Jüdische Bürger in Höxter

Die Villa der Familie Eichwald (links) an der Gartenstraße in Höxter um 1900
Die Villa der Familie Eichwald (links) an der Gartenstraße in Höxter um 1900

Fritz Eichwalds Odyssee in den Holocaust

Der am 27.6.1888 in Höxter geborene Fritz Eichwald stammte aus der hier seit den 1830er Jahren verzeichneten Familie Eichwald, deren Vorfahren zuvor in Essentho, Wünnenberg und benachbarten Orten ansässig waren. Sein in Leiberg (heute Bad Wünnenberg) geborener Großvater J(acob) H(einemann) Eichwald (1809-1892) zog um 1838 mit seiner aus Meinbrexen stammenden Frau Veilchen Gans/Ganz (1807-1876) nach Höxter und eröffnete hier ein Textilwarengeschäft für Stoffe, Bettzeug und Kleidung. Dazu kam später auch der Handel mit Wertpapieren. In Höxter bekannt ist J. H. Eichwald aber vor allem als Gründer des 1869 errichteten Portland-Zementwerks an der Lütmarser Straße, das nach seinem Tod bis ins 20. Jahrhundert von seinen Söhnen Meyer und Julius weiterbetrieben wurde.

Auch der jüngster Sohn Adolf (* 3.8.1851), der seine Schullaufbahn am König-Wilhelm-Gymnasium wegen Krankheit frühzeitig beenden musste, trat zunächst ebenfalls mit in die Geschäftsführung des Zementwerks ein, schied aber 1890/91 aus dem Betrieb aus und zog mit seiner in Marienwerder (Westpreußen) geborenen Frau Martha Salinger (* 20.5.1863) und dem noch in Höxter geborenen Sohn Fritz nach Hameln, wo 1891 der zweite Sohn Kurt geboren wurde. Jedoch schon wenige Wochen später wurde Adolf Eichwald am 4.11.1891 dort in der Alten Marktstraße tot aufgefunden, so dass seine Frau mit den Kindern Fritz und Kurt allein zurückblieb.

Martha Eichwald geb. Salinger 1898 im Adressbuch Hannover
Martha Eichwald geb. Salinger 1898 im Adressbuch Hannover

Die Witwe Martha Eichwald ist zwar noch bis 1895 in den Hamelner Adressbuch als Hausbesitzerin verzeichnet, zog aber bereits am 10.4.1892 mit den Kindern nach Hannover, wo sich auch andere Angehörige der Familie Eichwald niedergelassen hatten. Die Söhne Fritz und Kurt besuchten in Hannover die Schule. Wie sein jüngerer Bruder Kurt war auch Fritz Eichwald vermutlich zeitweise Schüler der Israelitischen Erziehungsanstalt in Ahlem, wo die Mutter Martha der Wirtschafts- und Haus-Kommission der Schule angehörte.1 Während Kurt in Hannover sein Abitur ablegte, sind entsprechende Informationen über seinen älteren Bruder Fritz bisher nicht bekannt.

Kurt meldete sich nach dem Abitur am 1.7.1910 von Hannover nach Breslau ab, um seinen Wehrdienst abzuleisten, und studierte dann in Breslau, Freiburg, München und Berlin Medizin. Wenige Monate nach dem Wegzug seines Bruders Kurt meldete sich auch Fritz Eichwald am 8.10.1910 aus Hannover nach England ab, wo sein älterer Cousin Ernst Eichwald seit dieser Zeit und bis zum Ersten Weltkrieg arbeitete und wo Fritz vermutlich eine kaufmännische Ausbildung absolvierte. Möglicherweise ging auch die Mutter Martha für eine Zeit nach England, denn sie meldete sich am 5.10.1911 aus Hannover ab, um „auf Reisen“ zu gehen, wie es in den Meldeakten heißt.

Eintrag in den Verlustlisten des Ersten Weltkriegs
Eintrag in den Verlustlisten des Ersten Weltkriegs

Wann Fritz Eichwald aus England zurückkehrte und wann und wo er seinen Wehrdienst ableistete, ist nicht gesichert. Als er jedoch gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs an die Front berufen und schon wenige Wochen nach Kriegsbeginn am 20.8.1914 verwundet wurde, wird in den Verlustlisten außer seinem Geburtsort Höxter auch die Stadt Minden genannt, vermutlich der Standort seiner Einheit. Ob er nach seiner Verwundung wieder an die Front zurückkehren musste und wo er die ersten Jahre der Weimarer Republik verbrachte, ist bisher nicht bekannt.

