Jüdische Bürger in Höxter

Auf dem lang gestreckten jüdischen Friedhof in Fürstenau.
Auf dem lang gestreckten jüdischen Friedhof in Fürstenau.

Juden in Fürstenau

Ergänzend siehe Spurensuche – Die jüdischen Mitbürger Fürstenaus

Neben Ovenhausen war Fürstenau das Dorf mit der größten Zahl von Juden auf dem Gebiet der heutigen Stadt Höxter. Die ersten Hinweis auf Juden in Fürstenau stammen aus dem 1. Drittel des 17. Jahrhunderts, so etwa von 1618, als der Fürstabt dem Moses Levi zu Fürstenau die Zahlung von 2 Rtlr. Schutzgeld quittierte, und von 1621, als der von dort stammende Soestmann sich in Höxter in der Judengasse ansiedelte und dafür 350 Rthlr. Einzugsgeld an den Rat entrichtete. 1683 wird Fürstenau in einem Schutzbrief unter den Corveyer Schutzjuden genannt. Ebenso verfügt das Museum Corvey über das Original eines Passes, der 1768 von der Hochfürstlichen Corveyischen Regierung auf den Namen Heinemann Moyseß zu Fürstenau ausgestellt ist. 1773 wird zwischen Fürstenau, Stahle und Albaxen ein Vergleich über die Nutzung des Fürstenauer Begräbnisplatz Am Judenberge geschlossen. Der Namen des Schutzjuden Jacob Meyer – er nahm nach 1808 wohl den Namen Judenberg an – findet sich zwischen 1803 und 1806 auf einem Tauschbrief für zwei Häuser, einem Schutzbrief sowie einem Kaufvertrag mit dem kaiserlich-königlichen Werber Conrad Weber, von dem er für 150 Reichstaler ein Haus kaufte.

Judenberg, Archenhold, Lipper, Rose, Rosenstern u.a., das sind 1808 angenommene Namen jüdischer Familien, die im 18. Jahrhundert in Fürstenau gelebt haben. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts werden fünf Familien verzeichnet. 1846 ist die Zahl auf zwölf Familien mit 56 Personen gestiegen. Mit über fünf Prozent Anteil an der Bevölkerung des Dorfes dürfte das der Höhepunkt gewesen sein. Danach nahm ihre Anzahl kontinuierlich ab.

Genauere Auskunft über die Berufe geben erstmals 1854 die Wahllisten zu den Repräsentanten der Synagogengemeinde. Unter den elf wahlberechtigten Juden werden fünf Kleinhändler, ein Lumpensammler, ein Kaufmann und an Handwerkern je einen Metzger und ein Schuhmacher genannt. Die fortschreitende Gleichberechtigung der Juden in Preußen brachte in der zweiten Jahrhunderthälfte offensichtlich einen wirtschaftlichen Aufschwung und vor allem eine höhere soziale Anerkennung. Das schlägt sich auch in den Berufsbezeichnungen nieder. Aus den früheren Lumpensammlern und Trödlern waren um die Wende zum 20. Jahrhundert Kaufleute, Handelsleute, Händler geworden.

Zwar sind die Informationen über die Zeit bis zum Beginn des Dritten Reiches nur unvollständig ausgewertet, zeigen jedoch die immer vollständigere Integration der Juden in Fürstenau. Israel Desenberg und Josef Rosenstern waren Teilnehmer der preußischen Kriege 1864-1866, letzterer sogar ausgezeichnet mit dem Düppelkreuz, und auch im Ersten Weltkrieg bewährten sich die Fürstenauer Juden als Bürger des deutschen Kaiserreiches jüdischer Religion (David und Joseph Löwenstein, Emanuel und Israel Judenberg, mehrere Brüder aus der Famiiie Bachmann). Auch im Dorf waren sie integriert und allgemein akzeptiert, wie Zeitzeugen erzählen. Noch 1938 berichtet die Polizei bedauernd, die allermeisten Einwohner beständen aus „judenfreundlichen Elementen“.

Mit dem Jahr 1933 zerbrach diese Welt, in der die Juden sich als gleichberechtigte Bürger fühlen konnten und auch als solche betrachtet wurden. Zahlreich Vorgänge zeigen, wie sich ihre rechtliche und wirtschaftliche verschlechterte und wie sie immer mehr den verschiedensten Kontrollen und Diffamierungen ausgesetzt waren. Die wirtschaftliche Situation beschreibt Ernst Würzburger wie folgt:

