Jüdische Bürger in Höxter

Die Fürstenauer Viehhändler Bachmann

Die Vorfahren der Familie Bachmann kamen im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts nach Fürstenau, wo der dort lebende Samuel Bachmann als erster Träger des Namens genannt wird. Nicht klären lässt sich bisher, ob es sich bei ihm vielleicht um einen Verwandten der bereits im 18. Jahrhundert in Holzminden verzeichneten Familie Bachmann handelt. Fürstenau blieb auch in den folgenden Jahrzehnten der Hauptsitz der Familie, so dass dort im Dritten Reich noch zahlreiche Nachkommen lebten, von denen neun in die Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert wurden

Samuel Bachmann hatte aus seinen zwei Ehen mit Hanna Lazarus (oder Grünewald) und Hanne Katz vier Kinder, von denen zwei Töchter in andere Orte heirateten. Die Tochter Minna (✡ 1896) war mit dem in Amelunxen wohnenden Samuel Levi Neustadt (* 1807) verheiratet und hatte mit ihm sieben Kinder. Aus der Ehe von Samuels Tochter Betti mit dem Sandebecker Michaelis Cohn, gingen sechs Kinder hervor. Von der jüngsten Tochter Jette (* 1827) ist bisher nur das Geburtsdatum bekannt.

Samuels Sohn Nathan Bachmann (1819–1896) blieb in Fürstenau und verdiente den Lebensunterhalt seiner wachsenden Familie als Kleinhändler. Nach dem Tod seiner ersten Frau Caroline Keile Judenberg (1810–1857) aus Lüchtringen heiratete er 1857 die in Frohnhausen geborene Eva Löwenstein (1828–1916). Insgesamt zehn Kinder gingen aus den beiden Ehen hervor, die alle, sofern sie nicht vorher starben, mit ihren Kindern und Nachkommen unter die Verfolgung des Dritten Reiches gerieten.

Die Grabsteine für Nathan Bachmann und seine zweite Frau Eva geb. Löwenstein auf dem jüdischen Friedhof in Fürstenau
Die Grabsteine für Nathan Bachmann und seine zweite Frau Eva geb. Löwenstein auf dem jüdischen Friedhof in Fürstenau

Nur der Sohn Jacob (* 1852) aus der ersten Ehe verstarb anscheinend jung, aber alle anderen neun Kinder aus den beiden Ehen Nathan Bachmanns gründeten in den folgenden Jahrzehnten selbst wieder eigene Familien. Vier von ihnen sind auch weiterhin in Fürstenau verzeichnet, während die fünf anderen später verheiratet mit ihren Familien in Orten in der Umgebung lebten.

Nathans Tochter Jette Bachmann verh. Kirchheimer

Todesfallanzeige für Sara Simon geb. Kirchheimer in Theresienstadt
Todesfallanzeige für Sara Simon geb. Kirchheimer in Theresienstadt

Die älteste Tochter Jette (1845–1926) heiratete den in Nieheim lebenden Aron Kirchheimer (1831–1904), der mit seiner ersten Frau Mina Grünewald (1832–1873) bereits acht Kinder hatte. Sieben weitere Kinder wurden in der zweiten Ehe geboren. Das Schicksal dieser 15 Kinder, von denen mindestens fünf bald nach der Geburt starben, ist bisher nicht genauer erforscht.

Fünf von ihnen wurden Opfer des Holocaust. Die in Erfurt mit Samuel Simon verheiratete Sara (1861–1942) wurde ebenso wie die als Böhm verheiratete und nach der Scheidung in Fürstenau wohnende Karoline (Lina) (1873–1944) in Theresienstadt ermordet. Ihre beiden nach Gladbach verzogenen Geschwister Max (1878–1942) und Rosa (1881–1942) wurden nach Riga deportiert und wurden beide am 26.3.1942 ermordet, sicher bei einer der zahlreichen Selektionen. Rosas in Erfurt mit Moritz Steinberg verheiratete Schwester Ida (1876–1942) gab sich nach dem Erhalt des Deportationsbefehls selbst den Tod.

