Jüdische Bürger in Höxter

Leben am Existenzminimum –
die Familie Stamm-Isaack in Ovenhausen

Während die allermeisten der in der Umgebung von Höxter wohnenden jüdischen Familien sich im Laufe der Jahrzehnte als Kaufleute, Viehhändler usw. eine sichere Existenz aufbauen konnten und in vielen Fällen auch zu Wohlstand gelangten, blieb ein solcher Aufstieg der seit Ende des 19. Jahrhundert in Ovenhausen wohnenden Familie Stamm versagt.

Bernhard Stamm (1866–1943) wurde als Sohn des Acker- und Handelsmanns Markus Stamm und seiner Frau Pauline geb. Löwenstern in Adorf geboren und zog spätestens bei seiner Heirat (1893) mit der Ovenhausenerin Sara Eichholz (1857–1922) ebenfalls nach Ovenhausen, wo er in den folgenden Jahrzehnten als Hausierer, Alteisenhändler und Lumpensammler mühsam den Lebensunterhalt der wachsenden Familie verdiente. Mit einem kleinen Pferd und Wagen fuhr er über Land und sammelte Altwaren ein. Außerdem schächtete er Ziegen und handelte mit Fellen.

Ein kleiner Kolonialwarenhandel im Haus sorgte für zusätzliche Einnahmen. Die Familie wohnte zunächst in dem nur aus einem Vorderhaus mit anschließendem Schuppen bestehenden Haus in der Bosseborner Straße 23, zog aber nach der Eröffnung eines Konsumladens in der Nachbarschaft 1905 in das bis zur Deportation bewohnte Haus in der Heiligenbergstraße 13, in dem die Familie auch ihren kümmerlichen Kolonialwarenhandel fortsetzte.

Das Haus der Familie Stamm nach 1941 (die Fenster sind für die Aufnahme von Kriegsgefangenen vergittert) © LWL
Das Haus der Familie Stamm nach 1941 (die Fenster sind für die Aufnahme von Kriegsgefangenen vergittert) © LWL

Die Familie führte eine ärmliche und wenig angesehene Existenz. Das Einkommen war dürftig, und die Stamms lebten aufgrund ihrer Armut und sozialen Schwäche eher isoliert am Rand der dörflichen Gesellschaft und hatten auch kaum nennenswerte Kontakte zu den anderen jüdischen Familien im Dorf. Sie galten als erbärmlich, schmutzig, schmierig und dumm und waren laut den Erzählungen von Zeitzeugen Opfer zahlloser Streiche, von Betrügereien und demütigenden »Späßen«. In ihrem kleinen Laden seien ihnen von den Ovenhausenern Waren verkauft worden, die ihnen zuvor entwendet worden waren, ohne dass sie dies bemerkt hätten.

Die Stamms hatte sechs Kinder. Der Sohn Hermann (1898–1924) starb mit 25 Jahren, sein jüngster Bruder Julius (1902–1906) schon mit nicht einmal vier Jahren. Der älteste Sohn Max (* 1894) begleitete seinen Vater auf seinen Sammel- und Einkaufsfahrten. Von Zeitzeugen wird er als dummer Jude bezeichnet. Beim Kartenspielen wurde er betrogen und beim Dreschen zum Einschenken geholt: Da trank der einen mit und bekam zu essen. Da war der schon froh. Als armer und gesellschaftlich isolierter Jude wurde er nach der Pogromnacht anscheinend nicht in Buchenwald inhaftiert. Er wurde am 13.12.1941 nach Riga deportiert und ist verschollen.

Seine Schwestern Ella und Paula/Pauline „galten im Dorf als leichte Mädchen, die aufgrund dieser Position und der ihnen nachgesagten Dummheit ein willkommenes Ziel von Spott und Hohn waren – was manche Ovenhausener Männer offensichtlich nicht gehindert hat, sie sexuell auszunutzen.“ (Mitschke-Buchholz).