„In Fürstenau überwog bei den ansässigen jüdischen Familien eindeutig der Viehhandel. Von insgesamt sieben Geschäften betrieben allein sechs Viehhandel. War zwar 1935 bei den jüdischen Viehhändlern das Geschäft insgesamt zurückgegangen, so lag der Handel mit Rindvieh noch zum größten Teil in ihren Händen, ›da es an arischen Händlern fehlt am Platze und der Jude auch in den meisten Fällen besser zahlt‹. So berichtete der Bürgermeister am 13.11.1935 an den Amtsbürgermeister von Höxter-Land.
Im August 1938, nachdem alle Gewerbebetriebe in das ›Verzeichnis der jüdischen Gewerbebetriebe‹ einzutragen waren, ergab sich folgendes Bild: Es bestanden zwei Firmen Gebrüder Bachmann. Einmal waren die Inhaber Albert und Hermann und einmal die Inhaber Siegfried und Moritz. Beide betrieben Viehhandel. Emanuel Jacobi betrieb ein Kolonial- und Kurzwarengeschäft und Karla Pins ein Gemischtwarengeschäft. Für alle diese Geschäfte schlug die NSDAP die Liquidation vor. Der letzte Vorsteher der Synagogengemeinde, Moses Bachmann, ist in dieser Liste nicht aufgeführt, obwohl seine ins Handelsregister eingetragene Firma erst 1939 gelöscht wurde. […] Als wohlhabend konnte man die Familie Markus Judenberg (Hausnummer 76) bezeichnen, wo wegen der Krankheit der Ehefrau die Haushälterin Karoline Böhm beschäftigt war. 1936 übernahm den Lebensmittel- und Gemischtwarenladen die Pflegetochter Carla, die mit Max Pins aus Herne verheiratet war. Ebenfalls sehr wohlhabend waren die Viehhändler Gebrüder Siegfried und Moritz Bachmann (Hausnummer 27/29), die über rund sieben Hektar Land verfügten.
Nach der sogenannten ›Reichskristallnacht‹ wurden die Juden allgemein aus der Wirtschaft ausgeschaltet. Generelles Ziel war die Liquidierung jüdischer Geschäfte. Nur wenn es für die Versorgung der Bevölkerung von Bedeutung war, wurden jüdische Geschäfte ›arisiert‹. Dies war in Fürstenau nach den Vorstellungen der zuständigen Ortsgruppe der NSDAP zunächst nicht der Fall. Die Läden wurden allerdings dann doch weitergeführt. Dem Viehhändler Hermann Dillenberg, der hauptsächlich mit Schafen, Ziegen und Kälbern handelte, war offensichtlich wegen eines Verstoßes gegen die Gewerbeordnung ab September 1938 der Viehhandel untersagt worden und David Löwenstein übte seinen Viehhandel zu diesem Zeitpunkt anscheinend nicht mehr aus. Ohne Berufstätigkeit war zu dieser Zeit Markus Judenberg sowie der ehemalige Metzger Max Pins, der den Lebensunterhalt aus dem Geschäftsbetrieb seiner Ehefrau Carla bestritt. Mit Wirkung vom 30.9.1938 verloren die Legitimationskarten jüdischer Handlungsreisender ihre Gültigkeit. Gendarmerie-Hauptwachtmeister Pollmann wurde daher angewiesen, diese Legitimationskarten der jüdischen Viehhändler Moritz und Siegfried Bachmann einzuziehen. Fast alle Familien verfügten über eigene Häuser und teilweise nicht unbeträchtliche Äcker, Wiesen und Gärten.
Dies resultierte teilweise daraus, daß während der zwanziger Jahre, als die größte Not herrschte, so manches Grundstück deswegen den Besitzer wechselte. Dies seien allerdings immer reelle Geschäfte gewesen und von den Juden sei die Notsituation niemals ausgenutzt worden.“

Ernst Würzburgers Darstellung lässt erkennen, dass es den Nazis in den ersten Jahren wohl vorrangig darum ging, die Juden rechtlos zu machen und ihnen die wirtschaftliche Existenzgrundlage zu entziehen. Aber immer stärker macht sich auch der Antisemitismus bemerkbar. Wiederum sei Ernst Würzburger zitiert:

„Sind auch bis zum August 1938 keine antisemitischen Vorfälle aktenkundig, muß dies nicht heißen, daß bis dahin keine Ausschreitungen gegen jüdische Mitbürger stattgefunden haben. Wie aus einem Polizeiprotokoll hervorgeht, sind bereits in den Vormonaten öfters Fensterscheiben bei Juden eingeworfen oder deren Häuser mit Kalk beschmiert worden. Zudem sei erzählt worden, daß die Juden schon früher ›hatten herhalten müssen und öfter durchgebläut wurden‹. Als ausgesprochener Judenhasser galt eigentlich nur der von auswärts kommende Gendarmerie-Hauptwachtmeister Weber, der beim 1937 neu eingerichteten Gendarmerieposten Fürstenau Dienst tat. Er schüchterte auch schon mal Fürstenauer Bürger ein, wenn er erfuhr, daß diese bei Juden gekauft hatten.“

Auch in den folgenden Wochen wurden in mehreren Nächten bei fast allen Juden die Fenster eingeworfen. Solche Ereignisse zeigten den Juden, dass sie in Deutschland nicht mehr erwünscht waren. Die Akten nennen etwa den Fleischer Max Pins, der am 21. August 1939 den Antrag auf Ausstellung eines Passes für sich und seine Frau Karla stellte, da er auswandern wollte. Zwar war er im Besitz einer Einreiseerlaubnis zur Aufnahme in das Durchgangslager in Richborough (England), doch zu einer Auswanderung war es bereits zu spät: „Wegen Schließung der Grenzen ist die Auswanderung des Pins z.Zt. nicht möglich“ (19.9.1939) und „Eine Auswanderung ist wegen der Kriegsverhältnisse auch heute noch nicht möglich“ (8.7.1940), heißt es in den Aktenvermerken. Auch die Emigrationsversuche von David Löwenstein, Moritz, Moses und Siegfried Bachmann scheiterten.

David Löwenstein und Hermann Bachmann waren ab März 1939 als ›Erdarbeiter‹ zwangsverpflichtet, und Max Pins musste bei der Holzmindener Firma Knop & Sohn arbeiten. Ende 1939/Anfang 1940 ergingen Zwangsverpflichtungen gegen die meisten Juden, die damit nur noch eingeschränkt über ihre Finanzen verfügen konnten. Drei Juden aus Fürstenau mussten im Okt. 1941 10 RM Strafe zahlen, weil sie sich ohne den Judenstern hatten sehen lassen.

