Jüdische Bürger in Höxter

Das Photographische Atelier ›Victoria‹ in der Stummrigestraße 4
Das Photographische Atelier ›Victoria‹ in der Stummrigestraße 4

Der Name Ahron taucht in Höxter erst 1902 in einem Seitenzweig der hier ehemals weit verbreiteten Familie Hochfeld auf. Der aus dieser Familie stammende Samuel Hochfeld (1839–1912) hatte sich mit seiner Frau Jeanette Weil (1850-1919) Mitte der 1870er Jahre in Höxter als Uhrmacher niedergelassen und dann um 1900 in der Stummrigestraße 4 das „Photographische Atelier ›Victoria‹“ eröffnet.

Meldekarte von Hilde Ahron
Meldekarte von Hilde Ahron

Nur ihre Tochter Hedwig (* 1880) erreichte das Erwachsenenalter. Sie heiratete 1902 den aus Wunstorf stammenden Armand Ahron (1873–1933), einen Sohn des dortigen Photographen und Malers Eduard Ahron und seiner Frau Rosalie Rosenberg, die 1924 von Wunstorf nach Westfalen zogen.

Armand und Hedwig Ahron gingen zunächst nach Wilhelmshaven, wo die Tochter Gertrud (1903–1991) geboren wurde. 1905 zogen sie dann zu Hedwigs Eltern nach Höxter in die Stummrigestraße 4, hielten sich offenbar aber auch für eine Zeit in Hannover auf, wo die zweite Tochter Hilde Wilhelmine (* 1910) geboren wurde. Von ihr ist nur bekannt, dass sie später in Berlin und Frankfurt war und 1932 oder bald danach nach Paris emigrierte.

Von Armand Ahron fotografiertes Mädchenpaar
Von Armand Ahron fotografiertes Mädchenpaar

In den Jahren der Weimarer Republik führten Armand und Hedwig Ahron das Fotoatelier in Höxter weiter, jedoch meldete sich Armand Ahron 1925 mit zweitem Wohnsitz auch in Hannover an, wo er zumindest für eine Zeit bei seinem Bruder Wilhelm (* 1884) wohnte, der dort bis zu seiner Auswanderung 1930 nach Amerika als Ingenieur arbeitete. Bei seiner Anmeldung in Hannover und auch später gab Armand Ahron als Beruf Photograph an, jedoch scheint er sich in Hannover auf den Handel und vor allem den Tabakgroßhandel verlegt zu haben.

Auch wenn Einzelheiten bisher nicht geklärt sind, scheint Armand Ahron schon bald nach Beginn des Dritten Reiches ein Opfer der rassistischen Verfolgung und Ausgrenzung der Juden geworden sein. Im Juli 1933 wurde er unter dem Vorwurf „gewerblicher Hehlerei“ festgenommen – ob aus tatsächlichen oder erfundenen Gründen ist ungeklärt – und im Gefängnis in Braunschweig inhaftiert. Offenbar verzweifelt über die Haftbedingungen und vielleicht ohne Hoffnung auf baldige Entlassung erhängte er sich dort nach fünf Monaten am 12.12.1933 in seiner Zelle.

Aus dem Häftlingsbuch des Gefängnisses in Braunschweig
Aus dem Häftlingsbuch des Gefängnisses in Braunschweig
Max Israelsohn
Max Israelsohn

Seine Frau Hedwig war in Höxter geblieben und führte das Fotoatelier bis ins Dritte Reich weiter. Die Tochter Gertrud heiratete 1930 den Viehhändler Max Israelsohn (1901–1967) aus einer Vördener Familie, der ebenfalls in das Haus in Höxter einzog. Dort wurde Anfang 1935 die Tochter Suse Anna geboren.

In der Pogromnacht 1938 wurde das Geschäft von den SA-Trupps gestürmt, die dabei das Schaufenster und das Haustürfenster zerschlugen. Max Israelsohn wurde in Vörden verhaftet, wo er sich in der Nacht bei seinen Eltern aufhielt. Er wurde nach Höxter verbracht und dann bis zum 11.1.1939 in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt.

Die Meldekarte der dreijährigen Suse mit dem roten Stempel „J“
Die Meldekarte der dreijährigen Suse mit dem roten Stempel „J“

Das Haus in der Stummrigestraße 4, das seit ihrer Heirat im Besitz von Gertrud Israelsohn war, wurde noch im selben Jahr an die Stadt Höxter verkauft, da es „im Interesse des Verkehrs abgerissen“ werden sollte – ein Verkauf, der sicher auch deshalb betrieben wurde, als Max und Gertrud Israelsohn mit ihrer Tochter Suse durch die Unterstützung der Quäker im Sommer 1939 nach England auswandern konnten. Die Tochter Suse erinnert sich noch plastisch, wie sie sich einmal – vermutlich in der Pogromnacht 1938 – vor den SA- oder SS-Leuten in der Wäschekiste verstecken musste und wie sie bei der Auswanderung auf dem Bahnsteig rennen musste, um ihre Mutter nicht zu verlieren.

