Juden der ärmeren Schicht – die Familie Hochfeld

Zwei Fragmente des 1944 zerschlagenen Grabsteins von Michael Hochfeld im heutigen Ehrenmal auf dem jüdischen Friedhof.

Die Familie Hochfeld zählte in Höxter eher zu den ärmeren Juden, und erst die Nachkommen konnten später einen gewissen Wohlstand erwerben. Als erste war 1810 Fretgen Hochfeld (1739-1839) nach dem Tod ihres Mannes mit vier erwachsenen Kindern aus dem Lippischen nach Höxter gekommen, um hier im Königreich Westfalen Jérômes die „Segnungen der Emanzipation zu genießen“. Sie war auch die erste, die auf dem neuen jüdischen Friedhof an der Gartenstraße begraben wurde.

Die Tochter Hendel (* 1790) lebte anscheinend unverheiratet bei ihren drei Brüdern, nachdem sie wohl vorher die alte Mutter versorgt hatte.

Der älteste Sohn Juda Samson (1773–1853), in erster Ehe mit Gitel Naphtali, in zweiter mit Hebbe Weinberg verheiratet, war ein armer Seifensieder, der einen Sohn zeitweise nicht zur Schule schickte, weil er die festgesetzten Cultus-Kosten nicht bezahlenkonnte.

Ruben (1779-1848) wohnte mit seiner Frau Hendel, geb. Baer Lohmann, als Religionslehrer und Vorsänger in der Lehrerwohnung an der Synagoge und erteilte den Religionsunterricht für die Kinder der Gemeinde.

Auch Aron Samson (1784–1872), in erster Ehe mit Röschen Meyer, in zweiter mit Zipora, geb. Goldschmidt, verheiratet, war arm und lehnte deshalb einen Beitrag zur jüdischen Marx-Haindorf-Stiftung „unter dem Vorgeben ab, daß es [ihm] ohnehin schwer werde, [die] gewöhnlichen Steuern und Abgaben aufzubringen.“ Er war in Höxter besonders bekannt, weil er mit seinen Söhnen eine Art Stadtkapelle unterhielt.

„Familie Hochfeld, Vater und seine fünf Söhne: Michel, Itzig, Mathies, David, Josef, der Vetter Schmul Hochfeld und der Lehrling Heinemann bildeten die Stadtkapelle. Der Alte strich den Baß, Michel die erste Violine, Mathies die zweite, Itzig die Bratsche, David blies Trompete, Schmul spielte Klarinette, Josef die Flöte und der Lehrling half Josef mit bei der Flöte. Sie spielten alle sehr gut und nur gute Sachen. Mozart, Beethoven, Lortzing, Flotow, Verdi etc. gehörten zu ihrem ständigen Repertoire. Sonntags spielten sie regelmäßig auf dem Felsenkeller, und Michel ging bei den Gästen herum und sammelte die Gelder ein. Man gab ihm ein „Kastenmännchen“ (2 1/2 Silbergroschen). Alle Spieler stimmten gut zusammen, und nur der Flötenbläser Josef verlor manchmal die Noten und den Takt. Er war immer hungrig, und wenn er einen Gast sah, der ein Butterbrot mit Schinken verzehrte, dann lief ihm das Wasser im Munde zusammen, und er kam aus dem Takte. Aber er wußte sich zu helfen. Er blies dann über das Loch der Flöte weg; man hörte nur pf! pf! pf! und dazwischen den leisen Ruf „Heinemann, wo ist es?“ pf! pf!, bis er den Takt wieder hatte.
Abends hörte man oft das schöne Lied aus dem Freischütz von Carl Maria von Weber: „Leise, leise, fromme Weise“; dann wußte man, die Hochfelder brachten irgend einem Geburtstagskinde oder einer Braut eine Serenade und jeder freute sich über die schöne Musik. Michel gab mir Geigenunterricht: zwölf Stunden für ein Thaler…“

(Hermann Krekeler: Höxters Dönekens aus unserer Väter Tagen)

Aron Hochfeld
Die Zeichnung zeigt Aron Hochfeld um 1850.