Der Lebensweg der älteren Tochter Ella Stamm (* 1895) ist nur sehr unvollständig bekannt. Vermutlich führte sie nach dem Tod ihrer Mutter (1922) zunächst den Haushalt der Familie, arbeitete dann aber anscheinend an verschiedenen Orten. So war sie etwa im Spätherbst 1940 für wenige Wochen in Warburg als Hausgehifin beschäftigt. Möglich oder wahrscheinlich sind auch zeitweise Aufenthalte in Brandoberndorf (Waldsolms) oder Frankfurt, wo der nichteheliche Sohn Willi in Pflege war. Laut Gedenkbuch wurde sie 1942 von Berlin-Pankow in das Warschauer Ghetto deportiert. Wahrscheinlicher ist aber, dass sie im 31.3.1942 von Ovenhausen aus nach Warschau deportiert wurde, wo sich ihre Spuren verlieren.

Ella Stamm hatte zwei nichteheliche Söhne, von denen zumindest Julius (* 1927 in Paderborn) einen katholischen Vater aus dem Dorf hatte. Von 1934 bis 1941 kam Julius in das Jüdische Waisenhaus in Paderborn und wurde dann wieder nach Ovenhausen entlassen. Als sogenannter Halbjude habe er aber dort aus der Öffentlichkeit verschwinden müssen und sei auf einem abgelegenen Hof untergebracht worden, zumal er seinem katholischen Vater wie aus dem Gesicht geschnitten gewesen sei. Aussagen einer Ovenhausenerin, dort sei er bis zum Februar 1943 geblieben, sind zweifelhaft. Vermutlich wurde er im März 1942 mit anderen Familienangehörigen nach Warschau deportiert und ist verschollen.

Auch Ella Stamms zweiter Sohn Willi (1934–1944) wurde nichtehelich in Paderborn geboren. Anscheinend blieb er nur kürzere Zeit in Ovenhausen und verbrachte dann offenbar längere Zeit in Brandoberndorf (Waldsolms) – ob mit seiner Mutter ist ungeklärt, bevor er 1940/41 für ein knappes Jahr in das Heim des Jüdischen Frauenbunds in Neu-Isenburg (Ldkrs Offenburg) kam. 1941/42 war der inzwischen Sechsjährige dann für ein gutes Jahr im Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge in Frankfurt, vermutlich um dort seiner Schulpflicht zu genügen. Von dort wurde er am 15.9.1942 nach Theresienstadt und dann am 16.10.1944 zur Ermordung nach Auschwitz deportiert.

Ellas Schwester Paula Stamm (* 1901) blieb in Ovenhausen. Sie heiratete 1930 den in Essen-Steele geborenen Bruno Isaack/Isaak (* 1901), der als Händler offenbar dem Wandergewerbe nachging. Ovenhausener Zeitzeugen berichten, „dass er bei der Ovenhausener SA in der letzten Reihe mitmarschiert sei und den Hitlergruß beigebracht bekam: Da haben sie ihm weisgemacht: ›Bruno, wenn Du (…) den Hitlergruß richtig beherrschst, dann holen sie Dich nicht.‹ Und dann haben sie [die Nazis] auf der Deele (…) rumgesessen und haben den Bruno marschieren lassen: ›Bruno, die Hand muss schneller raus! Bruno, die Hand muss ans Koppelschloss!‹“ (Mitschke-Buchholz)

Stolperstein für Bruno Isaack in Essen-Steele
Stolperstein für Bruno Isaack in Essen-Steele

Bereits 1934 kam es zur Trennung des Ehepaars, und, wie Zeitzeugen erzählen, sei Bruno Isaack durch durch die Scheidung finanziell ruiniert worden. Er ging zunächst nach Wollenberg (Bad Rappenau), zog aber 1939 wieder zu seinem Bruder Siegfried nach Essen-Steele, wo er zur Zwangsarbeit eingesetzt war. Er wurde am 22.4.1942 mit Bruder und Schwägerin nach Izbica deportiert wurde und ist verschollen.

Seine geschiedene Frau Paula blieb in Ovenhausen, wo sie sicher für ihren Vater und den Bruder Max den Haushalt versorgte und sich um ihren aus der Ehe mit Bruno Isaack geborenen Sohn Manfred (* 1932) kümmerte. Auch über ihn machte man sich im Dorf lustig: Der sah aus wie Pippi Langstrumpf männlichen Geschlechts. Zu einem unbekannten Zeitpunkt, vielleicht mit Beginn seiner Schulpflicht 1938, gab seine Mutter ihn in das israelitische Waisenhaus Wilhelmspflege in Esslingen, bis er nach dessen Schließung (1939) vermutlich zu seiner Mutter nach Ovenhausen zurückkehrte, um mit ihr am 31.3.1942 nach Warschau deportiert zu werden, wo sich beider Spuren verlieren.

