Jüdische Bürger in Höxter

Die Metzgerfamilie Ransenberg

Die Metzgerfamilie Ransenberg trug ihren Namen nach dem in der Nähe von Menschede im Sauerland gelegenen Hohen Ransenberg (593 m), wo die Familie bereits im 18. Jahrhundert verzeichnet ist. Das Sauerland (Kalle, Wennemen, Eslohe, Allendorf, Wenholthausen…) blieb offenbar auch im 19. und bis ins 20. Jahrhundert das Hauptwohngebiet der Familie, deren Nachkommen sich aber auch im Ruhrgebiet (Dortmund, Herne, Essen…) und dann auch in anderen Gegenden Deutschlands ansiedelten. So findet man Nachkommen später etwa in Wiesbaden, Köln, Neuwied, Berlin und auch in Borgholz und Höxter.

In Höxter gibt es bereits Anfang des 19. Jahrhunderts den ersten Hinweis auf eine wohl in Fürstenau lebende, aber ansonsten nicht belegte Familie Ransenberg, denn 1810 feierte dort der im Übrigen unbekannte Isaak Schlome Ransenberg (* 1798) seine Bar Mizwa.

Zu einer dauerhaften Ansiedlung im Raum Höxter kam es jedoch wohl noch nicht, und bis nach der Mitte des 19. Jahrhunderts findet man keine Hinweise auf eine Anwesenheit der Familie in der Umgebung von Höxter. Erst nach dieser Zeit gibt es dann zunächst in Stahle und im nahen Papenhöfen zwei Familien Ransenberg. Die Verwandtschaftverhältnisse sind nicht geklärt. Dasselbe gilt auch für die beiden Familien Ransenberg, die in der Folgezeit in Höxter lebten.

Die Familien Moses und Hermann Ransenberg

Vermutlich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zog der bis dahin als Schlachter in Kalle lebende Moses Ransenberg (1822–1902), dessen erste Frau Sara Dalheim offenbar gestorben war, mit seiner aus Madfeld stammenden zweiten Frau Jenni Goldschmidt (1844–1914) als Lumpensammler nach Stahle, wo sich der Sohn Hermann nach seiner Heirat niedergelassen hatte. Auch andere Verwandte werden zumindest kurzzeitig in Stahle genannt.

Auch Moses‘ uneheliche Tochter Mina lebte in Stahle und bekam dort selbst 1884 die unehelich geborene Tochter Sara (Selma). Diese heiratete 1911 den in Düken geborenen Hermann Fröhlich (1884–1931) und lebte mit ihm in Stadtoldendorf, wo auch die Kinder Elisabeth (1913–1960) und Leo (* 1922) geboren wurden. 1929 wurde die Ehe geschieden. Während die anscheinend nichtjüdisch als Zems verheiratete Elisabeth das Dritte Reich überlebte, wurde ihr Bruder Leo am 15.12.1941 nach Riga deportiert und ermordet.

Anzeige des Sohns Hermann Ransenberg beim Tod seines Vaters Moses, 18.3.1902
Anzeige des Sohns Hermann Ransenberg beim Tod seines Vaters Moses, 18.3.1902

Moses Ransenberg starb 1902 in Stahle, und seine Frau Jenni zog später zu der Tochter Mina oder deren unehelicher Tochter Selma Sara in Stadtoldendorf. Jenni Ransenberg starb 1914 in Stadtoldendorf.

Der Anlass des Umzugs Moses Ransenbergs nach Stahle dürfte die Heirat seines in Kalle geborenen Sohns Hermann Herz Ransenberg (1855–1930) sein, denn dieser zog 1881 bei seiner Heirat mit der in Stahle geborenen Regina (Rica) Isenberg (1867–1903) in deren Geburtsort, um dort als Schlachter zu arbeiten. Diese erste Ehe blieb jedoch wohl kinderlos.

