Jüdische Bürger in Höxter

Familie Judenberg: Fürstenau, Lüchtringen, Holzminden

Die Geschichte der Familie Judenberg (in Lüchtringen später Gudenberg) in Fürstenau und in der hiesigen Gegend reicht bis mindestens zur Mitte des 18. Jahrhunderts, sehr wahrscheinlich aber noch weiter zurück, und vermutlich wurde bereits der erste sicher belegte Namensträger Meyer Jacob Judenberg (1728–1810) in Fürstenau geboren. Dort wohnte er jedenfalls mit seiner Frau Pess Jacob (* 1732), und auch die (mindestens) vier Kinder wurden dort geboren.

Amtsblatt der königlichen Regierung zu Minden, 18.7.1834
Amtsblatt der königlichen Regierung zu Minden, 18.7.1834

Vermutlich lebte die Familie vom Lumpensammeln, einem damals für die Herstellung von Papier unerlässlichen Gewerbe, wie jedenfalls von dem Sohn Isaac (1774–1847) belegt ist. Ob dieser eine Familie gründete und ob es sich bei den in Brenkhausen als Kinder eines Isack Judenberg geborenen Isack (* 1819) und Elisabeth Judea (* 1820) möglicherweise um seine Kinder handelt, lässt sich nicht klären, denn man findet den Namen Judenberg etwa auch in Eversen, Bergheim und Lütgeneder, und über eine denkbare Verwandtschaft mit der Fürstenauer Familie Judenberg ist bisher nichts bekannt.

Sicher belegt ist dagegen, dass Lazarus (Leiser) Judenberg (1776–1836), ein weiterer Sohn Meyer Jacob Judenbergs, nach einer kinderlosen Ehe mit seiner in Beverungen geborenen ersten Frau Thelza Jacob Bernstein (1771–1810) mit seiner aus Nieheim stammenden zweiten Frau Minchen Kehlberg (1767–1845) in Fürstenau lebte und mit ihr sechs Kinder hatte. Der älteste Sohn Meyer (1812–1870) lebte mit seiner Frau Gelle Oberdorf im benachbarten Bödexen, wo vermutlich auch ihr Sohn Lazarus (* 1849) und die Tochter Regine (* 1848) geboren wurden. Letztere hatte den außerehelichen Sohn Max (* 1874), der in die USA auswanderte und dessen Tochter Irmel (um 1907) den vielleicht aus der Lüchtringer Familie stammenden Paul Steinberg (* umd 1898) heiratete. Außer den Geburtsdaten ist von den übrigen Kinder Lazarus Leiser Judenbergs nur bekannt, dass die Tochter Betti (Pesgen) (1820–1894), die einige Zeit in Höxter als Köchin arbeitete, mit ihrem ebenfalls in Fürstenau geborenen Mann Calmon (Kalmann) Kohlenstein (1830–1909) dort blieb.

Meyer Jacob Judenbergs jüngste Tochter Hanne (1781–1834) heiratete den in Ovenhausen geborenen Handelsmann Kusel (Carl) Archenhold (1767–1827). Über drei der Kinder ist nichts Weiteres bekannt. Dagegen lebte der Sohn Salomon Archenhold (1820–1888) später verheiratet als Schneidermeister in Halberstadt. Durch die Verfolgungen des Dritten Reichs in die ganze Welt verstreute Nachkommen findet man heute noch heute in Neuseeland, Israel und Canada.

Die bisher genannten drei Kinder Meyer Jacob Judenbergs und ihre Nachkommen haben in der Gegend um Höxter keine dauerhaften Spuren hinterlassen. Die weiteren Angehörigen der Familie gehen vielmehr auf den ältesten Sohn Jacob Meyer Judenberg (1773 – vor 1847) zurück. Er heiratete die in Lüchtringen geborene Kindel Marcus Steinberg (1767–1847) und hatte mit ihr vier Kinder. Während die Tochter Brendel (Betti) (1804–1839) anscheinend unverheiratet starb, heiratete die Tochter Keile (Caroline) (1810–1857) den ebenfalls in Fürstenau lebenden Nathan Bachmann (1819–1896). Die beiden hatten zwei Töchter, von denen Regine (1847–1932) ihren Vetter Markus Judenberg (* 1859) heiratete (vgl. unten). Ihre ältere Schwester Jettchen (1845–1926) war mit dem Nieheimer Kaufmann Aron Kirchheimer (1831–1904) verheiratet (siehe dazu Die Fürstenauer Viehhändler Bachmann).