Nach der Deportation seiner Kinder und Enkel blieb der inzwischen 76jährige Bernhard Stamm allein in Ovenhausen zurück. 1937 hatte der Bürgermeister noch über ihn und seine Familie berichter: Er handelt nur noch mit Lumpen und altem Eisen. Er betreibt das Geschäft mit seinem Sohn Max. Die Familie Stamm führt ein zurückgezogenes Leben. Sie schlägt sich redlich mit dem kleinen Verdienst durchs Leben.

Unterstützungsbrief der Firma Waffenschmidt für Bernhard Stamm, 1.10.1938
Unterstützungsbrief der Firma Waffenschmidt für Bernhard Stamm, 1.10.1938

In der Nacht des 6./7. September 1938 wurde dann auch bei den Stamms die Hausfront mit Kalkmilch bespritzt, und am 30. September 1938 verlor Bernhard Stamm seine Gewerbeberechtigung, was für die Familie den wirtschaftlichen Ruin bedeutete. Als die Industrie- und Handelskammer trotzdem für das folgende Jahr 1939 den üblichen Beitrag von ihm einforderte, wandte er sich – er konnte selbst nicht schreiben – an einen ehemaligen ›arischen‹ Geschäftspartner, der sich daraufhin mit einem für die Zeit ungewöhnlichen Brief für ihn einsetzte, obwohl er, wie er schrieb, von jeher ein Judenfeind gewesen [sei], aber hier muss man auch wieder Mensch sein. ––– Der Mann müßte den Betrag retour haben, denn er hat kein Geschäft.

Als einziger Jude noch in Ovenhausen zurückgeblieben (denn auch die Angehörigen der Familien Dillenberg und Uhlmann waren inzwischen deportiert), zog Bernhard Stamm nach dem März 1942 noch für wenige Monate zu dem ebenfalls noch nicht deportierten Ehepaar Meier und Emma Bachmann nach Fürstenau Nr. 61 und wurde dann zusammen mit ihnen am 31.7.1942 nach Theresienstadt deportiert. Dort starb er am 24.3.1943.

Gedenktafeln für die Familie Stamm-Isaack auf der Gedenkstätte in Ovenhausen
Gedenktafeln für die Familie Stamm-Isaack auf der Gedenkstätte in Ovenhausen
Siegfried Stamm, Antrag auf Erstattung, 1956
Siegfried Stamm, Antrag auf Erstattung, 1956

Bernhard Stamms Sohn Siegfried (1896–1974) ist der einzige der Familie, der dem Holocaust entging. Er war anscheinend recht früh aus Ovenhausen fortgezogen und hatte zunächst bei der Firma S. Dannenbaum in Rheda eine Anstellung gefunden. Danach arbeitete er dort in der Weberei- und Wäschefabrik Gebr. Weinberg und nach deren Verkauf 1933 bei der „arischen“ Firma Rawe & Co. Im Oktober 1938 emigrierte er in die USA und zog nach Philadelphia, wo er 1944 naturalisiert wurde. 1948 verheiratete er sich mit der in Bialla (Ostpreußen) geborenen Gerda Fuchs (1914–1978), die ebenfalls 1938 in die USA emigriert war. Von dort aus kam er 1956 um Erstattung seiner in Ovenhausen zurückgelassenen Habe ein. Er starb 1974 in Philadelphia.

Heiratsanzeige (Aufbau, 9.7.1948) und Todesanzeige (Aufbau, 4.3.1974) für Siegfried Stamm
Heiratsanzeige (Aufbau, 9.7.1948) und Todesanzeige (Aufbau, 4.3.1974) für Siegfried Stamm
Die Zitate der Zeitzeugen und eine Reihe weiterer Informationen wurden entnommen aus: Gudrun Mitschke-Buchholz, Zwischen Nachbarschaft und Deportation. Erinnerungen an die Ovenhausener Jüdinnen und Juden (Die vergessenen Nachbarn…, Bielefeld 2006)
Fritz Ostkämper, 3.5.2018
e-mail: ostkaemper@jacob-pins.de