Jüdische Bürger in Höxter

Der Viehhändler Heinrich Herrmann und seine Familie

Die Grabsteine der Eltern Herz und Regina Herrmann auf dem jüdischen Friedhof in Oberemmel
Die Grabsteine der Eltern Herz und Regina Herrmann auf dem jüdischen Friedhof in Oberemmel

Die Familie Herrmann zählt nicht zu den alteingesessenen jüdischen Familien in Höxter, sondern war hier nur gut 15 Jahre ansässig. Die frühen Vorfahren lebten vermutlich in Ottrott im Elsass, von wo ein Angehöriger der Familie 1731 ins Trierer Land kam, später dort heiratete und sich in Franzenheim niederließ. Von dort aus vergrößerte sich die Familie, und ihre Angehörigen lebten und arbeiteten für mehr als zweihundert Jahre als Viehhändler und Schlachter vor allem in den umliegenden Orten Oberemmel und Pellingen. In Pellingen wurde auch der später in Höxter verzeichnete Heinrich Herrmann (1881–1943) geboren, ein Sohn des dort lebenden Herz Herrmann (1849–1913) und seiner Frau Regina geb. Levy (1849–1930). Wie sein Vater wurde er Metzger und wird später auch als Viehhändler oder Viehkommissionar genannt.

Heinrich Herrmann in der Bürgerrolle Hilden
Heinrich Herrmann in der Bürgerrolle Hilden

Er zog aus Pellingen nach Langenfeld (Kreis Mettmann) und heiratete die in Düsseldorf geborene Ella Franke (* 1883) mit der er zunächst von 1908–1912 für in Hilden lebte, wo der Sohn Rudolf („Rudi“) (* 1910) geboren wurde. 1912 ging die Familie dann für acht Jahre nach Benrath, bis sie Anfang Juli 1920 nach Höxter kam und hier in der Wegetalstraße 7 wohnte, während Heinrich Herrmann seinen Viehhandel in der nahen Papenstraße betrieb.

Nach wenigen Jahren kam es jedoch zur Trennung des Ehepaars, und 1925 verließ Heinrich Herrmann Höxter. Anscheinend zog er nach Paderborn, und von dort kam er zur Jahreswende 1932/33 für einige Tage nach Höxter. Im Juli 1933 wurde er in Bonn „wegen Betrugs“ festgenommen. Der Vorwurf war aber wohl unbegründet, denn ab Mitte Dezember 1933 kehrte er nach Höxter zurück, wo er jetzt in der Wegetalstraße 9 zur Miete wohnte, aber wohl nur sporadisch lebte, so dass er im Dezember 1934 von seinem Vermieter mit dem Vermerk „Aufenthalt unbekannt“ abgemeldet wurde. Im März 1935 wurde er von seiner Frau geschieden, und im August 1936 „v. amtswegen“ endgültig aus Höxter abgemeldet. Weitere Wohnorte sind nicht bekannt, ebenso wenig wann und von er deportiert wurde. Er wurde am 12.01.1943 in Auschwitz ermordet.

Einwohnerkarte Heinrich Herrmanns und Mitteilung über seinen Tod in Auschwitz
Einwohnerkarte Heinrich Herrmanns und Mitteilung über seinen Tod in Auschwitz

Der Sohn Rudolf Herrmann

Rudolf Herrmann 1924 mit seinem Instrument und 1926 in der Obersekunda
Rudolf Herrmann 1924 mit seinem Instrument und 1926 in der Obersekunda

Trotz der Konflikte im Elternhaus durchlief der in Hilden geborene einzige Sohn Rudolf („Rudi“) Herrmann (* 1912) seine Schullaufbahn ohne Schwierigkeiten. Er besuchte nach der Volksschule für kurze Zeit das Realgymnasium in Hilden und dann nach dem Umzug der Eltern ab 1920 das KWG in Höxter. In seiner Schulzeit war er Mitglied der Gymnasialkapelle, wo er das 2. Piston blies. 1929 schloss er seine Schullaufbahn mit dem Abitur ab, um danach jüdische Theologie zu studieren.

Rudolf Herrmann (2. Reihe v. u., 3. v. l.) 1929 auf dem Abiturfoto
Rudolf Herrmann (2. Reihe v. u., 3. v. l.) 1929 auf dem Abiturfoto

Anscheinend konnte er dieses Studium jedoch (vorläufig?) nicht aufnehmen, denn nach Ausweis des Melderegisters meldete er sich 1932 für 3½ Monate als Kaufmann nach Kamen ab. Danach war er mit Unterbrechungen in Büren und dann ab Januar 1936 „auf Reisen“, offenbar um die Auswanderung vorzubereiten. Denn im März dieses Jahres meldete ihn seine Mutter Ella nach Bordeaux (Frankreich) ab, wohin sie ihm selbst kurz danach folgte. Am 3. bzw. 30.10.1936 wurde die Emigration von Mutter und Sohn nach Montevideo, Uruguay, dann „v. amtsw.“ offiziell in der Meldekartei vermerkt.

Anscheinend konnte Rudolf Herrmann dort dann tatsächlich seinen Berufswunsch verwirklichen, denn nach den nicht gesicherten Informationen eines ehemaligen Höxteraner Mitschülers, der ihn bei seinem Weggang aus Höxter zum Bahnhof begleitete, soll Rudolf Herrmann später in Südamerika Rabbiner geworden sein.

Aus einem Brief des ehemaligen Mitschülers Ernst Dücker an Jacob Pins vom 3.3.1989
Aus einem Brief des ehemaligen Mitschülers Ernst Dücker an Jacob Pins vom 3.3.1989

• Zur Geschichte der Familie Herrmann siehe Günter Heidt: „Obwohl ich ein Amerikaner bin, bin ich immer noch ein Greimerather.“

Fritz Ostkämper, 5.6.2016
e-mail: ostkaemper@jacob-pins.de