Jacob Pins Leben und Werk

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Der Bruder Rudolph Pins – als Jugendlicher in die USA

Foto: Rudolph Pins kurz vor seiner Abreise in die USA

Rudolph Pins wurde am 27. April 1920 in Höxter geboren. Kurzzeitig in Lüdinghausen eingeschult, wo der Vater als Tierarzt praktizierte, besuchte er ab 1926 nach der Rückkehr der Eltern nach Höxter hier die katholische Bürgerschule und dann ab 1930 das Gymnasium, wo er viele Freunde fand. Er schwamm in der Weser, wanderte im Solling und im Ziegenberg oder besuchte mit den Eltern die Verwandtschaft im Münsterland. Politische Fragen interessierten den Jungen nicht, und auch von seinen Spielgefährten hörte er nie ein unfreundliches oder böses Wort.

Das änderte sich auch nach 1933 erst langsam, und zunächst berührten ihn die Aufmärsche der SA noch kaum, bis der Boykott jüdischer Geschäfte im April 1933 und die hasserfüllten Goebbels-Reden auch die Familie Pins besorgt machten. Am Gymnasium spürte Rudi Pins davon noch nichts, obwohl es hieß, dass einige Lehrer Nazis seien. Als ihn aber im Frühjahr 1934 der Klassenlehrer beiseite nahm, um ihm zu sagen, dass er eine Klassenfahrt über ein Wochenende nicht mitmachen dürfe, war das für den 14-Jährigen ein harter Schlag.

Die Eltern sahen frühzeitig die heraufziehende Gefahr und überdachten Fluchtmöglichkeiten für ihre Söhne. Da Rudi Pins noch zu jung war, um wie sein Bruder allein nach Palästina gehen, suchten die Eltern nach einem anderen Weg. Die US-Regierung Roosevelt hatte über 1000 Einreisevisa für Jugendliche unter 16 Jahren erteilt, und so konnten rund 1200 jüdische Kinder in den Jahren 1934 bis 1945 mit der Hilfe von jüdischen und Quäker-Organisationen Deutschland in Richtung Amerika verlassen. Rudi Pins musste sich im Herbst 1934 in Stuttgart einer Gesundheitsuntersuchung unterziehen und wurde akzeptiert. Er verließ als letzter jüdischer Schüler das Gymnasium, und Ende November 1934 begleitete ihn sein Vater zum Bahnhof, während seine Mutter nicht die Kraft fand, ihren Jüngsten in den Zug steigen zu sehen. Schweigend beobachteten Rudi Pins und sein Vater, wie eine Einheit der Wehrmacht die Marktstraße heruntermarschiert – sein letztes Bild von Höxter…

So gelangte Rudi Pins mit dem zweiten dieser Kindertransporte Ende November 1934 in die USA. Dem Jungen erschien das alles einerseits als großes Abenteuer; andererseits trauerte er natürlich seinen Eltern nach. Aber alle hofften, es würde nur ein Abschied für kürzere Zeit sein.

Von der Überfahrt auf der „MS New York“ von Bremen nach New York weiß er nur noch wenig. Zur Trennung von Eltern und Freunden kam noch die Seekrankheit: „Ich kann mich eigentlich an gar nichts mehr erinnern. Außer dass ich seekrank war. Fast die ganze Überfahrt lang!“ Nach der Ankunft in den USA kam er in eine Familie in Cleveland, wo er seine schulische Ausbildung 1939 mit dem Abitur abschloss und recht bald „ganz amerikanisiert“ war, wie es in einem Brief Dr. Richard Frankenbergs aus Höxter an den Bruder Otto (Jacob) heißt. Aus dem deutschen „Rudi“ war inzwischen ein amerikanischer „Rudy“ geworden.

Die Eltern hatten anfangs noch gehofft, ihr Sohn könne ihnen nach seinem Eintritt in das Berufsleben ebenfalls die Einreise in die USA ermöglichen. Diese Hoffnungen wurden jedoch durch die immer härtere Verfolgung der Juden in Nazi-Deutschland, den Kriegsbeginn und schließlich die Deportation endgültig zerschlagen. Ebenso wie Jacob sah auch Rudolph die Eltern nie wieder.

Aber nicht nur deshalb war für Rudy Pins das Kapitel Deutschland mit Kriegsende noch nicht abgeschlossen. Während des Krieges als Soldat in Fort Belvoir eingezogen, wurde er nach 1942 als Interrogator und Übersetzer zum ultra-geheimen “P.O. Box 1142” im Fort Hunt abgeordnet, wo den dort unter anderem gefangenen Besatzungen der U-Boote und deutschen Wissenschaftlern vor allem die Geheimnisse der deutschen militärischen Planungen, der Kriegstechnik und der wissenschaftlichen Forschung entlockt wurden.

