Jüdische Bürger in Höxter

Der jüdische Friedhof in Ovenhausen (Foto: Bordfeld).
Der jüdische Friedhof in Ovenhausen (Foto: Bordfeld).

Juden in Ovenhausen

Die Überlieferung über die jüdischen Bürger von Ovenhausen reicht bis in den Anfang des 17. Jahrhunderts zurück (1628), jedoch handelte es sich bis Ende des Jahrhunderts offensichtlich eher um kurzzeitigere Aufenthalte. 1702 siedelte sich dann der aus Brakel kommende Aser im Haus Am Bachgraben 6 an, und dieses Haus blieb über 170 Jahre mit wechselnden Namen in jüdischem Besitz (Kap[p]enberg, Aronstein, Archenholz/Archenhold, Gut[h]man).
Nach 1800 hatte sich in Ovenhausen bereits eine für das kleine Dorf recht große jüdische Gemeinde gebildet. 1811 wurden elf jüdische Haushalte mit insgesamt 48 Personen gezählt. 1853 gab es 21 Familien mit 47 Personen. Hinzu kam ein jüdischer Einwohner in Bosseborn, das zur Synagogengemeinde Ovenhausen gehörte.

Ehemalige Synagoge in der Heiligenbergstraße. Das um 1800 errrichtete Gebäude diente vorher als Dorfschule. © LWL
Ehemalige Synagoge in der Heiligenbergstraße. Das um 1800 errrichtete Gebäude diente vorher als Dorfschule. © LWL

