
Erste Hinweise auf Juden in Lüchtringen findet man bereits Anfang des 17. Jahrhunderts. 1649 erklärt der Jude Simon, mit einem Schutzbrief zunächst „uff der Tonnenburg“ und dann 12 Jahre in Lüchtringen gewohnt zu haben. Ein weiterer Beleg stammt aus dem Jahr 1657. Etwa ab der Mitte des 18. Jahrhunderts nehmen die Informationen zu. Eigentlich handelt es sich in den nächsten knapp 150 Jahren (von kurzzeitigen Zuzügen abgesehen) nur um eine Familie und ihre Nachkommen. Etwa um 1760/65 wird ein Mordechai Steinberg verzeichnet, verheiratet mit Gelle geb. Michael, dessen Nachkommen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts in Lüchtringen lebten. Durch Einheirat kamen die Namen Gudenberg (auch Judenberg), Westfeld und Hochfeld hinzu, während der Name Steinberg allmählich verschwand. An Berufen sind nur zwei Metzger bekannt.
Bis 1822 gehörten die Lüchtringer Juden der jüdischen Gemeinde Höxter an. In diesem Jahr jedoch, so klagte die Synagogengemeinde Höxter 1845, seien die Juden aus Lüchtringen unter Hinweis auf ihre Absicht, eine eigene Synagoge zu errichten, aus der Höxteraner Gemeinde ausgetreten, hätten keine Abgaben mehr entrichtet und auch einen eigenen Betraum eingerichtet. Dieser wurde aber offensichtlich kaum 20 Jahre lang von 1822 bis um 1840 genutzt. Danach gingen die Lüchtringer Juden wieder regelmäßig in die Höxteraner Synagoge. Aufgrund des preußischen Gesetzes „die Verhältnisse der Juden betreffend“ aus dem Jahre 1847 wurden die Synagogengemeinden neu abgegrenzt, und seit 1853 gehörte Lüchtringen (ebenso wie Stahle) zur Synagogengemeinde Albaxen.
Zu dieser Zeit wohnten in Lüchtringen vier jüdische Familien mit 12 Personen und 1854 bei der konstituierenden Wahl der Synagogengemeinde wurde Wolf Westfeld in den Vorstand gewählt. In den folgenden Jahrzehnten ging die Zahl der jüdischen Bürger wegen des Abzugs in die Kreisstadt oder in die größeren Städte zurück. Zwischen 1848 und 1860 gab es maximal drei schulpflichtige Kinder. 1869 werden zwei Familien verzeichnet, und bei den Vorstandswahlen 1874 waren noch drei Juden wahlberechtigt. Ende des 19. Jahrhunderts lebten noch zwei Familien mit dem Namen Gudenberg in Lüchtringen.
Im Januar 1905 stellte der in Albaxen wohnende Israel Schlesinger als Vorsteher der Synagogengemeinde wegen der immer geringeren Zahl von Juden den Antrag, die Gemeinde aufzulösen. Zu diesem Zeitpunkt lebten in Lüchtringen nur noch Simon Judenberg sowie die Witwe des Heinemann Gudenberg. Der Antrag wurde abgelehnt, jedoch schlief die Synagogengemeinde offensichtlich in der Folgezeit ein.
Der jüdische Friedhof in Lüchtringen

Erhalten blieb der ehemalige jüdische Friedhof am Callenberge (Adresse: Niemeiersberg). Er liegt am Alten Postweg, oberhalb der Bahnlinie, und gehört heute zur Gemarkung Holzminden. Typisch ist die Ortsrandlage des Friedhofes. Heute steht er unter der Verwaltung des Landesverbandes der jüdischen Kultusgemeinde.
Bis 1828 hatten die Lüchtringer Juden ihre Toten auf dem (alten) jüdischen Friedhof in Höxter bestattet. 1827 wurde dann in Lüchtringen ein eigener jüdischer Friedhof angelegt, der anscheinend bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts benutzt wurde. Heute ist dort nur noch der Rest eines Grabsteins zu sehen. Er trägt den Namen des 1854 verstorbenen Samson Hochfeld, der ebenfalls in die Familie Steinberg eingeheiratet hatte. Bis etwa 1971 sollen es noch fünf Grabsteine gewesen sein, die heute nicht mehr auffindbar sind.