Vermutlich bald nach der Jahrhundertwende zog Hermann Ransenberg von Stahle nach Höxter, und er war hier in zweiter Ehe mit der aus Borgholz stammenden Rosalie Stern (1871–1917) verheiratet. Das Ehepaar wohnte zunächst in der Westerbachstraße 31, wo auch die beiden Söhne Max (* 1904) und Siegfried (* 1907) geboren wurden.

Anzeige vom 22.12.1914
Anzeige vom 22.12.1914

Hermann Ransenberg betrieb dort eine offensichtlich kleine Metzgerei, die er später in die Neue Straße 16 verlagerte und wohl bald nach dem Ersten Weltkrieg aufgab (vielleicht aus Krankheitsgründen?), und 1922 wird ein Albert Gottschalk als Inhaber genannt wird.

Fragment des Grabsteins von Rosalie Ransenberg
Fragment des Grabsteins von Rosalie Ransenberg

Hermann Ransenberg blieb auch nach dem Tod seiner Frau Rosalie (1917) zunächst noch dort wohnen, bis er nach kürzeren Zwischenaufenthalten in Benninghausen, beim Sohn Siegfried in Berlin und im Marienstift in Höxter 1927 zu Verwandten nach Dortmund zog. Dort starb er 1930.

Die beiden Söhne verließen Höxter. Der ältere Sohn Max (* 1904) wurde Schlachter. Er ging 1919 nach Brilon und war später in Berlin, von wo das Bezirksamt Friedrichshain 1929 in Höxter wegen seiner Adresse nachsuchte. Er wurde am 6.3.1943 von Berlin aus nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Sein jüngerer Bruder Siegfried (1907–1978) zog 1922 nach Markoldendorf und kehrte nur kurzzeitig nach Höxter zurück. Er lebte später in Berlin und konnte im Dritten Reich 1938 noch rechtzeitig aus Deutschland nach Montevideo (Uruguay) fliehen, von wo er später ins benachbarte Argentinien ging. Dort heiratete er eine Meta Rochen. Nach seinem Tod wurde er in Buenos Aires neben seiner 1970 gestorbenen Frau auf dem jüdischen Friedhof Tablada begraben. Die verwandtschaftlichen Beziehungen zu anderen nach Argentinien emigrierten Träger des Namens Ransenberg lassen sich aus der Ferne nicht klären.

Die Familie Selig Ransenberg

Wenige Jahre nach dem Zuzug Moses Ransenbergs und seines Sohns Hermann in Stahle zog 1887 der in Dortmund-Dorstfeld geborene Selig (Sali/Sally) Ransenberg (1861–1942) bei seiner Heirat mit der Fürstenauerin Betty Judenberg (1853–1912) in die Albaxer Straße 28a nach Höxter, wo er zunächst als Schlachter arbeitete, aber später als Buchhalter genannt wird. Das Ehepaar hatte vier Töchter und zwei Söhne, die zwischen 1888 und 1901 geboren wurden.

Nur die unverheiratete älteste Tochter Frieda (* 1890) blieb auf Dauer in Höxter, vermutlich um nach dem Tod der Mutter ihren Vater in den folgenden Jahrzehnten zu versorgen. Zusammen zogen sie (vielleicht nach Kündigung ihrer Wohnung) Anfang 1937 zur Familie Netheim in die Rosenstraße 2, wo Selig Ransenberg in der Pogromnacht 1938 verhaftet, aber wegen seines Alters nicht nach Buchenwald verschleppt wurde.

Todesfallanzeige für Selig Ransenberg in Theresienstadt
Todesfallanzeige für Selig Ransenberg in Theresienstadt

Nachdem Selig und Frieda Ransenberg im September 1939 zur Familie Dillenberg in die Stummrigestraße 47 gezogen waren, hielten sie sich im Sommer 1940 und 1941 jeweils für mehrere Wochen in Dortmund auf, vielleicht um mit den dortigen Familienangehörigen nach Möglichkeiten zur Auswanderung zu suchen. Zum 1.5.1942 wurden sie dann zwangsweise in das „Judenhaus“ der Synagoge an der Nagelschmiedstraße eingewiesen. Während Frieda Ransenberg von dort am 11.7.1942 zur Ermordung nach Auschwitz deportiert wurde, wurde ihr 81-jähriger Vater Selig am 31.7.1942 nach Theresienstadt verschleppt, wo er am 18.9.1942 umkam, der Todesfallanzeige nach an einer Lungenentzündung.