Nathans Tochter Regine Bachmann verh. Judenberg

Nathans zweite Tochter Regine (1847–1932) heiratete den ebenfalls in Fürstenau geborenen Markus Judenberg (1859–1944) und führte dort mit ihm im Haus Nr. 76 ein Lebensmittelgeschäft. Die beiden hatten einen Sohn und eine Tochter, die jedoch beide schon als Kinder starben.

Der von Jakob Judenberg errichtete Grabstein für seine Frau Regine geb. Bachmann, auf dem sicher die Adoptivtochter Carla nach dem Krieg die Namen der ermordeten Familienmitglieder ergänzen ließ
Der von Jakob Judenberg errichtete Grabstein für seine Frau Regine geb. Bachmann, auf dem sicher die Adoptivtochter Carla nach dem Krieg die Namen der ermordeten Familienmitglieder ergänzen ließ

Zudem erkrankte Regine Judenberg schwer, und so führte ihre bereits genannte Nichte Karoline Böhm geb. Kirchheimer in der Folgezeit den Haushalt und blieb auch nach Regines Tod (1932) bei Markus Judenberg, als dieser 1933 seine Nichte Carla Judenberg als Tochter annahm, die bald danach den aus Herne stammenden Max Pins heiratete.

Gemeinsam führten sie das Geschäft bis zur Schließung weiter. Carla und Max Pins wurden am 13.12.1941 nach Riga deportiert. Während Max Pins am 22.12.1944 in Liebau bei einem Bombenangriff umkam, überlebte seine Frau Carla und wanderte 1945 in die USA aus. Karoline Böhm und Markus Judenberg wurden am 31.7.1942 nach Theresienstadt deportiert, von wo Markus Judenberg am 23.9.1942 zur Ermordung nach Treblinka verbracht wurde, während Karoline Böhm am 29.12.1944 in Theresienstadt starb.

Nathans Sohn Samuel Bachmann

Der als drittes Kind Nathan Bachmanns geborene Sohn Samuel (1849–1932) zog 1873 nach der Heirat mit seiner aus Marsberg stammenden Frau Dina (Gella) Kosing (1853–1935) nach Höxter und betrieb neben seiner Tätigkeit als Schächter zunächst in der Grubestraße 5, dann in der Nagelschmiedstraße 6 ein Geschäft mit Kohlen und landwirtschaftlichen Produkten.

Anzeige vom 22.11.1873 u.ö.
Anzeige vom 22.11.1873 u.ö.

Das Geschäft in Höxter bestand bis mindestens zum Ersten Weltkrieg, bis Samuel Bachmann mit seiner Frau und der Tochter Selma nach Marsberg in den Geburtsort seiner Frau zog und dort als Viehhändler und Koscherschlächter in der Straße Weist 10 ein bescheidenes Geschäft betrieb. Die Familie lebte wohl sehr isoliert. Samuel Bachmann starb 1932 in Marsberg, seine Frau drei Jahre später.

Ihre fünf Kinder wurden in Höxter geboren, wo die Tochter Paula (1879–1899) und der Sohn Leopold (1884–1885) jung starben und hier auf dem jüdischen Friedhof begraben liegen.

Der Grabstein für Adolph und Mathilde („Tilla“) Bachmann in Saint Louis
Der Grabstein für Adolph und Mathilde („Tilla“) Bachmann in Saint Louis

Samuel Bachmanns ältester Sohn Adolf (1876–1959) besuchte nach der jüdischen Schule von 1888 bis 1890 das KWG und wanderte 1893 als „Handlungsgehilfe“ mit 17 Jahren in die USA aus, zusammen mit einer etwas älteren Verwandten aus der Familie Kosing seiner Mutter. Dort heiratete er um 1900 die ebenfalls aus Deutschland stammende Mathilda (1876–1942, Geburtsname unbekannt) und lebte in den folgenden Jahrzehnten bis nach 1940 als Lebensmittelhändler in Eau Claire (Wisconsin), wo das Ehepaar (mindestens) die Töchter Gladys und Ruth bekam. Seine Frau Mathilda starb 1942, Adolph 1959 in Saint Louis (Minnesota), wo beide auch begraben liegen.