Insgesamt 21 Juden wurden 1941/42 aus Fürstenau in die Vernichtungslager deportiert, beim ersten Transport am 9./13.12.1941 die Familien, Jacobi, Löwenstein, Dillenberg und die meisten Mitglieder der Familie Bachmann nach Riga, und am 31.7.1942 die übrigen nach Theresienstadt. Von Markus Judenberg wird erzählt, dass er sich weigerte, das Pferdefuhrwerk, das die Juden nach Höxter bringen sollte, im Ort zu besteigen. Er wollte seine alte Heimat zu Fuß verlassen und stieg erst außerhalb von Fürstenau auf das Fahrzeug.

Nur zwei von ihnen überlebten die KZs der Nazis: Helmut Löwenstein und Karla Pins, die dann in die USA emigrierten. Die meisten Häuser und Grundstücke der deportierten Juden verfielen an das „Großdeutsche Reich“. Einige Häuser und Grundstücke sowie die ehemalige Synagoge gingen nach entsprechender Genehmigung und zu festgesetztem Kaufpreis in den Besitz Fürstenauer Bürgern über.

Die jüdische Gemeinde Fürstenau

Die Bildung einer jüdischen Gemeinde in Fürstenau liegt im Dunkeln. Der im Jahr 1773 geschlossene Vergleich zwischen den Gemeinden Fürstenau, Stahle und Albaxen über die Nutzung des Fürstenauer Begräbnisplatz Am Judenberge lässt aber vermuten, dass die Juden dieser drei Dörfer einer gemeinsamen jüdischen Gemeinde mit Zentrum in Fürstenau angehörten. Vorsteher war um vor der Mitte des 19. Jahrhunderts Jacob Rose, und als Deputierte waren gewählt A. Rosenstern, M. Judenberg und S. Rose.

Nach dem preußischen Gesetz „Die Verhältnisse der Juden betreffend“ von 1847 kam es in den folgenden Jahren zu einer Neugliederung, der zufolge Fürstenau, Bödexen, Brenkhausen und Löwendorf zur Synagogengemeinde Fürstenau zusammengeschlossen wurden. Auch wenn die vorgeschriebenen Funktionen des Vorstands und der Repräsentanten in den folgenden Jahrzehnten nicht immer den gesetzlichen Forderungen entsprechend besetzt werden konnten, bestand die Synagogengemeinde Fürstenau bis in die Jahre des Dritten Reiches. Die letzten Vorstandswahlen vor dem 1. Weltkrieg fanden im Mai 1914 statt. In den Vorstand gewählt wurden Markus Judenberg, Alex Bachmann, Gerson Löwenstein und zum Stellvertreter Meier Bachmann. Letzte Vorsteher der Synagogengemeinde bis zu ihrer Auflösung waren 1938 Markus Judenberg und 1939 Moses Bachmann.

Die Synagoge in Fürstenau

Die ehemalige Synagoge in Fürstenau, heute Werkstatt und Garage.
Die ehemalige Synagoge in Fürstenau, heute Werkstatt und Garage.
Nur noch die Rundbögen der Fenster sowie die Thora-Nische geben innen Zeugnis von der ehemaligen Synagoge (Foto: Köhne/NW)
Nur noch die Rundbögen der Fenster sowie die Thora-Nische geben innen Zeugnis von der ehemaligen Synagoge (Foto: Köhne/NW)

Die Existenz eines Gebetsraums in Fürstenau ist bereits 1724 belegt, als der Corveyer Fürstabt den Juden aus Löwendorf gestattet, der „Synagoge in Fürstenau den Jüdischen Gesätzen gemäß beyzuwohnen“, eine Genehmigung, die 12 Jahre später widerrufen wird. Vor der Mitte des 19. Jahrhunderts ist im Hause des Sievers (Nr. 42) eine angemietete Betstube belegt. Als Vorsänger zu dieser Zeit fungierten Aron Rosenstein und Salomon Lipper.

Nachdem Fürstenau 1853 mit Löwendorf, Brenkhausen und Bödexen zu einer Synagogengemeinde zusammengelegt worden war, wurde 1854 die Fürstenauer Synagoge errichtet, die den Juden der Gemeinde für die folgenden rund 80 Jahre als Tempel diente. Eine eigene jüdische Schule gab es nur für einen kurzen Zeitraum um 1850, denn die Anzahl der Kinder war doch zu gering. Sie besuchten die katholische Schule im Dorf oder wurden von Hauslehrern unterrichtet.

In der Nacht vom 22. auf den 23. August 1938 wurde erstmals in die Synagoge eingebrochen, die zu religiösen Handlungen bestimmten Gegenstände wie Gesetzesrollen, Gebetsmäntel, Thorabänder usw. wurden beschädigt und in allen Teilen des Dorfes verstreut. Aufschlussreich ist das auf die Anzeige des Synagogenvorstehers Markus Judenberg hin aufgenommene Polizeiprotokoll. Würzburger schreibt:

„Dort heißt es u.a., daß die Meinungen der Volksgenossen auseinandergingen, wobei einige meinten, daß die Juden selbst oder durch Mittelsmänner den Einbruch hätten verüben lassen, ›um Mitleid zu erwecken‹. Andere glaubten, daß die Täter nicht aus Fürstenau gewesen seien. Eine kleine Gruppe der Füstenauer bestehe aus staatsbejahenden Partei- und Volksgenossen, die als Täter nicht in Frage kämen, ›während die andere weit größere Gruppe aus den Juden und judenfreundlichen Elementen besteht‹. Täter konnten trotz Einschaltung der Staatspolizei Bielefeld nicht ermittelt werden, da die Juden alles getan hätten, um eine erfolgreiche Spurenarbeit unmöglich zu machen.“

