Jüdische Bürger in Höxter

Das Wohn- und Geschäftshaus Eichelberg Nachf. (Rosenberg) in Marburg, Barfüßerstraße 50
Das Wohn- und Geschäftshaus Eichelberg Nachf. (Rosenberg) in Marburg, Barfüßerstraße 50

Alfred Rosenberg – ermordet im KZ Majdanek

Alfred Rosenberg – so hieß der Chefideologe des »Dritten Reiches«, der mit seinem »Mythos des 20. Jahrhunderts« theoretisch, als Chefredakteur des »Völkischen Beobachters« propagandistisch und als »Reichsminister für die besetzen Ostgebiete« praktisch die Vernichtung der Juden begründete, forderte und umsetzte, bis er 1946 im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozeß verurteilt und dafür hingerichtet wurde.
Alfred Rosenberg – so hieß aber auch ein ehemaliger Schüler des KWG, fast gleichaltrig, der von diesem Regime zum Untermenschen erklärt, verfolgt und mit seiner ganzen Familie in den KZs des »Dritten Reiches« umgebracht wurde.

Alfred Rosenberg, KWG-Schüler Nr. 1762, wurde am 10.9.1888 in Münster geboren. Der Vater Salomon stammte aus Coesfeld und die Mutter Röschen geb. Arons aus Weener. 1887 oder 1888 waren sie mit dem Großvater L. Rosenberg nach Münster umgezogen und hatten dort einen bald renommierten Pferdehandel eröffnet. In dieses aufblühende Geschäft hinein wurde Alfred als ältester Sohn geboren. Er hatte drei jüngere Geschwister, zwei Brüder und eine Schwester, die alle dem Holocaust entkommen zu sein scheinen, weil sie wohl auswanderten: der Bruder Moritz, über den keine Einzelheiten bekannt sind; der Bruder Leo, der Zahnarzt wurde; die Schwester Georgina, die 1939 mit ihrem Mann und ihren drei Töchtern ausgebürgert wurde, also wohl kurz vorher ins Exil gegangen war.

Über Alfred Rosenbergs Schulzeit ist wenig bekannt. Bevor er zu Ostern 1904 auf das KWG nach Höxter wechselte, kam er aus ›Privatunterricht in Weener‹, wie es in den Schulakten heißt. Vermutlich hatte er vorher in der Familie seiner Mutter gelebt und war dort – was damals noch möglich war – privat, vielleicht von einem Familienangehörigen, der Lehrer war, unterrichtet worden.

Warum gerade das KWG in Höxter ausgewählt wurde, um Alfred bis zur Mittleren Reife zu führen, ließ sich ebenfalls bisher nicht sicher klären. Man kann aber wohl davon ausgehen, daß verwandtschaftliche Beziehungen zu einer Höxteraner Familie bestanden: den Rosenbergs aus Amelunxen oder den Höxteraner Familie Rosenberg-Steilberg oder Rosenberg-Frankenberg. Jedenfalls blieb Alfred Rosenberg ein Jahr hier und verließ das Gymnasium Ostern 1905 mit dem Zeugnis der einjährig-freiwilligen Reife.

Über die folgenden 15 Jahre liegen bisher keine Informationen vor. Vermutlich durchlief er zunächst eine kaufmännische Lehre, leistete seinen Militärdienst ab, dürfte im Krieg als Soldat an der Front gewesen sein usw. Ab 1920 ist er in Marburg/Lahn gemeldet. In diesem Jahr oder kurz vorher hat er sich mit Stella Meyer verheiratet, der Tochter aus einem gut florierenden Kleidungs- und Konfektionswarengeschäft in der Innenstadt von Marburg, Barfüßerstr. 50. Das Geschäft liegt im Erdgeschoß; die Schwiegereltern leben im ersten Stock, und im zweiten Stock wohnt das junge Paar, bis die ganze Familie Ende der 1930er Jahre von dort vertrieben wird. Schwiegersohn Alfred Rosenberg und Schwiegervater Samuel Meyer führen die Firma gemeinsam als Teilhaber.