Samuel Bachmanns zweiter Sohn Norbert (1877–1950) besuchte ebenfalls nach der jüdischen Schule das Höxteraner Gymnasium (1887–1891), musste aber wegen zweimaliger Wiederholung am Ende der Quinta abgehen. Er wurde danach Altwarenhändler und betrieb bis ins Dritte Reich sein Geschäft in der Rosenstraße 15 in Höxter.

Danksagung für die Anteilnahme nach dem Tod von Lea Bachmann, Aufbau 19.3.1943
Danksagung für die Anteilnahme nach dem Tod von Lea Bachmann, Aufbau 19.3.1943

Um 1902 heiratete er die aus Freystadt (Westpreußen) stammende Lea Rosemann (1878–1943), mit der er drei zwischen 1903 und 1916 geborene Kinder hatte. Die Familie verzog später aus Höxter, und Norbert und Lea Bachmann gingen 1935 von Duisburg ins Exil in die USA, wo sie ihre ebenfalls emigrierten Söhnen Julian und Georg wiedertrafen. Lea Bachmann starb 1943 in New York, ihr Mann Norbert 1950.

Selma Bachmann (StA Marsberg)
Selma Bachmann (StA Marsberg)

Samuel Bachmanns gehbehinderte und nach Erinnerung alter Marsberger „etwas wunderliche“ jüngste Tochter Selma (1887–1940) blieb unverheiratet und lebte nach dem Tod der Eltern allein weiter im Haus. In der Pogromnacht 1938 versteckte sie sich vermutlich im Wald, und SA-Leute drangen in das Haus ein und demolierten die Räume. Im Dezember 1938 wurde sie wie die anderen Marsberger Juden zur Auswanderung verpflichtet, fand aber offenbar keine Möglichkeit, auch weil ihr die finanziellen Mittel fehlten. 1939 musste sie das völlig verschuldete Haus verkaufen, blieb aber in Marsberg. Unter unbekannten Umständen wurde sie 1940 in die Marsberger Provinzialheilanstalt eingeliefert und dann am 25.9.1940 übergangsweise in die Heil- und Pflegeanstalt Gießen verbracht. Von dort wurde sie wenige Tage später am 1.10.1940 in das zur Euthanasie-Tötungsanstalt umgewandelte alte Zuchthaus in Brandenburg transportiert und gleich nach der Ankunft ermordet.

Nathans Sohn Alex Bachmann

Der Doppelgrabstein für Alex und Emma Bachmann auf dem jüdischen Friedhof in Fürstenau
Der Doppelgrabstein für Alex und Emma Bachmann auf dem jüdischen Friedhof in Fürstenau

Nathan Bachmanns Sohn Alex (1854–1929) blieb als Viehhändler in Fürstenau, wo er lange Jahre dem Synagogenvorstand angehörte. 1891 heiratete er die ebenfalls in Fürstenau geborene Emma Kohlenstein (1864–1931), wo beide auch starben und auf dem jüdischen Friedhof begraben wurden.

Alex und Emma Bachmann hatten drei Kinder, die alle im Holocaust ermordet wurden. Der älteste Sohn Siegfried (* 1892) trat ebenso wie sein jüngerer Bruder Moritz (* 1895) in den Viehhandel des Vaters in Fürstenau Nr. 101 ein. Mit zwei Pferden beackerten sie dazu auch rund 20 Morgen Land und waren eher wohlhabend. Moritz blieb unverheiratet, während Siegfried 1929 die aus Lichtenau stammende Berta Silberberg (* 1903) heiratete, mit der er im selben Jahr die Tochter Inge (* 1929) bekam.

Die im Herbst 1938 entzogene „Legitimationskarte für Handlungsreisende“ von Moritz Bachmann
Die im Herbst 1938 entzogene „Legitimationskarte für Handlungsreisende“ von Moritz Bachmann

Die Brüder setzten ihren Viehhandel im Dritten Reich zunächst fort, bis ihnen zum Ende September 1938 die Handelserlaubnis entzogen wurde. In der Pogromnacht des 9./10. November 1938 wurden sie festgenommen und nach vorläufiger Inhaftierung im Höxteraner Rathaus bis zum 12.12.1938 im Konzentrationslager Buchenwald interniert. Bei der Verhaftung wurde Siegfried mit einem Dolch ins Gesäß gestochen.