Kurt Eichwald (2. v. rechts) im Juli 1917 als Arzt im Operationssaal eines Feldlazaretts © JMB Inv.-Nr.: 2009/115/33
Kurt Eichwald (2. v. rechts) im Juli 1917 als Arzt im Operationssaal eines Feldlazaretts © JMB Inv.-Nr.: 2009/115/33

Sein Bruder Kurt war nach seiner Approbation 1916 im Ersten Weltkrieg als Assistenzarzt in Feldlazaretten nahe der Front eingesetzt, bevor er seine medizinische Ausbildung am 3.6.1920 mit einer Dissertation über „Konstitutionelle Anomalien bei Lungentuberkulose“ abschloss und danach als Oberarzt der Friedrichstadt-Klinik für Lungenkrankheiten mit seiner Frau Hertha Pommer (1891-1992) und den Kindern Ernst (1925-2002) und Eva (1928-2016) in Berlin lebte. Auch die Mutter Martha hatte sich inzwischen in Berlin niedergelassen, wo sie in den Jahren 1914 bis 1920 mit eigener Adresse in den Adressbüchern verzeichnet ist.

Fritz Eichwald im Berliner Adressbuch 1931
Fritz Eichwald im Berliner Adressbuch 1931

Über Wohnort, Leben und berufliche Tätigkeiten Fritz Eichwalds in den Jahren nach dem Krieg und bis 1927 ist dagegen bisher nichts bekannt. Erst ab 1928 erscheint er als selbständiger Kaufmann in den Berliner Adressbüchern, der in seinem Geschäft in der Königsberger Straße Manufakturwaren und Strümpfe anbot, während sich seine Wohnung in diesen Jahren in der Fürst-Hohenlohe- bzw. Fürst-Bismarck-Straße in Friedrichsfelde befand.

Der letzte Eintrag für Fritz Eichwald im Berliner Adressbuch 1939
Der letzte Eintrag für Fritz Eichwald im Berliner Adressbuch 1939

Auch im Dritten Reich führte der unverheiratet gebliebene Fritz Eichwald sein Geschäft weiter und konnte es trotz der zunehmenden Verfolgung anscheinend noch bis zur Pogromnacht im November 1938 fortsetzen. Sogar 1939 erscheint er noch mit seiner bisherigen Wohnadresse im Berliner Adressbuch sowie mit einem Geschäft für Damenkleidung in der Skalitzer Straße, das ihm aber sicher wegen des Ausschlusses der Juden aus dem Geschäftsleben nichts mehr einbringen konnte.

Zu dieser Zeit hatte sein Bruder Kurt Deutschland bereits im Mai 1938 verlassen und war nach einem Umweg über Kuba im Juni 1938 in die USA gelangt, wohin er seine Frau und seine Kinder im April 1939 nachholen konnte und wo er dann in Zanesville, Ohio, bis zu seinem Tod am 31.8.1948 wieder als Arzt arbeitete.

Auch Fritz Eichwald bereitete seine Auswanderung vor. Laut Gedenkbuch emigrierte er am 13.3.1939 nach Frankreich.2 Auf unbekanntem Weg gelang es ihm, eine (touristische) Einreisebewilligung für Kuba zu erwerben, die der Generaldirektor der kubanischen Einwanderungsbehörde Manuel Benitez Gonzalez für 124 Dollar sowie ein zusätzliches Bestechungsgeld an die schutzsuchenden Juden verkaufte, die für die offiziell als Vergnügungsreise deklarierte Fahrt mit dem Luxusliner Saint Louis nach Havanna außerdem 800 RM (1. Klasse) bzw. 500 RM (2. Klasse) zu entrichten hatten. Dazu waren 230 RM für die Rückfahrt zu hinterlegen.

Die <i>Saint Louis</i> am 13. Mai 1939 bei der Abfahrt aus dem Hamburger Hafen
Die Saint Louis am 13. Mai 1939 bei der Abfahrt aus dem Hamburger Hafen

Am 13. Mai 1939 machte sich die Saint Louis von Hamburg aus mit 899 Flüchtlingen, zu allermeist Juden aus Deutschland, auf die Überfahrt nach Kuba, ironischerweise traditionell begleitet von dem Lied „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus“. Bei einem Zwischenhalt in Cherbourg stiegen weitere 38 Passagiere zu, unter ihnen vermutlich auch Fritz Eichwald. Am 27. Mai erreichte die Saint Louis Havanna und ging auf der Reede vor Anker.

