Jüdische Bürger in Höxter

Alfred Michaelis (links, laut Beschriftung) 1891 beim Abitur am KWG.
Alfred Michaelis (links, laut Beschriftung) 1891 beim Abitur am KWG.

Alfred Michaelis – Jurist und Literat

Alfred Michaelis stammt aus einer Kaufmannsfamilie, die nur für gut 25 Jahre in Höxter wohnte, aber in Lügde schon seit dem 18. Jahrhundert ansässig war. Sein Vater Michael (Emil) (* 1835) heiratete um 1860 die Höxteraner Jüdin Goldine (Golde, Jule) Steinberg (1833-1905) aus einer von Lüchtringen nach Höxter zugezogenen Familie und wohnte mit ihr zunächst in der Stummrigestr., dann in dem Haus Ecke Westerbachstr./Rosenstr., in dem sich später das Geschäft Netheim befand.

Der Grabstein von Goldine Michaelis, geb. Steinberg auf dem jüdischen Friedhof in Höxter.

Nach zwischenzeitlichem Umzug nach Lemgo, wo 1863 die Tochter Clara geboren wurde, zog die Familie nach Köln, und 1873 wurde der Sohn Alfred geboren. Michael Michaelis war jedoch als Großhandelskaufmann öfter auf Reisen, und seine Geschäftsbeziehungen führten ihn bis nach Johannisburg/ Südafrika. Das dürfte der Grund sein, weshalb die Familie bald danach den Wohnsitz nach Höxter verlagerte, wo die Familie von Frau Goldine lebte.

Alfred Michaelis besuchte hier die jüdische Schule und dann von 1882-1891 das KWG, das er mit einem glänzenden Abitur verließ, um in Frankfurt an einer Privatbank eine Ausbildung zu machen. Nach vier Jahren entschloss er sich zur Aufnahme eines Jurastudiums, das vermutlich von einem in Südafrika lebenden Onkel finanziert wurde. Er studierte zunächst in München und dann in Berlin, u. a. bei Hugo Preuß, einem der späteren Väter der Weimarer Verfassung, der sein Denken und Handeln in den folgenden Jahren stark beeinflusste.

Vermählungsanzeige im Märkischen Sprecher vom 2.6.1906.

1899 legte er in Berlin sein erstes juristisches Staatsexamen ab und absolvierte dann seinen Referendardienst in Brakel, Essen und Bochum. Nach Assessorprüfung und Promotion in Rostock (1902) ließ er sich kurzzeitig in Recklinghausen und dann ab 1906 in Hamm als Rechtsanwalt nieder und heiratete seine Kusine Paula Liebenfeld aus Bochum, mit der er die Kinder Herbert (* 1907), Lotte (* 1908), Ruth (* 1910) und Susanne (* 1917) hatte. Die Familie bewohnte ein Haus in der Hohestr. 59, in dessen Erdgeschoss sich die Praxis befand.

Titelblatt des Buches „Die Rechtsverhältnisse der Juden in Preußen“ von 1910.

Die Praxis war in ersten Jahren noch nicht groß, und Alfred Michaelis nutzte die Zeit, um die Entwicklung der Emanzipation der Juden im 19. Jahrhundert zu untersuchen, und veröffentlichte 1910 das Buch „Die Rechtsverhältnisse der Juden in Preußen seit dem Beginne des 19. Jahrhunderts“, das bald zu einem Standardwerk wurde und auf das auch heute noch noch immer verwiesen wird.

Alfred Michaelis war vielseitig musisch interessiert. In der Wohnung gab es vor allem Bilder der Worpsweder Maler, unter anderem von Heinrich Vogeler und Otto Modersohn, aber auch ältere Gemälde. Am Schabbat betrachtete man die Bilder, musizierte zusammen oder der Vater erzählte Geschichten, darunter auch seine eigenen. Denn neben seinem Beruf schrieb er auch selbst. 1924 nahm er mit seiner Erzählung „Die Kniewelsche Erbschaft“ an einem literarischen Wettbewerb der Kölnischen Zeitung teil und gewann einen der dritten Preise, woraufhin die Erzählung für der Literaturbeilage der Zeitung angekauft wurde.