In diesen Jahrzehnten war Ovenhausen nach der Kernstadt die größte jüdische Gemeinde des heutigen Gebietes der Stadt Höxter. Bereits 1847 verfügte sie über einen eigenen „Betsaal“, und nach dem Bau der neuen Schule in Ovenhausen 1855 richtete man im zunächst angemieteten und 1871 käuflich erworbenen ehemaligen Schullokal im Hause Heiligenberg 1 einen neuen Versammlungs- und Gebetsraum ein, der noch in den 1920er Jahren bestand. Das Gebäude wurde 1971 abgebrochen.
In den Jahrzehnten nach 1870 ging zwar die Zahl der Juden wie fast überall in den Dörfern allmählich zurück, jedoch zählte die jüdische Gemeinde 1895 immerhin noch 24 Personen. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts lebten im Wesentlichen noch die Angehörigen dreier Familien in Ovenhausen: die Familie Uhlmann, die in ihrem Haus an der Hauptstraße einen Gemischtwarenladen führte; die Familie Stamm, die ihren bescheidenen Lebensunterhalt mit dem Handel von Rohprodukten und Ziegen sicherte; und die wohlhabende Viehhändlerfamilie Dillenberg.
Der Vater Meier Dillenberg war mehrere Jahre Vorsteher der Ovenhauser Synagogengemeinde. Sein Sohn Max galt als sehr hilfsbereit und erfreute sich großer Beliebtheit. Er stellte des öfteren seine Pferde zur Verfügung, wenn Hilfe gefordert war. Auch auf Schützenfesten war er ein gern gesehener Gast, zumal er den berittenen Offizieren mit seinen Pferden aushalf. Ebenso erinnert man sich an seine reichlichen Spenden bei Sammlungen. Im 1. Weltkrieg kämpfte er für „Kaiser und Reich“ und wurde verwundet. Sein später nach Fürstenau verzogener Bruder Hermann wurde ebenfalls verwundet, und sein Bruder Abraham fiel im Krieg.
Das 3. Reich bereitete sich jedoch vor. Einige Tage vor der Reichstagswahl im September 1930 wurden auf dem jüdischen Friedhof in Ovenhausen zahlreiche Grabsteine umgestürzt und demoliert, worüber sich die Bevölkerung allgemein empört zeigte. Im September 1935 wurden bei Max Dillenberg nachts Fensterscheiben eingeworfen. Diesmal wurde noch der verdächtige Händler Ferdinand W. aus Ovenhausen in Untersuchungshaft genommen und sogar aus der NSDAP ausgeschlossen. Zu welchem Ergebnis die Strafsache, mit der sich der Oberstaatsanwalt in Paderborn beschäftigte, geführt hat, ließ sich nicht feststellen. Die Ruhe war aber trügerisch.
Zwar wurde die tatkräftige Hilfe von Max Dillenbergs und Norbert Uhlmanns bei einem Brand 1935, bei dem sich letzterer vor Anstrengung eine Krankheit zugezogen habe, allgemein geschätzt, aber in den Jahren 1937/38 wurden mehrfach die jüdischen Häuser mit Kalk bestrichen. Mit Ölfarbe wurden Sprüche wie „Der Jude ist ein Blutsauger“ oder „Schacherer“ auf die Wände geschmiert. 1938 mussten die Juden ihr Vermögen angegeben, und es wurde in Frage gestellt, ob die Geschäfte weiterbestehen sollten. Bezüglich des Kolonialwarengeschäfts der Johanna Dillenberg war man der Meinung, dass für eine Weiterführung kein Bedarf bestehe, da genügend „arische“ Geschäfte vorhanden seien. Norbert Uhlmann hatte zu dieser Zeit sein Kolonialwarengeschäft bereits aufgegeben und handelte nur noch mit Ziegen und Fellen.
Noch fanden die Juden aber doch manchmal noch Unterstützung, so der Händler und Lumpensammler Bernhard Stamm, der kaum noch seine Existenz sichern konnte. Im Oktober 1938 setzte sich der Inhaber der Firma Waffenschmidt und Co. aus Höxter, die in der Albaxer Straße mit Alteisen handelte, bei der Industrie- und Handelskammer für Stamm ein, dem die Geschäftstätigkeit verboten worden war, der aber noch Beiträge zahlen sollte. In dem Brief heißt unter anderem:
„Im hiesigen Kreis hatten wir seit 39 Jahren einen Handelsmann der Lumpen und Eisen sammelte und zwar den Juden B. Stamm in Ovenhausen über Höxter. Der Mann betrieb das Geschäft mit einem kleinen Pferd und Wagen. Er hat seit dem 1.1. dieses Jahres kein Gewerbe mehr bekommen. Es handelt sich bei diesem Juden um einen, wir könnten wohl sagen, um einen reellen Juden. Er besitzt in Ovenhausen ein kleines Häuschen und hat einen Sohn und zwei Töchter. Er, wie alle seine Angehörigen sind nicht ganz normal und leben in den erbärmlichsten Verhältnissen. […] er wüßte nun als 73jähriger Mann nicht, wovon er seinen Lebensunterhalt betreiben sollte. Wir sind von jeher ein Judenfeind gewesen, aber hier muss man auch wieder Mensch sein. Der Mann müßte den Betrag retour haben, denn er hat kein Geschäft. Heil Hitler! gez. Waffenschmidt & Co.N.B. Der Mann kann selbst nicht schreiben.“
Solche Unterstützungsaktionen verzögerten das Ende jedoch nur um weniges. Nach der Pogromnacht 1938, als Max Dillenberg und Norbert Uhlmann in das KZ Buchenwald verbracht wurde, mussten alle jüdischen Geschäfte geschlossen werden, und die beiden ersteren mussten nach ihrer Rückkehr aus Buchenwald in der Papierfabrik in Godelheim arbeiten, wohin sie mit dem Fahrrad fahren mussten.
Ende 1939 wurde die Synagogengemeinde Ovenhausen aufgelöst und der jüdischen Kultusgemeinde Höxter zugeschlagen. Es kam im Dorf auch noch zu Besuchen bei den Juden (der letzte Besuch bei den Uhlmanns ist für den Nikolaustag 1941 belegt). Im Dezember 1941 und im März 1942 wurden dann die letzten zwölf jüdischen Einwohner Ovenhausens, die Familien Dillenberg, Stamm und Uhlmann in die KZs der Nazis deportiert und dort ermordet. Keiner von ihnen überlebte. Nur Gustav Uhlmann, Bruder von Norbert und Lene, der von Höxter aus deportiert wurde, wo er als Verkäufer bei der Fa. Löwenstein beschäftigt gewesen war, entging der Vernichtung und gelangte über Schweden in die USA, wo er inzwischen verstorben ist.