Hedwig Ahron geb. Hochfeld
Hedwig Ahron geb. Hochfeld

Hedwig Ahron dagegen musste oder wollte in Höxter bleiben. Sie musste das Haus verlassen und zog im Dezember 1939 in das Gebäude der Synagoge an der Nagelschmiedstraße 8, das in der Folgezeit als „Judenhaus“ viele weitere alte Juden aus Höxter aufnehmen musste. Hedwig Ahron wurde bei der zweiten Deportation aus Höxter am 31.3.1942 in das Ghetto in Warschau verschleppt, wo sich ihre Spuren verlieren.

Der Schwiegersohn Max Israelsohn zog nach kurzem Aufenthalt in London mit seiner Frau Gertrud und der Tochter Suse in den Bezirk Shropshire, wo er sich dem Pionierkorps der englischen Armee anschloss und am Aufbau eines Waffen- und Panzerdepots beteiligt war. Nach dem Krieg arbeitete er in einer Möbelfabrik, bis er 1957 seine Sehkraft verlor. Er starb 1967.

Die Tochter Suse („Sue“) wurde Lehrerin und unterrichtete zunächst in London Englisch und Drama. 1956 lernte sie dort ihren Mann (Jewitt) kennen, den sie 1957 heiratete, und sie zogen nach Wolverhampton, wo ihre 1957 geborene Tochter Debbie aufwuchs.

Als ihre Großmutter Gertrud Israelsohn alt wurde und in ein Pflegeheim ziehen musste, wo sie 1991 starb, übernahm die Enkelin Debbie das Haus in Shropshire, bis sie dann mit ihrem inzwischen geheirateten Mann (Poole) auf die Insel Skye in Schottland zog, wohin ihnen vier Jahre später auch ihre Mutter Suse folgte.

Debbie Poole zog schließlich mit ihrem Sohn Daniel (* 1989), der inzwischen sein Studium für Religionskunde und Geschichte für das Lehramt abgeschlossen hat, nach Perthshire, und 2011 kam auch Suse Jewitt dorthin nach. 2013 konnte die Familie zusammen die Hochzeit ihres Enkels Daniel Poole feiern.

Suse Jewitt mit dem Enkel Daniel Poole, seiner Frau und dem Brautvater (2013)
Suse Jewitt mit dem Enkel Daniel Poole, seiner Frau und dem Brautvater (2013)

Die grausamen Erfahrungen des Dritten Reichs sind in der Familie nicht vergessen, vorherrschend ist jedoch die Hoffnung, wie Debbie Poole schrieb: „Ich bleibe eine unerschütterliche Optimistin, denn ich glaube, die meisten Menschen sind gut und haben aus der Geschichte gelernt; aber ich habe den Eindruck, dass es leider nicht genügend Politiker und politisch Verantwortliche gibt, die diese Lektion ebenfalls gelernt haben. Vielleicht ist es wichtiger, dass wir einfachen Menschen es anders machen, wo wir können – gerade wie du es getan hast.“

Die Geschwister von Armand Ahron

In Kurzform sei hier auch das Schicksal der fünf Geschwister von Armand Ahron berichtet, die alle in Wunstorf geboren wurden. Die beiden Brüder Emil (1881–1918) und Max (1882–1917) fielen im Ersten Weltkrieg. Max‘ Frau Bertha Altgenug starb anscheinend vor dem Holocaust. Von den drei Kindern wurde der in die Niederlande und nach Belgien emigrierte Sohn Kurt 1942 zur Ermordung nach Auschwitz deportiert.

Der Bruder Oskar (* 1877), der wie der Vater und der Bruder Armand Photograph geworden war, floh mit seiner Frau Jeanette Vogelsang (* 1883) und der verheirateten Tochter Margot Pauline nach Amsterdam. Von dort wurde die ganze Familie im Februar 1942 über das Lager Westerbork nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Ebenso floh auch die Schwester Gertrud (* 1878) mit ihrem Mann Jakob Wolf 1941 nach Amsterdam. Sie wurden am 1.9.1943 über das Lager Westerbork zunächst nach in das KZ Bergen-Belsen deportiert, dann am 25.1.1944 in das Ghetto Theresienstadt verschleppt und schließlich am 9.10.1944 nach Auschwitz deportiert, wo beide ermordet wurden. Das Ehepaar hatte mindestens ein Kind, das nach Palästina fliehen konnte. Mindestens eine Enkelin lebte heute in Israel.

Armand Ahrons jüngster Bruder Wilhelm (Willi, Willy) (* 1884) wurde Ingenieur und lebte mit seiner Frau Henriette (Henny) und der 1920 geborenen Tochter Ingeborg in Hannover, wo er zeitweise auch seinen Bruder Armand aufnahm. Vermutlich wegen der schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse und der Arbeitslosigkeit in Deutschland wanderte die Familie am 16.12.1930 mit dem Zielort Washington D.C. über Bremen in die USA aus.

Fritz Ostkämper, 13.10.2015
e-mail: ostkaemper@jacob-pins.de