Inge Bachmann (rechts) mit ihren Spielkameraden Kläre und Helmut Löwenstein um 1935
Inge Bachmann (rechts) mit ihren Spielkameraden Kläre und Helmut Löwenstein um 1935

Als den jüdischen Kindern 1939 der Besuch der öffentlichen Schulen verboten wurde, mussten die Eltern für die knapp zehnjährige Inge Bachmann, die bis dahin die Volksschule in Fürstenau besucht hatte, einen Ersatz suchen und schickten sie bis 1941 zur Israelitischen Gartenbauschule in Hannover-Ahlem, die auch von ihren (jüdischen) Fürstenauer Spielkameraden Kläre und Helmut Löwenstein besucht wurde.

In diesen Jahren wurde die wirtschaftliche Lage der Juden immer schwieriger, und sogar für die Schlachtung einer Ziege brauchten sie eine Genehmigung. Am 13.12.1941 wurden Siegfried und Berta Bachmann mit ihrer Tochter Inge und Siegfrieds ledigem Bruder Moritz über Höxter und Bielefeld in das Ghetto in Riga deportiert. Dort verlieren sich ihre Spuren.

Entsprechendes gilt auch für ihre Schwester Frieda (* 1899), die 1927 den Anröchter Viehhändler Max Fritzler (* 1877) heiratete. Weitere Informationen über das Ehepaar sind bisher nicht bekannt. Zusammen wurden sie mit fast 800 Einwohnern aus dem Regierungsbezirk Arnsberg etwa am 28.4.1942 in das Sammellager in der Turnhalle des Spielvereins Eintracht Dortmund gesperrt, wo sie zwei oder drei Tage verbringen mussten, bevor sie am 30.4.1942 in das Ghetto Zamosc (Polen) deportiert und dann vermutlich in Sobibor ermordet wurden. Sie gelten als verschollen.

Nathans Tocher Johanne Bachmann verh. Dillenberg
(Für genauere Informationen siehe Die Viehhändler Dillenberg)

Nathans Bachmanns Tochter Johanne (1857–1936) zog nach der Heirat mit ihrem aus Ovenhausen stammenden Mann Joseph Dillenberg (1844–1916) nach Höxter, wo sich ihr Mann in der Stummrigestraße 45 als Viehhändler niederließ, bis das Geschäft nach seinem Tod von dem ältesten Sohn Julius bis ins Dritte Reich fortgesetzt wurde.

Joseph und Johanne Dillenberg bekamen zehn Kinder, von denen aber vier früh starben. Dazu fiel Sohn Walter (1891–1916) im Ersten Weltkrieg, und die Tochter Emmy (1883–1923) starb wenige Monate nach ihrer Heirat mit dem in Schmalnau geborenen Michael Kupfer (* 1886). Zwei der Kinder wurden Opfer des Holocaust, während zwei andere diesem Schicksal durch die Flucht in Exil entgingen.

Der Sohn Julius (1881–1944) trat nach Besuch der jüdischen Schule und des KWG als Handlungsgehilfe in den Viehhandel des Vaters ein und übernahm ihn nach dessen Tod. Er floh 1937 mit seiner Frau Hertha Weinberg (* 1902) nach Holland, wurde aber von dort am 21.4.1943 nach Theresienstadt deportiert und am 19.10.1944 in Auschwitz ermordet, während seine Frau überlebte.

Johannes Tochter Sofie (1888–1943) heiratete den Castroper Viehhändler Siegfried Blumenthal (1885–1943). Sie flohen 1939 ebenfalls vergeblich mit ihren vier Kindern nach Amsterdam und wurden von dort alle 1942 bzw. 1943 nach Auschwitz bzw. Sobibor deportiert und dort ermordet.

Nur der Sohn Albert (* 1898), der nach dem Abitur am KWG Jura studiert hatte, und seine in Castrop-Rauxel als Kupfer verheiratete Schwester Käthe (* 1896) entgingen dem Holocaust durch die Flucht nach Südamerika.

Nathans Sohn Moses (Moritz) Bachmann

Johannes Bruder Moses (Moritz) Bachmann (1858–1940) besuchte nach der Vorschule am KWG für ein Jahr das Gymnasium und danach vermutlich die Volksschule in Fürstenau. Wie die anderen Familienangehörigen wurde er Viehhändler und verlieh gelegentlich auch Geld im Dorf.