Die drei Brüder hatten zusammen 24 Kinder, von denen aber etliche jung verstarben. Während Rubens Kinder Höxter verließen, kehrte Judas Sohn Samuel Hochfeld (1839–1912), verheiratet mit Jeanette, geb. Weil, als Uhrmacher nach Höxter zurück und eröffnete um die Jahrhundertwende in der Stummrigestr. 4 das Photoatelier „Victoria“, das nach seinem Tod vom Schwiegersohn Armand Ahron (1873-1933) übernommen und nach dessen Tod von seiner Frau Hedwig, geb. Hochfeld (1879–1942) bis ins Dritte Reich hinein weitergeführt wurde. Sie wurde nach Theresienstadt deportiert und ist verschollen. Ihre Tochter Gertrud (* 1903) konnte 1939 mit ihrem Mann Max Israelsohn und der Tochter Suse Anna (* 1935) nach England auswandern, wo letztere heute mit ihren Nachkommen lebt.

Das von Samuel Hochfeld gegründete und von Schwiegersohn und Tochter fortgeführte Photographische Atelier in der Stummrigestr. 4.

Mehrere der 10 Kinder von Aron Hochfeld blieben in Höxter und gründeten hier eigene Familien, vor allem die Brüder Josef und Michael.

Der Auktionskommissar Josef Hochfeld und seine Kinder

Das Möbelgeschäft Hochfeld im Tillyhaus (um 1898).

Josef Hochfeld (*1832) Sohn von Aron Samson, hatte mit seiner Frau Minna, geb. Goldschmidt, insgesamt 15 Kinder, allerdings starben mehrere früh. Er war Auctions-Commissar und versuchte das offensichtlich recht geringe Familieneinkommen durch den Handel mit Möbel- und Polsterwaren sowie als Vertreter einer königlich-preußischen Hof-Pianoforte-Fabrik aufzubessern.

Anzeige Josef Hochfeld als Agent des Norddeutschen Lloyd vom 4. Apr.1898.

Dazu war er Gerichtstaxator für Mobilien, Auswanderungsagent des Norddeutschen Lloyd und zeitweise auch Vermögensverwalter. In Höxter wurde er außerdem Schriftführer des 1864 gegründeten Turnvereins. Er verzog um 1900 aus Höxter.

Die Tochter Frieda (1868–1942), verheiratet mit Max Hamlet, wurde 1942 von Hamburg nach Theresienstadt und wenige Wochen später zur Ermordung nach Treblinka deportiert.

Max (auch Mathias) (1869–1942) musste das Gymnasium wegen „unverbesserlicher Faulheit“ verlassen. Er lebte später als Kaufmann für „religiöse Kunst“ in Hamburg und war mit der evangelischen Engländerin Mary, geb. Day, verheiratet. Während der Sohn Edgar ins Exil fliehen konnte, wurde Max Hochfeld, seit dem Tod seiner Frau ohne den Schutz der „arischen Mischehe“, 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo er nach sechs Wochen umkam. Seine in Kassel verheiratete Tochter Erna Alice wurde 1941 nach Lodz deportiert und kam 1942 in Chelmno um. Über den Sohn Edgar ist nichts bekannt.

Die Tochter Bertha (* 1870) heiratete den in Hannover und Holzminden wohnenden Julius Marcus. Weitere Informationen sind nicht bekannt.

Der Sohn Alex(ander) Aron (* 1876) wurde nach dem Besuch des Gymnasiums Kaufmann in Hamburg. Er konnte spätestens im September 1940 mit Frau Selma, geb. Kalkstein, nach Tientsin (China) emigrieren, nachdem der Sohn Josef bereits 1939 nach Brasilien geflohen war. Die Tochter Erna rettete sich zunächst nach Belgien, wurde aber 1942 von dort deportiert und in Auschwitz ermordet.

