Jüdische Bürger in Höxter

Familie Uhlmann, Ovenhausen und Höxter

Bereits seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts sind in Höxter und in Ovenhausen zwei Familien Uhlmann verzeichnet, und die Vermutung liegt nahe, dass die beiden Familienväter Samuel und Joseph Brüder waren. Während aber die Höxteraner Familie bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts erlosch, lebte der andere Zweig der Familie bis ins Dritte Reich in Ovenhausen.

Die Familie Samuel Uhlmann in Höxter

1810 zog der vermutlich in Mittel-Seemen (heute: Gedern) im Frankfurter Raum geborene Samuel Uhlmann (1773–1847) mit seiner ebenfalls in Mittel-Seemen geborenen Frau Sara Lilienfeld (1773–1838) von Stahle, wo die Familie zunächst gelebt hatte, nach Höxter, wo Samuel den Unterhalt der Familie als Handelsmann sicherte und und mit seinem Einkommen 1822/23 eher im unteren Bereich lag.

Außer Drillingen, die gleich nach der Geburt starben, hatte das Ehepaar drei Töchter, und nach dem Tod der Mutter und des Vaters lebten die Töchter Hanna (1833) und Röschen (1837) 1849 als Pflegekinder in anderen jüdischen Familien. Danach verlieren sich die Spuren der Familie Uhlmann in Höxter.

Die Familie Uhlmann in Ovenhausen

Um 1810 ließ sich auch Joseph Uhlmann mit seiner Frau Gela/Gelle Stein in Ovenhausen nieder. Vermutlich arbeitete er als Lumpensammler, denn als solcher erscheint später sein Sohn Isaak Joseph (1799–1876) in den Quellen. Während Josephs Tochter Rika (* um 1798) in Brakel mit Jacob Ostheim (1796–1853) verheiratet war und mit ihm acht Kinder hatte, blieb der Sohn Isaak Uhlmann in Ovenhausen.

Mit seiner ersten Frau Hanne Goldschmidt (1791–1841) hatte er vier Kinder, von denen der älteste Sohn Joseph (1823–1896) mit seiner aus Pömbsen stammenden Frau Sophie (Fanny) Grünewald (1826–1915) zunächst in Sandebeck lebte und dann in Bad Driburg ein Manufakturwarengeschäft und eine Dielenhandlung betrieb. Auf ihn geht der Bad Driburger Zweig der Familie zurück. Nachkommen leben heute in den USA (vgl. dazu die Buchveröffentlichungen des Bad Driburger Forschers Karl Brinkmann).

Die Grabsteine für Isaak Uhlmann und seine zweite Frau Gretchen in Ovenhausen © LWL
Die Grabsteine für Isaak Uhlmann und seine zweite Frau Gretchen in Ovenhausen © LWL

Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Isaak Uhlmann Hanne (Gretchen) Meyer/Meier (1807–1883), eine Tochter des Amelunxer Lehrers Isaak Meyer, und hatte mit ihr drei weitere Kinder, von denen der jüngste Sohn Soistmann (* 1853) unbekannt verschollen ist, während der Sohn Meyer (* 1844) wohl jung starb.

Der Sohn Levy Uhlmann (1849–1927) trat dagegen in den bisher von seinem Vater Isaak betriebenen Lumpenhandel in Ovenhausen ein. Er heiratete 1883 die ebenfalls in Ovenhausen geborene Bertha (Bele) Frohsinn (1848–1886) und nach ihrem frühen Tod in zweiter Ehe 1887 die aus Vörden stammende Fanny Löwendorf (1857–1938). Die beiden hatten fünf Kinder, von denen der älteste Sohn Isidor (1888–1902) mit 14 Jahren starb. Die anderen vier Kinder gerieten unter die Verfolgungen des Dritten Reichs, und nur zwei überlebten.

Das Haus der Familie Uhlmann, Ovenhausen Nr. 93
Das Haus der Familie Uhlmann, Ovenhausen Nr. 93

Bis 1885 wohnte die Familie zur Miete im Haus Nr. 150 (heute Kapenbergstr. 7), aber Levy Uhlmann erkannte offenbar, dass der Lumpenhandel auf die Dauer keine Zukunft mehr hatte, und gab ihn (vermutlich nach und nach) auf. Am 2.6.1885 kaufte er das 1804 von Bernd Steilberg, dem Sohn des aus Annette von Droste-Hülshoffs Judenbuche bekannten ermordeten Juden errichtete Haus Nr. 93 (Hauptstr. 31), das Moritz Steinberg kurz zuvor bei einer Zwangsversteigerung erworben hatte.