Jacob Meyer Judenbergs Sohn Meyer und seine Nachkommen

Die Grabsteine für Meyer und Rika Judenberg auf dem jüdischen Friedhof in Fürstenau
Die Grabsteine für Meyer und Rika Judenberg auf dem jüdischen Friedhof in Fürstenau

Der mit der Rika Kohn (1819–1883) aus Bergheim verheiratete Sohn Meyer Judenberg (1809[1815?)–1868) war Schuhmacher und übernahm die Geschäfte des Vaters in Fürstenau, wozu auch die Pfandleihe und die Vergabe von Kleinkrediten gehörten. Seine Töchter Caroline (* 1846) und Regine (* 1848) heirateten nach Lügde bzw. Holzminden, während die Tochter Betti (1853–1912) in Höxter mit dem aus Dorstfeld zugezogenen Schlachter und späteren Buchhalter Selig Ransenberg (1861–1942) verheiratet war. Das Schicksal dieser Familie ist an anderer Stelle dargestellt.

Jacob Judenberg und seine Kinder

Meyer Judenbergs Sohn Jacob (1856–1928), der eineinhalb Jahre das Gymnasium in Höxter besucht hatte, zog mit seiner ebenfalls in Fürstenau geborenen Frau Julchen Jacobi (1858–1883) nach Holzminden und heiratete nach ihrem frühen Tod die aus Lauenstein stammende Therese Blank (1858–1924), mit der er neun Kinder hatte, von denen eins aber früh starb. Er handelte mit Vieh (und Viehfellen) und versuchte sich in Holzminden zeitweise auch im Altwarenhandel. Der älteste Sohn Max (1885–1918), der als Kaufmann im Viehhandel des Vaters arbeitete, fiel im Ersten Weltkrieg, und die sieben anderen Kinder erlebten die Verfolgungen des Dritten Reiches.

Todesanzeige für William (Willi) Judenberg, Aufbau 25.7.1947
Todesanzeige für William (Willi) Judenberg, Aufbau 25.7.1947

Vier von ihnen konnten sich ins Ausland retten. Else Judenberg (* 1890) und ihr Mann Albert Levy (* 1885) flohen aus Driburg mit den Kindern Günter (* 1921) und Inge (* 1923) in die USA. Die Tochter Margarete (* 1897) wanderte 1940 mit ihrem Mann Julius Falk (* 1897) und den Söhnen Gerhard (* 1927) und Erwin (* 1932) nach Argentinien aus. Der Sohn Willi (William) (* 1894), der in Holzminden wie sein Vater einen Viehhandel betrieben hatte, konnte sich 1934 über Essen ins Exil nach Holland retten. Er starb 1947 in Rotterdam an einem Herzleiden, unmittelbar vor seiner Abreise in die USA. Seine Schwester Ida (* 1895), die in Holzminden als Sekretärin arbeitete, ging 1934 nach Essen und von dort 1935 über Holland 1938 nach England und dann weiter in die USA.

Während also vier Kinder Jacob Judenbergs dem Holocaust durch die Flucht ins Ausland entgingen, wurden die drei anderen Kinder in die Konzentrationslager des Dritten Reiches deportiert, und nur eine Tochter überlebte.