Die Grabsteine für Moritz Bachmann (auf dem Kopf stehend) und seinen Sohn Karl auf dem Friedhof in Fürstenau
Die Grabsteine für Moritz Bachmann (auf dem Kopf stehend) und seinen Sohn Karl auf dem Friedhof in Fürstenau

1898 heiratete er Sara Dillenberg (1870–1904), eine Nichte seines Schwagers Joseph Dillenberg, die aber schon mit 34 Jahren starb. Mit ihr hatte er die Söhne Albert (1899–1944) und Hermann (1901–1943). Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Moses Bachmann in zweiter Ehe die aus Adorf gebürtige Johanna Rosenbaum (1867–1931), und 1906 wurde der Sohn Karl geboren, der aber 1914 mit acht Jahren starb.

Der Sohn Albert besuchte vier Jahre lang das Gymnasium in Höxter und wurde dann Handelsmann wie sein Vater. Er trat ebenso wie sein Bruder Hermann in den elterlichen elterlichen Viehhandel in Fürstenau, Nr. 27 ein, den die beiden nach dem Tod des Vaters übernahmen. Dazu betrieben sie etwas Landwirtschaft und verkauften durch eine Klappe auch Schnaps. Während der etwas kränkliche Hermann Bachmann unverheiratet war, heiratete sein Bruder Albert die in Fritzlar geborene Sidonie Mansbach (1899–1945). Die Ehe blieb kinderlos.

Bitte um Genehmigung zur Schlachtung einer Ziege, 4.12.1940
Bitte um Genehmigung zur Schlachtung einer Ziege, 4.12.1940

Wie die anderen Verwandten verloren auch Albert und Hermann 1938 die Berechtigung zum Viehhandel und mussten ihren Lebensunterhalt mit der Haltung von Ziegen finanzieren, für deren Schlachtung sie die behördliche Genehmigung einholen mussten. Während Albert Bachmann in der Pogromnacht verhaftet und dann bis kurz vor Weihnachten im Konzentrationslager Buchenwald eingesperrt wurde, scheint Hermann davon vermutlich wegen seiner Kränklichkeit verschont geblieben zu sein. Belegt ist aber, dass er ab März 1939 als „Erdarbeiter“ bei der Firma Knop & Sohn in Holzminden arbeitsverpflichtet war. Zusammen wurden Albert Bachmann, seine Frau Sidonie und der Bruder Hermann am 13.12.1941 nach Riga deportiert. Hermann wurde im Sept. 1943 in Auschwitz ermordet, sein Bruder Albert am 12.12.1944 in Stutthof. Dort kam auch seine Frau Sidonie im April 1945 um.

Nathans Tochter Emilie Bachmann verh. Pagener

Nathan Bachmanns Tochter Emilie (* 1860) heiratete 1893 den aus Epe (Gronau) stammenden Itzig Bendix (auch: Isak) Pagener (* 1858) und hatte mit ihm mindestens den Sohn Bendix („Benno“) (1895–1938), der 1931 die Viehhändlertochter Ella Meyer (1904–1999) aus Uchte (Ldkrs Nienburg) heiratete. Während Emilie Pagener offenbar „rechtzeitig“ starb, emigrierte ihr Mann kurzzeitig in die Niederlande, wurde aber dann am 31.7.1942 nach Theresienstadt und am 23.9.1942 zur Ermordung weiter nach Treblinka deportiert.

Seine Schwiegertochter Ella und die Enkelinnen Margot (1932–1942) und Renate (* 1934) entgingen dem Schicksal 1939 durch die Auswanderung nach England. Während Margot dort bei einem Verkehrsunfall starb, konnten ihre Mutter Ella und die Schwester Renate 1946 in die USA einwandern.

Nathans Sohn Hermann Bachmann

Nathans Sohn Hermann Bendix Bachmann (1863–1918) zog mit seiner in Rimbeck geborenen Frau Ferdinande Fischel (* 1882) vermutlich nach der Heirat Anfang des 20. Jahrhunderts nach Höxter. Dort wurden drei Kinder geboren wurden, von denen die älteste Tochter Else (1907–1908) nicht einmal einjährig starb.