Die Familie bezog das Haus, und in den folgenden Jahren entstand hier ein typischer dörflicher Krämerladen, in dem man alles kaufen konnte, was der Alltag verlangte: Lebensmittel, Haushaltswaren, Porzellan, Glühbirnen, Waschmittel bis hin zu Spielzeug für Kinder und vieles andere, so dass die Dorfbevölkerung regelmäßig und gern im Laden die Dinge für den alltäglichen Bedarf kaufte.

Die Kinder von Levy Uhlmann

Die Grabsteine für Levy Uhlmann und seine zweite Frau Fanny auf dem Friedhof in Ovenhausen © LWL
Die Grabsteine für Levy Uhlmann und seine zweite Frau Fanny auf dem Friedhof in Ovenhausen © LWL

Der nach dem Tod seines Bruders Isidor älteste Bruder Norbert Uhlmann (* 1890) erbte das Haus, an dem sein Vater Levy um 1900 kleiner Umbauten hatte vornehmen lassen, und übernahm mit seiner 1922 geheirateten Frau Helene Löwendorf (* 1900) aus Vörden das Geschäft. Da die Ehe kinderlos blieb, adoptierten sie 1932 die in Paderborn geborene, vier Monate alte Ilse-Ruth Berghausen (1931–1944).

Norbert und Helene Uhlmann 1931, © LWL
Norbert und Helene Uhlmann 1931, © LWL

Die Familie betrieb in den folgenden Jahren den kleinen Gemischtwarenladen im Haus weiter. Norbert Uhlmann arbeitete dazu als Hausschlachter und als Schächter von Ziegen. Außerdem verkaufte er das Ziegenfleisch bei Fahrten über Land, zunächst mit einem Pferdewagen und dann mit einem kleinen Lieferwagen.

Noch 1937 heißt es in einem auf Anforderung der Nazi-Behörden über ihn und seine Familie verfassten Bericht: „Fam. Uhlmann war beliebt. Auch bei besonderen Anlässen stand Uhlemann stets in vorderster Linie. Beim Brand 1935 hat er tatkräftige Hilfe geleistet, er hatte sich durch die Anstrengung eine Krankheit zugezogen, an der er längere Zeit gelegen hat. Bei Erkrankung der Ziegen stand er den Leuten mit Rat u. Tat hilfreich zur Seite. Daher auch die allseitige Beliebtheit.”

Wie die anderen jüdischen Häuser wurde auch das Haus der Familie Uhlmann im Dritten Reich mit Kalkfarbe beschmiert, die Fenster wurden zerschlagen. 1938 musste Norbert Uhlmann das Geschäft schließen und konnte nur noch den Handel mit Ziegen und Fellen für eine Zeit fortsetzen. In der Nacht des 9./10.11.1938 wurde er verhaftet und dann bis zum 19.12.1941 nach Buchenwald verschleppt.

Ilse Uhlmann, die den Judenstern mit dem Zopf verdeckt, 1941 © STA DT
Ilse Uhlmann, die den Judenstern mit dem Zopf verdeckt, 1941 © STA DT

Nach der Pogromnacht wurden die öffentlichen Schulen für die jüdischen Kinder versperrte, und auch die Eltern Uhlmann mussten ihre achtjährige Tochter Ilse zur Ableistung ihrer Schulpflicht zur jüdischen Schule in der Gartenstraße in Detmold schicken, wo sie bei der Familie Flatow, einer Schwester ihrer Mutter, wohnte. Nach Hause kam sie höchstens am Wochenende.

Am 13.12.1941 wurden Norbert und Helene Uhlmann mit ihrer Tochter Ilse in das Ghetto nach Riga deportiert, und wie in den meisten anderen Fällen gibt über die Zeit dort keine genaueren Informationen. Jedoch ist gesichert, dass die Mutter Helene und die inzwischen 13-jährige Tochter Ilse 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden.

Grete Uhlmann 1931
Grete Uhlmann 1931

Ebenso wie Norbert Uhlmann mit seiner Familie fiel auch die einzige Schwester Grete (* 1897) dem Holocaust zum Opfer. Grete lebte und arbeitete nach einer Zeit in Bad Oehnhausen in Neuss und Düsseldorf, kam aber regelmäßig zu Besuchen nach Ovenhausen, wo sie z.B. auch an Familien- und anderen Festen im Dorf teilnahm. Sie wurde am 10.11.1941 in das Ghetto in Minsk deportiert und ist dort verschollen. Auf dem Holocaustdenkmal der Stadt Neuss wird heute auch an sie erinnert.