Der Sohn Diederich (* 1888) lebte mit seiner in Witten geborenen Frau Sophie Bakker (1887–1942) in Dortmund und hatte mit ihm die Töchter Gerda (1914) und Ilse/Else (1916). Möglicherweise kam es jedoch zur Trennung des Ehepaars. Während die Tochter Ilse sich mit ihrem Mann Heinz Becker nach Belgien ins Exil retten konnte, wurde ihre Schwester Gerda mit ihrem Mann Hans Schlesinger (* 1906) und dem zweijährigen Sohn René am 27.7.1942 aus Köln nach Theresienstadt und von dort am 28.10.1944 zur Ermordung nach Auschwitz verbracht. Die Mutter Sophie wurde im April 1942 in das KZ Ravensbrück deportiert und dann im Oktober zur Ermordung nach Auschwitz verbracht. Ihrem Mann Diederich war die Flucht nach Holland gelungen, er wurde jedoch 1943 von dort zur Ermordung nach Sobibor deportiert.

Bernhard Judenberg, Holzminden

Bernhard Judenberg mit seiner Frau Thekla und den Söhnen Werner und Horst
Bernhard Judenberg mit seiner Frau Thekla und den Söhnen Werner und Horst

Jacob Judenbergs Sohn Bernhard (* 1892) hatte das Handelsgeschäft seines Vaters in Holzminden übernommen. Er heiratete die aus Haupersweiler (Saarland) stammende Thekla Rothschild und hatte mit ihr die beiden Söhne Heinz Werner (* 1922) und Horst (* 1927). Schon im März 1933 wurde er mit anderen Juden sowie KPD- und SPD-Leuten von einer sog. Hilfspolizei aus dem Bett geholt, misshandelt und im beschlagnahmten Gebäude der (sozialdemokratischen) Oberweser Volkszeitung eingesperrt.

Vorläufig konnte er das Geschäft danach noch weiterbetreiben, bis er es aufgab und die Familie im April 1938 nach Hannover zog, wo der jüngere Sohn Horst dann die Israelitische Gartenbauschule in Ahlem besucht, während sein Vater ab April 1939 als Hausangestellter in Ahlem arbeitete. Im Juli 1940 fuhr die Mutter mi ihrem Sohn noch einmal zu einen Besuch in ihren Geburtsart Haupersweiler in Süddeutschland. Eigentlich hätten die Eltern mit dem Sohn Horst schon im Dezember 1941 nach Riga deportiert werden sollen. Aus unbekannten Gründen blieben sie jedoch noch zurück – für drei Monate – und wurden dann am 31.3.1942 nach Warschau deportiert, wo sich ihre Spuren verlieren.

Internierung Heinz Werner Judenbergs im Camp Hay in Australien, 15.9.1940
Internierung Heinz Werner Judenbergs im Camp Hay in Australien, 15.9.1940

Der ältere Sohn Heinz Werner entging dagegen dem Holocaust. Im August 1938 schickten die Eltern ihn mit einem Kindertransport nach England, wo er nach Leeds gelangte und dort eine Schule besuchte. Obwohl Jude, wurde er wie andere emigrierte junge Deutsche nach Kriegsbeginn als „feindlicher Ausländer“ zunächst auf der Isle of Man interniert und dann 1940 in das Lager Hay in Australien transportiert. Dort wurde er in ein Arbeitsbataillon gesteckt, bis er nach seiner Entlassung 1944 die australische Staatsbürgerschaft annehmen konnte. Informationen über sein weiteres Leben sind nicht bekannt.

Antrag auf Naturalisierung in Australien (The Argus, 14.8.1944)
Antrag auf Naturalisierung in Australien (The Argus, 14.8.1944)

Karla und Max Pins

Karla (Carla) Judenberg (1900–1975), die jüngste Tochter von Jacob und Therese Judenberg, zählt zu den Überlebenden der Deportationen. Sie zog 1933 zu ihrem kinderlosen Onkel Markus Judenberg und seiner kranken Frau nach Fürstenau (siehe unten) und führte in der folgenden Zeit das Gemischtwarengeschäft ihres Onkels weiter. 1936 heiratete sie den Schlachter Max Pins (1900–1944) aus dem Herner Zweig der Familie Pins, der in Fürstenau keine Arbeit mehr fand und im Geschäft mitarbeitete.