Inzwischen hatte jedoch der kubanische Präsident Federico Laredo Bru die Einreisebewilligungen für ungültig erklärt, und so wurde den Flüchtlingen die Einreise in Kuba verweigert. Hintergrund dafür waren auch von Deutschland aus geförderte antisemitische Demonstrationen und Veröffentlichungen, die Juden seien alle Kommunisten und nähmen den Kubanern darüber hinaus die Arbeitpätze weg. Vergeblich versucht der Kapitän Gustav Schröder die kubanischen Behörden umzustimmen. Nur 29 Passagiere mit gültigen Visa durften in Havanna an Land gehen, dazu zwei weitere aus Krankheitsgründen und einer nach versuchtem Selbstmord.

Die <i>Saint Louis</i> auf der Reede vor Havanna
Die Saint Louis auf der Reede vor Havanna

Am 2. Juni musste die Saint Louis die kubanischen Gewässer verlassen und nahm Kurs Richtung Florida, so dass die Flüchtlinge bereits die Lichter von Miami sahen. Stark unterstützt von der amerikanischen und der internationalen Presse versuchte Kapitän Schröder die Behörden der USA zur Aufnahme der verzweifelten Flüchtlinge zu bewegen, jedoch vergebens, alle Bitten stießen auf taube Ohren. Vielmehr forderten die US-Behörden Kuba auf, die Flüchtlinge aufzunehmen – aus humanitären Gründen. Auch Kanada3, wohin sich Kapitän Schröder ebenfalls wandte, wies alle Bitten auf Ausstellung von Einreisevisa ab, und so musste sich die Saint Louis nach zehn Tagen vergeblicher Hoffnung am 6. Juni 1939 mit den verbliebenen 907 Passagieren wieder auf den Rückweg nach Europa machen.

In Zusammenarbeit mit jüdischen Organisationen und europäischen Regierungsstellen erreichte Kapitän Schröder4 in langen und intensiven Verhandlungen aber immerhin während der Rückfahrt, dass die Passagiere nicht nach Deutschland zurückkehren mussten. Denn vier europäische Länder, Großbritannien, Frankreich, Belgien und die Niederlande, erklärten sich schließlich zur Aufnahme der jüdischen Flüchtlinge bereit. Großbritannien war bereit, 287 Passagiere der Saint Louis aufzunehmen, Frankreich 224, Belgien 214 und die Niederlande 181.

Fritz Eichwald (mitten, mit gestreiften Schlips) bei der Ankunft im Hafen von Antwerpen © JMB Inv.-Nr.: 2009/115/72
Fritz Eichwald (mitten, mit gestreiften Schlips) bei der Ankunft im Hafen von Antwerpen © JMB Inv.-Nr.: 2009/115/72

Am 16. Juni langte die Saint Louis in Antwerpen an, wo die Verteilung der Passagiere auf die aufnahmebereiten Länder stattfand, nachdem sie zuvor auf ausführlichen Fragebögen Auskunft über Freunde und Verwandte in den Ländern, ihre Bemühungen um Auswanderung, ihre Quotennummern für die Einreise in die USA usw. ausgefüllt hatten. Ihnen wurde nur ein tempräres Asyl zugesichert, und sie waren verpflichtet, den ihnen zugewiesenen Wohnort zu akzeptieren.

Die französische Zeitung <i>La Voix du Nord</i> am 21.6.1939 über die Ankunft in Boulogne
Die französische Zeitung La Voix du Nord am 21.6.1939 über die Ankunft in Boulogne
Fritz Eichwald (2. von links, mit kahlem Hinterkopf) bei der Ankunft in Antwerpen © JMB Inv.-Nr.: 2009/115/73
Fritz Eichwald (2. von links, mit kahlem Hinterkopf) bei der Ankunft in Antwerpen © JMB Inv.-Nr.: 2009/115/73

Die für Belgien bestimmten Flüchtlinge wurden am 17. Juni per Zug nach Brüssel geschickt und dort weiterverteilt. Die Flüchtlinge für die Niederlande fuhren am folgenden Tag per Schiff nach Rotterdam, wo sie Unterkunft fanden oder in anderen Flüchtlingslagern untergebracht wurden. Die Flüchtlinge für Frankreich und England wurden gemeinsam mit dem Frachter Rhakotis nach Boulogne-sur-Mer transportiert, wo das Schiff am 20. Juni 1939 anlegte. Während die für Frankreich bestimmten Flüchtlinge dort an Land gingen, fuhr das Schiff am folgenden Tag weiter nach Southampton, von wo die Flüchtlinge per Zug nach London gebracht und von dort weiterverteilt wurden.

Nach einigen Tagen in Boulogne wurden die Flüchtlinge auf verschiedene französische Orte weiterverteilt. 65 wurden nach Le Mans geschickt, 33 nach Laval, etwa 50 nach Paris, 18 in das Dorf Martigny-les-Bains in den Vogesen, etwa 30 Kinder in Kinderheime in Eaubonne et Montmorency in der Nähe von Paris. Die übrigen etwa 20 wurden in zwei kleinere Orte in der Region Poitou im Westen Frankreichs geschickt, wo sie in den kleinen Städten Mirebeau und Loudon in der weiteren Umgebung der Departementhauptstadt Poitiers in Hotels untergebracht wurden.