Die Gedenktafel in Ovenhausen
Die Gedenktafel in Ovenhausen

Im Jahr 2001, als das Ovenhauser Haus Uhlmann in das Freilichtmuseum Detmold versetzt worden war, reifte im Ovenhausen der Plan, durch einen Gedenkstein an die ehemaligen jüdischen Mitbürger zu erinnern. Anfang 2002 wurde er am Heiligenberg gegenüber dem Standort des früheren jüdischen Gebetssaals eingeweiht. Seit 2009 wird mit Namenstafeln an die ermordeten Juden aus Ovenhausen erinnert.

Die Gedenkstätte mit den Namenstafeln der Ermordeten
Die Gedenkstätte mit den Namenstafeln der Ermordeten

Der jüdische Friedhof in Ovenhausen

Der jüdische Friedhof in Ovenhausen
Der jüdische Friedhof in Ovenhausen

Der relativ gut erhaltene Friedhof der Ovenhausener Juden liegt wie auch in anderen Orten etwa 2 km abseits des Dorfes in einem Fichtenwäldchen an einem von der Straße nach Vörden abzweigenden Feldweg Richtung Altenbergen. Das Gelände diente den Juden wohl seit Anfang des 18. Jahrhunderts zur Bestattung ihrer Toten. Der erste bekannte Beleg über eine Beerdigung stammt von 1803, und 1899 betonen die Vorsteher der jüdischen Gemeinde, der Begräbnisplatz sei „Jahrhunderte hindurch von der hiesigen Synagogen-Gemeinde unbeanstandet benutzt worden“.
Ursprünglich war dieser Bereich deutlich größer. Das gemeindeeigene Gelände war damals mit hohen Eichen bestanden und wurde von den Ovenhausener Einwohnern als Hude und Weide genutzt, die hier ihr Vieh und vor allem die Schweine hüteten. Noch heute zeugen vier kleine Grabsteine am Rand des Fichtenwäldchens von diesem einst größeren Friedbereich, in dem es „von hiesiger Gemeinde nur gedultet worden“ sei, dass die Juden ihre Toten hier beisetzten, wie es 1844 in einer Meldung des Ovenhausener Gemeindevorstehers heißt. Um 1890 mit der Separation wurde dann der heutige umfriedete kleine Friedhof abgeteilt. Als letzte wurde dort die am 16.3.1942 verstorbene Julie „Sara“ Dillenberg (*1869) bestattet, zwei Wochen vor der Deportation ihrer Geschwister Max und Karoline in die Vernichtung. Heute findet man dort noch neun zum Teil wohl infolge ihres Alters umgestürzte Grabsteine. Allerdings wurden bereits einige Tage vor der Reichstagswahl im September 1930 zahlreiche Grabsteine umgestürzt und demoliert, worüber sich die Bevölkerung allgemein empörte.