Gedenktafel an der ehemaligen Synagoge
Gedenktafel an der ehemaligen Synagoge

Weitgehend vernichtet wurde die Synagoge dann in der sog. „Reichskristallnacht“ am 10.11.1938. Wie der Landrat an die Gestapo berichtete, wurde das ›geringe Inventar der Synagoge Fürstenau zerstört und verbrannt‹. Die Synagoge brannte zum Teil aus. Zunächst sollten die Juden die Trümmer der geschändeten Synagoge beseitigen, da der Plan bestand, dort einen Kindergarten zu errichten. Nach Vermittlung durch den Pfarrer wurde ein Nachbar gebeten, doch die Synagoge zu erwerben. Als Widerstand des Kreispropagandaleiters, Pg. Ewe aus Höxter, gegen einen Kauf bemerkbar wurde, fuhr der Fuhrunternehmer R. zum Regierungspräsidenten nach Minden und bat um Kaufgenehmigung, die dann Anfang 1939 auch erteilt wurde (endgültig 1940). Die ehemalige Synagoge sollte so zu einer Garage ausgebaut werden, ›daß der frühere Charakter der Synagoge nicht mehr zu erkennen ist‹. Die Gebäude steht heute noch, allerdings lassen nur noch die Rundbögen der Fenster im Innenraum und die ehemalige Thoranische ahnen, dass dies einmal die Synagoge der Fürstenauer Juden war.

Der jüdische Friedhof in Fürstenau

Bereits in früher Zeit gab es in Fürstenau einen jüdischen Friedhof. Er wird bereits 1773 in einem Vergleich genannt, dem zufolge er von den Gemeinden Fürstenau, Stahle und Albaxen als Begräbnisplatz genutzt wurde. Die bereits in dieser Urkunde auftretende Flurbezeichnung „Am Judenberg“ lässt darauf schließen, dass hier schon lange vorher Juden beerdigt wurden. Während in Stahle später ein eigener jüdischer Friedhof angelegt wurde, bestatteten die Albaxer Juden auch später noch ihre Toten in Fürstenau, z.T. aber auch in Höxter.

Der jüdische Friedhof liegt am Beginn des Wanderweges nach Bödexen in extremer Hanglage linker Hand nahe des kleinen Flüsschens der Saumer (Flur 6, Nr. 151/87). Auf dem schmalen und fast 2000 Quadratmeter großen Gelände befinden sich heute noch über 30 Grabsteine. Einige davon tragen nur hebräische Schriftzeichen, andere auf einer Seite deutsche und auf der Rückseite hebräische Schrift und wieder andere nur deutsche Inschriften. Der Friedhof steht heute unter Denkmalschutz und wird von der Stadt Höxter gepflegt.

Der älteste erhaltene Grabstein trägt die Jahreszahl 1826, und die letzte Beerdigung – Moses Bachmann, letzter Vorsteher der Synagogengemeinde – hat am 10.2.1940 stattgefunden. An zwei Grabstätten sind auch Namen von Deportierten zu finden. Bei dem einen handelt es sich um einen Gedenkstein der Familie Dillenberg mit fünf Personen der Familie (Rosa, Hermann, Grete, Ernst und Berl). Der andere Gedenkstein mit der Aufschrift „Für die im K.Z. Lager 1942-1945 umgekommenen Angehörigen zum Andenken“ trägt die Namen Regine und Markus Judenberg, Max Pins und Karoline Böhm.

Das Salomon Ludwig Steinheim Institut hat inzwischen den Friedhof vollständig erfasst. Dabei wurden die hebräischen Inschriften übersetzt und Informationen zu den Personen ergänzt.

Opfer der Shoah aus Fürstenau

Klassenfoto mit Albert Bachmann 1913 – nicht identifiziert
Klassenfoto mit Albert Bachmann 1913 – nicht identifiziert

Albert Bachmann, *7.11.1899 in Fürstenau, Sohn von Moses Bachmann und dessen 1. Ehefrau Sara (Salchen), geb. Dillenberg (aus Ovenhausen).
Er besuchte nach der Volksschule von 1911-1915 das Gymnasium in Höxter und trat dann in den Viehhandel seines Vaters in Fürstenau Nr. 61 ein, den er später mit seinem Bruder Hermann weiterführte. Am 1.4.1932 heiratete er die aus Fritzlar stammende Sidonia geb. Mansbach. Die Ehe blieb offensichtlich kinderlos. Nach 1933 ging das Viehhandelsgeschäft zwar zurück, aber die Existenz blieb noch gesichert, da „arische“ Konkurrenten fehlten und zudem schlechter zahlten. Ende September 1938 wurde den Brüdern jedoch der Viehhandel verboten, und nach der Pogromnacht wurde Albert bis zum 19.12.1938 im KZ Buchenwald inhaftiert. Das Ehepaar wurde am 13.12.1941 nach Riga deportiert. Von dort wurde Albert Bachmann (wohl im Juni 1944) nach Stutthof verbracht, wo er am 12.12.1944 umkam. Datum und Ort des Todes seiner Frau sind unbekannt.

Berta Bachmann, geb. Silberberg, *9.11.1903 in Lichtenau, Tochter von Louis Silberberg und Julie, geb. Eichengrün.
Sie heiratete am 14.9.1929 den Viehhändler Siegfried Bachmann, Fürstenau Nr. 101, und hatte mit ihm die Tochter Inge, die nach dem Ausschluss der Juden aus den öffentlichen Schulen die Israelitische Gartenbauschule in Hannover-Ahlem besuchte. Die Familie wurde am 13.12.1941 nach Riga deportiert und dort für tot erklärt.

Emma Bachmann, geb. Fischel, *12.12.1877 in Rimbeck.
Sie heiratete anscheinend spät den Viehhändler Meier Bachmann und lebte mit ihm in Fürstenau Nr 61. Zusammen wurde das Ehepaar am 1.8.1942 nach Theresienstadt und von dort am 23.9.1942 zur Ermordung nach Treblinka deportiert.