Bericht des <i>Sydney Morning Herald</i> über die Ankunft der <i>Johan de Witt</i> (17.3.1947, Anfang)
Bericht des Sydney Morning Herald über die Ankunft der Johan de Witt (17.3.1947, Anfang)

Hermann Bachmann liegt auf dem jüdischen Friedhof in Höxter begraben. Nach seinem Tod blieb seine Witwe Ferdinande vorläufig in Höxter und wohnte mit der jüngsten Tochter Erna (* 1911) in der Luisenstraße 6. Diese zog nach kurzzeitigem Aufenthalt 1929 in Bad Pyrmont 1931 nach Holland, und 1937 folgte auch die Mutter. Über die Odyssee der folgenden Jahre gibt es nur bruchstückhafte Informationen. Die (vermutlich inzwischen verheiratete) Tochter Erna emigrierte anscheinend nach Australien, während die Mutter Ferdinande offenbar versteckt in Holland oder Frankreich das Dritte Reich überlebte. Das holländische Schiff Johan de Witt brachte sie 1947 über Marseille ebenfalls nach Australien. 1958 lebte sie dort in Wentworth, New South Wales.

Ihr Sohn Albert (1909–1942) ging 1923 nach Stadtoldendorf, um dort bei Berthold Heinberg eine Schuhmacherlehre zu machen. 1925 kehrte er zunächst zur Mutter zurück. Verschiedene weitere Stationen folgten, jeweils für wenige Monate (Hannover, Alfeld, Bärwalde/Neumark, Thale/Harz), bis Albert Bachmann dann von 1930 bis 1933 in Bad Wildungen arbeitete.

Im Juli 1933 zog er nach Amsterdam, vermutlich zu seiner Schwester Erna. Dort heiratete er die in Stadthagen geborene Charlotte Asch (1911–1942), die Anfang 1935 in die Niederlande ausgewandert war, und sie bekamen den Sohn Werner Hermann (1936–1942). Nach der Besetzung der Niederlande wurde die Familie 1942 in das holländische Lager Westerbork gebracht und am 15.7.1942 nach Auschwitz deportiert. Dort wurden Mutter und Sohn gleich am 17.7.1942 ermordet, Albert Bachmann laut Todeserklärung vier Wochen später am 14.8.1942.

Nathans Sohn Meier Bachmann

Das Haus von Meier Bachmann (links)
Das Haus von Meier Bachmann (links)

Meier Bachmann (* 1864), der jüngste Sohn Nathan Bachmanns, blieb ebenfalls ins Fürstenau, wo er mit seiner Frau Emma Fischel (* 1877), einer Schwester der genannten Ferdinande, ebenfalls als Viehhändler in einem Bruchsteinhaus in Fürstenau Nr. 61 lebte. Die Ehe blieb kinderlos. Sie hatten eine Kuh im Stall und dazu ein paar Ziegen und Ziegen, lebten aber insgesamt in sehr bescheidenen Verhältnissen.

Zwar blieb Meier Bachmann 1938 wegen seines Alters nach der Pogromnacht eine Inhaftierung in Buchenwald erspart, aber er verlor seine Gewerberechtigung und erscheint in den Akten nur noch als Halter von Ziegen, für deren Schlachtung er natürlich wie die anderen eine Genehmigung beantragen musste.

Aus dem Polizeiprotokoll vom 5.10.1938
Aus dem Polizeiprotokoll vom 5.10.1938

Ebenso wie bei den anderen Juden in Fürstenau wurden auch bei ihm 1938 und 1939 mehrfach die Fenster eingeworfen, so dass er die Gemeinde sogar um Unterstützung bat, „da die Behebung des Schadens sonst über meine finanzielle Kraft geht“ (7.3.1939) – eine Bitte, die sicher abschlägig beschieden wurde. Als letzte Angehörige der Familie in Fürstenau wurden Meier und Emma Bachmann am 31.7.1942 nach Theresienstadt und von dort nach wenigen Wochen am 23.9.1942 zur Ermordung nach Treblinka deportiert.

Fritz Ostkämper, 7.11.2016
e-mail: ostkaemper@jacob-pins.de