Das Haus Uhlmann

Das Haus Uhlmann in Ovenhausen
Das Haus Uhlmann in Ovenhausen

Einer besonderen Erwähnung bedarf das ehemalige Haus Uhlmann, das im Jahre 2000 von seinem Platz an der Hauptstr. 31 in Ovenhausen in das Westfälische Freilichtmuseum in Detmold versetzt und dort als Zeugnis jüdischer Wohn- und Alltagskultur auf dem Lande wieder aufgebaut wurde.
In Ovenhausen lebte im 18. Jahrhundert der Schutzjude Soistmann Berend, der als Händler und Hausierer seine Waren in der Umgebung verkaufte, bis ihn seine Frau Jente Soistmann am 12. Febr. 1783 erschlagen unter eine Buche fand – Grundlage für Annette von Droste-Hülshoffs berühmte Novelle „Die Judenbuche“. Soistmann Berend wurde ermordet, weil der Täter trotz des gegen ihn ergangenen Gerichtsurteils den bereits gelieferten Stoff für ein Hemd nicht bezahlen wollte. Der Mörder floh über die Niederlande und Italien nach Algerien. Dort geriet er in die Sklaverei, aus der er Weihnachten 1805 nach Hause zurückkehrte. Im Herbst 1806 erhängte er sich im Wald.
Nach der Ermordung des Soistmann Berend heiratete die Witwe Jente heiratete wieder, und zwar den Amelunxer Juden Seligmann Salomon (Archenhold). Doch auch er starb eines unnatürlichen Todes. Am 23. Mai 1817 fand man ihn bei Höxter tot in der Weser treibend. Dieser Seligmann Salomon hatte 1784 das zu dem Zeitpunkt unbebaute Grundstück Hauptstraße 31 erworben, das anscheinend bereits früher (vor 1761) bebaut gewesen war. Er errichtete 1804/05 das Haus, wie es bis 2000 in Ovenhausen stand, und überschrieb es 1805 gegen eine Liebrente für sich und seine Frau dem Stiefsohn Berend Soistmann, der sich ab 1808 Steilberg nannte.
Das Haus blieb, von gewissen Umbauten abgesehen, in seinem Kernbestand bis in die Gegenwart erhalten. Im Haus eingebaut war ein Laden, wie es für Händlerhäuser auf dem Land typisch war. Außerdem gehörte dazu ein kleiner Stall für ein oder zwei Ziegen. Der Laden bestand aus einem hölzernen Tresen mit einer Öffnung darüber, die per Klappe geschlossen wurde. Dieser Tresen im Hausflur ist ebenso erhalten wie prächtige farbige Schablonenmalereien aus den 1920er Jahren.

Das Haus Uhlmann vor dem Umzug ins Freilichtmuseum in Detmold
Das Haus Uhlmann vor dem Umzug ins Freilichtmuseum in Detmold

Denn das Haus wurde bis zur Deportation seiner letzten Einwohner von jüdischen Kaufleuten genutzt. Nach dem Konkurs der Familie Steilberg im Jahre 1885 erwarb der jüdische Kaufmann Levy Uhlmann, dessen Familie seit Anfang des 19. Jahrhunderts in Ovenhausen ansässig war, das Gebäude und betrieb den kleinen Gemischtwarenladen im Haus weiter. Levy Uhlmann starb 1927 (sein Grabstein befindet sich auf dem jüdischen Friedhof in Ovenhausen), und sein Sohn Norbert führte das Geschäft weiter. Die Familie lebte noch bis 1941 in dem Haus. In diesem Jahr wurden die jüdischen Bewohner des Hauses nach Riga deportiert – keiner von ihnen kehrte lebend zurück. Reste von Mesusa-Kapseln an den Zimmertüren verweisen aber noch heute darauf, dass hier einmal Juden lebten.
Der sehr weitgehende Erhaltungszustand veranlasste das Freilichtmuseum Detmold, das Haus Uhlmann im Herbst 2000 von seinem bisherigen Standort zu translozieren und es als Beispiel eines jüdischen Wohn- und Geschäftshauses auf dem Lande wieder aufzubauen. Genau 85 Jahre nach der Heirat von Norbert und Helene Uhlmann, am 11.9.2007, wurde das Haus dort zur Besichtigung freigegeben.

Opfer der Shoah aus Ovenhausen

Das ehemalige Haus der Familie Dillenberg in der Hauptstr. 28. © LWL
Das ehemalige Haus der Familie Dillenberg in der Hauptstr. 28. © LWL

Karoline (Lina) Dillenberg, *2.5.1873 in Ovenhausen, Tochter von Meyer Dillenberg und Johanna (Hannchen), geb. Bierhoff (aus Borgentreich).
Sie blieb ledig, lebte zurückgezogen und führte zusammen mit ihrer Schwester Julie (gest. 1942) nach dem Tod des Vaters und der Erblindung der Mutter (gest. 1940) den Haushalt der Familie in der Hauptstraße 28. In einem kleinen Laden verkauften sie Flaschenbier und eingelegte Heringe. Sie wurde am 31.3.1942 nach Warschau deportiert (vermutlich mit ihrem Bruder Max) und gilt als verschollen.