Hermann Bachmann, *25.11.1901 in Fürstenau, Sohn von Moses Bachmann und dessen 1. Ehefrau Sara (Salchen), geb. Dillenberg (aus Ovenhausen).
Er trat nach der Schulzeit in den Viehhandel des Vaters in Fürstenau Nr. 61 ein und führte ihn später zusammen mit seinem Bruder Albert weiter. Er blieb unverheiratet. Nach 1933 ging das Viehhandelsgeschäft zwar zurück, aber die Existenz blieb noch gesichert, da „arische“ Konkurrenten fehlten und zudem schlechter zahlten. Ende September 1938 wurde den Brüdern jedoch der Viehhandel verboten. Hermann wurde am 13.12.1941 nach Riga deportiert und im September 1943 in Auschwitz ermordet.

Inge Bachmann, *22.11.1929 in Fürstenau, Tochter von Siegfried Bachmann und Berta, geb. Silberberg, Fürstenau Nr. 101.
Sie durfte ab 1939 die öffentliche Schule nicht mehr besuchen und war deshalb zwei Jahre lang Schülerin der Israelitischen Gartenbauschule in Hannover-Ahlem. Am 13.12.1941 wurde sie mit ihren Eltern in das Ghetto Riga deportiert und ist dort verschollen.

Das Haus von Meier Bachmann (links)
Das Haus von Meier Bachmann (links)

Meier Bachmann, *1.4.1864 in Fürstenau, Sohn von Nathan Bachmann und dessen 2. Frau Eva, geb. Löwenstein (aus Frohnhausen).
Er führte mit seinem Vater und später mit seinen Neffen Albert und Hermann den Viehhandel der Familie in Fürstenau Nr. 61 fort. Im Mai 1914 wurde er in den Vorstand der Synagogengemeinde gewählt. Anscheinend spät heiratete er seine Frau Emma Fischel aus Rimbeck. Am 1.8.1942 wurde das Ehepaar zunächst nach Theresienstadt und von dort am 23.9.1942 weiter nach Treblinka deportiert. Nach dem Krieg wurden beide für tot erklärt.

Moritz Bachmann um 1937
Moritz Bachmann um 1937

Moritz Bachmann, * 9.3.1895 in Fürstenau, Sohn von Alex Bachmann und Emma, geb. Kohlenstein (aus Fürstenau).
Er war unverheiratet und führte später zusammen mit seinem Bruder Siegfried den väterlichen Viehhandel in Fürstenau Nr. 101 fort. Die Familie war wohlhabend und verfügte über rund 7 Hektar Grundbesitz. Das Geschäft ging im 3. Reich allmählich zurück, bot jedoch bis in die 2. Hälfte der 1930er Jahre eine Existenzgrundlage, da „arische“ Konkurrenten fehlten und die jüdischen Viehhändler besser zahlten. Zum 30.9.1938 mussten aber beide Brüder ihre Legitimationskarten als Handlungsreisende abgeben. Nach der Pogromnacht 1938 wurden beide bis zum 12.12.1938 im KZ Buchenwald inhaftiert. Zusammen mit dem Bruder und dessen Familie wurde Moritz Bachmann am 13.12.1941 nach Riga deportiert und dort nach dem Krieg für tot erklärt.

Sidonia Bachmann, geb. Mansbach, *23.9.1899 in Fritzlar, Tochter von Ascher Mansbach und Emma, geb. Marx.
Sie heiratete am 1.4.1932 den Viehhändler Albert Bachmann in Fürstenau. Die Ehe blieb kinderlos. Zusammen mit ihrem Mann wurde sie am 13.12.1941 nach Riga deportiert, von wo sie (wohl im Juni 1944) nach Stutthof verbracht wurde. Dort kam sie im April 1945 um.

Siegfried Bachmann, *8.8.1892 in Fürstenau, Sohn von Alex Bachmann und Emma, geb. Kohlenstein (aus Fürstenau).
Er trat nach seiner Schulzeit in den Viehhandel seines Vaters in Fürstenau Nr. 101 ein und führte ihn später zusammen mit seinem Bruder Moritz fort. Am 14.4.1929 heiratete er die aus Lichtenau stammende Berta, geb. Silberberg, mit der er die 1929 geborene Tochter Inge hatte. Die Familie war wohlhabend und verfügte über rund 7 Hektar Grundbesitz. Das Geschäft ging im 3. Reich allmählich zurück, bot jedoch bis in die 2. Hälfte der 1930er Jahre eine Existenzgrundlage, da „arische“ Konkurrenten fehlten und die jüdischen Viehhändler besser zahlten. Zum 30.9.1938 mussten die Brüder aber ihre Legitimationskarten als Handlungsreisende abgeben. Beim Novemberprogrom 1938 wurde Siegfried durch einen Stich ins Gesäß verletzt und dann bis zum 12.12.1938 in das KZ Buchenwald verbracht. Die ganze Familie wurde am 13.12.1941 nach Riga deportiert und dort für tot erklärt.

Karoline (Lina) Böhm, geb. Kirchheimer, *5.4.1873 in Nieheim, Tochter von Aron Kirchheimer und Mina, geb. Grünewald (aus Fürstenau).
Sie war zunächst mit einem Böhm (Vorname unbekannt) verheiratet und kam etwa in den 1920er Jahren nach Fürstenau, woher auch ihre Stiefmutter Jettchen Kirchheimer geb. Bachmann stammte. Hier führte sie wegen der Krankheit der Hausfrau Regine und auch nach ihrem Tode (1932) den Haushalt der Familie Judenberg, Fürstenau Nr. 76. Zusammen mit den Familienmitgliedern wurde sie am 1.8.1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 29.12.1944 umkam.