Rudy Pins als Soldat (vermutlich um 1947/48)
Rudy Pins als Soldat (vermutlich um 1947/48)

1946 kehrte er für eineinhalb Jahre nach Deutschland zurück, um mit seinen Deutschkenntnissen als Vernehmungsoffizier der US-Armee bei den Nürnberger Prozessen mitzuhelfen, die Naziverbrechen aufzudecken. Als Opfer der Judenverfolgung verhörte er jetzt die Täter, diejenigen, die seine Eltern ermordet und ihn selbst ins Exil geschickt hatten:

„Es war merkwürdig. Ich saß diesen Leuten gegenüber, vor denen wir immer solche Angst gehabt hatten: Göring, von Ribbentrop, Veesemayer, viele Staatssekretäre und Mitarbeiter von Eichmann. Und das Eigenartige war, dass das größtenteils sehr gelehrte Leute waren. Man hatte ja immer gedacht, das seien solche Bestien. Bei manchen, wie Hans Franck [Generalgouverneur der besetzten polnischen Gebiete, Anm. F.O.], dachte ich mir sogar: Der ist doch so nett, das kann doch kein Nazi gewesen sein! Andere waren ziemlich miese Kerle: Wilhelm Stuckart zum Beispiel [Staatssekretär im Reichsministerium des Innern, Anm. F.O.]. Der hat alles abgeleugnet. Obwohl er doch einer von denen war, die sich die Judengesetze ausgedacht hatten.“ Persönliche Gefühle durfte sich jedoch ein Interrogator bei den Nürnberger Prozessen nicht leisten, er hatte sachlich und objektiv zu bleiben: „Wir wollten ja Beweise sammeln“.

Bis 1948 blieb Rudolph Pins in Nürnberg, erlebte, wie einige der Täter hingerichtet wurden oder sich der Bestrafung durch Selbstmord entzogen. Einmal in dieser Zeit fuhr er auch nach Höxter, wo er die ersten zwei Jahre des Dritten Reiches noch miterlebt hatte, um mit alten Lehrern und Freunden zu sprechen: „In Höxter waren die Leute zu uns nie unfreundlich gewesen. Auch nicht während der Nazi-Zeit. Nur etwas kühler.“

Otto (Jacob) und Rudy Pins in den 1970er Jahren bei einem Treffen in Israel
Otto (Jacob) und Rudy Pins in den 1970er Jahren bei einem Treffen in Israel

Natürlich traf er in den folgenden Jahren auch seinen Bruder Jacob wieder, mit dem er auch über den Krieg und die Nachkriegszeit in brieflichem Kontakt geblieben war und den er weiterhin als „Otto“ anredete. Bei wiederholten Besuchen tauschten die beiden ihre Erinnerungen aus und trafen in Israel auch andere Familienmitglieder und ehemalige Höxteraner Juden, die dem Holocaust durch die Flucht ins Exil entkommen waren.

Nach Höxter kehrte er lange Zeit nicht zurück, sondern war bis zu seiner Pensionierung 1988 im Dienste des amerikanischen State Departement tätig. Danach übernahm er noch zehn Jahre lang eine beratende Funktion in der amerikanischen Tourismusbranche und besuchte regelmäßig wichtige Reisemessen in Deutschland. Er lebte in New York, von wo er gern bereits zur Ernennung seines Bruders zum Ehrenbürger von Höxter angereist wäre, wenn ihm seine Termine das erlaubt hätten. Und er konnte sich sogar vorstellen, statt in seinem New Yorker Appartement mit Blick auf den Hudson in Berlin oder Höxter zu leben. Denn Hass gegenüber Deutschland und den Deutschen empfand er nicht.

Rudy Pins bei seiner Rede anlässlich der Eröffnung des Forums Jacob Pins

Mit umso größerer Freude kam er dann 60 Jahre nach seiner Flucht ins amerikanische Exil im April 2008 nach Höxter, als hier das Forum Jacob Pins für die Werke seines Bruders und zur Erinnerung an seine ermordeten Eltern und an alle Höxteraner Juden eingeweiht wurde. Mit tief bewegten Worten bezeugte er seinen Dank und trug sich in das Goldene Buch der Stadt Höxter ein.

Rudy Pins mit Bürgermeister Hecker 2006 beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Höxter und mit dem ehemaligen Lehrmädchen Sophie Mügge, geb. Böddeker
Rudy Pins mit Bürgermeister Hecker 2006 beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Höxter und mit dem ehemaligen Lehrmädchen Sophie Mügge, geb. Böddeker

Nach einem Aufenthalt in Texas, wo Rudy Pins bereits zuvor regelmäßig die kalten New Yorker Winter verbracht hatte, zog er dann 2010 nach Hawaii, um dort seine letzten Jahre zu verbringen, und wie zuvor von New York aus hielt er weiterhin regelmäßig Kontakt nach Höxter. Er starb am 23. April 2016 in Honolulu, vier Tage vor seinem 96. Geburtstag.

Fritz Ostkämper 2009, aktualisiert Mai 2016