Passantrag vom 21.8.1939
Passantrag vom 21.8.1939

Nach der Pogromnacht 1938 wurde Max Pins, der zu dieser Zeit seine Familie in Herne besuchte, bis zum 29.12.1938 in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt, und als er nach Fürstenau zurückkehrte, war das Geschäft auf Anordung der NS-Kreisleitung bereits geschlossen, obwohl der Ortsgruppenleiter es weiter bestehen lassen wollte. Daraufhin bemühten Max und Carla Pins sich um eine Ausreise nach England. Sie hatten auch bereits eine Einreisegenehmigung zur Aufnahme im Durchgangslager Richborough (Kent), und ihre Pässe waren genehmigt. Der Kriegsbeginn verhinderte jedoch ihre Auswanderung, und auch in der Folgezeit wurden ihre Anträge immer wieder abschlägig beschieden.

Carla Pins auf einer Liste aus dem Ghetto Riga vom 15.7.1943 (Z. 3)
Carla Pins auf einer Liste aus dem Ghetto Riga vom 15.7.1943 (Z. 3)

So wurden sie am 9./13.12.1941 über Bielefeld in das Ghetto in Riga deportiert. Im Herbst 1943 wurden sie dann in das Nebenlager Mühlgraben gebracht, wo sie im Armeebekleidungsamt (A.B.A.) arbeiteten. Nach der Schließung dieses Lagers wurden die dort Verbliebenen, darunter auch Max und Carla Pins, im Herbst 1944 in die Hafenstadt Libau gebracht, wo sie fünf Monate blieben und beim Be- und Entladen der Schiffe arbeiten mussten. Offenbar waren sie im dortigen Ghetto untergebracht. Dort wurde Max Pins am 22.12.1943 bei einem Fliegerangriff der Roten Armee getötet, als eine Bombe auf die Häuser im Eingangsbereich des Ghettos fiel, wo die Männer untergebracht waren. Er starb in Gegenwart seiner Frau Carla.

Im Februar 1945 wurden die überlebenden Juden, darunter Carla Pins und ihre Schwägerin Erna Pins (* 1908), die jüngste Schwester ihres toten Mannes, und dazu viele „Ostarbeiter“ mit einem Kohlendampfer auf einer sechstägigen, stürmischen Überfahrt nach Hamburg in das Gefängnis Fuhlbüttel transportiert, wo sie sechs Wochen eingesperrt waren, bis sie am 11. od. 12.4.1945 auf einen viertägigen Marsch zum Arbeitserziehungslager (AEL) Kiel-Hassee geschickt wurden. Manche der durch die vorangehenden Entbehrungen geschwächten Juden überstanden den Marsch nicht, andere wurden wegen Widerstand von den Wachmannschaften erschossen.

Todesanzeigen der Familien Pins und Judenberg, Aufbau 1945–1946
Todesanzeigen der Familien Pins und Judenberg, Aufbau 1945–1946

Durch Verhandlungen zwischen dem Roten Kreuz und jüdischer Organisationen mit deutschen Stellen wurden die überlebenden Insassen nach drei Wochen Anfang Mai aus Hassee befreit und nach Schweden gebracht, wo Carla Pins und ihre Schwägerin Erna Pins in das Flüchtlingslager Holsbybrunn kamen. Von dort aus emigrierten sie im November 1945 in die USA und gingen nach in Hoboken, New Jersey, wo auch Karlas Schwester Else Levy geb. Judenberg lebte, die mit ihrer Familie rechtzeitig aus Deutschland in die USA emigriert war. Mehrere Todesanzeigen in der deutschsprachigen jüdischen Zeitung „Aufbau“ bezeugen den engen Zusammenhalt der Familie.

Carla Pins arbeitete dort in der Altenpflege, bis sie später einen Mann aus der (vielleicht österreichischen) Familie Reichenthal heiratete. Später lebte sie in Miami, Florida, und starb 1974 in Dade, Florida.

Markus Judenberg

Markus Judenberg um 1937
Markus Judenberg um 1937

Markus Judenberg (* 1859) war der jüngste Sohn von Meyer Judenberg und Rika Kohn. Er blieb in Fürstenau und übernahm das Kolonial- und Gemischtwarengeschäft seines Vaters in Fürstenau Nr. 76. 1885 heiratete er seine ebenfalls in Fürstenau geborene Cousine Regine (1847–1932), eine Tochter seiner Tante Keile (Caroline) verh. Bachmann. Die Familie lebte in gesicherten Verhältnissen und stattete bedürftige Kinder manchmal auch kostenlos mit Kommunionkleidung aus.

