Juden in Ottbergen

Die Gedenktafel auf dem ehemaligen jüdischen Friedhof in Ottbergen (Foto: Bernhard Scheideler)

Erste Hinweise auf Juden in Ottbergen finden sich bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts, und jüdische Händler waren dort offensichtlich wegen ihres Warenangebots zu „wohlfeilen“ Preisen eher willkommen. Das lässt ein Brief des Vogts und anderer Einwohner aus dem Jahr 1761 erkennen. Darin wird der Landesherr gebeten, dem Händler Ephraim Itzig „in unserer Dorfschafft gleidt [Geleit] und schutz zu geben, weilen bis hiehin von keiner Handelschafft zu Ottbergen befindlich ist, selbiges von andern umbliegenden orthen nehmen mußen“, weil also im Ort andere Händler fehlten.
Man kann vermuten, dass diese Familie auch weiterhin in Ottbergen ansässig blieb und nach 1808 den Namen Netheim annahm. Jedenfalls wird 1802 im Ort eine jüdische Familie verzeichnet. Wenn 1809/10 sechs jüdische Haushalte mit 26 Personen genannt werden, dürfte es sich neben Zuwanderern vor allem um Nachkommen dieser inzwischen verzweigten Familie Netheim handeln, deren Kinder und Kindeskinder man später auch in Höxter und den umliegenden Dörfern findet.
Zwar zogen im 19. Jahrhundert auch andere jüdische Familien nach Ottbergen (Rosenbaum, Fernheim, Steinheim und andere), jedoch offensichtlich nur für begrenzte Zeiträume, weshalb der Anteil der Juden im Dorf nach kurzfristiger Zunahme ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts deutlich abnahm (1843: 11 Personen, 1864: 19 Personen, 1885: 12 Personen, 1892: 10 Personen, 1925: 6 Personen). Das erklärt auch, warum es hier nie eine eigene jüdische Gemeinde gab, sondern die Ottberger Juden die spätestens 1767 eingerichtete Synagoge im benachbarten Bruchhausen besuchten – eine Vereinigung, die Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Bildung der aus den Dörfern Amelunxen, Bruchhausen, Ottbergen und Godelheim bestehenden Synagogengemeinde festgeschrieben wurde.
Zu Beginn des Dritten Reiches war die Anzahl der Juden in Ottbergen weiter geschrumpft, und es gab schließlich nur noch die Gastwirtschaft von Ida Netheim-Marchand [„Schönbach“] an der Brakeler Str. 8 und den Kolonialwarenhandel von Paula Netheim in der Nethestr. 4. In der Pogromnacht 1938 wurden die Häuser mit antijüdischen Parolen beschmiert, die auch später trotz Übertünchen immer wieder sichtbar wurden. Ende 1938 wurden die Häuser „arisiert“ und die Ottberger Juden mussten in der Folgezeit mit anderen Ende der 1930er Jahre zugezogenen Familienangehörigen im Gastraum des Hauses Schönbach oder in der Nethestr. 4 sehr beengt leben. Am 8. Juli 1942 wurden diese fünf Angehörigen der Familie Netheim aus Ottbergen abtransportiert, vielleicht zunächst in ein Auffanglager bei Bielefeld, von wo sie am 31. Juli 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert.
Seit August 2009 erinnern Stolpersteine vor den früheren Wohnhäusern an die ehemaligen jüdischen Mitbürger des Dorfes.

Der jüdische Friedhof in Ottbergen

Trotz des Fehlens einer jüdischen Gemeinde hatte Ottbergen einen jüdischen Friedhof, der anscheinend im 19. Jahrhundert und vielleicht seit dem 18. Jahrhundert belegt wurde. Das lässt jedenfalls ein früher Hinweis auf die Lage des Friedhofs „im ottbergischen Gebiet“ vermuten, wo verstorbene Juden aus Ottbergen und Bruchhausen bestattet wurden. Auf dem Friedhof „Im Busch” (Flur 4, Nr. 109, erreichbar über den Wirtschaftsweg eines Bauernhofes in der Nähe des Bruchbergbaches) ist heute noch eine Grabplatte mit hebräischer Inschrift vollkommen erhalten. Bei den restlichen Grabsteinen handelt es sich um zerbrochene oder zerschlagene Grabsteinfragmente. Wegen der geringen Anzahl jüdischer Einwohner in Ottbergen wurde der Friedhof schon seit langem nur noch selten belegt, und der Besitzer des Zuwegs erhob angeblich bei einer Beerdigung ein Wegegeld von 1 RM. Zuletzt wurde hier der am 25.6.1923 verstorbene Levy Netheim begraben.
1930 wurde den verbliebenen Juden von der Gemeindevertretung „als Begräbnisplatz auf dem nördlichen Teile des [allgemeinen] Friedhofs ein Teil“ überwiesen. Dort steht heute noch der Grabstein der Eheleute Abraham Schönbach (1853-1930) und Dina, geb. Netheim (1846-1931).
Seit etwa 2005 erinnert eine Gedenktafel auf einem nicht mehr als Grabstein erkennbaren Sandsteinblock an den alten jüdischen Friedhof. Ein ehemaliger Ottberger hat kürzlich die vorhandenen Grabsteinfragmente gesäubert, so dass auch der hebräische Text auf einem Grabstein wieder gut lesbar ist.

