Jüdische Bürger in Höxter

Das Kaufhaus Löwenstein in der Westerbachstraße (5. Haus auf der rechten Seite, weiß verputzt)
Das Kaufhaus Löwenstein in der Westerbachstraße (5. Haus auf der rechten Seite, weiß verputzt)

Die Löwensteins – eine jüdische
Kaufmannsfamilie in Höxter

Ernst und Heinrich Löwenstein stammen aus der schon in den 1880er Jahren erwähnten Höxteraner Kaufmannsfamilie Löwenstein. Der Großvater Salomon war im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts aus Albaxen nach Höxter gezogen und hatte hier zusammen mit den aus Brenkhausen zugezogenen Angehörigen der Familie Rose ein Geschäft eröffnet. 1895 trennten sich die Wege der Familien Rose und Löwenstein, und Salomons Sohn Jacob führte das Manufakturwarengeschäft allein weiter.

Die Integration, das gesellschaftliche Engagement und das soziale Gewissen scheinen für die Familie Löwenstein und für ihr Handeln in den Jahrzehnten ihres Lebens in Höxter bestimmend gewesen zu sein. Großvater Salomon etwa ließ sich zum Kassenwart des seit 1864 bestehenden Turnvereins wählen. Vater Jacob war lange Jahre Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Höxter. Von 1926 bis zu seinem Tod 1928 gehörte er der städtischen Wohlfahrtskommission an. Seine Frau Minna übernahm 1906 den Vorsitz des 1869 gegründeten „Israelitischen Frauenvereins“, dessen Ziel es war, „für die Unterstützung und Pflege seiner bedürftigen Mitglieder Sorge zu tragen, evtl. Liebesdienste bei sterbenden Mitgliedern und deren weiblichen Mitgliedern bis zu deren Bestattung zu verrichten oder verrichten zu lassen und nach Umständen materielle Unterstützung auch Nichtmitgliedern zuzuwenden.“ Ab 1928 folgte sie ihrem Mann als gewähltes Mitglied der Wohlfahrtskommission.

Heinrich Löwenstein 1901 als Schüler der Sexta
Heinrich Löwenstein 1901 als Schüler der Sexta

In diese Familie hinein wurden die Kinder Löwenstein geboren, Heinrich, der ältere, am 18. Nov. 1891 und neun Jahre später, am 5. Aug. 1900, der jüngere Sohn Ernst, der später das Höxteraner Geschäft weiterführen sollte. Beide absolvierten zunächst die Volksschule, wobei es vielleicht für die religiöse Offenheit der Familie bezeichnend ist, dass Heinrich die katholische Bürgerschule besuchte, während Ernst zur evangelischen Volksschule ging.

Heinrich Löwenstein 1907 als Schüler
Heinrich Löwenstein 1907 als Schüler

Danach gingen beide auf das Gymnasium über. Heinrich besuchte es von 1901 bis zum Herbst 1910 und ging dann mit dem Einjährig-Freiwilligen Zeugnis und der Versetzung in die Prima ab, um Kaufmann zu werden. Ärztliche Atteste und Entschuldigungen der Eltern lassen vermuten, dass er in diesen Jahren etwas kränkelte und wohl häufiger fehlen musste. Nach seiner Schulzeit begann er wohl eine pharmazeutische Ausbildung begonnen, jedenfalls wird er 1912 anlässlich seiner Teilnahme an der Einweihung des neuen KWG-Gebäudes als Apotheker und Kaufmann bezeichnet. Ende 1915 nutzte er die Möglichkeit, mit 24 Jahren als Externer am KWG das Kriegsabitur abzulegen. Als Berufsziel gab er an Apotheker, aber zunächst meldete er sich wie viele andere Deutsche als Kriegsfreiwilliger. Er kam zum 2. Res.Fuß-Art.-Rgt., brachte es dort bis zum Vizefeldwebel und wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet.
Über seinen Lebensweg in den Jahren der Weimarer Republik liegen nur wenige Informationen vor. Offensichtlich nahm er ein Pharmazie-Studium auf; denn 1922 wohnte er nicht in Höxter, und das Einwohnerverzeichnis von 1925/26 bezeichnet ihn als Studenten. Ob er das Studium mit einem Examen abschloss und als Apotheker arbeitete, ist unbekannt.