Das Ehepaar hatte zwei Kinder, aber der Sohn Moritz (* ✡ 1887) starb mit wenigen Wochen, und auch die Tochter Rosa (1888–1893) wurde nicht einmal fünf Jahre alt. Zudem erkrankte ihre Mutter, und die geschiedene Karoline (Lina) Böhm geb. Kirchheimer (1873–1944), eine entfernte Cousine, führte etwa ab den 1920er Jahren den Haushalt. 1933 zog dann die in Holzminden geborene Nichte Karla Judenberg (1900–1975) mit in das Haus ein und übernahm ab 1936 die Geschäfte. Ihr Leben und Schicksal und das ihres 1936 geheirateten Mannes Max Pins (1900–1944) sind im Vorangehenden dargestellt.

Antrag auf Ausstellung eines Passes, 1.7.1937
Antrag auf Ausstellung eines Passes, 1.7.1937

1937 plante Markus Judenberg möglicherweise eine Auswanderung, denn im Juli des Jahres stellte er den Antrag auf Ausstellung eines Passes zum Besuch von Verwandten in Holland. Bald danach zog er diesen Antrag wieder zurück, erneuerte ihn jedoch schon im August wieder: „Ich habe zwar im Augenblick nicht mehr vor zu verreisen, doch bitte ich aus dem Grunde um Ausstellung, damit ich ihn dann in Besitz habe, wenn ich ihn mal zufällig benötige“ – Formulierungen, die nahe legen, dass er den Pass zur Verfügung haben wollte, wenn sich eine Möglichkeit zur Auswanderung ergeben sollte.

Eine solche Möglichkeit ergab sich jedoch nicht, und die Verfolgungen nahmen zu. Wegen seines Alters wurde Markus Judenberg zwar in der Pogromnacht 1938 nicht eingesperrt, aber Karla Pins musste das Geschäft aufgeben. In der Folgezeit hielt sich die Familie mit der Ziegenzucht über Wasser, bis Karla und Max Pins am 9./13.12.1941 nach Riga deportiert wurden.

Der Grabstein für Regina Judenberg, heute zugleich Gedenkstein für ihren Mann Markus, die Nichte Karla und ihren Mann Max Pins
Der Grabstein für Regina Judenberg, heute zugleich Gedenkstein für ihren Mann Markus, die Nichte Karla und ihren Mann Max Pins

Der alte Markus Judenberg und seine Haushälterin Lina Böhm blieben noch für ein gutes halbes Jahr in Fürstenau. Sie wurden am 31.7.1942 nach Theresienstadt deportiert. Von Markus Judenberg wird erzählt, dass der fast 83-Jährige sich weigerte, das Pferdefuhrwerk, das die Fürstenauer Juden nach Höxter bringen sollte, im Ort zu besteigen. Er wollte seine alte Heimat zu Fuß verlassen und stieg erst außerhalb von Fürstenau auf das Fahrzeug.

Knapp acht Wochen nach der Deportation wurde Markus Judenberg von Theresienstadt zur Ermordung in das Vernichtungslager Treblinka transportiert, während seine ehemalige Haushälterin Karoline Böhm noch fast zweieinhalb Jahre in Theresienstadt überlebte. Sie starb dort am 27.12.1944.

Jacob Meyer Judenbergs Sohn Marcus und seine Nachkommen

Wie im Vorangehenden ausgeführt, blieb Jacob Meyers zweiter Sohn Meyer in Fürstenau, und auf ihn geht der weitere Stamm der Familie dort zurück. Dessen älterer Bruder Marcus (1807–1855) zog dagegen später nach Lüchtringen, woher seine Mutter Kindel geb. Steinberg stammte. Die Gründe sind unbekannt, jedoch gab es anscheinend in Lüchtringen nach dem Tod oder dem Wegzug von Kindels Geschwistern in Lüchtringen keine Erben der Familie Steinberg, so dass Marcus Judenberg an deren Stelle trat.