Erstaunlich ist überhaupt, dass er noch erhalten ist. Denn das Amtsgericht Höxter stellte im Jahre 1939 fest, dass es seit längerer Zeit keine jüdische Gemeinde Lüchtringen mehr gebe und die letzte Beerdigung mindestens 25 Jahre zurückliege. Der Landrat wandte sich an den Regierungspräsidenten, um zu erwägen, die „herrenlosen Grundstücke“, die sich „in einem verwahrlosten Zustand befinden“, an das Land Preußen zu übertragen und das Gelände „nach den erforderlichen Umbrucharbeiten evtl. als Gartenland“ zu verwenden. Als Wert für den Friedhof wurden vom Katasteramt Höxter 120 RM angesetzt. 1940 erwarb dann die politische Gemeinde die Fläche gegen 200 RM an die Regierungshauptkasse in Minden. Zu der in Aussicht genommenen Umwandlung in Gartenland kam es glücklicherweise nicht.
Seit einem Grundstückstausch zwischen den Städten Höxter und Holzminden im Rahmen der Gebietsreform 1971 liegt der Friedhof heute auf niedersächsischen Gebiet.
Im Sommer 2008 wurde der letzte erhaltene Grabstein gesäubert und restauriert. Von frevelhafte Händen wurde er Anfang November 2008 brutal zerschlagen. Jedoch ist die weitere Restaurierung des Friedhofs in Angriff genommen.
Lüchtringen wird „judenfrei“
Im März 1943 wurde die Witwe Hildegard Sch. in Essen total ausgebombt, mit ihren Eltern und ihrem damals einjährigen Kind nach Lüchtringen evakuiert und wohnte ab Dezember 1943 in der Grashofstraße 17. Mitte 1944 gab es zwischen Hildegard Sch. und ihrer Vermieterin P. Streit wegen der vermieteten Wohnung, was zur Kündigung führte. Offensichtlich aufgrund der Beschwerde der Gekündigten wurde im Auftrag des Bürgermeisters im Juni 1944 die Vermieterin P. vorläufig festgenommen und vernommen. Bei dieser Vernehmung beschuldigte P. ihre Mieterin, daß sie ausländische Sender abgehört habe, dunkle Geschäfte betreibe und zudem Halbjüdin sei. Daraufhin wurden auch Hildegard Sch. und ihre Eltern ins Polizeigefängnis nach Höxter, das sich in der Neuen Straße befand, gebracht. Hildegard Sch., die christlich erzogen war und nicht dem jüdischen Glauben anhing, hatte eine evangelische Mutter und einen jüdischen Vater mit dem Namen Jacob Cohn. Sie galt damit als „Halbjüdin“.
Vernommen zu den Vorwürfen wurde auch die Mutter von Frau P., die angab, daß sie nicht mit Bestimmtheit sagen könne, ob die Familie Sch. ausländische Sender abgehört habe. Vor etwa drei Monaten habe sie im Dorf erfahren, daß der Vater von Frau Sch. Jude sei. „Seit dieser Zeit habe ich gegen die Leute einen Abscheu bekommen“, gibt sie dann zu Protokoll. Bei einer Hausdurchsuchung geriet die Vermieterin mit ihrer Mutter, beide im Dorf nicht gerade angesehen, selbst in Schwierigkeiten, da Schafwolle und Kaninchenfelle gefunden wurden, die nach den damals geltenden gesetzlichen Bestimmungen ablieferungspflichtig waren.
Von Bedeutung aber ist hier vor allem das Schicksal des Juden Jakob Cohn, dessen Lebensgeschichte und Gefühle in dem Vernehmungsprotokoll authentisch wiedergegeben sind. Er wurde 1878 als Sohn des Pferdehändlers Markus Cohn in Westpreußen geboren und verlor frühzeitig seine Eltern. Nach Beendigung seiner Schulzeit erlernte er das Schuhmacherhandwerk. Mit 19 Jahren wurde er zum Heeresdienst eingezogen. Nach einem Aufruf des Kaisers hat er sich sofort „zur Verteidigung vaterländischer Interessen“ als Freiwilliger für den Chinafeldzug im Jahre 1901 gemeldet und mehrere Auszeichnungen erhalten. 1907 heiratete er und eröffnete zunächst in Düsseldorf eine Schuhmacherei. Von 1914 bis 1919 war er wieder Soldat und erhielt insgesamt fünf Kriegsauszeichnungen, darunter das Verwundetenabzeichen und das Eiserne Kreuz II. Klasse. Nach dem Krieg betrieb er dann bis 1931 in Essen weiterhin ein Schuhmachergeschäft und war danach als Maschinenmeister in leitenden Stellungen tätig.
