. Sie lebte mit ihrem Mann in Castrop-Rauxel und floh im Herbst 1937 (wohl mit ihrem Mann) ins Exil nach Uruguay.

Albert Dillenberg, geb. 1898, der jüngste Sohn von Joseph, ist der einzige Sohn aus der Höxteraner Viehhändler-Familie Dillenberg, der dem Holocaust entfliehen konnte. Er besuchte nach der Höheren Mädchenschule ab 1908 das KWG und erwarb hier 1914 die Mittlere Reife, bevor er 1916 zum Kriegsdienst einberufen wurde. Da er zu dieser Zeit bereits in die Oberprima versetzt war, konnte er im Febr. 1918 die Kriegsreifeprüfung ablegen.

Nach dem Krieg studierte er Jura und absolvierte dann seine Referendarzeit in Frankfurt, von wo er 1922 nach Höxter zurückkehrte. In den folgenden Jahren lebte und praktizierte er zumindest wohl zeitweise in Höxter, galt unter den Leuten aber eher als „Winkeladvokat“. Er entkam den Verfolgungen des Dritten Reiches und wanderte Anfang 1936 nach Südamerika aus.
Von allen Angehörigen der einstmals zahlreichen Höxteraner Familie Dillenberg überlebten nur drei den Holocaust, die rechtzeitig nach Südamerika geflüchteten Albert und Käthe (vermutlich mit ihrem Mann) und Hertha Dillenberg, geb. Weinberg, Frau von Julius, Überlebende der Deportationsjahre im KZ Theresienstadt. Alle übrigen Mitglieder der Familie aber wurden – ebenso wie alle Dillenbergs aus Ovenhausen und Fürstenau – in den KZs des Dritten Reiches ermordet.
Fritz Ostkämper, 19.12.2009
e-mail: ostkaemper@jacob-pins.de

Nach dem Krieg studierte er Jura und absolvierte dann seine Referendarzeit in Frankfurt, von wo er 1922 nach Höxter zurückkehrte. In den folgenden Jahren lebte und praktizierte er zumindest wohl zeitweise in Höxter, galt unter den Leuten aber eher als „Winkeladvokat“. Er entkam den Verfolgungen des Dritten Reiches und wanderte Anfang 1936 nach Südamerika aus.
Von allen Angehörigen der einstmals zahlreichen Höxteraner Familie Dillenberg überlebten nur drei den Holocaust, die rechtzeitig nach Südamerika geflüchteten Albert und Käthe (vermutlich mit ihrem Mann) und Hertha Dillenberg, geb. Weinberg, Frau von Julius, Überlebende der Deportationsjahre im KZ Theresienstadt. Alle übrigen Mitglieder der Familie aber wurden – ebenso wie alle Dillenbergs aus Ovenhausen und Fürstenau – in den KZs des Dritten Reiches ermordet.
Fritz Ostkämper, 19.12.2009
e-mail: ostkaemper@jacob-pins.de