Jüdische Bürger in Höxter

Familie Frohsinn aus Bruchhausen

Obwohl die Familie Frohsinn offenbar zu den sehr alt eingesessenen Familien im hiesigen Raum zählt, ist über ihre Lebensumstände und Berufe oft wenig überliefert, und manchmal sind nur die Lebensdaten bekannt. Schon im ersten Drittel des 18. Jahrhundert wohnten Angehörige der Familie in Bruchhausen, und Nachkommen findet man später auch vor allem in Ovenhausen, Höxter, Brakel und in den USA.

Bereits 1735 ist die Geburt einer Jütte Frohsinn in Bruchhausen belegt, die offensichtlich zwei Brüder hatte. Über ihrem Bruder Itzig ist jedoch nur bekannt, dass seine Tochter Brendel mit dem Ottberger Feibelmann Gumpert Netheim (* 1770) verheiratet war. Diese Brendel wurde dort so zur Stammutter der Familie Netheim (siehe hier).

Leffmann Frohsinn, Jüttes anderer Bruder, lebte mit seiner aus Bösingfeld stammenden Frau Bela (* 1741) in Bruchhausen, wo die vier Kinder geboren wurden. Auf ihn und seine Söhne Soistmann und Jonas gehen die späteren Träger des Namens Frohsinn zurück.

Der Grabstein für Ella Frohsinn auf dem Friedhof in Brakel
Der Grabstein für Ella Frohsinn auf dem Friedhof in Brakel

Leffmanns Tochter Esther (1780–1855) war verheiratet mit dem in Erkeln und Brakel Handel treibenden Abraham Katz (1777–1853). Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor, von denen der Sohn Salomon Katz (1811 – vor 1888) in die USA auswanderte, wo er die ihm aus Erkeln nachgereiste Nichtjüdin Theresia Kuhlemann (1824–1890) heiratete, während seine Schwester Hanne (1813–1849) in Brakel bzw. Erkeln mit Selig Hakesberg (1817–1883) verheiratet war. Bei diesem Schwiegersohn Esthers lebte auch ihre unverheiratete Schwester Ella (1778–1855) bis zu ihrem Tod. Beide Schwestern wurden auf dem jüdischen Friedhof in Brakel begraben.

Soistmann Frohsinn und seine Nachkommen

Die beiden Söhnen Leffmann Frohsinns blieben in Bruchhausen. Soistmann (1766–1836), der ältere, hatte mit seiner aus Ovenhausen stammenden Frau Brendel Katz (1774–1835) fünf Kinder, von denen ein Sohn früh starb. Ihre älteste Tochter Zipora (1802–1842) heiratete den Beverunger Samuel Udewald (1798–1878) und hatte mit ihm fünf Kinder, deren Schicksal hier nicht untersucht wird. Zipora starb eine Woche nach der Geburt des jüngsten Kindes, worauf ihr Mann ihre jüngere Schwester Johanna Frohsinn (* 1810) heiratete.

Heiratseintrag für Salomon Frohsinn und Rike Katz im Zivilstandsregister (25.4.1838)
Heiratseintrag für Salomon Frohsinn und Rike Katz im Zivilstandsregister (25.4.1838)

Soistmanns Sohn Salomon Frohsinn (1813–1874) blieb bis zu seinem Tod in Bruchhausen und war schließlich nach dem Wegzug aller anderen Angehörigen der Familie der letzte Jude in Bruchhausen. Er heiratete 1838 die aus Ovenhausen stammende Rike Katz (1805–1869). Von den vier Kindern starb der Sohn Soistmann (* 1839) früh, während sein Bruder Samuel (* 1849) unverheiratet blieb. Sein Grabstein trägt als Inschrift die Verse: „Hier ruht in Frieden Samuel Frohsinn / Sein irdisches Leben war nicht viel / Nach himmlischem Genuß war sein Ziel.“

Die Identität von Salomons Tochter Jütte, (* 1840) ist nicht geklärt, und vielleicht ist sie identisch mit der etwas älteren Verwandten Henriette (* 1835), die 1872 in die nach Philadelphia auswanderte (s.u). Ihre Schwester Elisabeth Karoline (Betti) (* 1845) heiratete jedenfalls den katholischen Bruchhäuser Bauern Carl Heinrich Wendt (* 1847) und trat zum Katholizismus über. Nachkommen leben noch heute in Bruchhausen.