Dagegen konnte Norbert Uhlmanns jüngerer Bruder Willy (1892–1964) dem Holocaust entkommen. Im Ersten Weltkrieg wurde er als Soldat leicht verwundet und arbeitete danach in Bielefeld, wo er seit 1924 mit seiner Schwägerin Erna Löwendorf (1898–1993) verheiratet war. Die beiden emigrierten 1936 in die USA, wo der Sohn Leonard (1939–2011) geboren wurde und Willy Uhlmann 1942 militärisch erfasst wurde. Vergeblich versuchte er, auch für seine Geschwister und ihre Familien die Voraussetzungen zur Einwanderung in die USA zu schaffen, und er nahm nach dem Krieg seinen überlebenden Bruder Gustav bei sich auf.

Karteikarte der Erfassung von Willy Uhlmann (1942) und Anfordung des Bruders Norbert mit seiner Familie
Karteikarte der Erfassung von Willy Uhlmann (1942) und Anfordung des Bruders Norbert mit seiner Familie

Dieser Bruder Gustav Uhlmann (1894–1958) zählt zu den Überlebenden der Deportation und des Holocaust. Nach seiner Schulzeit absolvierte er zunächst eine kaufmännische Ausbildung, vermutlich in Elberfeld. Im Ersten Weltkrieg wurde er als Soldat eingezogen und am 10.11.1916 in Frankreich schwer verwundet. Nach dem Krieg war er offenbar eine Zeit in Ovenhausen.

Die Familie Gustav Uhlmann mit Frau Johanna und Sohn Walter um 1930 in Nentershausen
Die Familie Gustav Uhlmann mit Frau Johanna und Sohn Walter um 1930 in Nentershausen

Ende August 1925 heiratete er die in Nentershausen geborene Johanna Katz (1895–1944) und zog mit ihr nach Höxter, wo er im Kaufhaus Löwenstein zunächst als Verkäufer und später als Geschäftsführer arbeitete. 1927 wurde der Sohn Walter geboren, der bis 1938 auch in Höxter die Schule besuchte.

Das in Höxter und der Umgebung beliebte Kaufhaus der Familie Löwenstein wurde im Dritten Reich schon früh zum Ziel von Boykotten und Anfeindungen, unter denen auch Gustav Uhlmann zu leiden hatte. In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 wurde er um 2 Uhr von einer Horde uniformierter Leute aus dem Schlaf geholt und, nachdem er sich notdürftig ankleiden konnte, in den Arrestzellen des Rathauses eingesperrt, wobei er Fusstritte erhielt und die Vorderzähne einbüßte.

Wie die anderen Höxteraner Juden wurde er nach Buchenwald verbracht, von wo er nach seiner Entlassung am 27.11.1938 nach Höxter zurückkehrte. Das Kaufhaus Löwenstein war inzwischen arisiert, und Gustav Uhlmann musste in der Folgezeit in einer Lederpappenfabrik in Godelheim arbeiten, wo die Juden gut behandelt wurden, wie Uhlmann später ausdrücklich betonte.

Ab Ende 1941 lebte auch Bertha Katz (1860–1942), die Mutter seiner Frau, mit in der Wohnung. Dagegen mussten die Eltern Uhlmann ihren Sohn Walter zur Erfüllung der Schulpflicht von 1939 bis 1941 zur israelitischen Gartenbauschule in Hannover-Ahlem schicken, denn seit dem Pogrom waren den jüdischen Kindern die öffentlichen Schulen versperrt.

Mit der Vertreibung der Juden aus ihren Wohnungen und ihrer Konzentration in sog. „Judenhäusern“ mussten auch die Uhlmanns ihre Wohnung in der Wegetalstr. 6 verlassen und wurden zwangsweise bei dem Viehhändler Dillenberg in der Stummrigestr. 49 eingesiedelt, wo ihnen nur noch drei Monate in Höxter blieben.

Mit knapp der Hälfte der Höxterander Juden wurden auch Gustav Uhlmann, seine Frau Johanna und der Sohn Walter am 9./13.12. über Bielefeld in das Ghetto in Riga deportiert. Als Mitglied der jüdischen Ghettopolizei konnte Gustav Uhlmann seine Familie bis zum Sommer 1944 noch beschützen. Dann wurde er jedoch in die Hafenstadt Libau abkommandiert, und Frau Johanna und Sohn Walter wurden nach Stutthof verbracht, wo Johanna Uhlmann am 17.12.1944 umkam. Der Sohn Walter starb vermutlich schon vor ihr.