Klassenfoto mit Max Dillenberg von 1901. Eine Identifikation ist bisher nicht möglich.
Klassenfoto mit Max Dillenberg von 1901. Eine Identifikation ist bisher nicht möglich.

Max Dillenberg, *14.6.1890 in Ovenhausen, Sohn von Meyer Dillenberg und Johanna (Hannchen), geb. Bierhoff (aus Borgentreich).
Dieser jüngste Sohn der Familie besuchte nach der Volksschule in Ovenhausen von 1901-1910 bis zum Einjährig-Freiwilligen Zeugnis das Gymnasium in Höxter. Zusammen mit seinem Bruder Abraham und bis Anfang der 1920er Jahre mit dem Bruder Hermann führte er nach dem Tod des Vaters (1910) die väterliche Viehhandlung in der Hauptstraße 28 weiter. Im 1. Weltkrieg eingezogen, kehrte er verwundet zurück, während der Bruder Abraham im Krieg fiel und der Bruder Hermann nach Fürstenau heiratete. Max Dillenberg blieb unverheiratet. Er war ein erfolgreicher Geschäftsmann mit Kontakten bis nach Dortmund. Außerdem verlieh er Geld, was ihm offensichtlich in Ovenhausen auch einige Ressentiments einbrachte. Zugleich erfreute er sich aber großer Anerkennung, weil er in Notfällen seine Pferde für einige Tage zur Verfügung stellte, statt sie in den Handel zu bringen, oder beim Schützenfest den berittenen Offizieren auf diese Weise aushalf, wo er deshalb ein gern gesehener Gast war und wie auch sonst im Gasthaus durchaus auch Schweinefleisch aß. Bei Sammlungen spendete er reichlich, half mit der Vorfinanzierung von Operationen und war auch sonst zur Hilfe bereit, so z.B. bei einem Brand im Dorf 1935. Trotzdem wurden ihm Ende September 1935 die Fensterscheiben eingeworfen, was in der Bevölkerung auf deutliche Ablehnung stieß und sogar zum Ausschluss des Verdächtigen aus der NSDAP führte. Nach der Pogromnacht 1938 wurde er bis Weihnachten im KZ Buchenwald inhaftiert. Vermutlich am 31.3.1942 wurde er zusammen mit seiner Schwester Karoline nach Warschau deportiert, möglicherweise auch 1943 nach Auschwitz. Er ist verschollen.

Manfred Isaak (auch Isaack), *8.2.1932 in Ovenhausen, Sohn von Bruno Isaak und Paula, geb. Stamm.
Er lebte zunächst mit seinen Eltern und nach ihrer Scheidung mit der Mutter im Haus der Familie in Ovenhausen, Heiligenberg 11. Er war später Zögling im jüdischen Waisenhaus „Wilhelmspflege“ in Eßlingen. Sehr wahrscheinlich von dort wurde er auch 1942 mit unbekanntem Ziel deportiert. Er gilt als verschollen.

Paula Isaack, geb. Stamm, *8.1.1901 in Ovenhausen, Tochter von Bernhard Stamm und Sara, geb. Eichholz.
Sie heiratete am 2.11.1930 Bruno Isaak (*1901) aus Essen-Steele, der anscheinend dem Wandergewerbe nachging, und hatte mit ihm den Sohn Manfred (*1932). Die Ehe war nur von kurzer Dauer, und Bruno Isaak zog bereits 1934 nach Wollenberg. 1937 wurde die Ehe geschieden. Paula Isaak blieb im Elternhaus in Ovenhausen, Heiligenberg 11, während der Sohn Manfred in Esslingen einige Jahre im Waisenhaus lebte. Zusammen wurden sie am 31.3.1942 nach Warschau deportiert und sind verschollen. Der nach Steele zurückgekehrte geschiedene Ehemann Bruno Isaak war wurde am 22.4.1942 nach Izbica deportiert. Stolpersteine in Essen-Steele erinnern an ihn und seine Familie.