Berl Dillenberg Anfang 1943
Berl Dillenberg Anfang 1943

Berl Dillenberg, *16.3.1942 in Steinheim, Sohn des bis zur Heirat in Fürstenau lebenden Ernst Dillenberg und der aus Schlangen stammenden Grete, geb. Levi.
Er verbrachte die ersten drei Monate seines Lebens in Siekholz (Schieder). Dann mussten seine Eltern mit ihm in ein „Judenhaus“ in Detmold umziehen, bis die Familie noch im Herbst 1942 in das Judenhaus in der Lützowstr. 10 in Bielefeld eingewiesen wurde. Von dort wurde der noch nicht einmal Einjährige am 2.3.1943 mit seinen Eltern nach Auschwitz deportiert. Mutter und Kind wurden sicher gleich nach der Ankunft ermordet.

Emst Dillenberg, *17.9.1915 in Ovenhausen, Sohn von Hermann Dillenberg und Rosa, geb. Löwenstein (aus Fürstenau).
Er wurde Kaufmann und arbeitete später an verschiedenen Orten in Deutschland. In der Pogromnacht 1938 wurde er verhaftet und bis zum 16.1.1939 im KZ Buchenwald inhaftiert. 1941 heiratete er Grete geb. Levi aus Schlangen und lebte mit ihr in Siekholz (Schieder), war aber wegen seiner Arbeit (z.B. in Scherfede) unter der Woche oft abwesend. Drei Monate nach der Geburt des Sohns Berl am 16.3.1942 musste die Familie in das Judenhaus in der Sachsenstr. 4 in Detmold umziehen, von wo sie zum 15.10.1942 in das Judenhaus in der Lützowstr. 10 in Bielefeld eingewiesen und dann am 2.3.1943 nach Auschwitz deportiert wurde. Während seine Frau und sein Sohn offenbar gleich nach der Ankunft ermordet wurden, wurde Ernst Dillenberg anscheinend zunächst zur Arbeit eingesetzt. Er wurde zum 31.12.1943 für tot erklärt.

Grete Dillenberg im Karnevalskostüm (um 1935)
Grete Dillenberg im Karnevalskostüm (um 1935)

Grete Dillenberg, geb. Levi, * 17.9.1912 in Schlangen.
Im Sommer 1941 heiratete sie den Fürstenauer Ernst Dillenberg und wohnte mit ihm zunächst in Siekholz (Schieder). Ihr Mann wurde jedoch oft zur Arbeit in anderen Orten eingesetzt. Am 16.3.1942 wurde der Sohn Berl geboren (per Kaiserschnitt). Im Juli 1942 musste die Familie in das „Judenhaus“ in der Sachsenstr. 4 in Detmold umziehen und wurde noch im Oktober desselben Jahres in das Judenhaus in der Lützowstr. 10 in Bielefeld eingewiesen. Von dort wurde die Familie am 2.3.1943 nach Auschwitz deportiert, wo Mutter und Kind vermutlich gleich nach der Ankunft ermordet wurden. Sie gelten als verschollen.

Hermann Dillenberg, * 20.1.1884 in Ovenhausen, Sohn von Meyer Dillenberg und Hannchen, geb. Bierhoff (aus Borgentreich).
Nach dem Schulbesuch trat er zunächst in den elterlichen Viehhandel in Ovenhausen ein. Am 24.3.1914 heiratete er die Fürstenauerin Rosa, geb. Löwenstein, mit der er die Söhne Ernst (* 1915) und Albert (* 1920) hatte. Aus dem 1. Weltkrieg kehrte er verwundet zurück. In den 1920er Jahren verzog die Familie nach Fürstenau Nr. 87b, wo sie in den folgenden Jahren vom Handel vor allem mit Schafen, Ziegen und Kälbern lebte. Wegen (angeblichen) Verstoßes gegen die Gewerbeordnung wurde Hermann Dillenberg im Sept. 1938 der Viehhandel untersagt. Er wurde nach der Pogromnacht mit seinen Söhnen in Buchenwald inhaftiert und kehrte am 27.11.1938 nach Fürstenau zurück. Am 13.12.1941 wurde das Ehepaar nach Riga deportiert, wo beide verschollen sind. Während der Sohn Ernst mit seiner Familie im Holocaust ermordet wurde, war der Sohn Albert rechtzeitig nach England emigriert.

Rosa Dillenberg, geb. Löwenstein, * 29.3.1882 in Fürstenau, Tochter von Gerson Löwenstein und Klara, geb. Desenberg (aus Frohnhausen od. Fürstenau).
Sie heiratete am 24.3.1914 den in Ovenhausen geborenen Hermann Dillenberg und lebte mit ihm in Fürstenau Nr. 87b. Aus der Ehe gingen die Kinder Ernst (* 1915) und Albert (* 1920) hervor. Am 13.12.1941 wurde das Ehepaar nach Riga deportiert und ist vdort erschollen. Während der Sohn Ernst mit seiner Familie im Holocaust ermordet wurde, war der Sohn Albert rechtzeitig nach England emigriert.

Berta Jacobi, geb. Löwenstein, * 19.4.1884 in Löwendorf, Tochter von Gerson Löwenstein und Clara Desenberg.
Sie heiratete am 2.2.1922 den Fürstenauer Emanuel Jacobi. Die Ehe blieb kinderlos. Das Ehepaar betrieb in Fürstenau Nr. 57 ein Kolonialwaren- und Kurzwarengeschäft, das 1938 aufgegeben werden musste. Zusammen wurden sie am 13.12.1941 wurde sie nach Riga deportiert und sind dort verschollen.