Ernst, der jüngere, besuchte das KWG von 1913 bis 1918 und beendete seine Schullaufbahn vorläufig mit dem Einjährig-Freiwilligen Zeugnis ab, da er Mitte 1918 noch zum Heeresdienst einberufen wurde. Hinweise, auch er sei als Artillerie-Wachtmeister mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden, scheinen eher auf einer Verwechslung mit seinem Bruder zu beruhen. Nach Kriegsende absolvierte Ernst 1919/1920 einen Sonderlehrgang für Kriegsteilnehmer und schloss ihn mit dem Abitur ab.
Danach trat er in das Geschäft des Vaters ein und erscheint zunächst als Handlungsgehilfe, dann als Kaufmann. Die Löwensteins betrieben in der Westerbachstraße 5 ein für die damaligen Verhältnisse großes Kaufhaus mit reichem Sortiment. In drei Etagen wurden Kurz- und Wollwaren, Spielzeug, Haushalts- und Manufakturwaren, Wäsche und Berufskleidung, Damen-, Herren- und Kinderkonfektion sowie Gardinen und Teppiche angeboten. Ende der 1920er Jahre wurden außerdem die Billigartikel der ,Wohlwertgesellschaft‘ zu 25, 50, 75 Pfennigen und zu einer Mark ins Sortiment aufgenommen. Hinzu kam ab 1929 eine Bettfedern-Reinigungsmaschine, über deren Aufstellung auch die Zeitungen berichteten.

Anzeige des Geschäfts Löwenstein von 1925

Das Kaufhaus Löwenstein war als kulanter Arbeitgeber bekannt, und es arbeiteten dort bis zu 25 Angestellte, meist über lange Jahre, was die Höxtersche Zeitung als „ein Firma wie Angestellte gleichermaßen ehrendes Zeichen besonders guten Einvernehmens“ wertete.
Die Löwensteins waren in all den Jahren in Höxter allgemein geschätzt und geachtet, und zwar nicht nur wegen der günstigen Preise oder weil Kunden aus umliegenden Ortschaften kostenlos mit dem Auto zum Einkauf abgeholt wurden – gegen die einzige Bedingung, dass sie eine Kleinigkeit im Wert 1 RM im Geschäft kauften.

Das änderte sich auch nach dem Tod des Vaters Jacob im Jahre 1928 nicht. Stadtbekannt war vor allem die soziale Einstellung der Löwensteins. Sie unterstützten etwa ärmere Familien durch die Einkleidung ihrer Kommunionkinder, verköstigten Wöchnerinnen, beschenkten bei der Heirat ihre weiblichen Angestellten mit einer Wäscheaussteuer und hatte einen kostenlosen Mittagstisch für arme Kinder. Eine Zeitzeugin berichtet aus der Zeit um 1930:

„Ich war während meiner Schulzeit mehrere Jahre lang zum Essen bei dem Kaufmann Löwenstein. Dahin kam ich durch eine katholische Lehrerin, die hatte mir die Stelle besorgt. Ich war zwei Jahre mindestens alleine da, nachher waren wir zum Schluss mit vier Mädchen, mit vier armen Kindern.
Und da bin ich mehrere Jahre zum Mittagessen da gewesen, jeden Tag nach der Schule und auch sonntags. Und wir hatten auch zweimal in der Woche nachmittags Schule. Dann haben sie für mich schneller gekocht. Und dann Weihnachten frug sie mich immer, die Frau Löwenstein, war so ’ne kleine Frau: ,Sag mal, Rosa, ihr habt doch Weihnachten euern großen Feiertag. Was wünscht du dir denn so gerne?‘ Ich sagte: ,Ich möchte gerne einen Turnanzug haben. Meine Eltern sind so arm, die würden mir den bestimmt nicht kaufen.‘ Ja, und dann bekam ich den Turnanzug und Kleiderstoff und Schuhe, Strümpfe, alles. ’ne ganze Einkleidung.
Und zum Nachmittag gab sie mir dann Geld, dann sollte ich mir vom Café Brinkmann dies und das holen, was ich haben wollte. Und das habe ich dann nach Hause gebracht. Das wurde geteilt zwischen dem Bruder und der Baby-Schwester, die 1932 geboren wurde. Da kriegte mein Bruder den Blätterteig und meine Schwester kriegte die Sahne eingelöffelt. Dann hatten die auch was davon.“
(Zeitzeugin Rosa Huppermann)

