Jüdische Bürger in Höxter

Emil Frankenberg – in Armut gestorben

Emil Frankenberg wurde am 4.5.1874 in Höxter als Sohn des Kaufmanns Gustav Frankenberg (1843-1906) und seiner Frau Jenny geb. Jacobs (1842-1915) geboren. Nach Lina (1866-~1942) und Siegmund Rosenberg (1868-1930), den Kindern aus Jennys erster Ehe mit dem früh verstorbenen Soistmann Siegmund Rosenberg (1835-1867), und den Schwestern Eugenie (1870-~1942) und Elise gen. Ella (1871-1904) war Emil das fünfte Kind der Familie. Mit ihnen und den nach ihm geborenen Geschwistern Louis (1876-1936), Olga (1877-~1942), Margrete (Gretchen) (1879-~1942) und Richard (1883-1944) wuchs er in der Stummrigestraße 16 in Höxter auf, wo der Vater Gustav in seinem Haus ein vielfältiges Geschäft betrieb. Er vermittelte Wohnungen, kaufte und verkaufte Produkte des Landhandels wie Saatgetreide, Kartoffeln, Kohl und Kunstdünger und verlegte sich später wohl vor allem auf Manufakturwaren und Herrengarderobe, bis das Geschäft 1905/06 aus Altersgründen geschlossen wurde.

Zu dieser Zeit hatte Emil Frankenberg Höxter bereits verlassen. Er hatte zunächst seit 1879 die jüdische Schule in Höxter besucht und war dann zum 11.4.1883 auf das König-Wilhelm-Gymnasium übergegangen, wo er jedoch wenig erfolgreich war. Bereits im Juni 1883 wurde den Eltern seinetwegen „wegen hartnäckiger Faulheit … Anzeige gemacht“, und er musste bereits die Sexta wiederholen. Als er dann nach der Wiederholung der Quarta wiederum sitzen blieb, musste er das Gymnasium zu Ostern 1888 mit knapp 14 Jahren verlassen.

Abmeldung Emil Frankenbergs aus Höxter nach Langenberg am 9.4.1889 durch den Vater Gustav
Abmeldung Emil Frankenbergs aus Höxter nach Langenberg am 9.4.1889 durch den Vater Gustav

Danach blieb er noch ein Jahr im Elternhaus, bis ihn sein Vater am 9.4.1889 nach Langenberg abmeldete (vielleicht Langenberg im heutigen Kreis Gütersloh), wo er den Kaufmannsberuf erlernte. Wie lange Emil dort blieb, ist bisher nicht bekannt, ebenso wenig ob er in der folgenden Zeit zum Militärdienst eingezogen wurde oder sich vielleicht auch längere Zeit verpflichtete. Jedenfalls gründete er in diesen Jahren keine Familie und blieb auch zeitlebens unverheiratet.

Emil Frankenberg 1914 bei der Hochzeit seines Bruders Richard in Höxter
Emil Frankenberg 1914 bei der Hochzeit seines Bruders Richard in Höxter
Emil Frankenberg, Vertreter für Reklameartikel, Adressbuch Hamburg 1913
Emil Frankenberg, Vertreter für Reklameartikel, Adressbuch Hamburg 1913

Ab ungefähr 1900 wohnte er dann in Hamburg, wo er ab 1911 mit der Adresse Ferdinandstraße 6 im Adressbuch erscheint. Von dort zog er dann bis 1915 in die Bremerreihe 23 und arbeitete in diesen Jahren als Vertreter bei der Reklame- und Zierbänderfabrik E. Ammann & Cie, einer Zweigniederlassung dieser in Basel ansässigen Firma, die unter dem Namen Ammann-Sander noch heute existiert. Offenbar wurde die Hamburger Niederlassung aber während des Ersten Weltkriegs 1915 aufgegeben, und Produktion und Verkauf der Reklameartikel wurden wieder ausschließlich von der Schweiz aus betrieben.

In den Jahren 1916 bis 1919 fehlt Emil Frankenbergs Name in den Hamburger Adressbüchern. Zwar ist es nicht sehr wahrscheinlich ist, aber doch möglich, dass er in diesen Jahren trotz seines Alters von über 40 Jahren noch zum Landsturm eingezogen wurde, zu dem wehrfähige Männer bis zum 45. Lebensjahr einberufen werden konnten. Dafür spricht jedenfalls ein Eintrag auf dem Meldekarteiblatt, wo unter „Letzter Aufenthalt“ [in Hamburg] „1919 Militär“ angegeben ist.