Geschäftsanzeige von 1929

Zwei Kinder wurden in dieser Zeit geboren: 1922 die Tochter Ruth und 1929 der Sohn Walter. In den Jahren der Weimarer Republik führte das Geschäft vor allem Damen-, Herren- und Kinderkonfektion, aber auch Bettwäsche, Tischdecken und Strickwaren. Vermutlich gab es mehrere Angestellte. Jedenfalls war noch Ende 1938, als das Geschäft liquidiert wurde, eine Änderungsschneiderin beschäftigt.

Wie die Rosenbergs die Anfangsjahre des »Dritten Reiches« erleben, ist nicht bekannt. Der Druck nimmt jedoch immer mehr zu, vor allem ab Herbst 1938. Die Juden müssen ihre Juwelen, Schmuck- und Kunstgegenstände »verkaufen«, wobei die Marburger Juden dafür nach Kassel fahren müssen. Das reicht hin bis zur Abgabe von Mokkalöffeln, Zuckerzangen, Kuchenbestecken, Zierzangen aus Silber u.ä. Natürlich dürfen sie auch keine Wertpapiere u.ä. mehr besitzen. Schließlich muß auch das Geschäft der Meyer-Rosenberg geschlossen werden, und am 14.10.1938 unterzeichnet der Schwiegervater Samuel Meyer ein entsprechendes Schreiben.

In der Pogromnacht am 9./10. November 1938 wird nach Aussagen von Zeitzeugen auch dieses Geschäft zerstört und Alfred Rosenberg wie so viele andere Juden für eine Zeit im KZ Buchenwald »in Schutzhaft« verschleppt. Die »Abwicklung« des Geschäfts wird einem Bücherrevisor übertragen, der am 4.4.1939 Vollzug melden kann: 3.189,50 RM für die Waren und 360,45 RM für die Einrichtung werden der Familie auf ein Sperrkonto überwiesen. Im Juni 1939 muß auch das Haus für 39.300 RM an die Stadt Marburg verkauft werden, ohne daß die Familie über das Geld verfügen kann.

Die Kinder Walter und Ruth Rosenberg

Am 15.5.1939 müssen Alfred Rosenberg, seine Frau und seine beiden Kinder in das »Ghettohaus«, Barfüßertor 15b umziehen. Vergeblich bemüht sich Alfred Rosenberg um eine Ausreisegenehmigung nach Argentinien. Die Schwiegereltern Samuel und Elise Meyer, die Anfang 1939 in ein israelitisches Altersheim nach Rheydt, den Geburtsort der Frau umgezogen sind, kommen im April 1941 noch einmal für zwei oder drei Wochen zu Besuch, bevor sie von Rheydt aus deportiert und in einem KZ ermordet werden. Sie wurden nach dem Krieg für tot erklärt, ohne daß Einzelheiten bekannt sind.

Auch die vier Rosenbergs, Vater, Mutter, Sohn und Tochter, wurden Opfer des Holocaust. 1939 wurde Alfred Rosenberg noch zum zweiten Vorsitzenden des zwangsweise gegründeten Vereins »Israelitische Gemeinde Marburg« gewählt. Vom gleichen Jahr an wurde er zu verschiedenen Zwangsarbeiten herangezogen: zuerst zu Straßenbauarbeiten in der Neuen Kasseler Straße, später, im Winter 1941, zu Arbeiten auf dem Friedhof für Gefallene des 2. Weltkriegs. Am 30. Mai 1942 wurde die Familie nach Izbica/Sobibor und von dort nach Majdanek deportiert, offiziell abgemeldet von der Gestapo Kassel am 31.5.1942 – die »Ordnung« des NS-Regimes! Alfred Rosenberg, der die Häftlingsnummer 10173 hatte, wurde dort kurz danach, am 21. August 1942, ermordet. Frau Stella, Tochter Ruth und Sohn Walter gelten als ‘verschollen’, was bedeutet, daß Ort und Datum ihrer Ermordung nicht bekannt sind.
Alfred Rosenbergs Name fehlt noch auf der Gedenktafel im Foyer der Schule. Sein Schicksal konnte erst 1993 geklärt werden.

  • Barbara Händler-Lachmann / Thomas Werther: Vergessene Geschäfte, verlorene Geschichte. Jüdisches Wirtschaftsleben in Marburg und seine Vernichtung im Nationalsozialismus. Marburg, Hitzeroth, 1992

Fritz Ostkämper, 1994, ergänzt 2009
e-mail: ostkaemper@jacob-pins.de