
Gunter Demnig verlegt „Stolpersteine“ für über 20 ehemalige jüdische Mitbürger
VON CHRISTINE LONGÈRE
Höxter. Die Ergriffenheit und Trauer waren Elsa und Margot Pins anzusehen, als sie vor den „Stolpersteinen“ standen, die gestern in das Pflaster der Fußgängerzone vor dem Haus schräg gegenüber der Dechanei eingelassen wurden. Sie tragen die Namen des Tierarztes Dr. Leo Pins und seiner Ehefrau Ida.
„Hier wohnte …“ beginnt jeweils die Inschrift der glänzenden Metallquader. Über 20 dieser zehn mal zehn Zentimeter großen Gedenksteine aus Beton mit Messingauflage verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig gestern in der Marktstraße und der Stummrigestraße. Sie erinnern an das Schicksal der ehemaligen jüdischen Mitbürger. Für das nächste Jahr ist die Verlegung von 22 weiteren dieser Steine geplant.

Aus Jerusalem und Tel Aviv waren die Lebenspartnerin des im Dezember vorigen Jahres gestorbenen Künstlers Jacob Pins und die Frau seines Vetters Arnulf Pins zusammen mit einer Verwandten aus München, Brigitte Bartkowski, nach Höxter gereist, um der Verlegung der Steine beizuwohnen. Sie sei sehr froh, dass auf diese Weise das Gedenken an die Eltern ihres Mannes wach gehalten werde, sagte Elsa Pins und fügte schmerzlich berührt hinzu: „Sie waren gute Bürger und haben niemandem etwas getan. Sie mussten sterben, weil sie Juden waren.“ Im Juli 1944 wurden sie in Riga ermordet.
An die Opfer des Naziregimes erinnern
Initiatoren des Projektes in Höxter sind das Tierarztehepaar Susanne und Karl-Heinz Kraft. Persönliche Beziehungen zur Familie Frankenberg waren es, die sie veranlassten, vor einem Jahr die ersten „Stolpersteine“ für den Arzt Dr. Richard Frankenberg und seine Frau Anna in der Corveyer Allee verlegen zu lassen. Das Anliegen, auch an die anderen Höxteraner Opfer des verbrecherischen Naziregimes zu erinnern, fand bei der Stadt Unterstützung. Insgesamt 46 jüdische Einwohner wurden zur Zeit des „dritten Reiches“ aus Höxter deportiert, nur einer von ihnen überlebte.
Ausdrücklich lobte Karl-Heinz Kraft gestern die gute Kooperation mit der Verwaltung der Stadt und auch die Spendenbereitschaft der Stifter. Sowohl für die verlegten wie auch für die noch zu verlegenden „Stolpersteine“ sind, wie Kraft mitteilte, Sponsoren gefunden worden.
Für Höxter sei es „ein besonderer Tag“, meinte Bürgermeister Hermann Hecker gestern, weil der Eltern des Ehrenbürgers der Stadt, Jacob Pins, gedacht werde. Trotz aller schrecklichen Erfahrungen sei Pins die Versöhnung mit seiner Geburtsstadt gelungen. Darüber hinaus habe er außerordentliche Großherzigkeit bewiesen, indem er einen beträchtlichen Teil seines künstlerischen Werkes der Stadt Höxter überließ. Im Jacob-Pins-Forum, das zur Zeit im historischen Heisterman von Ziehlbergschen Adelshof in der Westerbachstraße entsteht, wird der umfangreiche Bestand eine dauerhafte Bleibe finden und der Öffentlichkeit zugänglich sein.
„Richtig und wichtig“ ist es nach den Worten von Hecker, der verfolgten und ermordeten Menschen zu gedenken, auch deshalb, „damit sich so etwas nie wiederholt“. Aus Sicht von Dr. Dieter Schuler, Vorsitzender der Jacob-Pins-Gesellschaft, zeichnet es die Stadt Höxter aus, dass sie die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nicht scheut und damit die Voraussetzung für den Weg der Versöhnung schafft. Nur noch wenig wisse man heute über die Opfer der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft. Aufgabe der heute Lebenden sei es, dem Verlust, den die Stadt in dieser Zeit erlitt, „ein Gesicht zu geben und eine Geschichte“.
Auch in Österreich wurden schon Steine verlegt
Burgdorf war am Tag zuvor die 174. Stadt in Deutschland, in der Gunter Demnig seine „Stolperstein“-Aktion fortsetzte. Die Resonanz ist riesig. 8.200 Steine hat er bereits verlegt, einige auch in Österreich. Gestern Nachmittag stand Peine auf dem Terminkalender, der jetzt schon bis zum Ende des Jahres 2007 gefüllt ist. Wegen der großen Nachfrage müsse der Urlaub im nächsten Jahr ausfallen, befürchtet Demnig. Zum Glück habe er einen Freund, der bei der Steinproduktion helfe, „sonst würde ich es gar nicht schaffen“.
Für Demnig sind die Steine „ein Denkmal von unten“: „Wenn du die Inschrift auf dem Stein lesen willst, musst du ein kleine Verbeugung machen. Dann verbeugst du dich vor dem Opfer.“