Emil Frankenberg (mitten) am 20.8.1920 in Höxter mit seinen Brüdern Louis und Richard und ihren Frauen Cilla und Änne; vorn Louis Frankenbergs Tochter Else
Emil Frankenberg (mitten) am 20.8.1920 in Höxter mit seinen Brüdern Louis und Richard und ihren Frauen Cilla und Änne; vorn Louis Frankenbergs Tochter Else
Emil Frankenberg (links) etwa in der ersten Hälfte der 1920er Jahre bei einem Besuch  in Alkmaar, Holland, mit seinem Bruder Louis und dessen Frau Cilla
Emil Frankenberg (links) etwa in der ersten Hälfte der 1920er Jahre bei einem Besuch in Alkmaar, Holland, mit seinem Bruder Louis und dessen Frau Cilla

Ab 1920 und bis 1931 erscheint Emil Frankenberg dann wieder regelmäßig als „Vertreter“ oder „Handelsvertreter“ mit seiner früheren Adresse Bremerreihe 23 in den Hamburger Adressbüchern, denn mehrere Jahre arbeitete er als Vertreter im Tabakwaren Großhandel der Firma F. Schmidt. Wie die wenigen erhaltenen Fotos mit ihm zeigen, kam er zumindest in diesen Jahren auch gelegentlich zum Besuch nach Höxter zurück und besuchte auch seinen Bruder Louis in Holland.

In den Jahren der Weltwirtschaftskrise und der zunehmenden Arbeitslosigkeit ab Ende der 1920er Jahre wurde Emil Frankenbergs ökonomische und finanzielle Lage immer schwieriger, und vermutlich muss man auch seine Verurteilung zu einem Monat Gefängnis wegen Unterschlagung im Februar 1929 auf diesem Hintergrund betrachten. Als die Firma F. Schmidt jedenfalls ihren Tabakwaren Großhandel nach Berlin verlegt, verlor Emil zum 31.1.1931 seine Arbeit als Vertreter und war schon bald danach auf die Unterstützung der Wohlfahrtsbehörde angewiesen. Seine Wohnung musste er aufgeben und wohnte ab Mai 1931 als Untermieter zunächst bei der Familie Köppke in der Bremerreihe 20 III, dann ab 1933 in einem kleinen möblierten Hinterzimmer bei der Familie Gäthgen in der Bremerreihe 19, wo er in den Jahren 1933 und 1934 auch im Hamburger Adressbuch als Kaufmann verzeichnet ist.

In diesen Jahren machte sich auch ein bereits 1894 diagnostizierter Leistenbruch wieder bemerkbar, wegen dessen er schon zuvor und vor allem in den schweren Jahren Krieges ein Bruchband getragen hatte, das ihm 1933 erneut verschrieben wurde. Magenprobleme kamen hinzu, und außerdem war er Anfang Dezember 1931 von einem Fahrrad angefahren worden und eine Zeit bewusstlos gewesen, so dass seine Arbeitsfähigkeit eingeschränkt war und er stempeln gehen musste, um die Arbeitslosenunterstützung zu bekommen und sich zugleich zur Vermittlung bereit zu stellen.

Alle Versuche, wieder Arbeit zu finden, blieben aber vergeblich, und obwohl er alle Gegenstände von Wert und sogar Kleidung verkaufte oder versetzte (21.5.1931), reichte es nicht mehr zum Lebensunterhalt, so dass ihm die Wohlfahrtsbehörde regelmäßig einen wöchentlichen Zuschuss und eine Essenskarte gewähren musste, damit er bei einer sozialen Institution oder im Gewerkschaftshaus kostenlos eine tägliche Mahlzeit einnehmen konnte.

Brief Emil Frankenbergs an die Wohlfahrtsstelle mit der Bitte um Unterstützung, 7.8.1931
Brief Emil Frankenbergs an die Wohlfahrtsstelle mit der Bitte um Unterstützung, 7.8.1931

Nach der Machtübernahme der Nazis begannen dann ab 1934 regelmäßige Kontrollen. Bei Hausbesuchen wurde überprüft, ob Emil noch unter der angegebenen Adresse wohnte, ob er zum Stempeln zum Arbeitsamt ging und ob er noch eigene Einkünfte hatte. Überprüft wurde auch, ob er von seinen Familienangehörigen unterstützt wurde, und er wurde aufgefordert, bei der jüdischen Gemeinde finanzielle Unterstützung zu beantragen.