Emanuel Jacobi, * 31.3.1870 in Fürstenau, Sohn von Jacob Jacobi und dessen 2. Ehefrau Elise, geb. Lipper (aus Fürstenau).
Spät heiratete er am 2.2.1922 die in Löwendorf geborene Berta, geb. Löwenstein. Die Ehe blieb kinderlos. Das Ehepaar betrieb in Fürstenau ein Kolonialwaren- und Kurzwarengeschäft, das 1938 aufgegeben werden musste. Zusammen wurden sie am 13.12.1941 nach Riga deportiert und sind dort verschollen.

Markus Judenberg um 1937
Markus Judenberg um 1937

Markus Judenberg, * 2.7.1859 in Fürstenau, Sohn von Meyer Judenberg und Rica, geb. Kohn (aus Bergheim).
Die wohlhabende Familie Judenberg betrieb in Fürstenau Nr. 76 einen Kolonial- und Gemischtwarenhandel. Sicherlich auch deshalb wurde Markus Judenberg unter anderem im Mai 1914 in den Synagogenvorstand gewählt. Am 2.12.1885 heiratete er die aus Fürstenau stammende Regine, geb. Bachmann (* 1847). Das Ehepaar lebte kinderlos, da ein Sohn (Moritz, * 1887) und eine Tochter (Rosa, * 1888) schon als Kinder starben. Deshalb nahm die Familie die Pflegetochter Carla auf, jüngstes Kind von Markus’ Bruder Jacob, die später den aus Herne stammenden Max Pins heiratete. Wegen der Krankheit der Ehefrau Rica (gest. 1932) war zumindest seit den 1920er Jahren die Haushälterin Karoline Böhm angestellt. 1936 übernahm die Pflegetochter Carla das Geschäft, bis es 1938 geschlossen werden musste. Markus Judenberg wurde am 1.8.1942 nach Theresienstadt deportiert. Der 83-Jährige weigerte sich dabei, das Pferdefuhrwerk, das ihn nach Höxter bringen sollte, im Ort zu besteigen. Er wollte seine Heimat zu Fuß verlassen und stieg erst außerhalb von Fürstenau auf das Fahrzeug. Von Theresienstadt wurde er am 23.9.1942 nach Treblinka verbracht. Er wurde nach dem Krieg für tot erklärt.

Bernhardine Löwenstein, geb. Weitzenkorn, * 15.2.1900 in Obermarsberg, Tochter von Jacob Weitzenkorn und Hulda geb. Rosenthal.
Sie heiratete am 29.10.1926 den in Fürstenau Nr. 14 lebenden Viehhändler David Löwenstein und hatte mit ihm die Kinder Kläre (* 1927) und Helmut (* 1931), die nach dem Auschluss jüdischer Kinder aus den öffentlichen Schulen die Israelitische Gartenbauschule in Hannover-Ahlem besuchten. Bernhardine Löwenstein wurde mit Mann und Kindern am 13.12.1941 nach Riga deportiert, von wo die Familie 1943 in das Lager Kaiserwald verbracht wurde. Während ihr Mann nach Riga zurückgeschickt und dann in Treblinka(?) ermordet wurde, wurde Bernhardine mit Sohn und Tochter Ende September 1944 nach Stutthof verschleppt. Bernhardine und Kläre Löwenstein kamen dort um, während der Sohn Helmut den Todesmarsch nach Westen überlebte.

David Löwenstein, * 25.11.1887 in Fürstenau, Sohn von Gerson Löwenstein und Clara, geb. Desenberg (aus Löwendorf od. Frohnhausen).
Er heiratete am 29.10.1926 Bernardine, geb. Weitzenkorn, aus Obermarsberg und lebte dann mit ihr in Fürstenau Nr. 14, wo er den Viehhandel des Vaters weiterführte. Das Ehepaar hatte die Kinder Kläre (* 1927) und Helmut (* 1931). Als den Juden 1938 die Gewerbescheine entzogen wurden, nahm die Familie jüdische Feriengäste im Haus auf. in der Pogromnacht 1938 wurde David Löwenstein wie die anderen männlichen Juden in das KZ Buchenwald verbracht, von wo er am 12.12.1938 nach Fürstenau zurückkehrte. Die Familie wurde am 13.12.1941 nach Riga deportiert und dann 1943 in das Lager Kaiserwald verbracht. Wenig später erkrankte David Löwenstein, musste nach Riga zurückkehren und wurde dann in Treblinka(?) ermordet. Seine Frau und die Tochter Kläre kamen nach ihrer Verschleppung nach Stutthof dort um. Nur der mit einem Todesmarsch nach Westen geschickte Sohn Helmut überlebte.