Milius Hochfeld 1888 als Sextaner (Identifikation nicht ganz sicher).

Milius (1877-1945) wurde nach dem Gymnasialbesuch Kaufmann und war danach Inhaber eines gut gehenden Möbelgeschäfts in Hamburg. 1923 spendete er 10.000 (Inflations-)Mark für die Bedürftigen in Höxter. Da er mit einer evangelischen Frau verheiratet war, wurde er 1942 nicht in die Vernichtungslager deportiert, sondern im KZ Neuengamme interniert. Entkräftet von den Folgen starb er kurz nach Kriegsende. Das Schicksal des Sohnes Siegfried ist unbekannt.

Die in Hamburg als Stoll verheiratete Tochter Mary (1878–1944) wurde 1944 nach Theresienstadt und wenige Monate später nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Julius Hochfeld etwa 1946.

Salomon Julius (1880–1959) musste das Gymnasium „wegen Faulheit“ verlassen, besuchte nach einer Lehre die Maschinenbauschule in Holzminden und ließ sich danach zum Schiffsingenieur ausbilden. Anschließend fuhr er 16 Jahre lang als Schiffsingenieur des Norddeutschen Lloyd zur See. Im 1. Weltkrieg zur Kriegsmarine eingezogen, arbeitete er nach dem Krieg als Ingenieur und technischer Zeichner in Hamburg und gründete dort 1923 eine eigene Fabrik für Büromöbel und Zubehör, bis diese 1938 arisiert wurde. Daraufhin emigrierte er Ende des Jahres mit seiner Frau Rosa, geb. Bergmann, in die USA, wo er in verschiedenen Funktionen arbeitete und 1959 starb.

Lebenslauf Julius Hochfelds von 1948.

Der jüngste Sohn Alfred Hochfeld (1881–1944) lebte mit seiner Frau Julie, geb. Linz, als Metzger und später als Chauffeur in Hamburg. Während der Sohn Hans-Joachim Ende 1938 nach Brasilien ins Exil fliehen konnte, wurden die Eltern 1942 nach Theresienstadt deportiert, von wo sie 1944 ins Vernichtungslager Auschwitz transportiert und dort ermordet wurden.

Der Musiker Michael Hochfeld und seine Kinder

In der ganzen Stadt bekannt war der Musikus Michael Hochfeld (1823–1899), Sohn von Aron Samson, der die musikalische Tradition seines Vaters fortsetzte und wie dieser eine so genannte „Stadtkapelle“ leitete. Bereits als junger Mann war er 1845 Gründungsmitglied des Gesangvereins „Liedertafel“, den er danach über 50 Jahre lang als Dirigent leitete.

Der Gesangverein „Liedertafel“ mit Michel Hochfeld (sitzend, Mitte) um 1890.

Verheiratet mit Jenny, geb. Strauß, mit der er sechs Kinder hatte, von denen jedoch nur zwei das Erwachsenenalter erreichten, verdiente er den Lebensunterhalt der Familie vor allem als Musiklehrer, der die Kinder der Bürgerfamilien an der Geige unterrichtete.

Auch der Grabstein von Rosa Hochfeld auf dem jüdischen Friedhof wurde 1944 zerschlagen. Weitere Grabsteine der Familie sind nur in Fragmenten erhalten.

Außerdem spielte er mit seiner vor allem aus Familienmitgliedern bestehenden Stadtkapelle regelmäßig im Felsenkeller, bei den verschiedensten öffentlichen Anlässen, aber auch in den Straßen auf, und die Kapelle begleitete etwa auch Feste des Gymnasiums mit ihrer Musik. Auch für Geburtstagsständchen und ähnliche Feiern wurde die Kapelle gern gemietet.

Die Tochter Rosa (1874–1935) lebte zumindest zeitweise in Hannover. Sie wurde 1935 auf dem jüdischen Friedhof in Höxter begraben.