Das <i>Hôtel de la Promenade</i> in Mirebeau, wo Fritz Eichwald von 1939 bis 1942 untergebracht war
Das Hôtel de la Promenade in Mirebeau, wo Fritz Eichwald von 1939 bis 1942 untergebracht war

Unter ihnen war auch Fritz Eichwald, der die folgenden mehr als drei Jahre im Hôtel de la Promenade in Mirebeau zubrachte. Nur wenige Einzelheiten über sein Leben und das seiner Leidensgenossen sind bisher bekannt, jedoch wurde die Situation dieser Flüchtlinge nach Beginn des Krieges zunehmend schwieriger, und die staatliche Unterstützung zur Unterbringung und zur Lebensunterhalts der Flüchtlinge wurde zunehmend unsicherer. Einigen von ihnen gelang noch die Flucht in den unbesetzten Teil Frankreichs, aber den meisten fehlten dafür die finanziellen Mittel, wie Fritz Eichwald offenbar auch in einem (bisher nicht zugänglichen) Brief an das Hilfskomitee (Comité d’Aide aux Réfugiés) am 22.7.1940 beklagte.5

Mit anderen Unglücklichen konnte Fritz Eichwald bis zum Herbst 1942 in Mirebeau bleiben, bevor er am 16.10.1942 mit insgesamt 231 Juden aus der Umgebung von Poitiers in das französische Sammellager Drancy nördlich von Paris transportiert wurde. Mit dem 42. Transport wurde er von dort am 6.11.1942 nach Auschwitz deportiert und gleich oder bald nach der Ankunft ermordet. Seine Identität konnte erst nach etlichen Jahren geklärt werden, denn auf der Deportationsliste erscheint er (nach Gehör französisch transkribiert) als Fritz Eigewald mit dem Geburtsort Horter.

Fritz <i>Eigewald</i> (Eichwald) auf der Deportationsliste nach Auschwitz, 6.11.1942
Fritz Eigewald (Eichwald) auf der Deportationsliste nach Auschwitz, 6.11.1942

Auch die in Berlin verbliebene Mutter Martha Eichwald geb. Salinger wurde ein Opfer des Holocaust. Sie wurde am 27.8.1942 von Berlin nach Theresienstadt deportiert und von dort am 18.5.1943 zur Ermordung nach Treblinka verschleppt, zwei Tage vor ihrem achtzigsten Geburtstag.

Der Name Fritz Eichwald (<i>Eigewald</i>) auf dem <i>Mémorial de la Shoah</i> in Paris
Der Name Fritz Eichwald (Eigewald) auf dem Mémorial de la Shoah in Paris

1 Bericht über die Israelitische Erziehungsanstalt zu Ahlem bei Hannover für das Jahr 1903. Hannover 1904, S. 14.
2 Die Quelle für die Angabe des Gedenkbuchs ist nicht bekannt.
3 Erst 79 Jahre später entschuldigte sich der kanadische Premierminister Justin Trudeau am 7.11.2018 offiziell für die Weigerung Kanadas, den Flüchtlingen die Einreise zu gestatten: «En 1939, le Canada a refusé 907 réfugiés juifs perçus comme indignes d’avoir un foyer ou notre aide, a-t-il dit aux Communes dans une déclaration solennelle. Je présente en direct les excuses officielles du gouvernement du Canada aux passagers du MS Saint-Louis et à leur famille pour cette injustice.»
4 Kapitän Gustav Schröder wurde 1993 von Israel in die Liste der in Yad Vashem verzeichneten „Gerechten unter den Völkern“ aufgenommen: „Schröder war Kapitän des HAPAG-Passagierschiffs ,St. Louis‘. Das Schiff war 1939 mit über 900 jüdischen Flüchtlingen an Bord von Hamburg nach Amerika gefahren, dort wurden sie aber sowohl von Kuba wie auch von den USA abgewiesen. Zurück in Europa unternahm Schröder alles, um nicht nach Deutschland zurückkehren zu müssen; er erwog sogar, das Schiff vor Großbritannien auf Grund zu setzen. Schließlich erklärten sich verschiedene Länder bereit, die an Bord befindlichen Juden aufzunehmen.“
5 Paul Lévy: Elie Bloch, Etre Juif sous l’Occupation. 1999, Anm. 84.

Fritz Ostkämper, 25.8.2019
e-mail: ostkaemper@jacob-pins.de