All diese Tatsachen weisen auf die gleichberechtigte Integration der Höxteraner Juden in das Leben der Stadt hin. Das sollte sich ab 1933 schnell ändern. Schon Ende März/Anfang April 1933 standen auch vor dem Geschäft der Löwensteins SA-Leute mit Schildern und der Aufforderung: „Deutsche, kauft nicht bei Juden!“, und Leute, die trotzdem weiterhin die billigen Angebote nicht missen wollten, wurden beschimpft. In der Zeitung jedoch konnte man die ,Erfolgsmeldung‘ lesen: „Die meisten jüdischen Geschäfte haben daraufhin geschlossen.“

Zusätzlich wurde Ernst Löwenstein in dieser Zeit von einem SA-Mann denunziert, die – wie es in den Akten heißt – „KPD durch höhere Geldbeträge unterstützt“ zu haben: „Mitglieder der N.S.D.A.P., besonders die S.A. ist über die Handlungsweise des Löwenstein sehr erregt, sodass er schon zu seinem eigenen Schutz in Sicherheit gebracht werden musste.“ Der Begriff Schutzhaft war bereits geprägt, und Ernst Löwenstein musste fünf Tage in Haft zubringen. Die Vorwürfe – Spenden von 30, 40 Pfennigen für die KPD und der gelegentliche Kauf der kommunistischen Zeitung Weserwacht – waren jedoch so lächerlich, dass er schnell wieder entlassen werden musste, zumal ihm ein ärztliches Attest einen schlechten Gesundheitszustand bescheinigte und vor allem wohl auch, weil fast alle Angestellten, ,Arier‘ wohlgemerkt, in einer eidesstattlichen Versicherung für ihn eintraten.

Die Beruhigung war jedoch nur von kurzer Dauer. Mehrfach wurden die Schaufenster mit Kalkfarbe beschmiert, und die Pressionen nahmen immer mehr zu. So wurden etwa Kunden, die in jüdischen Geschäften einkauften, verschiedentlich zum Bann vorgeladen, fotografiert und schriftlich verwarnt oder gar öffentlich diffamiert. Das NS-Volksblatt schrieb 1935 stolz:

„Wie wir bereits berichteten, hatten sich in den letzten Tagen Parteigenossen vor dem Judenladen des Juden Löwenstein in Höxter aufgestellt, um Aufnahmen von all denen zu machen, die durch ihren Kauf bei dem Juden ihre Gesinnung preisgeben. […] Schon gleich nachdem die Bilder aushingen, hatte sich eine Menschenmenge vor dem Aushangkasten eingefunden, um festzustellen, wer bei dem Juden ein- und ausgeht. […] Allen Volksgenossen mag dies als warnendes Beispiel dienen: Judenknechte an den Pranger! […] Denkt immer daran: Der Jude ist unser Unglück!“

Ernst und Gertrud Löwenstein nach ihrer Heirat

Zwar kam es 1936 noch einmal zu einer leichten Entspannung, als die ganze Welt wegen der Olympischen Spiele auf Deutschland blickte. Und etwa in dieser Zeit heiratete Ernst Löwenstein auch seine 1910 geborene Frau Gertrud (Trude) geb. Wallhausen aus Arholzen. Danach wurde die Verfolgung jedoch immer härter und brutaler. Sie richtete sich sogar gegen den Sohn, der im September 1938 geboren wurde. Die Zeitzeugin erzählt:

„Er hatte ein Kind. Als das geboren wurde, sollte man im Krankenhaus nicht helfen, aber die Ärzte und die Hebamme haben geholfen. Und aus Dankbarkeit hat er dann die ganze Baby-Wäsche dagelassen, weil er ja schon was ahnte, dass sie ihm das ja doch mal alles wegnahmen, weil ja schon die Scheiben eingehauen worden sind und sowas alles.“ (Zeitzeugin Rosa Huppermann)

Heinrich Löwenstein um 1938
Heinrich Löwenstein um 1938

Der Bruder Heinrich war in einer ähnlichen Situation. Er hatte zumindest zwischenzeitlich in Höxter gewohnt, war aber Anfang 1938, vermutlich im Zusammenhang seiner Heirat mit Else geb. Baruch (*1902) nach Beverungen umgezogen, wo er sicher in das dortige Geschäft Löwenstein eingetreten war. Auch die beiden bekamen ein Kind, die Tochter Mathilde (Marthel), die am 10.11.1938, also mitten hinein in den deutschen Judenpogrom, geboren wurde.