Der Grabstein für Edel Eichholz geb. Katz verw. Frohsinn, heute außerhalb des Friedhofs in Ovenhausen
Der Grabstein für Edel Eichholz geb. Katz verw. Frohsinn, heute außerhalb des Friedhofs in Ovenhausen

Isaak Frohsinn (✡ 1849), der weitere Sohn Soistmanns, dürfte um 1810 geboren sein. Er heiratete 1843 die Ovenhauserin Edel Katz (1811–1881), eine Tochter des Schlächters Levi Katz. Bis 1855 befand sich im Haus der von der jüdischen Gemeinde für 5 Tlr angemietete Gebetsraum. Das Ehepaar hatte vier Kinder. Isaak starb jedoch noch vor der Geburt des jüngsten Sohns, und seine Witwe heiratete daraufhin Jonas Eichholz (1828–1899) aus Völsen.

Von den Kindern Isaaks und Edels war die Tochter Brendel (1844–1923) in Delmenhorst mit Wolff Calmer Engländer (1840–1910) verheiratet, während ihre Schwester Bertha (Bele) (1848–1886) 1883 den Ovenhäuser Levi Uhlmann (1849–1927) heiratete, aber schon nach drei Jahren starb, wenige Monate nach der Geburt des Sohns Isidor. Über den Bruder Levi (* 1846) ist nichts Weiteres bekannt.

Der nach seinem Vater benannte Sohn Isaak (1850–1896) heiratete die aus Beverungen stammende Therese Udewald (* 1857) und zog zwischen 1880 und 1885 nach Höxter, wo die beiden fünf Kinder bekamen, von denen die Tochter Frieda (1886–1896) neunjährig starb und auf dem Friedhof in Höxter begraben wurde, ebenso wie wenig später ihr Vater. Seine Frau verzog offenbar aus Höxter und lebte vermutlich in Elberfeld.

Fragmente der Grabsteine des Vaters Isaak Frohsinn und seiner Tochter Paula
Fragmente der Grabsteine des Vaters Isaak Frohsinn und seiner Tochter Paula
Frohsinn, Paula Grabstein

Während über Isaak und Therese Frohsinns Tochter Grete (* 1890) keinerlei Informationen vorliegen, wurden die anderen drei Kinder Opfer des Holocaust. Die ledige Tochter Ella (* 1885), die vermutlich in Peine lebte, zog später zu ihrem inzwischen in Bielefeld-Schildesche wohnenden Bruder Leopold. Sie wurde am 2.3.1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Personalkarte für den Lehrer Leopold Frohsinn
Personalkarte für den Lehrer Leopold Frohsinn
Leopold Frohsinn
Leopold Frohsinn

Dieser Leopold Frohsinn (* 1888) wurde Lehrer. Er schloss seine Ausbildung am Israelitischen Lehrerseminar in Kassel 1908 und 1910 mit den Lehramtsprüfungen ab und arbeitete danach in Essen. 1924 ging er für ein Jahr zum Sprachstudium in die USA und kehrte danach zunächst nach Essen zurück. 1929 wechselte er zur jüdischen Schule in Moers, wo er das dortige Memorbuch ins Deutsche übertrug. Aus seiner Ehe mit der in Gelsenkirchen geborenen Änne Hoffmann (* 1897) ging 1929 die Tochter Doris hervor.

Im Dritten Reich wurde die Arbeit an der Schule zunehmend schwieriger. So wies der Bürgermeister 1938 Frohsinns Antrag, ihm aus städtischen Bestand eine Schultafel zur Verfügung zu stellen, aus „grundsätzlichen Erwägungen“ ab. Als er nach der Pogromnacht vom 11.–18.11.1938 „in Schutzhaft genommen“ wurde, forderte ihn der Bürgermeister anschließend zynisch auf zu erklären, warum denn der Unterricht ausgefallen sei.