Opfer der Shoah aus Ottbergen

Beate Kugelmann, geb. 30.10.1875 in Ottbergen, Tochter von Levi Netheim und Lina, geb. Victor aus Driburg.
Sie war verheiratet mit dem aus Wagenfeld stammenden Kaufmann Gustav Kugelmann und lebte in Bremen, Münster und dann ab 1914/16 in Bielefeld. Das Ehepaar hatte die Kinder Erich (*1910), Hans Günther (*1914) und Ludwig (*1916). Der Ehemann Gustav starb 1934. Während die beiden jüngeren Söhne Hans Günther und Ludwig 1935/36 nach Palästina emigrierten, zog Beate Kugelmann 1937 mit dem Sohn Erich zur Verwandtschaft nach Ottbergen,wo sie vermutlich in der Nethestr. 4 wohnte. Am 8.7.1942 wurde sie mit den anderen Ottberger Juden nach Bielefeld (Auffanglager?) und dann am 31.7.1942 nach Theresienstadt deportiert. Dort kam sie am 26.12.1942 um.
Der Sohn Erich überlebte des KZ Dachau und emigrierte dann nach Schweden.

Das Haus der Netheims in Norden
Anna Netheim mit den Kindern im mittleren Fenster, in der Haustür der Ehemann Julius.

Anna Netheim, geb. 20.4.1883, Tochter von Abraham Levy, Hauptlehrer der jüdischen Schule und Prediger in der Synagoge, und Helene, geb. Stern (aus Ziegenhain).
Sie heiratete am 25.6.1912 in Norden den Getreidehändler Julius Netheim, mit dem sie die Töchter Lotte (*1913) und Ruth (*1919) hatte. Lotte ging 1936 ins Exil nach Südafrika und Ruth emigrierte 1936 nach Palästina. 1940 zog das Ehepaar nach Ottbergen, Nethestr. 4 um. Am 8.7.1942 wurden sie gemeinsam nach Bielefeld (Auffanglager?) und dann am 31.7.1942 nach Theresienstadt deportiert, wo beide umkamen.

Julius Netheim 1926
Julius Netheim (2. von rechts) 1926 als Vorstandsmitglied der Norder Synagogengemeinde.

Julius Louis Netheim, geb. 20.5.1883 in Ottbergen, Sohn von Levi Netheim und Lina, geb. Victor (aus Driburg).
Er heiratete am 25.6.1912 in Norden Anna Levy, mit der er die Töchter Lotte (*1913) und Ruth (*1919) hatte. Zunächst bei dem dortigen Getreidehändler Samson angestellt, machte er sich selbständig und war danach in Norden Großhändler für Getreide, Futter- und Düngemittel. Nach 1933 wurde das Geschäft arisiert. Tochter Lotte ging 1936 ins Exil nach Südafrika, Ruth emigrierte 1936 nach Palästina, und bereits vor der Pogromnacht musste Julius das Haus verkaufen. 1940 zog das Ehepaar nach Ottbergen, Nethestr. 4, um. Am 8.7.1942 wurden sie gemeinsam nach Bielefeld (Auffanglager?) und dann am 31.7.1942 nach Theresienstadt deportiert, wo beide umkamen.

Paula Netheim, geb. 11.5.1881 in Ottbergen, Tochter von Levi Netheim und Lina, geb. Victor (aus Driburg).
Sie blieb unverheiratet und führte in Ottbergen in der Brakeler Straße 8 ein Kolonialwarengeschäft. Vor der Deportation verschenkte sie den Hausrat teilweise an die Nachbarn. Am 8.7.1942 wurde sie zunächst nach Bielefeld (Auffanglager?) und dann am 31.7.1942 nach Theresienstadt deportiert. Sie ist verschollen und wurde zum 8.5.1945 für tot erklärt.

Ida Netheim-Marchand [genannt auch Schönbach], geb. 15.3.1881 in Schermbeck, Tochter von David Marchand und Julie, geb. Schönbach. Sie wurde am 18.2.1931 von der aus Ottbergen stammenden Tante Dina Schönbach, geb. Netheim, Witwe des Viehhändlers Abraham Schönbach aus Schermbeck, an Kindes Statt angenommen, nachdem sie schon 1923 als Alleinerbin des Vermögens von 5 Mio RM [Inflationsgeld!] eingesetzt worden war. Seit der Adoption führte sie den Namen Netheim-Marchand.
Ida Netheim-Marchand war alleinstehend und betrieb in Ottbergen, Brakeler Straße 8 eine Gastwirtschaft. Dazu verkaufte sie durch eine Klappe auch Flaschenbier außer Haus. Wegen der Gesetze der Nazis gegen die Beschäftigung „arischer“ Hausangestellte musste sie 1936 eine Angestellte entlassen. Ende 1938 wurde das Geschäft „arisiert“ und weitergeführt. Ida Netheim-Marchand wurde am 8.7.1942 zunächst nach Bielefeld (Auffanglager?) und dann am 1.8.1942 nach Theresienstadt deportiert. Die Möbel aus dem Haus wurden im Saal einer örtlichen Gaststätte versteigert. Im Dezember 1942 meldete die Gemeinde Ottbergen Interesse am „früheren jüdischen Vermögen“ der Ida „Sara“ Netheim-Marchand an, um es für gemeinnützige Zwecke zu nutzen. Während ein Haus in Privatbesitz überging, ging das andere in den Besitz des „Großdeutschen Reichs“ über. Ida Netheim-Marchand gilt als verschollen.

• Informationen von Fritz Wiesemann, Dortmund (früher Ottbergen) und Bernhard Scheideler
• Lina Gödeken: Rund um die Synagoge in Norden. Die Geschichte der Synagogengemeinde seit 1866. Aurich 2000

Fritz Ostkämper, e-mail: ostkaemper@jacob-pins.de

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Jacob Pins widmet seine Stiftung dem Andenken seiner Eltern, die 1941 deportiert und 1944 im Ghetto in Riga ermordet wurden. Zur steten Erinnerung und Mahnung finden Sie hier eine umfangreiche Dokumentation zur gemeinsamen Geschichte von Juden und Deutschen und den tragischen Schicksalen der jüdischen Mitbürger der Stadt Höxter.