Auch die Tochter Jenny (Henny) (* 1892) wurde ein Opfer des Holocaust. Sie ging zunächst als Verkäuferin nach Warburg und dann nach wenigen Monaten in Höxter 1922 nach Paderborn. Von 1925 bis 1928 war sie in Hildesheim, bevor sie wieder nach Paderborn zog. In diesem Zeitraum heiratete sie den in Bünde geborenen Naturheilpraktiker Arno Katz (* 1893), der 1931 für wenige Monate in Arolsen eine Naturheilpraxis betrieb, mit dem sie aber vier Monate später wieder nach Paderborn zurückkehrte.

Zwar gelang es dem Ehepaar 1938 im Abstand von drei Monaten nach Belgien zu fliehen, jedoch wurden sie nach der Besetzung Belgiens festgenommen und in der Dossin-Kaserne in Mechelen (Malines) inhaftiert. Von dort wurden sie am 19.4.1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Arno Katz, Jenny Katz geb. Ransenberg – die Kazerne Dossin 1942 bei der Deportation von Juden
Arno Katz, Jenny Katz geb. Ransenberg – die Kazerne Dossin 1942 bei der Deportation von Juden

Selig Ransenbergs Töchter Karoline (Lina) (* 1894) und Elly (* 1896) scheinen einem solchen Schicksal entkommen zu sein. Lina wurde in Herdecke Verkäuferin und ging 1923 nach wenigen Monaten in Höxter nach Korbach. Elly, ebenfalls Verkäuferin, kehrte 1926 kurzzeitig aus Essen-Borbeck nach Höxter zurück und zog dann nach Dortmund. Weitere Informationen fehlen.

Hermann Ransenberg 1901 als Schüler
Hermann Ransenberg 1901 als Schüler

Bekannt ist dagegen das Schicksal der beiden Söhne. Hermann (1888–1917), der älteste, besuchte nach der jüdischen Schule von 1899 bis 1903 das Gymnasium, ging aber nach Nicht-Versetzung über ins „praktische Leben“. Information über die nächsten Jahr fehlen. Im Ersten Weltkrieg wurde er Soldat und fiel als Gefreiter im Reserve-Infanterie-Regiment 254 im Susita-Tal in Rumänien.

Max Ransenberg (1901–1945), jüngstes Kind der Familie, wurde Schlosser in Hamm. 1923/24 kehrte er für einige Monate nach Höxter zurück und zog dann nach Dortmund. Zwar gelang es ihm im März 1938, rechtzeitig in die Niederlande und dann nach Belgien zu fliehen; er wurde jedoch bei der Besetzung Belgiens im Mai 1940 nach Frankreich abgeschoben und dort im Lager St. Cyprien nahe der Pyrenäen interniert.

Der Name Max Ransenberg auf der Liste der aus Drancy nach Auschwitz deportierten Juden
Der Name Max Ransenberg auf der Liste der aus Drancy nach Auschwitz deportierten Juden

Nach der Invasion der Nazi-Truppen wurde er in das berüchtigte Sammellager Drancy gebracht und dann am 9.9.1942 nach Auschwitz deportiert. Dort gelang es ihm zu überleben, und er wurde bei der Auflösung des Konzentrationslager im Februar 1945 nach Buchenwald verbracht, ob eingepfercht im Zug oder auf einem Evakuierungsmarsch ist nicht bekannt. Dort starb er am 1.3.1945, wenige Wochen vor der Befreiung des Lagers.

Max Ransenberg auf dem Mémorial de la Shoah in Paris
Max Ransenberg auf dem Mémorial de la Shoah in Paris
Fritz Ostkämper, 25.1.2016
e-mail: ostkaemper@jacob-pins.de