Mitteilung des Sonderstandesamts Arolsen über den Tod von Bertha Katz
Mitteilung des Sonderstandesamts Arolsen über den Tod von Bertha Katz

Die alte Schwiegermutter Bertha Katz musste nach der Deportation von Tochter, Schwiegersohn und Enkel noch für einige Monate in das zum „Judenhaus“ erklärte Gebäude der Synagoge an der Nagelschmiedstraße umziehen und wurde von dort am 31.7./1.8.1942 nach Theresienstadt deportiert. Dort kam sie nach gut zwei Wochen am 16.9.1942 um.

Ihr Schwiegersohn Gustav Uhlmann war der einzige Überlebende der Deportation der Juden aus dem Stadtgebiet Höxter. Nach seiner Abkommandierung aus dem Rigaer Ghetto nach Libau, wo die Juden vor allem zum Verladen von Schiffen eingesetzt waren, wurde er im Februar 1945 mit anderen Überlebenden mit einem Frachtschiff auf einer sechstägigen Überfahrt über die Ostseee nach Hamburg transportiert, wo sie zunächst im Gefängnis Fuhlsbüttel eingesperrt wurden.

Auszug aus Gustav Uhlmanns Brief an Laura Sander vom 29.10.1945
Auszug aus Gustav Uhlmanns Brief an Laura Sander vom 29.10.1945

Im April 1945 wurden die Überlebenden mit unzureichender Verpflegung und Kleidung auf einem viertägigen Marsch in das „Arbeitserziehungslager“ in Kiel-Hassee geschickt. Etliche kamen auf dem Marsch um oder wurden von den Wachmannschaften erschossen. Am 1.5.1945 wurde Gustav Uhlmann mit den anderen Juden aufgrund eines Abkommens zwischen Himmler und Vertretern befreit. Mit den „weißen Bussen“ des Roten Kreuzes gelangte er in das Flüchtlingslager Holsbybrunn in Schweden und fuhr dann Ende April 1946 zu seinem Bruder Willy nach New York. Dort starb Gustav Uhlmann im September 1958.

Im Flüchtlingslager in Holsbybrunn, stehend 3. v.l. vielleicht Gustav Uhlmann (das Foto wurde von Fred Zimmak zur Verfügung gestellt)
Im Flüchtlingslager in Holsbybrunn, stehend 3. v.l. vielleicht Gustav Uhlmann (das Foto wurde von Fred Zimmak zur Verfügung gestellt)

Gustav Uhlman war der einzige Überlebende der Juden aus der Stadt Höxter. Deshalb sind seine drei im Herbst 1945 aus Holsbybrunn geschriebenen Briefe an Otto (Jacob) Pins in Palästina und dessen Tante Laura in England besonders wertvolle Zeugnisse über die Verfolgung der Juden in Höxter, ihre Deportation nach Riga und ihr Schicksal.

Das Haus Uhlmann im Freilichtmuseum in Detmold
Das Haus Uhlmann im Freilichtmuseum in Detmold

Der auch der Deportation seiner Bewohner und nach dem Krieg sehr weit gehende Erhaltungszustand des Hauses der Familie Uhlmann in Ovenhausen veranlasste das Freilichtmuseum in Detmold, das Haus im Herbst von seinem Standort zu translozieren und es als Beispiel eines jüdischen Wohn- und Geschäftshauses und des jüdischen Alltagslebens auf dem Dorf im Freilichtmuseum wieder aufzubauen.

Vgl. dazu Heinrich Stiewe: Jüdische Wohn- und Alltagskultur im Freilichtmuseum. Zur Translozierung des Hauses Steilberg/Uhlmann aus Ovenhausen (Kr. Höxter) ins Westfälische Freilichtmuseum Detmold

Dazu sowie zur Familie Uhlmann und zu den Juden in Ovenhausen siehe auch verschiedene Beiträge in dem von Stefan Baumeier und Heinrich Stiewe herausgegebenen Band „Die vergessenen Nachbarn. Juden auf dem Lande im östlichen Westfalen.“ Bielefeld, Verlag für Regionalgeschichte, 2006.

Fritz Ostkämper, 30.4.2016
e-mail: ostkaemper@jacob-pins.de