Anfang der Erzählung „Die Kniewelsche Erbschaft“ (1924).

Neben diesen musischen Interessen stand sein gesellschaftliches Engagement. Von 1910 bis in das Dritte Reich hinein gehörte er zu den gewählten Repräsentanten der jüdischen Gemeinde. Weiterhin war er Mitglied des Wissenschaftlichen Vereins, und politisch engagierte er sich bei der liberalen Partei der Freisinnigen des Kaiserreichs und dann in der Weimarer Republik der Deutsche Demokratische Partei.

1933 schien alles auf eine erfolgreiche weitere Zeit hinzudeuten. Die Praxis lief gut und sollte später vom Sohn Herbert fortgeführt werden, der sein erstes juristisches Staatsexamen abgelegt hatte, zum Dr. promoviert war und im Referendariat stand. Das Dritte Reich warf jedoch alles über den Haufen. Dr. Michaelis verlor seine Zulassung als Anwalt und Notar, wurde für einige Wochen in Bergkamen interniert und schloss seine Praxis. Die Kinder flohen frühzeitig ins Exil. Herbert wurde die weitere Laufbahn versperrt, und er ging 1933 nach Südafrika, wo ihm sein Onkel eine Stellung in einer kleinen Süßwarenfabrik verschaffte. Die Töchter Ruth und Lotte emigrierten 1933 bzw. 1935 nach London, und Susanne gelangte über den Umweg über Indien in die USA.

Die Eltern 1933 mit ihrem Sohn Herbert kurz vor dessen Auswanderung, Dr. Michaelis gezeichnet von Internierung und Krankheit.

Die Eltern blieben vorläufig noch in Hamm, jedoch hatten die erste Verhaftung und die Internierung in Bergkamen bei Dr. Michaelis die Parkinsonsche Krankheit zum Ausbruch gebracht. Er hatte seinen Humor verloren, hörte auf Geschichten zu erzählen und zu musizieren. Seine verwaiste Praxis stellte er der Jüdischen Gemeinde zur Verfügung, die dort bis zum Pogrom 1938 ein Gemeindezentrum einrichtete.

Das war vermutlich einer der Gründe, weshalb die Nazis in der Pogromnacht 1938 im Haus besonders schlimm wüteten. Nicht nur die Gemeinderäume wurden total verwüstet, sondern auch die Wohnung. Vor allem die Bildersammlung wurde zerfetzt und zerschnitten, da es sich ja z. T. um »entartete Kunst« handelte. Am nächsten Tag wurde er mit anderen »Schutzhäftlingen« durch die Stadt gezerrt und für einige Tage im Polizeigefängnis inhaftiert.

Aus dem Asservatenbuch der Polizei Hamm nach der Verhaftung am 10.11.1938.

Dem Ehepaar gelang es in der Folge nur mühsam, Lebensmittel für sich zu organisieren, und die beiden mussten hungern, wenn sie nicht von alten Kollegen und Freunden versorgt wurden. Das Haus wurde schließlich für einen Spottpreis an die evangelische Kirche verkauft, die dort ein Altenwohnheim einrichtete.

Im Juni 1939 gelang endlich die Flucht nach Südafrika. Der schwer kranke Dr. Michaelis erholte sich jedoch nicht wieder, und er schwieg auch gegenüber seinen Kindern über alles, was man ihm zugefügt hatte. Obwohl ihm seine Hände kaum noch gehorchten, arbeitete er an einem Roman. Er starb schließlich am »Führergeburtstag« 1943, während seine Frau ihn um 18 Jahre überlebte.

Dr. Michaelis’ Pass vom 27.2.1939, der das Recht zur Auswanderung bedeutete.
  • Die wiedergebenen Informationen und Dokumente gehen zum größten Teil zurück auf das Buch von Mechtild Brand: „Geachtet – geächtet. Das Leben Hammer Juden in diesem Jahrhundert.” Hamm, 1991

Fritz Ostkämper, 7.10.2010
e-mail: ostkaemper@jacob-pins.de