Wie in fast allen deutschen Städten war die Pogromnacht des 9./10. November 1938 auch in Höxter und Beverungen der vorläufige Höhepunkt der Verfolgung und die Vorbereitung für die völlige Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben und für ihre Vernichtung. In Höxter stürmten die eingeteilten Trupps auch das Geschäft von Ernst Löwenstein, verwüsteten die Räume, zerschlugen die Schaufenster und die Verglasung der Wohnung und brachten ihn in das Gefängnis. Ein Zeitzeuge berichtet darüber:

„Man war ja allgemein überrascht und auch große Teile der armen Bevölkerung erbost darüber, dass man diesem Mann so übel mitgespielt hat und ihn in dieser so genannten ,Kristallnacht‘ in Unterhose aus seinem Schlafzimmer herausgeholt hat und dann in der Neuen Straße im Gefängnis eingesperrt hat. Und als die Anlieger dieser Straße dann geschimpft haben: ,So ’ne Unverschämtheit! So ’ne Gemeinheit!‘ da wurde dann von dem Polizisten da laut: ,Wenn ihr nicht gleich die Schnauze haltet, werdet ihr mit eingesperrt!‘ Das war die Reaktion. Die kleine Masse, die haben das gar nicht so stillschweigend hingenommen.“ (Zeitzeuge Heinrich Huppermann)

Andere Zeitzeugen berichten, man habe die Löwensteins aus der Wohnung getrieben, wo sie dann „in Nachtgewändern zum Spaß der grölenden, betrunkenen Männer mit bloßen Füßen durch die Scherben der Fensterscheiben laufen mussten.“ Außerdem wurden einige Hemden gestohlen und 1 000 RM beschlagnahmt, die allerdings der Witwe Löwenstein als Inhaberin bald darauf wieder zurückgegeben wurden.
Aus dem Gefängnis wurde Ernst Löwenstein am nächsten Tag mit den anderen männlichen Juden nach Bielefeld und dann weiter ins KZ Buchenwald transportiert. Die sog. ,Schutzhaft‘ dauerte für Ernst Löwenstein zwei Monate, bis zum 12. Januar 1939. In dieser Zeit überwies ihm seine Frau dreimal die Summe von 20 M, die er, den Unterschriften zufolge, wohl auch erhielt.

Das Novemberpogrom war auch der Beginn der Zwangsarisierung jüdischen Eigentums. Im Bericht des Landrats an die Gestapo vom 18. Nov. 1938 heißt es bezüglich des Kaufhauses der Löwensteins:
„Die Firma Löwenstein – Höxter, hat ein Personal von etwa 20 Menschen. Wenn das Geschäft in arische Hände übergeht, wird das Personal übernommen werden. Sechs Verkäuferinnen der Firma Löwenstein – Beverungen, haben noch keine Beschäftigung. […]
Über die Überleitung der Firma Löwenstein – Höxter, in arische Hände schweben Verhandlungen. Z. Z. ist diese Firma, wie auch die Firma Löwenstein – Beverungen, geschlossen.“

Zeitungsanzeige vom 10.12.1938 nach der Arisierung
Zeitungsanzeige vom 10.12.1938 nach der Arisierung

Als Ernst Löwenstein nach Höxter zurückkehrte, war das Kaufhaus bereits gegen die lächerliche Summe von 35 000 RM arisiert und von der ehemaligen Angestellten Bittergerg und Teiwes übernommen worden. Dazu kamen 6 000 RM für die Warenvorräte und 4 400 RM für die Bettfedernreinigungsmaschine. Der Vertrag sicherte der Familie für ein Jahr zwar noch ein kostenloses Wohnrecht zu, jedoch wurde die Wohnung nach einem Einspruch der Industrie- und Handelskammer und des Bürgermeisters doch mietpflichtig.