Dr. Samson Hochfeld – Rabbiner und Gelehrter

Samson Hochfeld (1871–1921), Sohn des Musikus Michael Hochfeld, wurde zu einem wichtigen Vertreter des Reformjudentums in Deutschland. Er legte am KWG das Abitur ab und studierte dann, finanziert von der Höxteraner jüdischen Gemeinde, in Berlin und Halle jüdische Theologie, wo er 1893 promovierte. 1897 wurde er nach bestandenem Rabbinatsexamen zum Rabbiner in Frankfurt/Oder berufen und war dann ab 1903 Rabbiner in Düsseldorf, wo er die dortige neue Synagoge einweihen konnte.

Samson Höchfeld (links) 1888 beim Abitur.

Er legte am KWG das Abitur ab und studierte dann, finanziert von der Höxteraner jüdischen Gemeinde, in Berlin und Halle jüdische Theologie, wo er 1893 promovierte. 1897 wurde er nach bestandenem Rabbinatsexamen zum Rabbiner in Frankfurt/Oder berufen und ab 1903 Rabbiner in Düsseldorf, wo er die dortige neue Synagoge einweihen konnte. Als er 1907 nach Berlin zurückberufen wurde, trauerte ihm die Gemeinde auch wegen seiner Rednergabe nach, die man bei seinem Nachfolger Leo Baeck (später in der Zeit des Dritten Reiches Präsident der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland) vermisste. Den „rhetorisch glänzenden Dr. Hochfeld“ dagegen lud man überall gern zu Vorträgen ein, unter anderem auch 1898 in seine Geburtsstadt Höxter.

In den folgenden Jahrzehnten bis zu seinem Tod wirkte er in Berlin als Rabbiner der Neuen Synagoge an der Fasanenstraße. Daneben lehrte er von 1908 bis 1921 als Dozent an der „Lehranstalt für das Studium des Judentums“ und machte sich durch zahlreiche Veröffentlichungen einen Namen: „Kinderpredigten“ (1901), „Das Künstlerische in der Sprache Schopenhauers“ (1912), „Kriegspredigten“ (1918) u.a.

Samson Hochfeld auf einem Zeitschriftenfoto vob 1912.

Besondere Bedeutung hat Samson Hochfeld als einer der Vertreter des liberalen Judentums und gehörte der „Gesellschaft zur Foerderung der Wissenschaft des Judentums“ an. Er arbeite an den „Richtlinien für ein liberales Judentum“ (1912) mit, die die historisch-kritische Sichtung der religiösen Schriften zum Programm erhob, und war mit Leo Baeck und anderen Mitherausgeber und Autor der fünfbändigen „Lehren des Judentums nach den Quellen“ (1920ff). Er starb jedoch 1921 nach der Veröffentlichung des zweiten Bandes und wurde in der Ehrenreihe des jüdischen Friedhofs in Berlin-Weißensee beigesetzt.

Nachruf der Jüdischen Gemeinde Berlin auf Samson Hochfeld.
Das Grab von Dr. Samson und Gertrud Hochfeld in der Ehrenreihe des jüdischen Friedhofs in Berlin-Weißensee.

Samson Hochfeld war verheiratet mit Gertrud Alexander (1876–1934). Der ältere Sohn Ernst Michael (1900–1944) wurde nach Trawniki und dann weiter nach Treblinka deportiert und dort ermordet wurde. Der jüngere Sohn Max ( 1906) wanderte 1938 in die USA aus, wo er den Namen Holden annahm. Sein Sohn *Ronald lebt als bekannter Gastronom in Seattle, Washington.

Fritz Ostkämper, 1.7.2010 e-mail: ostkaemper@jacob-pins.de

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Jacob Pins widmet seine Stiftung dem Andenken seiner Eltern, die 1941 deportiert und 1944 im Ghetto in Riga ermordet wurden. Zur steten Erinnerung und Mahnung finden Sie hier eine umfangreiche Dokumentation zur gemeinsamen Geschichte von Juden und Deutschen und den tragischen Schicksalen der jüdischen Mitbürger der Stadt Höxter.