Im Juli 1939 wurde Frohsinn zwangsweise in den Ruhestand versetzt und ging darauf an die jüdische Volksschule in Bielefeld, wo die Familie anscheinend in Schildesche wohnte. Von dort wurde er mit Frau und Tochter am 31.3.1942 nach Warschau und dann nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Auch Leopold Frohsinns jüngste Schwester Sophie (* 1893) fiel dem Holocaust zum Opfer war. Sie war seit 1926 mit dem aus Tycsin (Galizien) stammenden und in Siegen lebenden Markus Landesmann (* 1889) verheiratet und hatte dort mit ihm zwei Kinder. Der Sohn Kurt (* 1928) besuchte ab 1937 die Israelitische Gartenbauschule in Hannover-Ahlem und wurde am 15.12.1941 von dort nach Riga deportiert. Er ist dort verschollen. Die Eltern flohen mit der elf Monate alten Tochter Ruth (* 1938) Ende 1938 nach Polen, wurden aber von dort über das Ghetto Lodz in das Vernichtungslager Chełmno deportiert und am 10.2.1942 ermordet.

Der Grabstein von Edel Frohsinn geb. Nussbaum in Brakel
Der Grabstein von Edel Frohsinn geb. Nussbaum in Brakel

Jonas Frohsinn und seine Nachkommen

Jonas (1768–1845), der zweite Sohn von Leffmann Frohsinn, blieb mit seiner aus Salzkotten gebürtigen Frau Edel (Adelheid) Nussbaum (1785–1870) in Bruchhausen, wo die elf Kinder geboren wurden, verzog aber später mit der Familie nach Brakel. Viele seiner Nachkommen lebten später in den USA.

Ein Sohn Moses (1808–1811) verstarb mit noch nicht einmal drei Jahren, eine Tochter Gsela/Bela (1818–1819) noch nicht einjährig, und von den Töchtern Brendel (* 1823), Rieke (* 1826) und Jette (* 1828) ist nur das Geburtsjahr bekannt. Auch über andere Kinder gibt nur wenige Informationen, so etwa dass die älteste Tochter Hanna (* 1807) mit ihrem Mann Wolf Eisenstein in Alme (Brilon) lebte. Ihre jüngere Schwester Sara (1809–1888) wohnte ebenso wie der Bruder Abraham (1820–1850) unverheiratet in Brakel, während die Schwester Röschen (1816–1899) mit Levi Netheim (1804–1875) verheiratet war, dessen Familie in Ovenhausen einen Lebensmittelhandel besaß (siehe hier).

Bei der Identifizierung von Jonas Frohsinns Sohn Levy (1811–1887) gibt es leichte Unsicherheiten. Er ist aber sicher identisch mit dem 38-jährigen Lefmann Frohsinn, der in Bruchhausen eine Färberei betrieb und dort mit seiner unbekannten, aus Würzberg/Hessen stammenden Frau die Kinder Philopena (Bienchen, Pina) (1832–1894), Henrietta (1835–1895) und Salomon (ca. 1838 – 1895) bekam. Leffmanns erste Frau starb jedoch, und auch seine zweite Frau Rebecca, über die nichts Weiteres bekannt ist, starb offenbar bald.

Wohl auf diesem Hintergrund stellte Leffmann Frohsinn 1850 den Antrag auf Zuzug in Steinheim in der Hoffnung, „in der Stadt [s]ein Geschäft vorteilhafter betreiben zu können.“ Das gelang aber wohl nicht, und so zog er 1851 für vier Jahre nach Vörden, von wo die Tochter Philopena (Bienchen) 1854 in die USA auswanderte und später in Philadelphia mit dem ebenfalls aus Deutschland stammenden Meyer Stern (1842–1909) verheiratet war.

1855 wanderte auch ihr Vater Leffmann nach Amerika aus, machte sich dabei aber vier Jahre jünger, ebenso wie auch in späteren Jahren. Dort lebte er, jetzt unter dem Namen Louis, in den folgenden Jahrzehnten in Philadelphia. Er heiratete seine dritte Frau Helena (ca. 1835 – 1899) aus der Familie Neustadt in Amelunxen. Die beiden hatten die Kinder Jonas (* ca. 1865), Amanda (1867–1944) und Samuel (1870–1910), deren Nachkommen noch heute in den USA leben.