Bei seiner Vernehmung gab er an, daß er beim Einzug gegenüber der Vermieterin in Lüchtringen kein Hehl daraus gemacht habe, daß er Jude sei, worauf sie geantwortet habe, daß es ihr egal sei, wie andere Leute über Juden sprächen. Das Radiogerät, mit dem er Radio London abgehört haben sollte, gehöre nicht ihm, sondern seine Tochter habe es von einem Ausgebombten zur Aufbewahrung erhalten.
Er bestritt, Auslandssender abgehört und P. darüber berichtet zu haben. Er gab dazu zu Protokoll: „Ich bin ein alter deutscher Soldat und habe fürs Vaterland gekämpft, bin außerdem Schwerkriegsbeschädigter und lasse auf die Ehre eines deutschen Soldaten nicht das geringste kommen. Ich müßte doch ein Idiot sein, wenn ich mit Frau P. ein derartiges Gespräch führen wollte. Mag man über Juden denken wie man will, ich fühle mich als Deutscher, bin Schwerkriegsbeschädigter und habe für Deutschlands Ehre geblutet. Bislang hat man mich in jeder Weise korrekt behandelt. Ich habe mich aber auch danach geführt. Als im vergangenen Jahr bzw. 1942 der Aufruf zur Arbeit an alle Deutschen erging, habe ich mich freiwillig mit meinen 65 Jahren dem Arbeitsamt Essen zur Verfügung gestellt. Ich bin gelernter Arbeiter und will gerne dem Deutschen Volke meine Kraft zur Verfügung stellen. Was man mir hier aber antut, grenzt an Gemeinheit und zeugt von einer ruppigen Gesinnung. Ich habe die Überzeugung, daß es noch eine Gerechtigkeit gibt und daß diese Angelegenheit mit ins Kleinste überprüft wird.“
In einem abschließenden Bericht des Gendarmeriepostens, in dem die Vermieterin als unglaubwürdig bezeichnet und undurchsichtiger Schiebergeschäfte bezichtigt wird, heißt es „Der Jude mit seiner Frau waren bei den Vernehmungen sehr geknickt. Der Jude weinte seine bittersten Tränen und behauptete, daß er mit dem ihm nicht gehörenden Apparat keinen Auslandssender angestellt habe, zumal er wisse, daß eine derartige Handlung als Verbrechen evtl. mit dem Tod bestraft werde.“
Amtsbürgermeister Hartmann legte die Angelegenheit der Gestapo vor, die am 27. Juni 1944 mitteilte, daß gegen die verhafteten Frauen kein „staatspolizeiliches Interesse vorliege“ und in eigener Zuständigkeit verfahren werden solle. Der Jude Cohn aber solle in das Arbeitserziehungslager Lahde bei Minden überführt werden, was faktisch ein KZ war. Am 3. Juli 1944 wurde er zunächst in das Polizeigefängnis Bielefeld überführt. Bereits 16 Tage später meldete die Gestapo, daß Jacob „Israel“ Cohn im Arbeitserziehungslager Lahde an der Weser an einem Herzschlag verstorben sei.
Seine Tochter, Hildegard Sch., wurde am 19. September 1944 wegen Hochverrat und Spionage sowie Schwarzsendung und Abhören feindlicher Sender in das Frauenarbeitslager Elben überführt. Der Spionagevorwurf wurde aus einigen Fahrten nach Essen konstruieren, wo sie wegen der Ausbombung mehrmals beim dortigen Kriegsschädenamt zu tun hatte. Belastend war zudem, daß Briefe gefunden wurden, aus denen „ersichtlich ist, auch mit Rassegenossen, die sich in K.Z. Lagern befinden“, habe die Beschuldigte in Verbindung gestanden. Hildegard Sch. wurde 1945 durch die Alliierten aus dem Arbeitslager befreit.
Nach dem Krieg wohnte Hildegard Sch. mit ihrer kleinen Tochter und ihrer Mutter Sophia Cohn in Höxter, bis sie Ende der 1950er Jahre in die DDR zog. Sophia Cohn wurde am nach ihrem Tod am 10.12.1959 auf dem jüdischen Friedhof begraben. Ihr Grab, das keinen Grabstein erhielt, ist noch heute durch die Grabumrandung erkennbar.