Haus der Familie Stamm um 1941. Die Fenster sind zur Unterbringung von Kriegsgefangenen vergittert. © LWL
Haus der Familie Stamm um 1941. Die Fenster sind zur Unterbringung von Kriegsgefangenen vergittert. © LWL

Bernhard Stamm, *2.3.1866 in Adorf, Sohn von Markus Stamm und Pauline, geb. Löwenstern.
Am 12.2.1893 heiratete er Sara, geb. Eichholz, aus Ovenhausen und hatte mit ihr sechs Kinder, von denen drei jedoch jung starben. Nur der Sohn Siegfried (1896–1974) entging dem Holocaust durch seine Emigration nach Philadelphia. Bernhard Stamm führte als Lumpen- und Eisensammler mit einem kleinen Pferd und Wagen eine ärmliche und wenig angesehene Existenz. Außerdem schächtete er Ziegen und handelte mit Fellen. Dazu kam ein kleiner Kolonialwarenladen im Haus am Heiligenberg 11. Nach dem Tod seiner Frau (1922) führte wohl die Tochter Ella den Haushalt der Familie. Zum 1.10.1938 wurde Stamm die Gewerbekarte entzogen, er sollte aber weiter Beiträge an die Industrie- und Handelskammer zahlen. Gegen diese Ungerechtigkeit protestierte sogar eine „arischer“ Höxteraner Geschäftsmann; das Ergebnis ist nicht bekannt. Nach der Deportation seiner Familienangehörigen zog Bernhard Stamm zu Markus Judenberg nach Fürstenau und wurde mit ihm am 31.7.1942 nach Theresienstadt deportiert. Dort kam er am 24.3.1943 um.

Ella Stamm, *4.6.1895 in Ovenhausen, Tochter von Bernhard Stamm und Sara, geb. Eichholz.
Sie war ledig und führte wohl nach dem Tod der Mutter (1922) den Haushalt der Familie am Heiligenberg 11. Ebenso wie ihre Schwester Paula galt sie als „leichtes Mädchen“ und bekam 1927 mit einem Katholiken aus dem Dorf den nicht-ehelichen Sohn Julius, den sie 1934 bei der Geburt des weiteren nicht-ehelichen Sohns Willi nach Paderborn ins Jüdische Waisenhaus gab. Ella Stamm wurde am 31.3.1942 nach Warschau deportiert und kam im dortigen Ghetto um.

Julius Stamm, *7.4.1927 in Paderborn, nicht-ehelicher Sohn von Ella Stamm.
Sein Vater war ein Katholik aus Ovenhausen, dem er nach Aussagen von Zeitzeugen wohl sehr ähnelte. Mit sieben Jahren kam Julius 1934 in das Jüdische Waisenhaus in Paderborn und kehrte 1941 nach Ovenhausen zurück, wo er auf einem abgelegenen Hof untergebracht wurde. Er lebte dort in der Familie, hütete die Kühe und besuchte manchmal auch die Messe. Über Datum und Ort seiner Deportation bestehen Unklarheiten. Als „Halbjude“ soll er noch bis Febr. 1943 auf dem Hof geblieben sein, ein Widerspruch zum Deportationsdatum der Familie und der Mutter nach Warschau am 31.3.1942. Er wurde nach dem Krieg für tot erklärt.

Max Stamm, *27.1.1894 in Ovenhausen, Sohn von Bernhard Stamm und Sara, geb. Eichholz.
Über diesen ätesten und im Dorf nach Erzählungen des Öfteren verhöhnten Sohn der Familie liegen wenige Informationen vor. Zusammen mit seinem alternden Vater betrieb er den ärmlichen Lumpen- und Eisenhandel der Familie am Heiligenberg 11. Dazu kamen das Schächten von Ziegen und der Handel mit Fellen. Als armer und unwichtiger Jude wurde Max Stamm anscheinend nach der Pogromnacht 1938 nicht in Buchenwald inhaftiert. Er wurde am 9.12.1941 nach Riga deportiert und nach dem Krieg für tot erklärt.

