
Rudy Pins: Eintrag ins Goldene Buch
Von Herbert Sobireg
Höxter (WB). »Unsere Stadt erlebt an diesem Wochenende ganz besondere Tage. Tage, in deren Mittelpunkt der Name Pins steht. Nach der Eröffnung des Pins-Forums im Gedenken an unseren Ehrenbürger Jacob Pins, ist heute die Eintragung seines Bruders Rudy in das Goldene Buch ein herausragender historischer Akt.«
Einen Tag nach der feierlichen Eröffnung des Adelshofes (das WESTFALEN-BLATT berichtete am Wochenende), trafen sich am Sonntag erneut hunderte Besucher aus Höxter, um der Eintragung ins Goldene Buch der Stadt beizuwohnen. Rudy Pins, geboren am 20. April 1920 in Höxter ist wohl der letzte jüdische Bürger der Weserstadt, der Höxter während des Nazi-Regimes verlassen konnte und nach Amerika aussiedelte.
»74 Jahre nach Verlassen seiner Heimatstadt ist Rudy Pins nach Höxter zurückgekehrt, um die Würdigung seines älteren (2005 verstorbenen Bruders Jacob), persönlich zu erleben«, meinte Bürgermeister Hermann Hecker. »33 000 Höxteraner Bürger freuen sich heute, dass gerade Sie, Herr Pins, der Sie zwar eine glückliche Kindheit hier in der Weserstadt verbracht haben,später aber schrecklich unter dem Nazi-Regime zu leiden hatten, zur Einweihung des Adelshofes mit Eröffnung des Pins-Forums angereist sind.«
»Auch ich habe die Tage, die ich jetzt in meiner Heimatstadt verbringen durfte, unendlich genossen. Denn hier habe ich, bevor ich ›ausgewandert wurde‹ tatsächlich eine schöne und unbeschwerte Kindheit mit meinen Eltern, Dr. Leo und Ida Pins, und meinem Bruder Jacob, der damals noch Otto hieß, verbracht«, sagte ein sichtlich bewegter Rudy Pins nach dem Eintrag. Schmunzelnd meinte er unter dem Applaus der Zuhörer: »Grüßen Sie bitte alle 33 000 Höxteraner von mir.«
»Ich bin in Höxter geboren. Nach einem kurzen Aufenthalt mit meiner Familie in Lüdinghausen, von meinem zweiten bis fünften Lebensjahr, sind wir aber nach Höxter zurückgekehrt, wo ich die Volksschule und das König-Wilhelm-Gymnasium bis zur Untertertia besuchte«, erinnerte sich Pins im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT. »Mit 14 Jahren bekam ich die Gelegenheit, wegen der politischen Verhältnisse und weil meine Familie jüdisch war, Deutschland zu verlassen. Die USA stellten damals 1000 Visa für Kinder zwischen sechs und 16 Jahren bereit. Das war wie eine Lotterie, aber ich war einer von den Ausgewählten, die auswandern durften und in eine Pflegefamilie in Amerika kamen.« Er sei traurig gewesen, weil Eltern und Bruder hier bleiben mussten und er doch wie alle anderen Jungen in seinem Alter eine sehr schöne Zeit verbracht hatten. »Wir sind gewandert, haben gezeltet auf dem Ziegenberg und im Solling, sind geschwommen in der Weser. Wir haben Frösche und Eidechsen gefangen, haben halt alles gemacht, was Jugendliche in ihrem Alter so unternehmen.«
»In Amerika habe ich zuerst in Cleveland gewohnt, ging dort zur Schule und zur Universität. Dann zog ich nach Washington. Ich war bis 1946 in der Armee. Beruflich war ich bei der Regierung, arbeitete später in einem Zeitschriftenverlag, war Redakteur für die Reiseindustrie, aber auch im geschäftlichen Bereich tätig. Leider habe ich nie geheiratet.«
Im Laufe der Jahre sei er häufig in Deutschland gewesen, so von 1967 bis 1997 jedes Jahr bei der Internationalen Tourismus Börse in Berlin. »Auch als Tourist war ich mehrfach in Deutschland, 1964 sogar ganz kurz, nur für eine halbe Stunde ungefähr, auch in Höxter, auf der Durchfahrt von Köln nach Hamburg. An Höxter habe ich eigentlich 99 Prozent gute Erinnerungen, hatte tolle Klassenkameraden und auch die Lehrer waren immer sehr nett.«
1947 war er als Vernehmungsoffizier an den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen beteiligt.
»In Rente gegangen bin ich erstmals 1988, doch dann habe ich nochmal zehn Jahre in beratender Funktion gearbeitet in der Tourismusbranche in New York.«
»Die vergangenen Tage hier in Höxter habe ich genossen, obwohl jede Minute eigentlich verplant war. Die Stadt ist herrlich, hat sich ganz prima entwickelt.«
Rudy Pins hat Deutschland bereits wieder verlassen. Gestern Morgen ist er von Paderborn über Frankfurt zurück in seine »neue« Heimat New York (»…ist beinahe so schön wie Höxter«) geflogen.