Harry Lowenstein 2012
Harry Lowenstein 2012

Der Sohn Helmut (später: Harry) Löwenstein, * 26.5.1931, ist einer der beiden Fürstenauer Juden, die die KZs überlebten. Nach dem Ausschluss der jüdischen Kinder aus den öffentlichen Schulen wurde er wie seine Schwester Kläre Schüler der Israelitischen Gartenbauschule in Hannover-Ahlem. Mit der ganzen Familie wurde er am 13.12.1941 nach Riga deportiert. Der Vater wurde in Treblinka(?) ermordet. Der Sohn Helmut wurde mit Mutter und Schwester im Herbst 1944 in das KZ Stutthof verschleppt, wo letztere verschollen sind, während Helmut Löwenstein auf den Todesmarsch nach Westen geschickt wurde. Am 9./10.3.1945 wurde er bei Lanz (Kr. Lauenburg) von der Roten Armee befreit und erreichte mit sechs anderen Überlebenden nach einem Marsch über Berlin und Thüringen sein Geburtsdorf Fürstenau. Nach einigen Wochen bei der Familie Kleinstraß in Bredenborn lebte er dann für etwa ein Jahr bei der Familie, die das Haus seiner Eltern in Fürstenau, Nr. 14 erworben hatte. Auf einer noch vorhandenen Empfangsbescheinigung bestätigte er im März 1946 dem damaligen Ortsdiener, dass er ein Packet erhalten habe, „welches mir von Amerika zugesandt wurde“. In einem Kinderheim in Hamburg-Blankenese vervollständigte er seine Schulbildung und wanderte 1949 über Frankreich in die USA aus, wo er den Namen Harry annahm. Mit seiner inzwischen verstorbenen Frau Carol betrieb er in Kissimmee (Florida) ein Geschäft für Westernkleidung. Die drei Kinder tragen nach Harrys Eltern und Schwester die Namen Klara, Bernardine und David. Mit den beiden Töchtern und einem Schwiegersohn kam er im Juni 2018 für einige Tage nach Höxter und Fürstenau, um die hier die Orte seiner Kindheit zu besuchen.

Kläre Löwenstein, Inge Bachmann und Bruder Helmut Löwenstein
Kläre Löwenstein, Inge Bachmann und Bruder Helmut Löwenstein

Kläre Löwenstein, * 4.12.1927 in Fürstenau, Tochter von David Löwenstein und Bernardine, geb. Weitzenkorn (aus Obermarsberg).
Ebenso wie ihr Bruder besuchte sie nach dem Auschluss der jüdischen Kinder aus den öffentlichen Schulen von 1939 bis zum Herbst 1941 die Israelitischen Gartenbauschule in Hannover-Ahlem. Zusammen mit ihrer Familie wurde sie am 13.12.1941 von Fürstenau Nr. 14 nach Riga deportiert und dann 1943 in das Lager Kaiserwald verbracht, wo sich die Spur des Vaters verliert. Ende September 1944 wurde Kläre mit ihrer Mutter nach Stutthof verbracht, wo beide umkamen.

Todesanzeige für Max Pins und seine Mutter, Aufbau 21.12.1945
Todesanzeige für Max Pins und seine Mutter, Aufbau 21.12.1945

Max Pins, * 14.8.1900 in Herne, Sohn von Joseph Pins und Henriette, geb. Baum.
Er war Fleischer und lebte zunächst in Herne. 1933 heiratete er Carla Judenberg, die Pflegetochter von Markus und Regine Judenberg, und ab Nov. 1936 lebten die beiden in Fürstenau, wo Carla den Lebensmittel- und Gemischtwarenladen ihrer Pflegeeltern, Fürstenau Nr. 76, übernahm, aus dem sie den Lebensunterhalt der Familie bestritt, bis das Geschäft 1938 geschlossen werden musste. In der Pogromnacht weilte Max Pins zu Besuch bei seinen Verwandten in Herne, wurde dort verhaftet und bis zum 29.12.1938 im KZ Sachsenhausen interniert. Kurz vor Kriegsbeginn beantragte er für sich und seine Frau Pässe zur Auswanderung, da er eine Einreiseerlaubnis zur Aufnahme im Durchgangslager Richborough (England) bekommen hatte. Doch wegen des Kriegsbeginns waren auch mehrfach wiederholte Anträge erfolglos. Am 13.12.1941 wurde er mit seiner Frau nach Riga deportiert, wo sie ab 1943 beim ABA (Armeebekleidungsamt) Mühlgraben arbeiten mussten. im Herbst 1944 wurden beide zum Arbeitseinsatz nach Libau abkommandiert. Dort wurde Max Pins am 22.12.1944 von einer Fliegerbombe tödlich getroffen, während seine Frau die Explosion überlebte.

Seine Frau Carla (Karla) geb. Judenberg, * 3.11.1903 war das jüngste Kind von Jacob Judenberg, Holzminden, und dessen 2. Frau Therese Blank. Da Jacobs Bruder Marcus Judenberg und seine Frau Regine geb. Bachmann kinderlos waren (ihre beiden eigenen Kinder starben jung), nahmen sie Carla 1933 als Pflegetochter auf. Im selben Jahr heiratete sie den Metzger Max Pins aus Herne, der 1936 ebenfalls nach Fürstenau zog, wo Carla den Lebensmittel- und Gemischtwarenladen ihres Pflegevaters weiterführte (dessen Frau war bereits 1932 gestorben). Am 13.12.1941 wurde sie mit ihrem Mann nach Riga deportiert und musste wie ihr Mann ab 1943 beim Armeebekleidungsamt (A.B.A.) Mühlgraben arbeiten, bis sie Ende Sept. 1944 zu einem Arbeitseinsatz nach Libau abkommandiert wurden. Ihr Mann kam dort am 22.12.1944 durch eine Fliegerbombe um und starb in den Armen seiner Frau. Carla Pins wurde im Febr. 1945 per Schiff in das Hamburger Gefängnis Fuhlsbüttel verbracht. Von dort mussten die Juden Anfang Apr. 1945 zu Fuß in das 86 km entfernte „Arbeitserziehungslager“ Hassee bei Kiel marschieren, von wo Karla Pins Ende Apr. 1945 mit 168 anderen Juden auf Grund von Verhandlungen zwischen Himmler und einem Vertreter des Jüdischen Weltkongresses nach Schweden gelangte. Sie wanderte in die USA aus, wo sie ab 1953 mit einem Alexander Levin verheiratet war und nach dessen Tod 1966 einen Martin Reichenthal heiratete. Sie starb am 24.3.1975 in Dade/Florida.

Fritz Ostkämper, 15.12.2018
e-mail: ostkaemper@jacob-pins.de