Willi Stamm, *20.2.1934 in Paderborn, nicht-ehelicher Sohn von Ella Stamm.
Er blieb nach der Geburt nur wenige Monate oder Jahre in Ovenhausen und verbrachte dann offenbar längere Zeit in Brandoberndorf (Waldsolms), bevor er 1940/41 für ein knappes Jahr in das Heim des Jüdischen Frauenbunds in Neu-Isenburg (Ldkrs Offenburg) und dann 1941/42 in das Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge in Frankfurt kam. Von dort wurde er am 15.9.1942 nach Theresienstadt und dann am 16.10.1944 nach Auschwitz deportiert.

Grete Uhlmann 1931
Grete Uhlmann 1931

Grete Uhlmann, *20.9.1897 in Ovenhausen, Tochter von Levy Uhlmann und dessen 2. Frau Fanny, geb. Löwendorf (aus Vörden).
Einzelheiten ihres Lebens sind nicht bekannt. Nach Kindheit und Jugend im Elternhaus, Hauptstr. 31, lebte sie später in Düsseldorf, kam aber regelmäßig zu Besuchen nach Ovenhausen und wurde z.B. zu Hochzeiten im Dorf eingeladen. Vermutlich nutzte sie ihre Kontakte in Düsseldorf auch, um ihrem Bruder Kinder als Feriengäste zu vermitteln. Sie wurde am 10.11.1942 von Düsseldorf nach Minsk deportiert und ist dort verschollen.

Ilse Uhlmann, die den Judenstern mit dem Zopf verdeckt, 1941 © STA DT
Ilse Uhlmann, die den Judenstern mit dem Zopf verdeckt, 1941 © STA DT

Ilse Ruth Uhlmann, *30.11.1931 in Paderborn, Adoptivtochter von Norbert Uhlmann und Lene, geb. Löwendorf.
Sie wurde als unehel. Tochter von Gertrud Berghausen aus Herford geboren und 1932 im Alter von vier Monaten von den kinderlosen Norbert und Helene Uhlmann Ovenhausen, Hauptstr. 31, adoptiert. Sie besuchte zunächst die örtliche Volksschule und hatte unter den Ovenhausener Mädchen eine ganze Reihe von Freundinnen, die auch deshalb die Uhlmanns gern besuchten, weil es dort mehr Spielzeug gab als im eigenen Haus. Nach dem Novemberpogrom musste Ilse die Schule in Ovenhausen verlassen. Von Mai 1939 bis Ende November 1941 besuchte sie die jüdische Schule in Detmold, wo sie bei der Familie Flatow wohnte, und kam nur am Wochenende nach Hause. Am 9.12.1941 wurde Ilse mit ihren Eltern nach deportiert und von dort Mitte 1944 nach Auschwitz verschleppt, wo sie ermordet wurde.

Lene Uhlmann 1931 © LWL
Lene Uhlmann 1931 © LWL

Helene (Lene) Uhlmann, geb. Löwendorf, *2.10.1900 in Vörden, Tochter von Nathan Löwendorf und Sara, geb. Abt (aus Dortmund).
Sie heiratete am 11.9.1922 ihren Vetter Norbert Uhlmann und führte in Ovenhausen in der Hauptstraße 31 mit ihrem Mann ein Gemischtwarengeschäft, bei dem die Kunden bei Familienfeiern aber auch Geschirr ausleihen konnten. Das Ehepaar bekam keine eigenen Kinder und adoptierte deshalb 1932 die viermonatige Tochter Ilse. Alle wurden am 9.12.1941 nach deportiert. Von dort wurde die Familie Mitte 1944 nach Auschwitz verschleppt, wo sie ermordet wurde.