Marcus Judenberg war mit der vermutlich ebenfalls in Fürstenau geborenen Henriette (Jette) Rose (1810–1887) verheiratet. Die beiden hatten sechs Kinder, die in der Folgezeit den Namen Judenberg ablegten und sich Gudenberg nannten. Der dritte Sohn Levi (* 1848) hatte mit seiner aus Udorf stammenden Frau Fanny Varnhagen sieben Kinder und lebte mit der Familie in Lütgeneder. Die meisten von ihnen wurden im Dritten Reich Opfer des Holocaust. Der vierte Sohn Meyer (* 1850) wanderte bereits 1866 mit sechzehn Jahren in die USA. Die einzige Tochter Regine (* 1845) heiratete 1881 in dessen zweiter Ehe den in Nieheim geborenen Heinemann Rose (* 1826) und lebte mit ihm in Altenbeken, und auch die anderen Kinder verließen Lüchtringen nach und nach.

Der älteste Sohn Jacob Gudenberg (* 1841) trat anscheinend bereits in jungen Jahren in Speyer in die Kleiderfabrik der Familie Kuhn ein. Er heiratete 1869 die aus dieser Familie stammende Franziska Kuhn (1845–1911) und hatte mit ihr fünf Kinder, von denen zwei Opfer des Holocaust wurden, während die anderen vermutlich in die USA ins Exil fliehen konnten.

Karteikarten der jüdischen Gemeinde Aschaffenburg für Siegfried Marx und seine Frau Julia geb. Gudenberg
Karteikarten der jüdischen Gemeinde Aschaffenburg für Siegfried Marx und seine Frau Julia geb. Gudenberg

Der zweite Sohn Heinemann Gudenberg (1842–1903) blieb als Metzger und Viehhändler in Lüchtringen. Er war Sophie Deller (1853–1940) aus Kriegshaber verheiratet, die nach seinem Tod 1913 zur Tochter Julia nach Aschaffenburg zog. Der älteste Sohn Max (1875–1940) emigrierte im Dritten Reich mit seiner Frau Ernestine Regina Rosenthal (1892–1943) nach Holland. Dort starb er, während seine Frau nach ihrer Deportation in Sobibor ermordet wurde. Dort wurde auch Heinemanns ebenfalls von Aschaffenburg nach Holland geflohene Tochter Julia (1879–1943) mit ihrem Mann Siegfried Marx (1879–1943) ermordet, während ihre Kinder ins Exil entkommen konnten. Opfer des Holocaust wurden dagegen auch Julias wohl verwitwete und 1942 mit unbekanntem Zielort deportierte Schwester Helene (* 1879) und ihre mit Nathan Reifenberg (1875–1944) verheiratete Schwester Friederike (Frieda) (1884–1944), die in Auschwitz ermordet wurden. In das amerikanische Exil entkommen konnte dagegen der als Direktor in Fulda lebende jüngste Bruder Albert (1892–1980) mit seiner Frau Erna Bacharach (1904–2001) mit seinen zwei Kindern und ihren Nachkommen.

Ebenso wie sein Bruder Heinemann blieb auch Marcus Judenbergs jüngster Sohn Simon Gudenberg (* 1853) mit seiner Frau Franziska Rose länger in Lüchtringen, und ihre vier Kinder wurden hier geboren. Die Eltern starben vor dem Holocaust. Die Tochter Hedwig (* 1883) lebte mit ihrem Mann Felix Meyer Levi (1887–1938) in oder bei Erfurt, von wo ihr Mann nach der Pogromnacht 1938 nach Buchenwald verbracht und dort ermordet wurde. Hedwig wurde am 10.5.1942 nach Belzec deportiert und vermutlich in Majdanek ermordet. Ihr Bruder Max (1885–1974) konnte dagegen im Dritten Reich nach Shanghai und von dort 1947 in die USA emigrieren.

Fritz Ostkämper, 30.10.2018
e-mail: ostkaemper@jacob-pins.de