Mutter Trude mit dem Sohn Berl-Eli im April 1939

Für ein Jahr etwa konnten die Löwensteins noch in ihrem Haus wohnen, bevor die Juden überall in sog. „Judenhäusern“ zusammengelegt wurden. Löwensteins wurden zwangsweise bei der Jüdin Kathi Rosenberg, Corveyer Allee 2, eingesiedelt. Neben den Löwensteins (Ernst mit Frau Gertrud und Sohn Berl-Eli sowie Mutter Minna) wohnten dort noch das Ehepaar Pins, eine Schwester von Dr. Frankenberg und die Witwe Leopold.

Die Ereignisse in Beverungen waren ähnlich, wenn auch weniger detaillierte Informationen vorliegen. Türen und Schaufenster wurden bei dem Pogrom beschädigt, und in den entsprechenden Landratsakten heißt es lapidar: „Sechs Verkäuferinnen der Firma Löwenstein – Beverungen, haben noch keine Beschäftigung. […] Z. Z. ist diese Firma […] geschlossen.“ Zwar wird Heinrich Löwenstein 1939 im Adressbuch des Kreises Höxter noch als Kaufmann, Hindenburgstr. 16 geführt. Zu diesem Zeitpunkt ist aber auch dieses Geschäft bereits arisiert; denn bereits im Dez. 1938 hat Frl. Wesemann das Wohn- und Geschäftshaus erworben, in dem sie früher als Verkäuferin gearbeitet hatte, als es noch der jüdischen Kaufmannsfamilie Griesebach gehörte.

In der Folgezeit wurden die Juden zu verschiedenen Arbeiten herangezogen. So musste Ernst Löwenstein täglich von 7-16 Uhr in der Lederpappenfabrik in Godelheim arbeiten und nach deren Brand bei einem Bauern in Höxter. Die Zeitzeugin berichtet:

„Ich habe den Löwenstein nachher noch mal wiedergesehen. Da war er bei Bauer Markus und wollte Landwirtschaft lernen. Er wollte umschulen und wollte in Amerika ’ne Farm aufmachen. Und da komme ich dahin, das war im Krieg, und da habe ich gefragt, ob sie Kartoffeln hätten. Und ein Pole, der musste mir die Kartoffeln raufbringen. Und dann saß er mit dem Löwenstein an ’nem Tisch. Und früher saß ich mit ihm an ’nem damastgedeckten Tisch und musste ihm immer jeden Tag was erzählen, das Kindliche, das hatte er so gerne. Und da saß er da an so ’nem Runzeltisch mit Rillen drin, und ’n Schinkenklumpen und trocken Brot lag da. Haben sie aber nicht angerührt, die beiden, wie ich da war und hab da mal kurz hingeguckt. Die sind aufgestanden und sind an die Häckselmaschine gegangen und haben Viehfutter gedreht. Sie waren ja in solchen Sachen alles vorsichtig.“ (Zeitzeugin Rosa Huppermann)

Alle Emigrationspläne und sonstigen Hoffnungen wurden jedoch schon bald zerstört. Zeitweise zwang man Ernst Löwenstein sogar, morgens „vor ›seinem‹ Geschäft auf- und abgehen, mit Handschellen und dem Judenstern an der Jacke.“ Am 28. März 1942 wurde er mit seiner Frau Gertrud und seinem 4-jährigen Sohn Berl-Eli nach „Osten“, wie es jetzt hieß, deportiert, tatsächlich war das Warschau. Alle drei kamen dort oder an anderem Ort um und gelten als verschollen.

Heinrich Löwensteins Frau Else um 1938
Heinrich Löwensteins Frau Else um 1938

Dasselbe Schicksal hatte der Bruder Heinrich mit seiner Frau Else und der Tochter Mathilde. Vermutlich mit demselben Transport nach „Osten“ (auch wenn als Deportationsdatum der 30. März 1942 angegeben wird) wurde auch diese Familie nach Warschau transportiert und ist seitdem verschollen, ebenso wie andere Angehörige der Familie. Der Mutter Minna geb. Meyer blieb noch eine kurze Frist in Höxter, bevor sie mit fast 75 Jahren am 1. Aug. 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde, wo sie nach mehreren Monaten umkam. Ihre sterblichen Überreste wurden dort am 26.3.1943 verbrannt.

Fritz Ostkämper, 2007
e-mail: ostkaemper@jacob-pins.de