Auch dem Wohlfahrtsamt war klar, dass Emil in seinem Alter keine Arbeit mehr bekommen würde, „insbesondere weil er nicht arisch ist“, wie es am 29.4.1937 im Bericht über einen der Hausbesuche heißt. Wenn ihm in demselben Bericht ›geraten‹ und ›vorgeschlagen‹ wurde, in ein jüdisches Altersheim oder in ein Versorgungsheim zu ziehen, so handelte es sich dabei in Wirklichkeit um eine Drohung, „damit der Rest seiner Arbeitskraft noch in geschlossener Fürsorge verwendet wird.“

So musste Emil Frankenberg dann auch vom 25.6.1937 an als „Erdarbeiter“ im Hamburger Stadtteil Waltershof sog. „Unterstützungsarbeit“ leisten, wo auf einem Schlickfeld Sport- und Spielplätze für eine Kindertageskolonie und ein Kleingartengelände angelegt wurden, eine schwere körperliche Arbeit, bei der die hier zwangsverpflichteten Juden manchmal bis zu den Hüften im Schlamm versanken. Wie lange er dort arbeitete, ist bisher nicht gesichert. Vermutlich musste er zunächst, wie bei „Unterstützungsarbeitern“ üblich, an drei Tagen in der Woche arbeiten. Denn im Bericht über einen Hausbesuch am 21.1.1938 heißt es dann ausdrücklich; „Er leistet jetzt an 5 Tagen der Woche U.Arbeit“, der Arbeitsplatz lag jetzt vermutlich im Hamburger Vorort Horn, vielleicht im Bereich der dort entstehenden Autobahn.

Wie und in welchem Umfang er in dieser Zeit von seiner Familie unterstützt wurde, lässt sich nicht sicher feststellen. Sein Bruder Louis war 1936 in Alkmaar (Holland) gestorben, und der Bruder Dr. Richard Frankenberg musste in Höxter seine dort lebenden Schwestern unterstützen, so dass er seinem Bruder Emil „nur ab und zu getragene Garderobe und Bettzeug“ zukommen lassen konnte, wie es im Bericht der Hamburger Wohlfahrtsbehörde vom 9.9.1937 heißt. Dazu kamen „ab u. zu ganz kleine Summen“ (30.11.1938) und andere Dinge, von denen die Behörden wohl nicht immer erfuhren. Möglicherweise arbeitete auch gelegentlich im Zigarrengeschäft seiner Wirtsleute, für die er „ab u. zu kleinere Wege“ besorgte, von denen er aber, wie er beim Hausbesuch am 9.9.1937 sagte, nur „mal eine Zigarre oder Zigarette“ erhalte.

Bericht der Wohlfahrtsbehörde über einen Hausbesuch bei Emil Frankenberg am 9.9.1937
Bericht der Wohlfahrtsbehörde über einen Hausbesuch bei Emil Frankenberg am 9.9.1937

Nach der Pogromnacht des 9./10. Nov. 1938 musste Emil Frankenberg sein kleines möbliertes Zimmer in der Bremerreihe 19 verlassen, und etwa ab dem 20.11.1938 war er dann Insasse im Marcus-Nordheim-Stift in der Schlachterstraße 40/42, Haus 1, einem Gebäudekomplex der von der Jüdischen Gemeinde verwalteten Marcus-Nordheim-Stiftung, in dessen Vorderhaus Nr. 40 sich Mietwohnungen befanden, während sich dahinter (Nr. 42) zwei Flügel mit 27 Freiwohnungen für arme und unbescholtene Juden erstreckten.

Dort teilte er sich mit einem anderen Juden das Zimmer. Für die Kosten leistete die Sozialversicherung zunächst noch eine Zuzahlung, bis diese Unterstützung von 31 RM monatlich zum 31.12.1938 eingestellt und auf eine Neuregelung für Juden verwiesen wurde. Stattdessen wollten die Behörden auch seinen Bruder Richard in Höxter zu den Unterhaltskosten heranziehen. Ob es dazu jedoch kam, ist nicht bekannt, und so wurde er wohl in der folgenden knapp zwei Jahren auf Kosten der Hamburger Jüdischen Gemeinde bzw. Kultusvereinigung versorgt.

Bereits seit 1938 war Emil Frankenberg wegen Arteriosklerose in Behandlung und gab an, an Gedächtnisschwäche zu leiden (30.11.1938) und nicht arbeitsfähig zu sein, ohne dass jedoch ein Vertrauensarzt bis dahin darüber entschieden hatte. Ob es dazu noch kam und über den weiteren Krankheitsverlauf ist nichts bekannt. Wegen „Gehirnarteriosklerose“, also Verkalkung der Gefäße im Gehirn, wurde er zuletzt in die Dr. Calmannsche Frauenklinik in der Johnsallee 68 eingeliefert, die von 1939 bis 1942 als Krankenhaus für die nicht deportierten Juden diente. Dort starb Emil Frankenberg am 22.10.1940 um 16.45 Uhr, wie der Heiminsasse Max „Israel“ Modrze dem Standesamt am folgenden Tag meldete, und wurde auf dem jüdischen Friedhof im Hamburg-Ohlsdorf begraben. Ein Grabstein ist nicht oder nicht mehr vorhanden.

Sabine Brunotte danke ich für die Auswertung der Akten der Wohlfahrtsstelle Hamburg.
Fritz Ostkämper, 1.8.2019
e-mail: ostkaemper@jacob-pins.de