Der Grabstein von Salomon Frohsinn in Brakel
Der Grabstein von Salomon Frohsinn in Brakel

Auch Jonas Frohsinns Sohn Salomon (1814–1895) verließ Bruchhausen und lebte mit seiner in Bückeburg geborenen Frau Julie Levison (1825–1910) in Brakel, wo auch ihre sieben Kinder geboren wurden. Der Sohn Salomon starb vermutlich als Kleinkind, und die Tochter Bertha (1861–1929) wohnte später unverheiratet in Brakel. Der um 1860 geborene Sohn Levi heiratete die aus Rhoden (Hessen) stammende Rosa Stern (* 1876) und lebte mit ihr in Brakel, wo er vermutlich auch starb. Seine Frau zog offenbar nach seinem Tod in die Nähe ihres Geburtsorts nach Wrexen, wo sicher Verwandte lebten, und wurde im Dritten Reich am 7.9.1942 über Kassel nach Theresienstadt und dann am 29.9.1942 zur Ermordung nach Treblinka deportiert. Ihrem Sohn Julius (1906–1980) gelang dagegen 1938 mit seiner aus Bonenburg stammenden Frau Mary Bierhoff (* 1917) rechtzeitig die Flucht in die USA.

Cecelia Frohsinn
Cecelia Frohsinn
Ida Frohsinn
Ida Frohsinn

Die Emigration Julius Frohsinns und seiner Frau in die USA wurde sicher dadurch erleichtert, dass dort bereits seit dem 19. Jahrhunderts zahlreiche Angehörige der Familie Frohsinn lebten, denn von den sieben Geschwistern seines Vaters Levi waren drei Brüder zwischen 1875 und 1890 nach Amerika gegangen, Jonas, Abraham und Isaak, und 1890 bzw. 1894 zogen auch noch deren ledige Schwestern Cecelia (Zelli) (1867–1949) und Ida (1857–1938) nach Philadelphia in die USA. Letztere war nach dem Tod ihrer Cousine Philopena die zweite Frau des bereits genannten Meyer Stern (s.o.).

Jonas Frohsinn
Jonas Frohsinn

Jonas Frohsinn (1855–1949) ging vor 1877 in die USA. Er wurde Kaufmann und betrieb später in Atlanta gemeinsam mit Charles H. Simon ein Kurzwarengeschäft. 1888 heiratete er in Fulton (Georgia) die vermutlich ebenfalls aus einer deutschen Familie stammende Rosette Silbermann (1871–1923) und hatte mit ihr die Töchter Rita (1890–1930), Hazel (* um 1894) und Adele (* 1901), deren Nachkommen noch heute in den USA verzeichnet sind. 1927/28 besuchte Jonas Frohsinn als Witwer noch einmal seine Heimat in Deutschland.

Abraham Frohsinn
Abraham Frohsinn

Abraham Frohsinn (1864–1942) ging schon 1877 als 13-Jähriger in die USA, wo er zunächst in Philadelphia bei seiner Cousine Philopena verh. Stern und ihrer Familie in Philadelphia wohnte (s.o.). Dort war er auch später mit Israel Siedenbach Inhaber eines Spirituosengroßhandels, den er ab 1904 allein weiterführte. 1896 heiratete er die in Philadelphia geborene Julia Eichholz (1869–1930) aus einer deutschen Familie und hatte mit ihr die Tochter Margarita Julia (* 1896). Die ab 1920 in den USA geltende Prohibition brachte Abraham Frohsins Spirituosenhandel zum Erliegen, und über die späteren Jahre ist nur bekannt, dass er 1935 und 1939 zu Besuchen nach Deutschland kam.

Frohsin’s Department Store in Alexander City zwischen den Kriegen
Frohsin’s Department Store in Alexander City zwischen den Kriegen

Isaak („Ike“) Frohsinn (1865–1922) wanderte 1883 als Kaufmannsgehilfe in die USA aus und ging nach Alexander City (Alabama). 1891 kaufte er dort das Geschäft der Brüder Herzfeld, von dem er bereits zuvor die Hälfte erworben hatte, und führte es unter dem Namen Frohsin’s Department Store weiter. Neben Hüten, Arbeits- und Knöpfschuhen, Korsetten, Unterwäsche und Bettzeug wurden dort auch Möbel angeboten. 1897 heiratete er die aus Giershagen (Marsberg) stammende Emma Hagedorn (1865–1946), und 1898 bis 1906 wurden in Alexander Citty (Alabama) die vier Kinder Clara, Lene, Ralph und Lewis geboren, die das heute noch unter gleichem Namen bestehende Geschäft nach dem Tod ihres Vaters gemeinsam weiterführten. Direktor ist heute Isaacs Enkel Ralph Frohsin Jr.

Fritz Ostkämper, 2.12.2015
e-mail: ostkaemper@jacob-pins.de