Norbert Uhlmann 1931 © LWL
Norbert Uhlmann 1931 © LWL

Norbert Uhlmann, *1.6.1890 in Ovenhausen, Sohn von Levy Uhlmann und dessen 2. Frau Fanny, geb. Löwendorf (aus Vörden).
Er führte in Ovenhausen, Hauptstraße 31, einen Gemischtwarenhandel. Nach seiner Heirat mit seiner Cousine Helene, geb. Löwendorf, aus Vörden am 11.9.1922 kümmerte sich die Frau um das Geschäft, während Norbert Uhlmann als Hausschlachter und mit dem Schächten von Ziegen zum Familieneinkommen beitrug. Das Ziegenfleisch verkaufte er bei Fahrten über Land, zunächst mit einem Pferdewagen und dann mit einem kleinen Lieferwagen. Außerdem nahm die Familie Kinder als Feriengäste im Haus auf. Da das Ehepaar keine eigenen Kinder hatte, adoptierte es 1932 die Tochter Ilse und verwöhnte sie nach den vorhandenen Informationen wohl nach Kräften. Über Norbert Uhlmann heißt es, dass er im Dorf allgemein beliebt war. So habe er bei einem Brand 1935 tatkräftig mitgeholfen und sich dabei vor Anstrengung eine Krankheit zugezogen. 1938 musste die Familie das Geschäft aufgeben, und Norbert Uhlmann betrieb nur noch den Handel mit Ziegen und Fellen. Nach der Pogromnacht 1938 wurde er nach Buchenwald verbracht, von wo er 19.12.1938 entlassen wurde. Danach musste er in der Papierfabrik in Godelheim arbeiten. Am 9.12.1941 wurde er mit seiner Familie nach deportiert und von dort Mitte 1944 nach Auschwitz verschleppt, wo er ermordet wurde.
Sein nach Höxter verzogener Bruder Gustav überlebte die Shoah.
Siehe Höxteraner Opfer der Shoah

© LWL: Mit freundlicher Genehmigung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. Freilichtmuseum Detmold
© STA DT: Mit freundlicher Genehmigung von NRW LAV Staatsarchiv Detmold

  • Baumeier, Stefan / Stiewe, Heinrich (Hg.): Die vergessenen Nachbarn. Juden auf dem Lande im östlichen Westfalen. Bielefeld, Verlag für Regionalgeschichte, 2006
  • Bertels, Heinz: Die jüdische Gemeinde zu Ovenhausen 1702 – 1942. In: Höxter-Corvey, HVV, Heft 11, November 1980, S. 5-9
  • hp: Projekt „Jüdische Wohn- und Alltagskultur“. Jüdisches Wohnhaus kommt ins Freilichtmuseum Detmold. In: OWZ 19, 13.5.2000
  • Köhne, Josef: Gedenkstein als Mahnmal. Ovenhausen erinnert an ermordete Juden des Dorfes. In: NW 21.1.2002
  • Krus, Horst-D.: Mordsache Soistmann Berend. Zum historischen Hintergrund der Novelle ,Die Judenbuche‘ von Annette von Droste-Hülshoff. Münster, Aschendorff, 1990 (Schriften der Droste-Gesellschaft XIX)
  • Liedtke, Hans: Jüdische Familien in Ovenhausen. Von den Anfängen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. In: Baumeier/Stiewe 2006, S. 18-38
  • Mitschke-Buchholz, Gudrun: Zwischen Nachbarschaft und Deportation. Erinnerungen an die Ovenhausener Jüdinnen und Juden. In: Baumeier/Stiewe 2006, S. 78-99
  • Schmidt, Ulrich: Der Laden aus der Judenbuche. Wie schwer es den Bewohnern eines westfälischen Dorfes fällt, sich zu erinnern – Ein Sittengemälde. In: Süddeutsche Zeitung 4, 5./6./7.1.2001
  • Stiewe, Heinrich: Jüdische Wohn- und Alltagskultur im Freilichtmuseum. Zur Translozierung des Hauses Steilberg/Uhlmann aus Ovenhausen (Kr. Höxter) ins Westfälische Freilichtmuseum Detmold Jüdische Wohn- und Alltagskultur im Freilichtmuseum
  • Stiewe, Heinrich: Das Haus Uhlmann aus Ovenhausen. Besitzer, Baugeschichte und Translozierung. In: Baumeier/Stiewe 2006, S. 39-67
Fritz Ostkämper, 12.5.2015
e-mail: ostkaemper@jacob-pins.de